13.06.2015

ParteienKommt 'ne Frau zur CDU ...

Die CDU, bis heute geprägt von katholischen Männern älterer Jahrgänge, wird 70. Ihr Generalsekretär, flott, mit modischer Brille, möchte die Partei bunter machen – und wirbt jetzt um Zuwanderer. Was sagt die alte CDU dazu? Von Peter Müller und Barbara Supp
Geht eine junge Frau zum CDU-Stammtisch, und niemand spricht mit ihr. Beim nächsten Mal auch nicht. Dann schließlich, beim dritten Mal, steht einer auf und kommt auf sie zu, sie überlegt noch, ob er jetzt als Erster die Hand reichen wird oder ob sie das tun soll, dann sagt er etwas. Er sagt: "Bitte zwei Bier."
Sitzt eine junge Frau in einem Wuppertaler Szenecafé, jung, dunkle Haare, Baseballmütze, und erzählt diese Geschichte, die ihr passiert ist, sie kann darüber lachen.
Das Café Swane liegt in einem Wuppertaler Hinterhof und hat düstere Gemälde an der Wand und aus Müll geformte Möbel, die zu kaufen sind; es hat ein Podium, auf dem Schemel stehen, und auf diesen Schemeln sitzen an diesem Frühlingsabend sechs junge Menschen und reden über Migranten und Politik.
Also über Leute mit Migrationshintergrund.
Also genau über Leute wie sie selbst.
Es ist ein Ort, an dem man nicht unbedingt erwarten würde, dass jemand freundlich über die CDU redet, und doch passiert es, über deren Generalsekretär jedenfalls. Es fällt der Name Tauber, Peter Tauber. Einer sagt: "krass". Und dann: "Das ist kein Betonkopf." Und dann, halb im Ernst: "Das ist so 'ne Art Messias, auf den ich gewartet hatte."
Auf Schemel Nummer sechs sitzt die junge Frau mit der Baseballmütze und guckt zufrieden. Diana Kinnert, 24, Kind einer philippinischen Mutter und eines schlesischen Vaters, ist die Organisatorin dieses Abends, sie hat "migrantische Aufsteiger" eingeladen, so nennt sie das. Und es ergab sich, dass die Hälfte von ihnen CDU-freundlich denkt, so wie sie selbst.
Diana Kinnert ist CDU-Mitglied, das ist erklärungsbedürftig, sie weiß es. Also. Sie nimmt sich kurz dafür Zeit. Schon in der Schule hat sie sich für Politik interessiert, aber nicht nur, um zu pauken, sondern auch, um zu diskutieren. So wie in der echten Politik draußen, jedenfalls stellte sie sich das so vor.
Sie hat sich die Parteien angesehen und Punkte vergeben und zusammengezählt. Kühl, mit dem Blick von außen, wie beim Warentest: Was kriege ich wo? Sie mochte das Grundsatzprogramm der CDU. Am aktuellen Programm hatte sie ein paar Sachen auszusetzen. Andererseits gefiel ihr, dass dies eine Partei mit Geschichte war. Schon das Wort "konservativ" gefiel ihr, sie dachte dabei an Engländer, die Vögel beobachten, sie dachte: Das passt zu mir.
Die Veranstaltungen gefielen ihr eher nicht, bei der CDU nicht, eigentlich bei keiner Partei, aber wie man das ändern könnte, dafür hat sie ein paar Ideen.
Am nächsten Tag, das erzählt sie an diesem Wuppertaler Abend, wird sie nach Berlin umziehen, um an der Humboldt-Uni den Master zu machen, Schwerpunkt Staatsphilosophie, und einen Job anzutreten im Büro von Peter Hintze. Sie führt einen politischen Blog, er heißt "Klein mit Hut". Sie ist in der CDA, der christdemokratischen Arbeitnehmerorganisation, war im Jugendbeirat der Konrad-Adenauer-Stiftung und macht mit in Peter Taubers Kommission zur Parteireform "Meine CDU 2017".
