13.06.2015

TV-KarrierenEntfremdung auf Raten

Günther Jauchs Rücktritt vom Talk kam für die ARD nicht überraschend. Das Verhältnis zwischen dem Star und den Anstalten war schon lange zerrüttet. Bereits vor einem Jahr drohte Jauch mit der Kündigung seines Vertrags.
Um Günther Jauch zur ARD zu holen, brauchten die Senderbosse vier Jahre. Ihn zu ersetzen dauerte vier Tage.
Um ihn zu holen, schipperten sie gemeinsam mit Jauch über einen See bei Potsdam. Sie trafen sich bei Jauchs zu Hause, um ihn zum Kommen zu überreden. Sie ließen nicht locker, als er ihnen zwischendrin, kurz vor Vertragsabschluss, einmal von der Fahne ging. Sie warben weiter um ihn, umschmeichelten ihn, und als sie ihn im Jahr 2011 endlich überredet hatten, brüsteten sie sich mit ihrem Fang. Hart am Rande zur Heldenlyrik dichteten die Intendanten, wie gut der RTL-Star und die ARD angeblich zusammenpassten. Jauch sei "der Großmeister der journalistischen Unterhaltung", "einer der Besten", der Mann, dem selbstverständlich "der Königsplatz" am Sonntagabend zukomme, weil er das Erste so sehr schmücke.
Ihn zu ersetzen ging dann prosaischer. Am Dienstag dieser Woche, Jauchs Ankündigung seines Rücktritts war vier Tage alt, schalteten sich die Sendergewaltigen zu einer Telefonkonferenz zusammen. Die Stimmung war entspannt wie selten, die Einigkeit groß wie fast nie. "Von Trauer über Jauchs Abgang keine Spur", berichtete einer aus der Runde später. Ohne große Gegenrede kürten die Intendanten Anne Will zur Nachfolgerin, dann legte einer nach dem anderen auf.
Die Sendung "Günther Jauch" mag es noch bis zum Jahresende geben. Mit ihrem Moderator ist die ARD seit Dienstag durch. Und er mit ihr.
Günther Jauch hatte seinen Entschluss schon vor Monaten gefasst. Private Gründe haben dabei eine wichtige Rolle gespielt, nicht zuletzt wohl schlicht der Umstand, dass die Moderation der wöchentlichen Politrunde ein Zeitfresser ist.
Beruflich aber zog Jauch mit diesem Schritt auch den Schlussstrich unter seine Zusammenarbeit mit der ARD, unter ein Verhältnis, das von dauernden Reibereien geprägt war. Jauch, der kaum etwas mehr hasst als Einmischung in seine Arbeit, störten die ständigen Debatten um die Besetzung seiner Talkrunde. Es gab Streit um einzelne Gäste. Es gab den beständigen Vorwurf, er lade zu wenige Frauen ein. Es gab seinen ebenso beständigen Konter, er lade immer nur die Besten ein, und er könne nichts dafür, dass es meistens Männer seien.
Um manchen, der auf einem der Talksessel im Berliner Gasometer Platz nehmen sollte, gab es zwischen Jauch und dem Norddeutschen Rundfunk, der die Sendung innerhalb der ARD betreut, derart heftige Auseinandersetzungen, dass der Moderator im April 2014 dem Sender schriftlich eine Art Abmahnung ins Haus schickte. Darin beklagte er das fehlende Vertrauen und drohte, wenn die Einmischung in seine Unabhängigkeit als Journalist nicht aufhöre, werde er von seinen vertraglich zugesicherten Rechten Gebrauch machen und den Vertrag mit der ARD kündigen.
Der einst so Umgarnte sah sich da schon der dauernden Kontrolle seitens des NDR ausgesetzt. Genervt hatte er zugelassen, dass seine Politrunde anlässlich des Hochwassers an Elbe und Donau 2013 Teil einer ARD-Spendenaktion wurde. Jauch sei ja nicht zur ARD gegangen, um Galas à la "Ein Herz für Kinder" zu moderieren, heißt es in seinem Umfeld.
Regelmäßig hatte es Diskussionen um die Gästeeinladungen gegeben, etwa im Fall des Anwalts und Ex-ARD-Talkers Michel Friedman und des AWD-Gründers Carsten Maschmeyer.
Zur Eskalation kam es, als Jauch eine Sendung über den Umgang der Presse mit Prominenten plante und dafür neben der Managerin von Michael Schumacher, Sabine Kehm, auch den Medienanwalt Christian Schertz einladen wollte. Eigentlich kein Problem; Schertz war mehrfach Talkgast bei Anne Will, Maybrit Illner oder Reinhold Beckmann und ist Fachmann für diese Fragen. Aber Schertz ist zugleich Jauchs Anwalt.
Der damalige Justiziar des NDR, Werner Hahn, stellte sich quer. Er gab intern zu Protokoll, dass Moderator und Gast nicht unbefangen agieren könnten, wenn sie zugleich Anwalt und Mandant seien – zudem in exakt den Fragen, um die es in der Talkrunde gehen sollte. Hahn legte seine Bedenken dem Intendanten dar. Einen solchen Gast in dieser Konstellation einzuladen verstoße seiner Ansicht nach gegen den Rundfunkstaatsvertrag.
Jauch, so erinnert man sich beim NDR, habe sich "unbelehrbar" und "uneinsichtig" gezeigt. Er bot noch an, das Mandantenverhältnis zu Schertz in der Sendung transparent zu machen. Aber das änderte aus Sicht des NDR nichts mehr.
