13.06.2015

Eine Meldung und ihre GeschichteNachruf auf niemand

Die indische Hitzewelle forderte etwa 2500 Tote – einer von ihnen war der Müllsammler Pabitra Biswas.
Der Obduktionsbericht trägt die Nummer DM/222/15. "Ein toter Körper von durchschnittlicher Statur", so hat es der Arzt vermerkt, Dr. Yudhaveer Singh. Vor ihm auf der Bahre lag am 20. Mai 2015 um 14 Uhr eine männliche Leiche von 170 Zentimeter Länge, "nur mit einer grünen Unterhose bekleidet", steht im Protokoll. Keine äußerlichen Wunden, nichts gebrochen, keinerlei Einfluss von Gewalt. Die Augen halb geschlossen, die Hornhaut trüb. Dr. Singh setzte sein Skalpell an die Brust des Toten, öffnete den Brustkorb und betrachtete das leblose Herz.
Pabitra Biswas, geboren am 2. Mai 1982 in Kanchrapara, Westbengalen, wohnhaft in einem Slum in Delhi, war ein Niemand, und jetzt ist er tot.
Im Büro neben dem Leichenhaus blättert Dr. Singh durch seine Akten, ein Ventilator rumpelt mühsam an der Decke, wälzt die heiße Luft um. 40 Grad Celsius sind es heute vor seinem Fenster, vergangene Woche waren es manchmal 45, anderswo im Land fast 50 Grad. "Muss ich mal nachzählen", sagt der Doktor auf die Frage, wie viele Hitzetote er in den letzten Wochen diagnostizierte.
Sein Leichenhaus, ein fleckiger Betonbau, liegt direkt an der Hauptstraße von Gurgaon, einer Satellitenstadt der Metropole Delhi, in der 17 Millionen Menschen leben. 45 Unfallopfer landeten in den letzten vier Wochen bei ihm, dazu 31 Suizide, 25 Herzinfarkte und 12 Mordfälle. Hitzetote: 16. "Mai und Juni ist hier Hitzesaison", sagt Singh, "aber so viele Tote hatten wir noch nie."
Zweitausendfünfhundert.
Das ist die unglaubliche Zahl der Opfer dieser Hitzewelle, die Indien in den vergangenen Wochen heimsuchte. Es ist, natürlich, eine ungenaue Zahl, sie variiert je nach Quelle um mehrere Hundert Menschen. Vielleicht ist sie in Wahrheit auch doppelt oder dreimal so hoch, denn gezählt werden nur die Fälle, die von Behörden registriert werden, "die Dunkelziffer liegt mit Sicherheit viel höher", sagt Dr. Singh. In westlichen Medien hat die mörderische indische Hitze wenig Resonanz gefunden, in deutschen reichte es meist nur zur Kurznachricht.
Die Größe einer Katastrophe, die Tiefe eines Unglücks sind schwer zu quantifizieren, aber die Zahl der Toten ist immerhin ein wertfreier Gradmesser. Vergleiche von Opferzahlen mögen herzlos klingen, zynisch gar, aber sie haben den Vorteil, dass dabei jeder Mensch, egal welcher Herkunft und ungeachtet der Todesumstände oder der Schuldfrage, genau ein Mal zählt. 2500 Tote: Das übertrifft beispielsweise die Zahl der Flüchtlinge, die 2015 bei der Flucht übers Mittelmeer umgekommen sind, um 700. 2500, das sind rund doppelt so viele, wie seit 2011 auf Katars Baustellen gestorben sein sollen. 2500 Tote, das sind zweieinhalb Falklandkriege oder fünf Sechstel von 9/11. Es ist achtmal der MH-17-Absturz, 120-mal das Loveparade-Unglück von Duisburg und 200-mal das "Charlie Hebdo"-Massaker. 2500 sind verdammt viele, und sie interessieren uns verdammt wenig.
Dass das Schicksal des Pabitra Biswas auch Dr. Singh kaum kümmert, muss man verstehen. Alltag für ihn. Vergangene Woche dagegen, so erzählt er, hatte er ein zwölfjähriges Mädchen auf dem Tisch, "vergewaltigt, stranguliert und erstochen", wie er sagt, "von der eigenen Familie". Das ließ selbst ihn nicht kalt.
Wie starb der Mensch Pabitra Biswas? Wie stirbt ein 32-jähriger Mann an der Hitze?
Seine Frau, Urmila Biswas, gab der Polizei zu Protokoll: "Am 18. Mai brach mein Mann morgens zu seiner Müllsammlerarbeit auf. Er kam abends nicht nach Hause." Er war einer von 300 000 "Ragpickers", die es allein in Delhi geben soll. Sie durchwühlen die Abfälle am Straßenrand und laden auf ihre Fahrradrikschas, was verwertbar scheint; Plastik, Pappe, Metall. Pabitra Biswas strampelte am 18. Mai, einem Montag, an dem in Delhi 44 Grad gemessen wurden, durch die Hitze und brachte seine Beute zu einem Müllhändler, verdiente vielleicht hundert Rupien am Tag, etwas mehr als einen Euro. Seine beiden Söhne Amit, 16, und Sumir, 13, gehen derselben Arbeit nach.
Heiße Nordwestwinde ließen in Indien im Mai an manchen Orten den Asphalt der Straßen schmelzen. Zebrastreifen zerliefen zu Marmormustern. Auch in den Nächten sank das Thermometer kaum unter 30 Grad. Meteorologen spekulierten, der Klimawandel sei schuld, dass der rettende Monsunregen sich verspätet.
Indische Fernsehbilder zeigten überfüllte Krankenhäuser, vor deren Pforten große Menschenmengen warteten. Mütter mit schreienden Babys im Arm. Kinder und Alte, die reglos auf Gehsteigen lagen, schon zu schwach, um noch in den Schatten zu kriechen. In Kalkutta, so war zu lesen, verendeten zwei Taxifahrer in ihren Wagen. Die Behörden riefen dazu auf, viel Wasser zu trinken und nicht ohne Kopfbedeckung ins Freie zu gehen.
Ein Hitzetod sei "eine Sache von wenigen Stunden", sagt Dr. Singh. Viele der Opfer, oft die Ärmsten der Armen, seien schon generell in schlechter Verfassung, unterernährt, alkoholkrank. Sie arbeiten weiter, weil sie müssen, trinken zu wenig, dehydrieren. Die Körpertemperatur steigt auf über 40 Grad, der Kreislauf versagt, das Gehirn kriegt zu wenig Sauerstoff, der Mensch verliert das Bewusstsein.
Was für ein Mann war Pabitra Biswas? Darüber steht nichts in den Akten. Worüber konnte er lachen? Liebte er seine Frau? Hatte er Pläne, wenn nicht für sich selbst, dann für seine Söhne? Hatte er eine Chance?
Dr. Singh geht davon aus, dass der Müllsammler Pabitra Biswas am Ende an der Hirnschwellung, die er unter seiner Schädeldecke fand, gestorben ist. Ausgestreckt auf seiner Rikscha, am Rande der Autobahn NH8, am Leib nur eine grüne Unterhose. Einer von 2500.
Der letzte Eintrag in Dr. Singhs Bericht: "Sauber zugenähter Leichnam der Polizei übergeben. Keine Habseligkeiten."
Von Guido Mingels

DER SPIEGEL 25/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 25/2015
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Eine Meldung und ihre Geschichte:
Nachruf auf niemand