Diana Kinnert sagt, dass sie sich manchmal ein bisschen Sorgen mache, wenn sie an Tauber denke. Ob die Partei das verkrafte, was er will. Ob er das ändern kann, wie die Partei mit neuen Leuten umgeht.
Peter Tauber ist jener Mann, der die CDU "jünger, weiblicher und bunter" machen will. Ein verhältnismäßig junger Mann, gerade vierzig. Er hat ein helles Büro mit einem roh wirkenden Konferenztisch, und er hat grün leuchtende Laufschuhe, die in einer Sporttasche für später bereitstehen, für einen ruhigen Moment. Er trägt Glatze, Bart und schmal geschnittene Anzüge, einen Schlips bindet er sich nur selten um. Er wurde auch schon im Kapuzenpulli gesehen. Tauber sieht aus wie einer jener Menschen, die auf geheimnisvolle Weise mit dem Internet ihr Geld verdienen.
Alles an Tauber sagt: Ich bin modern. Schon optisch kann er einem altgedienten Mitglied als Zumutung erscheinen, erst recht aber wegen der Botschaft, mit der er durchs Land zieht: Die CDU ist eine sterbende Partei.
Natürlich sagt er das nicht so.
An einem sonnigen Samstagvormittag bringt er die schlechte Nachricht ins rheinische Siegburg. Auf dem Marktplatz erledigen die Menschen ihre Wochenendeinkäufe, im Stadtmuseum versucht der Generalsekretär, seine Parteimitglieder wachzurütteln. "Diskussion zur #cdu als Volkspartei in Siegburg. Über 100 Mitglieder waren da. Tolle Sache!", wird er später twittern. Jetzt steht er erst mal vor seiner CDU. Er appelliert nicht, und er droht nicht. Er referiert Zahlen.
So, sagt Tauber, sei die Lage: Der Frauenanteil unter den CDU-Wählern lag bei der letzten Bundestagswahl bei 56 Prozent, unter den Mitgliedern liegt er nur bei 27 Prozent. 32 Prozent der Jungwähler entschieden sich für Angela Merkel, aber nur 2,7 Prozent der CDU-Mitglieder sind jünger als 25 Jahre; Mitglieder der Kreisverbände im Schnitt 59 Jahre alt. Nur ein Drittel der Mitglieder ist per E-Mail zu erreichen.
Laut Tauber gewinnt die CDU jeden Monat rund tausend neue Mitglieder. Die schlechte Nachricht ist: Deutlich mehr sterben.
Tauber erzählt den Siegburgern eine Anekdote aus seinem Stadtverband in Hessen, dort hat gerade der Schatzmeister gewechselt. "Der Anton war 89 und hat gesagt: ,Das fang ich nicht mehr an mit den Onlineüberweisungen'", sagt er. "Jetzt gibt es einen Nachfolger, den Hagen. Der ist 61."
Es ist ein schmerzlicher Befund, den Tauber den Mitgliedern übermittelt. Von wegen Volkspartei – die CDU ist alt, weiß und männlich. Sie ist sozusagen das Gegenteil von Diana Kinnert aus Wuppertal.
Es gibt einen Fachbegriff für das, was Tauber da macht: "Scary Graph". Schaubild des Grauens. Die Leute sollen sehen, wie dramatisch die Lage schon ist und wie schlimm sie wird, wenn niemand dagegen etwas tut. Das schleift Widerstände und fördert die Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen. So weit die Theorie.
In der Praxis ist Tauber seit gut einem halben Jahr auf einer Reise durch die CDU, besucht stramm traditionelle Reviere wie Tuttlingen, wo es der Partei noch gut geht, und Großstadtreviere wie Hamburg-Altona, wo der Schwund am größten ist, er wirbt für die Modernisierung seiner Partei und schaut sich an, wie die Basis seine Ideen verkraftet. Versucht ihr beizubringen, dass bessere Onlinekommunikation nicht reichen wird, um die Probleme zu lösen. Dass es neue, andere Leute braucht.
