13.06.2015

RohstoffeIllusion der Dinos

Die mächtigsten Energiemanager der Welt tun so, als ginge sie der G-7-Beschluss zum Ende von Öl, Gas und Kohle nichts an.
Die Hofburg in Wien war zu k. u. k. Zeiten die Residenz der Habsburger. Hier versammelten sich über die Jahrhunderte hinweg die Reichen und Mächtigen der Welt. Manchmal tun sie es heute noch.
Vergangene Woche bot der prachtvolle Festsaal den angemessenen Rahmen für eine einzigartige Zusammenkunft: Die Minister der wichtigsten Ölförderländer trafen die Manager der weltgrößten Energiekonzerne. Selten zuvor war so viel Geld in einem Raum versammelt.
Rex Tillerson, Chef von ExxonMobil, gab einen seiner raren Auftritte, mit rund 33 Millionen Dollar war er im vergangenen Jahr einer der bestbezahlten Manager Amerikas. Gut gelaunt und in breitem Texanisch erzählte er, dass er in dieser Woche 40 Jahre im Dienst sei; nicht so lange freilich "wie einige der Exzellenzen hier", sagte er und äugte grinsend über seine Brille.
Mit ihm auf dem Podium saßen der Opec-Generalsekretär Abdalla El-Badri, der vor 50 Jahren als Buchhalter beim Exxon-Vorläufer Standard Oil begonnen hatte, und einen Platz weiter Ali Naimi, der Ölminister Saudi-Arabiens, der seit 1957 im Geschäft ist.
Männer wie sie haben schon viel erlebt, vor allem das ständige Auf und Ab der Preise. Ein Gedanke aber ist ihnen fremd: Die Vorstellung, dass Öl seine Bedeutung als Schmierstoff der Weltwirtschaft verlieren könnte. Es ist genau jener Prozess, den die Führer der G-7-Staaten beim Gipfel auf Schloss Elmau voriges Wochenende vereinbart haben.
Das Schlagwort heißt "Dekarbonisierung", demnach soll der CO²-Ausstoß bis zur Jahrhundertmitte um bis zu 70 Prozent sinken. Ein Szenario, das die Vertreter der Energieriesen aus Amerika und Arabien, gelinde gesagt, für aberwitzig halten. Ihrer Ansicht nach ist die Menschheit selbst in ferner Zukunft noch auf Öl und Gas so angewiesen wie auf Luft und Wasser.
In 25 Jahren würden die fossilen Brennstoffe noch immer mehr als drei Viertel des Energiebedarfs decken, erklärte Opec-Chef El-Badri. Keinesfalls könnten erneuerbare Energien sie ersetzen: ein Anteil von 15 Prozent, mehr sei nicht drin. Und Exxon-Chef Tillerson ergänzte, Öl und Gas würden "auf Jahrzehnte" die Nummer eins bleiben. Woraufhin auch der saudische Ölminister zustimmend nickte.
So versicherten sich die Energiebosse gegenseitig ihrer dauerhaften Bedeutung, als ob das Ölzeitalter nie zu Ende gehen könnte. Was sie in der Hofburg zelebrierten, war gewissermaßen der Gegenentwurf zum Elmauer Beschluss.
Der Schulterschluss war vielleicht auch deshalb so demonstrativ, weil die Front der Energie-Dinos tatsächlich bröckelt. Erst vor drei Wochen waren die europäischen Kollegen ausgeschert, die Chefs von BP, Eni oder Shell hatten sich in einer gemeinsamen Erklärung für weltweite Preise auf CO²-Emissionen ausgesprochen.
Der Vorstoß sorgte für Furore, allerdings sind die Europäer innerhalb von Big Oil nicht tonangebend – und werden dort nun erst recht als die bucklige Verwandtschaft aus der Alten Welt gesehen.
Noch nie habe ihn ein Kunde darum gebeten, einen höheren Preis für Öl oder Gas bezahlen zu dürfen, höhnte John Watson, Chef des US-Konzerns Chevron, über den Vorschlag der Kollegen. Energie müsse vielmehr für jedermann erschwinglich sein, gab er sich, Jahresverdienst rund 26 Millionen Dollar, als Anwalt der kleinen Leute.
Die meisten Volkswirtschaften könnten die Last einer CO²-Steuer doch gar nicht schultern, warnte auch Exxon-Chef Tillerson vor negativen Folgen für energieintensive Industrien. Und Opec-Chef El-Badri erklärte knapp, eine solche Abgabe werde nicht funktionieren.
Man war sich einig – bis Maria van der Hoeven das Wort ergriff. Die Niederländerin steht an der Spitze der Internationalen Energieagentur (IEA) in Paris. Sie sprach nur ein paar Sätze, aber die genügten, um die Energiegiganten auf Normalmaß zu stutzen.
"Liebe Freunde", begann die IEA-Chefin, sie sollten sich bewusst sein, dass nicht sie über eine CO²-Steuer zu befinden hätten. Diese Entscheidung sei den Staats- und Regierungschefs vorbehalten, die sich Ende des Jahres zur Klimakonferenz in Paris treffen würden.
Und dann rechnete sie vor: Um bis 2050 das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen, müssten zwei Drittel der bekannten fossilen Reserven im Boden bleiben. Diese Strategie aber stehe im Widerspruch zur Erwartung, dass der Energiebedarf noch im Jahr 2040 zu 60 Prozent aus Öl, Gas und Kohle gespeist werde. Deshalb könne sie den Anwesenden nur den Rat erteilen, sich bei den Verhandlungen in Paris einzubringen, statt bloß zu sagen: "Ich mag das nicht."
Das saß. Opec-Mann El-Badri schaute etwas bedröppelt, auch die Minister und Konzernchefs waren verdutzt, allerdings nur einen Moment lang. Denn was kümmert es sie heute, wie die Welt in Jahrzehnten aussehen könnte? Und überhaupt: Dass die Zukunft ungewiss sei – politisch, technologisch, selbst geologisch –, wüssten Öl- und Gasindustrielle nur zu gut, konterte Exxon-Boss Tillerson.
Wer mit Unsicherheit nicht leben könne, der solle sich besser einen anderen Beruf suchen, empfahl der Texaner. Sein Vorschlag: "Bibliothekar oder so etwas."
Von Alexander Jung

DER SPIEGEL 25/2015
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