Schließlich zog Jauch seinen Anwalt zurück – und holte stattdessen einen Juristen, der früher in der Schertz-Kanzlei gearbeitet hatte, in die Sendung. Dann schickte er das Schreiben mit der Androhung seiner Kündigung an NDR-Intendant Lutz Marmor. Ein heftiger Schritt, der die Distanz zwischen Sender und Star beförderte.
Ein gutes Jahr später ist aus der Drohung Realität geworden – das Resultat einer Entfremdung auf Raten. Innerhalb der ARD registrierten sie aufmerksam, wie das Dauerfeuer der öffentlichen Kritik den Star mürbemachte. Wie ihn die allwöchentlich wiederkehrende Kritik an der Sendung in der montäglichen Schaltkonferenz der ARD-Chefredakteure nervte. Wie ihn die mangelnde Unterstützung der ARD-Granden gegen die Kritiker von außen frustrierte.
Doch sie verstanden einander kaum noch. Jauchs Talks seien in der Chefredakteursrunde nicht heftiger angegangen worden als andere Sendungen, heißt es aus dem Kreis. Der Star habe auf Kritik nur deutlich sensibler reagiert als andere. Und man habe keine eigene "Lex Jauch" installieren wollen, um ihn von ARD-interner Kritik auszunehmen.
Jauch habe sich donnerstags bis sonntags für die Sendung aufgerieben, habe aber irgendwann nicht mehr gewusst, warum er sich das alles eigentlich noch antue, sagt ein ARD-Mann, der mit Jauch über die Dinge gesprochen hat. Statt Ruhm und Ehre habe ihm der Talk bei Licht betrachtet vor allem Frust und Ärger eingebracht.
Als in Jauchs Sendung zum ersten Mal das Video gezeigt wurde, in dem der jetzige griechische Finanzminister Gianis Varoufakis seinen Stinkefinger gegen Deutschland richtet, hielten Jauch und seine Redaktion das für einen journalistischen Scoop. Die Medienkritik zerredete ihm jedoch den Erfolg, weil in der Sendung nicht ganz klar wurde, dass Varoufakis die Geste vor seiner Zeit als Minister gemacht hatte. Und als dann auch noch ZDF-Satiriker Jan Böhmermann so tat, als wäre das Video seine Erfindung, galt Jauch öffentlich quasi als journalistischer Halbtrottel. Für einen Tag stand der Verdacht im Raum, Jauch sei auf einen manipulierten Film hereingefallen – und die ARD setzte dem Vorwurf über Stunden kaum etwas entgegen. Die mangelnde Rückendeckung, so sagen es Vertraute, habe Jauch frustriert.
Die Entscheidung aber, die ARD zu verlassen, war zu dem Zeitpunkt wohl längst gefallen. Die Beziehung war gescheitert. Ein typischer Fall von enttäuschter Liebe. Zwei Partner, die sich gegenseitig überschätzt und über die Schwächen des anderen hinweggesehen hatten, in der Hoffnung, diese würden von allein verschwinden, waren am Ende von genau diesen Schwächen des jeweils anderen genervt. Die ständige Einmischung des einen. Die zu sehr an RTL erinnernde TV-Machart des anderen. Man hätte es vielleicht noch ein paar Jahre lang miteinander ausgehalten – aber am Ende wusste keiner mehr, warum man es eigentlich tun sollte.
Jauch hatte es offenbar von Anfang an geahnt, er hatte gewusst, dass die "Gremlins" in den Gremien und auf den Redaktionsfluren der ARD ihm, dem Star, das Leben schwer machen würden. Einmal war er aus diesem Grund schon vor dem Sprung zur ARD zurückgeschreckt.
Vielleicht schwante ihm, dass seine Verpflichtung als Großmeister des politischen Talks ein Missverständnis war. Die ARD wollte in einer Person alle Gegensätze versöhnen, die sie selbst aushalten muss. Zwischen politischem Anspruch und Unterhaltung, zwischen Qualität und Quote, zwischen Beliebtheit und Relevanz.
Am Ende bleibt der Eindruck, dass Jauch der Star am falschen Platz war. Der beste Talker wurde er nie. Anne Will ist politischer. Frank Plasberg fragt bissiger. Unübertroffen ist jedoch die Strahlkraft des Namens Günther Jauch. Man habe sich, sagt einer der Männer, die ihn damals zur ARD holten, von dieser Strahlkraft vielleicht ein bisschen blenden lassen.
Auch Jauch selbst verzichtete für die Sendung auf einiges. Auf Werbeverträge, auf eine Fernsehbeliebtheit ohne Risiko, überhaupt auf seine Unbeschwertheit, die ihn als Unterhalter ausgezeichnet und so beliebt gemacht hat.
Wie Fernsehen aussieht, das Jauch wirklich Spaß macht, konnte man im April erleben, bei der Jubiläumssendung von "Stern TV". Zum 25-jährigen Bestehen des RTL-Magazins begrüßte Moderator Steffen Hallaschka auch seinen Vorgänger Jauch. Gemeinsam testeten sie aus Konservendosen und Einweckgläsern Lebensmittel, die zum Teil so alt waren wie die Sendung. Jauch versuchte sich mit Turnübungen am Reck, stolperte im Tierkostüm durch die Kulissen und spielte mal wieder die Rolle seines Lebens: den Körperlegastheniker und linkischen Schlaks. Man könnte auch sagen: Er war ein intelligenter Clown. Jauch wirkte so entspannt, als sei er nach langer Zeit endlich wieder zu Hause.
Von Markus Brauck, Alexander Kühn und Martin U. Müller

DER SPIEGEL 25/2015
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