Ende Juni feiert die Partei ihren 70. Geburtstag, mit einer "Woche der CDU", dann wird seine Kommission zum letzten Mal tagen, und er wird die Ergebnisse dem Bundesvorstand präsentieren.
"Meine Partei 2017" heißt Taubers Vorhaben, doch in Wahrheit geht es darum, ob die CDU in 10, 15 Jahren noch Volkspartei sein wird. Oder ob das zutrifft, was auf dem Wuppertaler Podium eine selbstbewusste iranischstämmige IT-Unternehmerin sagt: dass es nicht sie und ihresgleichen sind, die in einer Parallelgesellschaft leben, sondern die politischen Parteien.
Die CDU, die SPD, die großen Gewerkschaften, sie alle altern und kämpfen mit dem Mitgliederschwund. Die CDU, nach dem Zweiten Weltkrieg als Honoratiorenpartei gegründet, hatte überhaupt erst in den Siebzigerjahren unter Helmut Kohl und dessen Generalsekretären Kurt Biedenkopf und Heiner Geißler gelernt, eine Mitgliederpartei zu sein.
Die CDU von heute ist zu einem guten Teil noch Kohls CDU. Und das reicht nicht mehr.
Stammtisch, Infostand, Plakatekleben nach Feierabend, das alles passte zu jener Zeit, es schuf Bindung. Politik: Das war immer auch Anlass zum Biertrinken und Kuchenessen, und das bleibt so, wenn die Mitglieder altern. Aber wenn alle über sechzig sind, ist es schwierig, jemanden zu finden, der bei Schnee und Eis Plakate aufhängt. Und auch mit den Jungen ist manches nicht so einfach. Wenn man heute als 60-Jähriger ganz selbstverständlich von einem "Frühschoppen" spricht, wissen die Jungen gar nicht, worum es geht.
Viele, die neu dazukommen, bleiben nicht lang, Tauber sagt: "Sie bekommen nicht das, was sie suchen." Der erste Kontakt, den sie mit ihrer Partei haben, ist oft der Anruf des Schatzmeisters, der nach der Bankverbindung fragt. Sie kommen zur Versammlung, und die ersten Reihen sind für Prominenz reserviert. Es redet der Chef des Ortsverbands, der Bürgermeister, der Landrat, schließlich der Hauptredner, und bevor es endlich Bier gibt, sagt der örtliche Abgeordnete noch mal dasselbe. Tauber kritisiert es, karikiert es, die Leute lachen, erkennen es wieder. Und bei der nächsten Veranstaltung ändert sich wieder nichts.
"Veränderungsmutig" müsse die Partei nun sein, sagt Tauber, was er damit meint, ist gar nicht weit von der Strategie Geißlers und Biedenkopfs in den Siebzigerjahren entfernt. Es geht darum, Themen und Begriffe zu besetzen, die früher bei der Konkurrenz zu Hause waren. Es waren diese beiden Generalsekretäre, die für die CDU einst die "neue soziale Frage" entdeckten – ein klassisches SPD-Anliegen. Und Tauber wirbt heute um eine klassische SPD-Klientel – die Migranten, die er nicht länger den Grünen, der Linken oder der SPD überlassen will.
Es lohnt sich. Die Zahl der Deutschtürken, Deutschitaliener, Deutschlibanesen, die wählen dürfen, wird steigen. Bald sind auch diejenigen wahlberechtigt, die im Jahr 2000 geboren sind – und seit damals gilt das neue liberalere Staatsbürgerrecht. Seit damals ist automatisch Deutscher, wer hier geboren ist und über einen Elternteil verfügt, der zumindest acht Jahre hier gelebt hat.
