13.06.2015

TürkeiIn Richtung Demokratie

Warum ich stolz bin auf eine Wahl, mit der ich nichts zu tun hatte. Von Özlem Gezer
Es ist kurz nach Mitternacht, wir laufen durch eine warme Berliner Nacht, wir wollen noch einen Absacker trinken, in unserer Stammbar, bei Ahmet. Als wir ankommen, ist das Gitter am Eingang schon versperrt, durch das Fenster sehen wir Ahmet. Er schaut in einen Computer, aus dem normalerweise melancholische Musik klingt. Jetzt hört man nur Geschrei. Ahmet verfolgt den Livestream einer türkischen Politsendung. Er lässt uns herein, schenkt Wodka aus, wir hören jetzt gemeinsam den türkischen Abgeordneten zu. Sie sitzen 2000 Kilometer entfernt von uns in einem Fernsehstudio in Ankara, sie streiten, seit Stunden. Wahlkampf in der Türkei, so wie man ihn kennt.
Ahmet ist Mitte fünfzig, ihm gehört die Bar in Berlin, die in den vergangenen Wochen zum Berliner Wahlkampfbüro der HDP geworden zu sein scheint. Die HDP, die "Demokratische Partei der Völker", die prokurdische Partei der Türken, in den vergangenen Monaten gewachsen zu der Partei der Erdoğan-Gegner, zu einer Art türkischen Alternative für die Regierungspartei AKP. Ahmet versteht sich als deutscher Statthalter dieser Partei. Er sagt mir: Du musst HDP wählen. Ich sage ihm: "Ahmet, ich kann nicht wählen, ich habe doch nur den deutschen Pass." Ahmet antwortet: "Dann sag deinem Vater, dass er die HDP wählen soll."
Am frühen Morgen steige ich ins Taxi, der Fahrer ist Türke, auch er fragt mich: Hast du gewählt? Ich darf nicht wählen, sage ich, schon wieder, es ist mein Standardsatz der letzten Wochen. Und hier, in diesem Taxi, spüre ich, dass es mir fast unangenehm ist, ich mich entschuldigen will, weil ich bei dieser wichtigen Wahl für die Türken nicht mitstimmen konnte. Eigentlich will ich dem Taxifahrer sagen, ist doch egal, wir leben hier, du in Berlin, ich in Hamburg. Aber ich schweige. Er redet. Er sagt, er habe das erste Mal gewählt, nicht weil ihn die Türkei so interessiere, sondern damit Erdoğan seine Mehrheit verliere.
Er habe irgendwie auch für die Kinder der Gezi-Proteste in Istanbul gewählt, gegen das Vergessen der getöteten Demonstranten, für die Opfer der Anschläge in den vergangenen Wochen im türkischen Wahlkampf. Und er habe gewählt, damit er den Deutschen endlich nicht mehr erklären müsse, was los sei in diesem Land, das sie seine Heimat nennen, das wieder so rückständig geworden sei, so demokratiefern.
Es ist nicht so, dass mir all diese Fragen fremd wären. Ich führe ständig Gespräche über die Türkei, über den "Sultan vom Bosporus", über weggesperrte Journalisten, den verdrängten Genozid an den Armeniern, über Frauen, die nicht lachen sollen in der Öffentlichkeit. Über die Kakerlaken im alten Palast Erdoğans, die der Grund sind, warum er umzieht in einen neuen Palast mit 115o Zimmern. Es sind wichtige Fragen, aber das Land, das davon betroffen ist, ist weit weg. Ich glaube, dass viele Türken in Deutschland in letzter Zeit diese Art von Gesprächen führen müssen, freiwillig oder unfreiwillig.
Die Wahlbeteiligung der Türken aus Deutschland war in diesem Jahr viermal so hoch wie bei den Präsidentschaftswahlen im vergangenen Sommer. Bei der aktuellen Wahl gingen knapp 54 Prozent ihrer Stimmen an Erdoğans AKP; 17,5 Prozent an seinen neuen Gegner von der HDP.
