13.06.2015

OrtsterminWaschen, schneiden, föhnen

In Oldenburg wird bei der Deutschen Holstein-Schau der beste Kuhfriseur gekürt.
An einem Mittwoch im Juni steht Preisrichter Gary Jones in einem Oldenburger Plastikzelt und sucht die schönste Kuh. Schönheit ist für ihn Perfektion, ein ideales Maß, das nie erreicht werden kann. Trotzdem hat er die Suche danach zu seinem Leben gemacht. Jones trägt Karohemd und Dreitagebart. Er kommt aus Irland, lebt in England und war dieses Jahr viel unterwegs in Sachen Kuh; in den USA, in Mexiko, in der Schweiz und einem halben Dutzend weiterer Länder. Man könnte sagen: Jones reist der perfekten Kuh hinterher. Aber nur einmal, sagt Gary Jones, habe er eine Kuh gesehen, die seinem Ideal nahekam, das war in Toronto. Sie hieß Thrulane James Rose, eine großrahmige Hochleistungskuh, und sie war so schön, dass am Ende das Publikum aufsprang und ihr stehend applaudierte.
Ein komplettes Tier, sagt Jones. Der Grand Champion. In den Bewertungen hieß es: ein Euter, wie man es besser nicht malen kann. Groß und fein geädert, für Züchter ein Versprechen auf Milch, der Bauch rund und voll, viel Platz für Futter, die Beine schlank und muskulös, um gut über die Weide zu laufen. Das Problem bei den deutschen Kühen, sagt Jones, sei oft, dass sie zu fett seien. Er bevorzugt Schweizer Kühe, die essen mehr Heu, das mache die Figur schlanker und das Haar glänzender. Er sieht sich um in dem Zelt, hier in Oldenburg steht gerade keine Thrulane James Rose, auch keine Schweizer. 18 Kühe fressen ruhig vor sich hin, Durchschnittskühe, sie kommen aus der Gemeinde Großenkneten, und sie haben noch keine Preise gewonnen. Jones schiebt die Hände in die Taschen und sagt: "Alright. Let's start."
Es gibt viele Schönheitswettbewerbe unter Kühen, der Clippingwettbewerb unter Gary Jones ist vielleicht der interessanteste. "Clipping" ist das englische Wort für Scheren. Es geht darum, Kühen die Haare zu schneiden. Das ist eine wichtige Kunst in der Milchviehszene. Züchter können mit gut frisierten Kühen auf Auktionen ihre Preise erhöhen. Es gibt Zeitschriften, in denen sich Milchbauern schöne Kuhfrisuren ansehen können. Vor allem kann man mit einem guten Schnitt einige Problemstellen der Kuh kaschieren, und das ist die wahre Kunst, sagt Jones.
16 junge Leute starten ihre Schermaschinen, bald ist der Boden von Kuhhaaren bedeckt. Zwei Stunden werden sie föhnen, frisieren, scheren, fein schneiden. Es sind Jungzüchter aus dem ganzen Land, die besten ihrer Altersklasse. Jedem Team ist gestern eine Kuh zugelost worden, es soll darum gehen, aus einem Zufallstier das Beste zu machen. Sie haben die Tiere seit sechs Uhr früh mit Viehseife gewaschen, um das Fett aus den Haaren zu kriegen, sie haben sie gespült, gefüttert und ihnen den Mist mit Haushaltstüchern vom Hintern gewischt, damit das Fell nicht verschmiert. Niemand will einem hungrigen, nervösen Rind die Haare schneiden.
Immer wieder wird bei Wettbewerben auch betrogen; Tiere werden mit Beruhigungsmitteln ruhiggestellt, Falschhaar wird aufgeklebt, Euter mit Volumenspray verschönert. Jones muss auch das kontrollieren. Er steuert jetzt auf ein Zweierteam aus Hessen zu, die sich mit "ZBH" vorstellen, "Zucht- und Besamungsunion Hessen." Es sind zwei stämmige Jungs aus der Nähe von Frankenberg, gerade 18 geworden. Der eine ist Werkzeugmechaniker. Er mache das mit den Kühen als Ausgleich zur Arbeit, sagt er. Der andere, ein Jungbauer, sagt, man wächst da so rein. Sie haben Pflegeprodukte hinter sich aufgereiht: Glanzspray für das Finishing, Schwarzspray und Weißspray, um Problemstellen zu besprühen. "Alles klar bei euch?", fragt Jones.
Die beiden Hessen haben zwei Problemzonen ausgemacht. Zum einen stehe der Bauchansatz des Jungrindes zu hoch, erklärt der Werkzeugmechaniker, das sehe untypisch aus, sie wollen die Haare am Bauch länger stehen lassen, damit man den Eindruck bekomme, der Bauch hänge etwas tiefer und sei damit größer. Zum zweiten ist der Rücken im Lendenwirbelbereich nicht ganz gerade, ein häufiges Problem. Das wollen sie ausgleichen, indem sie eine Art längeren Irokesenschnitt auf dem Rücken stehen lassen, eine Topline, dessen Haarlänge sie so variieren können, dass am Ende der Rücken aus der Entfernung wieder gerade aussieht. Jones nickt, es ist unklar, was er von der Idee hält.
Auf der anderen Seite schneidet mit präziser Schnelligkeit Marvin Pacholke aus Dötlingen, Vorjahressieger des Zuchtbetriebs "Masterrind". Pacholke ist ein Gewinnertyp, dem das Scheren leicht von der Hand geht. Er redet wenig.
Es gibt Menschen, die finden Schönheit in der Musik, andere in der Malerei. Gary Jones und seine Jünger finden Schönheit in den Haaren einer Kuh. Er sagt, einer Kuh die Haare zu schneiden sei eine Kunst, kein Handwerk. Er halte jedes Mal vor dem Schneiden inne und schaue sich das Tier genau an. Er beobachte oft, dass andere einfach drauflosschneiden, und das mache ihn traurig. Denn jedes Tier brauche einen anderen Schnitt, der nur zu ihm passe, schnell, präzise, kunstvoll.
"Noch fünf Minuten", ruft der Verbandsvorsitzende. Es ist warm geworden in dem Oldenburger Zelt, die Hessen sind mittlerweile von Kuhhaaren bedeckt. Pacholke aus Dötlingen, der Gewinnertyp, ist schon fertig und grinst dem Publikum entgegen. Die Hessen sind spät dran, der Werkzeugmechaniker schneidert noch an der Topline, während der Jungbauer die Schwanzhaare toupiert.
Dann läuft die Zeit ab. Pacholke hat wieder gewonnen. Die beiden Hessen gehen sich umziehen. Sie werden weitermachen. Und irgendwann werden sie vielleicht mal zu den großen Schneidern ihrer Zunft gehören, wie Jones. Sie werden auf der Royal Winter Fair in Toronto schneiden, auf der Europaschau in Frankreich, auf der World Dairy Expo in Wisconsin. Niemand wird es verstehen. Aber sie werden Künstler sein.
Von Jonathan Stock

DER SPIEGEL 25/2015
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