Tauber sagt, die Kanzlerin und er hätten sich gemeinsam über die Zahlen gebeugt, Mitgliederentwicklung, überhaupt Demografie, damit war klar, wofür er zu sorgen habe: neue Leute in der Partei. Mehr junge Leute natürlich. Mehr Frauen.
Mehr Schwule, mehr Lesben? Auch um die würde Tauber gern werben, schon auf seinem ersten Parteitagsauftritt als Generalsekretär, vor einem Jahr, hat er das Thema erwähnt. Aber einen klaren Auftrag der Kanzlerin hat er hier nicht. Sie selbst war bisher diejenige, die gebremst hat, auf dem Weg zur vollen Gleichberechtigung für Homosexuelle. Sie ist da näher bei den Konservativen wie Kauder als bei Tauber, dem Modernisierer. Und Tauber wurde leiser bei diesem Thema, zurückhaltender. Was sich wieder ändern kann.
Mehr Migranten? Da lässt er nicht locker. Da sieht er Potenzial.
Es gibt bisher vergleichsweise wenig Menschen mit Migrationshintergrund bei der CDU. Das hat seine Vorteile für diejenigen, die schon dabei sind. Man fällt auf.
"Hallo Serap, schön dich zu sehen." Eine junge Frau, ihr dunkles Haar fällt lang über die Schulter, hat kaum die Konditorei Özdag in der Kölner Keupstraße betreten, da steht schon ein türkischer Tee und ein Teller mit Gebäck für sie bereit. Serap Güler, Tochter türkischer Einwanderer, CDU-Landtagsabgeordnete in Nordrhein-Westfalen, ist in ihrem Wahlkreis unterwegs. Die Bäckerin sagt: "Die Serap, die kümmert sich." Auch wenn sie für Lokalpolitik nicht zuständig ist, kennt sie Ansprechpartner in der Verwaltung. Das hilft oft schon.
Die Keupstraße ist nicht irgendein Ort in Köln, sie ist das türkische Herz der Stadt. Hier, unweit von Özdags Konditorei, explodierte 2004 eine Nagelbombe des NSU, 22 Menschen wurden verletzt. Im Flur neben einem Friseursalon sind noch Einschlaglöcher zu sehen.
Serap Güler war damals Studentin in Duisburg, sie hat das Attentat wahrgenommen, wusste aber nicht um die politische Dimension. Heute sitzt sie im NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags. Ihre erste Veranstaltung als Abgeordnete führte sie in die Keupstraße, sie bat Kölns Polizeipräsidenten dazu. Er sollte sich bei den Menschen dort entschuldigen.
Sie kennt hier jeden Meter. Und die Christdemokraten brauchten eine Weile, bis sie verstanden, welche Chance ihnen das bot.
Als Güler 2012 für den Landtag kandidierte und vor ihre Parteifreunde trat, um sich vorzustellen, so erzählt sie, war deren Begeisterung überschaubar. "Zu welcher Religion gehören Sie eigentlich?", fragte ein alter Mann sichtlich verstört. "Ich bin Muslima", antwortete Güler. Der alte Mann: "Und wann konvertieren Sie?"
Güler konvertierte nicht. Heute ist sie eine der Vorzeigemigrantinnen in der CDU. Sie ist 34, sie trägt einen Hosenanzug, sie könnte in einem Unternehmen arbeiten oder in einer Kanzlei. Ihre Eltern, konservativ und gläubig, kamen als Gastarbeiter nach Köln, der Vater war Bergmann. Die Eltern haben noch heute keine deutsche Staatsbürgerschaft.
