13.06.2015

ZeitschriftenLustobjekt Hanswurst

Zwei Frauen wollen mit dem Magazin „Séparée“ die weibliche Libido ansprechen. Der Inhalt sind erotische Geschichten – und nackte Männer.
Als Erstes hat "Séparée" mal eben die Gleichberechtigung ausgehebelt. Schließlich geht es um ein höheres Ziel: die weibliche Lust. Frauen, die in dem Erotikmagazin abgebildet werden, müssen nicht zwingend nackt sein. Männer hingegen schon.
Die ausgezogenen Kerle werden mit einem Topf überm Kopf auf einem Schrottplatz abgestellt, bäuchlings auf Autoreifen gelegt oder mit einem Spaten in der Hand im Gewächshaus platziert. Einer steht kopf, ein anderer hält sich in der Küche eine Bratpfanne vors Gemächt. Lustobjekt Hanswurst.
Frauen finden das anregend, glauben die Verantwortlichen des Erotikmagazins "Séparée". Sie sollten es wissen, schließlich sind sie selbst Frauen. "Wir zeigen das, was wir gern sehen", sagt Janina Gatzky, 41. "Und nehmen Klischees dabei nicht allzu ernst."
Die promovierte Übersetzerin hat "Séparée" Anfang vorigen Jahres gegründet, gemeinsam mit ihrer Freundin, der Autorin Ute Gliwa, 42, die zuvor zehn Jahre lang als Controllerin gearbeitet hatte. Die Idee entsprang dem Eigenbedarf, als das Berliner Erotikheft "Feigenblatt", das Gatzky abonniert hatte, eingestellt wurde.
Mit "Séparée" wollen die Jungverlegerinnen zeigen, "dass Erotik mehr ist als Sex", sie wollen die Fantasie ihrer Leserinnen anregen und diese zur Offenheit ermuntern. Dabei schrecken sie vor Kalauern nicht zurück. Ein Text über eine Intimwaschlotion für Männer ist überschrieben mit: "Rohr putzen".
Die männlichen Nackten im Heft sind auch eine Wiedergutmachung dafür, dass in der erotischen Fotografie der weibliche Akt bislang dominierte. Vielleicht weil die berühmten Fotokünstler fast alle Männer waren. "Es ist an der Zeit, dass sich das ändert", sagt Gatzky. "Wir wollen endlich auch weibliche Bedürfnisse befriedigt sehen." Männer lassen sie grundsätzlich von Frauen fotografieren.
Nur ist es gar nicht so leicht, ausziehwillige Männer zu finden. Denn professionelle Models lehnt das Duo ab. Die sehen zu perfekt aus. Gesucht wird der Typ "gut trainierter Nachbar". In Interviews lassen beide gern mal fallen, dass noch Männerbedarf bestehe. Der, den sie zum Gärtner machten, hatte sich nach einem Aufruf im Radio gemeldet. Er war frisch getrennt und wollte etwas Neues ausprobieren.
Frauen entblößen sich in "Séparée" eher gedanklich. In Essays beschreiben sie ihre Fantasien und deren Umsetzung. Einige sind hauptberuflich Autorinnen, auch Angestellte sind darunter und eine Lehrerin. In der aktuellen Ausgabe plaudert eine aus, was sie und ihr Partner etwa mit Vanillepudding anstellen. Die meisten Frauen schreiben unter Pseudonym.
Anfang Juni ist das fünfte "Séparée" erschienen. Jede Ausgabe wird rund 10 000-mal verkauft. Auf mehrfachen Wunsch wird das Heft in blickdichtem Umschlag verschickt. Die älteste Abonnentin ist über siebzig. In einem der nächsten Hefte soll es auch um Sex im Alter gehen.
Gatzky und Gliwa wollen ihren Verlag ausbauen, bald auch erotische Literatur anbieten. Eine weitere Erlösquelle ist der Onlineshop. Dort gibt es Hotpants mit "Séparée"-Aufdruck zu kaufen. Und ein Kondompäckchen als Schlüsselanhänger.
Wurde die dritte Ausgabe von "Séparée" noch per Crowdfunding finanziert, trägt sich das Heft inzwischen selbst. Auch weil die Verlegerinnen sich lediglich ein überschaubares Gehalt gönnen. Zum festen Team gehört außer ihnen nur noch eine Art-Direktorin, Redaktionsräume gibt es nicht. Gatzky lebt mit ihrem Partner und drei Kindern bei Magdeburg, Gliwa mit zwei Kindern in Berlin, beide arbeiten von zu Hause aus. Angefreundet haben sie sich vor 16 Jahren bei einem Tangokurs.
Ihren unverkrampften Umgang mit unbekleideten Körpern führen beide auf ihre Kindheit in der freizügigen DDR zurück. "Ich springe bis heute nackt in den See", sagt Gliwa. Ihr Magazin lässt sie zu Hause auf dem Tisch liegen, trotz der Kinder.
Um das Heft bekannter zu machen, waren Gatzky und Gliwa im März auf der Leipziger Buchmesse. An ihren Stand kamen: einzelne Frauen, Frauen in Gruppen, Frauen mit mürrischen Männern im Schlepptau, Frauen im Schlepptau interessierter Männer.
Die Hälfte der 700 Abonnenten seien Männer, die ihrer Partnerin "Séparée" schenken, sagt Gatzky. "Aus eigenem Interesse und für frischen Wind in der Beziehung." An einem Artikel über die Masturbationsfantasien von Frauen seien auffällig viele Männer hängen geblieben.
Auf dem Titelbild zeigt "Séparée" immer ein Paar. Ein nackter Mann allein sähe nach Schwulenmagazin aus, eine nackte Frau nach Pin-up. Trotzdem wissen Kioskbetreiber nicht immer, wohin mit "Séparée". Manche legen es zu den Pornoheften oder zum "Playboy". Andere neben "Beef", das Grillheft für Männer, vielleicht weil das ja auch von Fleisch handelt. Gatzky und Gliwa sehen ihr Heft am liebsten zwischen Frauenmagazinen. Einmal, im Münchner Hauptbahnhof, hat Gatzky darum gebeten, "Séparée" aus der Schmuddelecke wegzunehmen.
Anzügliche Briefe hätten sie übrigens noch nie erhalten, sagt Gliwa. Auch nach einem Kontakt zu den Models werde so gut wie nie gefragt. Nur einmal habe sich jemand per Mail erkundigt, wer denn dieser knackige Gärtner sei. Der Absender war ein Mann.
Von Alexander Kühn

DER SPIEGEL 25/2015
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