Für viele Deutsche ist der Grund dieser hohen Wahlbeteiligung unter den Türken aus Deutschland schnell definiert, es sind Integrationsverweigerer, die sich mehr für ein Land in der Ferne interessieren als für die Landtagswahlen in Bremen.
Ich glaube, dass diejenigen, die Erdoğan ihre Stimme aus Hamburg, Berlin oder Köln geben, gar nicht so sehr an die Türkei denken, sondern eher an sich selbst. Vielleicht weil sie in einem Land leben, in dem die einzige Lobbyvertretung, die sie seit Jahrzehnten wahrnehmen, der Moscheeverein um die Ecke ist. Ich glaube, sie wählen nicht die AKP, sondern sie wählen Erdoğan, ihren Präsidenten, also etwas, das diesmal gar nicht zur Wahl stand. Sie wählen ihn, weil Erdoğan Gutachter nach Deutschland einfliegen lässt, wenn Türken bei einem Hausbrand in Ludwigshafen sterben. Weil er den Türken Aufklärung im NSU-Prozess verspricht. Weil er von Angela Merkel, wenn sie nach Ankara kommt, die doppelte Staatsbürgerschaft für Türken in Deutschland fordert. Weil er Türken, die in Deutschland leben, nie vergisst – sie sind schließlich mit 1,4 Millionen Wahlberechtigten sein viertgrößter Wahlkreis.
Und es wählen die anderen, die einst als politische Flüchtlinge nach Deutschland kamen, weil sie Linksextremisten waren, verfolgt in ihrer Heimat, in die sie jahrzehntelang nicht einreisen durften, die endlich wieder hoffen, weil mit der HDP eine starke linke Partei angetreten ist, die jene Werte, für die sie einst kämpften, ins türkische Parlament tragen will. Und es wählen die hier Geborenen, für eine ferne Heimat, die nicht ihre ist, für die sie sich aber immer rechtfertigen müssen. Sie interessieren sich erst seit wenigen Jahren für türkische Politik.
In meiner Kindheit gab es türkische Politik immer nur im Fernsehen, immer sonntags. Es war diese Sendung, vergessen, wie sie heißt, mit braunem Hintergrund, im Öffentlich-Rechtlichen, die meinen Eltern eine Stunde lang Nachrichten aus der alten Heimat in unser Hamburger Wohnzimmer brachte. Die Bilder, an die ich mich erinnere, sind Bilder von Abgeordneten, die sich prügeln. Und ich erinnere mich an meinen Vater, der erklärte, ja, es sei schlimm, dass die sich da prügeln, aber Politik in der Türkei sei etwas anderes als in Deutschland. Uns Kinder beschäftigte das nicht wirklich.
So wurde ich groß, es war ganz bequem. Aber irgendetwas hat sich verändert, auch für mich. Seit den Protesten vom Gezi-Park blicke ich anders auf die Ereignisse in dem Land meiner Sommerferien, anders auf diejenigen, die dieses Land regieren.
Es war im Sommer 2013, ich stand im Gezi-Park in Istanbul und sah Wasserwerfer, Pfeffergaswolken und explodierende Molotowcocktails. Ich sah eine Türkei, in der Kurden und Türken gemeinsam kämpfen. Ich sah, mitten in Istanbul, junge Menschen in Moscheezelten, sie wedelten mit kurdischen Fahnen, neben ihnen standen türkische Nationalisten, wochenlang lagen sie gemeinsam in Schlafsäcken, kochten gemeinsam, erhoben ihre Stimme für Pluralismus, für Demokratie, gegen Erdoğan, den sie Diktator nannten. Es waren junge Menschen in meinem Alter, die für Bürgerrechte kämpften. Für etwas, womit ich aufgewachsen war, was ich also nie als besondere Errungenschaft angesehen hatte.