Die Tochter studierte Germanistik und Kommunikationswissenschaft und wurde Redenschreiberin für Armin Laschet im Integrationsministerium von NRW. Ihre CDU, das ist die Partei ihres Förderers Laschet, der heute Chef der Nordrhein-Westfalen-CDU ist. Und natürlich die der Reformer Heiner Geißler und Rita Süssmuth. Die Junge Union spielte keine Rolle bei ihrem Weg zur CDU, so wie bei vielen Migranten. Die JU, vor allem die bundesweite Dachorganisation, zeigt sich in Migrationsfragen eher konservativer als die Mutterpartei. Dass es in der Jungen Union leider Betonköpfe und Burschenschaftler gebe, ist eine der Klagen bei der Integrationsdiskussion im Wuppertaler Café. Tauber findet, der Chef der JU, Paul Ziemiak, könnte öfter mal über den Migrationshintergrund reden, den er durchaus hat – er ist in Polen geboren; dann könnte auch er für Migranten ein "Role Model" sein.
Güler ist das jetzt, ein Role Model, sie schaffte es auf die Landesliste und in den Landtag. Seit 2012 sitzt sie im Bundesvorstand der CDU, und auch mit der JU arbeite sie heute eng zusammen, sagt sie.
Sie ist stolz darauf, dass Angela Merkel einen Text von ihr so gut fand, dass sie Kopien davon im CDU-Präsidium verteilen ließ. Die deutschen Muslime müssten sich stärker von gewaltbereiten Islamisten abgrenzen, schrieb Serap Güler in der "FAZ" nach den Anschlägen von Paris. Sie "müssen die Deutungshoheit über ihre Religion wiedererlangen. Sie müssen lauter werden als die lauten Extremisten", stand in dem Text. Dass Merkel ihn im obersten Führungsgremium der Partei verbreiten ließ, ist ein Ritterschlag für Güler, einerseits. Und andererseits eine Botschaft Merkels an ihre Führungsriege: Die ist hier richtig. Glaubt mir, sie gehört zu uns.
Güler geht weiter in der Keupstraße, einmal nach links, ein türkischer Hochzeitsausstatter. Blumen aus Seide, Schleier, Tüll und Taft, bei Meral Sahin findet man alles, was es zu einer türkischen Hochzeit braucht. Auch sie weiß, wie das Viertel tickt, sie ist die Vorsitzende der Interessengemeinschaft Keupstraße. "Die CDU? Dank Serap Güler ist sie mir sympathischer geworden", sagt Meral Sahin. Ob sie deswegen CDU wählt? Sie lächelt und will dazu nichts sagen, "das ist Demokratie".
Es ist eines der Stadtviertel, die jahrzehntelang in der Hand der SPD waren, doch deren Rückhalt bröckelt. Manche Migranten erzählen, sie hätten Sarrazins Buch "Deutschland schafft sich ab" als regelrechten Schock erlebt. Manche sind nach weiter links abgewandert. Und manche sind nun Aufsteiger mit Migrationshintergrund, die eine unternehmerfreundliche Politik bei Weitem lieber sehen als eine, die sich an Gewerkschaftsforderungen orientiert.
Ausgerechnet das Konservative in der CDU, sagt Güler, sei für viele Türken attraktiv. Sicher, die Partei ist gegen den Beitritt der Türkei zur EU, und auch das Rumdrucksen beim Doppelpass brachte der Union nicht viel Sympathie. Andererseits aber finden sie das Ehegattensplitting genauso richtig wie das weiterhin gültige Nein zum Adoptionsrecht für Homosexuelle. Auch die harte Haltung der Union gegen Armutsflüchtlinge etwa aus dem Kosovo kommt gut an. "Wir sind nicht das soziale Auffangbecken", sagt Güler, das Kind von Immigranten.
Sie soll Wählerstimmen mitbringen, soll der Partei Zugang eröffnen in ein Milieu, das der Union jahrzehntelang verschlossen war. 20 Prozent hat sie bei den Landtagswahlen geholt, ein Anfang, nicht mehr.
Nachdem Salafisten am Wiener Platz vor ein paar Monaten den Koran verteilt hatten, versuchte sie es mit einer Gegenaktion. Sie drückte den Passanten das Grundgesetz in die Hand. Deren Antwort war oft wenig ermutigend.
"Ach Gott, die CDU", sagten die Leute.
"Ach Gott, die Migranten", denken die Traditionalisten in der CDU.
Kann das gut gehen?
Vor Zweiflern hält Tauber gern eine kleine Lobrede. Auf "diese Migranten, die hierhergekommen sind, sich zu unserem Land bekennen, sich hier etwas aufbauen, unsere Gesetze akzeptieren, sich um ihre Kinder kümmern. Die passen doch super zu uns".
Er versucht es auch mit einem Rückgriff auf die Gründungsgeschichte der CDU. Er erinnert an die Fensterläden in den Dörfern im Nachkriegsdeutschland, die zuklappten, als die Flüchtlinge aus dem ehemals deutschen Osten kamen. Ein Heimatvertriebener, sagt er, "der war zwar Deutscher, wurde aber doch als Fremder angesehen. Entgegen der Legende hatten es Heimatvertriebene oft nicht leicht. Mancherorts wurden sie als Zigeuner beschimpft, weil sie als Siebenbürger Sachsen aus Rumänien kamen". Mehr als zwölf Millionen Heimatvertriebene waren es, "die in einem großen Kraftakt integriert wurden. Und die haben die Ärmel hochgekrempelt und mitangepackt. Das war eine immense Leistung der Gesellschaft, und da gab es noch keinen Wohlstand".
Die Älteren, sagt Tauber am rohen Tisch in seinem Generalsekretärsbüro, die nicken dann.
Aber warum nicken sie? Weil sie denken: Ja, das kenn ich, das weiß ich noch, das muss ich so nicht wieder haben? Oder weil sie wirklich denken: So könnte es noch einmal funktionieren?
Tauber betrachtet die Vielfalt, die er sich wünscht, als die "neue Übersetzung der alten Geschichte der Partei". Und in gewisser Weise stimmt es ja: Die Aufsteiger, die zu den Christdemokraten finden, verkörpern eine Weltsicht, die die CDU schon immer geprägt hat. Sie kämpfen nicht für Umverteilung. Sie sehen ihr Schicksal, ihre Karriere als Beleg für die alte konservative These: Jeder kommt nach oben, wenn er es richtig will. Jeder ist seines Glückes Schmied.
Bedo ist so ein Typ, Bedo aus Hamburg. Eigentlich heißt er Bülent Kayaturan, hat sich aber einen Namen gegeben, den sich die Leute leichter merken können. Bedo ist 38 und Politiker, einerseits, aber auch Moderator, auf dem regionalen Fernsehkanal Hamburg 1 hat er eine eigene Show, sie heißt "Oriental Night". Ein Dunkelhaariger mit scharfem Scheitel, der mit Peter Tauber zusammen im Hamburg-Wahlkampf zu sehen war, tapfer, aber erfolglos, so wie die gesamte Hamburg-CDU. Aber Bedo blieb dabei, bei derselben Politik, bei derselben Partei.
"Dies ist Herr Bedo", sagt Frau Schneede. Sie trägt eine rosafarbene Blütenbluse und ist die Chefin der Eimsbüttler Senioren-Union. Sie begrüßt an der Kaffeetafel im "New Living Hotel", einem kühlen Betonbau in der Nähe vom Tierpark Hagenbeck, und entschuldigt sich, dass so wenig Senioren erschienen sind. Letztes Mal waren es 30. Jetzt sind es nur 12, liegt es am Thema? An Bedo?
"Klönschnack" heißt das hier und besteht aus einem Dutzend Damen und Herren, die nicht leicht zu kriegen sind, Bedo weiß das. Jeden Monat kommen sie hier zusammen zu Referat und Kuchen, und selten referiert jemand, der einen türkischen Namen hat.
Bedo trägt an diesem Tag einen ordentlichen blauen Anzug und weiß, er muss die Frage beantworten, die man ihm in der türkischen Community genauso stellt wie in der Partei: "Was will einer wie du in der CDU?"
Er kommt von der Veddel, einer Elbinsel im armen Hamburger Süden. Er ist in der Türkei geboren, zog im Alter von ein paar Monaten mit seinen Eltern nach Hamburg. Er sagt, er sei "ein Hamburger Jung".
Er habe Eltern, denen er dankbar sei. Und die er in Schrecken versetzt habe mit der Auskunft, er werde Politiker – in der CDU. Der Vater schwieg unter Schock. Die Mutter sagte: "Ich werde dich nicht wählen." Aber natürlich sei jetzt alles gut, sagt er, natürlich wählen sie ihn jetzt doch.
Die Community der Deutschtürken sei schwieriger. Sie fragen, sagt er: "Warum gehst du in diese rechtsradikale, neoliberale, faschistische Partei?"
Kurzes Schockschweigen über der Kaffeetafel. Dann lacht er es weg, erleichtert lachen sie mit. Ein netter Junge. Ja. Die Sachen, die er sagt, sind aber auch weniger nett.
Bedo darf in der Community nicht wie ein Onkel Tom erscheinen, der seine Herkunft verrät, und in der CDU nicht wie ein potenzieller Salafist.
Er balanciert.
Er sagt, dass er es bis 1999 unmöglich gefunden hätte, sich der CDU anzunähern – der Partei von Helmut Kohl, der versprach, die Zahl der Ausländer zu halbieren. Der Partei von Jürgen Rüttgers mit seiner "Kinder statt Inder"-Kampagne und von Roland Koch mit seiner Unterschriftenaktion gegen die doppelte Staatsbürgerschaft.
Tauber sei mutig, sagt Bedo, der drücke aufs Gas. Öffnen müsse sich die Partei, Brücken schlagen. Er biete an, eine Brücke zu sein.
Aber jetzt muss Lieselotte Schneede, die neben ihm sitzt, etwas sagen.
"Veto", sagt sie, schaut in die Runde, und sagt es mit Nachdruck noch mal. "Veto."
Sie hat sich angehört, was der Gast erzählt hat. Sie hat mal einen Satz dazwischengeschoben, wenn Bedo ein wenig ungerecht zur CDU war, wie sie fand. Aber jetzt geht es ums Grundsätzliche. Sie werde jetzt 74, sagt Frau Schneede, seit 20 Jahren mache sie Wahlkampf. Sie kenne den Wähler, und "der hat vor Ausländern eher Angst". Hier in Lokstedt genauso wie anderswo.
"Unser Feriendorf", so nennt sie ironiebitter den Anlass dieser Angst. Das Flüchtlingsheim in Lokstedt. Syrer habe man versprochen, und was sei gekommen? Alles Mögliche, Unübersichtliche. Kinder in Badelatschen, im Pyjama, den ganzen Tag. An Weihnachten sei sie mal hin und habe Schokolade gebracht, aber ... Ihr Satz bleibt unvollendet wie die Annäherung an die Flüchtlinge im Heim.
Bedo sagt schnell, dass das mit den Flüchtlingen ein anderes Thema sei, nicht das, was er meint, "das ist separat", aber für Lieselotte Schneede ist es eben kein separates Thema.
Es geht um Neues, Fremdes, um Dinge und Leute, die man nicht kennt. Frau Schneede sagt, man habe doch "Angst vor dem, was man nicht kennt", und Bedo sagt, "wenn wir so weitermachen, werden wir untergehen", und Frau Schneede guckt zweifelnd, und in diesem Moment sieht es so aus, als hänge Bedo in der Luft auf seiner Brücke zwischen Migranten und CDU, und von keiner Seite kommt einer, der sie betritt.
Von Peter Müller und Barbara Supp

DER SPIEGEL 25/2015
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