Ich trug Stolz mit nach Hause. Wenn ich nach diesem Sommer über Türken und die Türkei sprach, fühlte sich das anders an, erwachsener. Es ging nicht mehr nur um Schlägereien, nicht um Beschneidung oder Ehrenmord. Ich konnte erzählen von Demonstranten, die Nelken warfen auf Polizisten, die Tango tanzten vor Wasserwerfern, die bei Festnahmen ihren Namen in die Kameras schrien, weil sie Angst hatten zu verschwinden hinter Gefängnismauern, in diesem Staatsapparat, der Menschen verschluckt und der Welt das stolze Gesicht eines Mannes zeigt, der sich Demokrat nennt, Recep Tayyip Erdoğan.
Bei den Wahlen am vergangenen Sonntag hat seine AKP ihre absolute Mehrheit verloren, und seitdem schweigt Erdoğan über seine Gegner. Es sieht so aus, als seien ihm die Worte abhandengekommen. Die Worte, mit denen er bisher die Glut des Widerstands austreten konnte wie eine abgerauchte Kippe. Das Wahlergebnis vom letzten Sonntag ist die Rückkehr des Gezi-Parks. Seine Größe liegt darin, dass Freiheit nicht in Rauch aufgeht, sondern parlamentarische Betonmauern zertrümmert.
Ich habe jetzt zum zweiten Mal in meinem Leben verstanden, dass Türken, die in der Türkei leben, anders sind als die Türken, die ich mir von Hamburg aus so vorstelle. Sie leben in einem Staat, dessen Staatsanwälte von ihren Posten verschwinden, sobald sie in den Korruptionsaffären ihres Präsidenten herumstochern. In einem Staat, in dem Frauen an ihrer Vergewaltigung selbst schuld sind, weil sie zu kurze Röcke tragen, und Chefredakteure festgenommen werden, weil sie das Richtige schreiben. Ein Staat, der im Weltranking der Pressefreiheit auf Platz 149 gelistet ist.
Sie leben mit einem Präsidenten, der die Verfassung ändern will, wenn sie ihm im Weg ist, und Feiertage abschafft, wenn sie an den Staatsgründer Atatürk erinnern. Mit einem Präsidenten, der reglos bleibt und nichts unternimmt, als HDP-Anhängern bei einer Wahlkampfveranstaltung zwei Tage vor dem 7. Juni Arme und Beine weggerissen werden, weil Irre, wer weiß, aus welchem Lager sie kamen, eine Bombe gezündet hatten. Diese Türken also gehen jetzt zur Wahl und sagen mit ihrer Stimme, dass sie ihre Freiheit zurückwollen. Zeigen, dass sie nicht aufgegeben haben.
Gerade im Osten des Landes hat Erdoğan viele seiner Wähler verloren. Auch die frommen und alten Kurden, die ihm überhaupt erst den Einzug ins Parlament und damit seinen politischen Aufstieg ermöglichten. Auch sie haben Wut in sich, vielleicht nicht deshalb, weil Erdoğan will, dass jede Frau mindestens drei Kinder bekommt, sondern weil er die Kämpfer vom IS in ihren Krankenhäusern an der Grenze zu Syrien behandeln ließ. Weil er die Dschihadisten aus Europa mit Waffen versorgte und sie durch sein Land ziehen konnten, durch ihre Dörfer. Und weil er zuletzt die Stadt Kobane allein ließ in ihrem Todeskampf gegen die Islamisten. Als die Bomben fielen und der Rauch aufstieg, standen Erdoğans Panzer mit kaltem Motor auf den Hügeln und seine Soldaten sahen einfach zu, wie Inhaber von Logenplätzen.
Es geht den Kurden nicht um angemessene Militäraktionen der Türkei, nicht darum, was richtig oder falsch gewesen wäre, nicht um Nato-Abkommen oder Erdoğans außenpolitisches Kalkül. Es geht um das Gefühl, dass er sie im Stich gelassen hat. Seine Kurden, die ihm treu waren, die ihm glaubten, mit denen er einen Friedensprozess begonnen hatte, einen Dialog, den er einschlafen ließ. Auch sie haben ihn bestraft, am Wahlsonntag.
"Das Sultanat ist beendet", sagt mein Vater. Die Kommentare in den Zeitungen sind sehr absolut. "Ausgeherrscht" heißt es über Erdoğan, "Tribun ohne Volk", überall sieht man Autokorsos und Menschen, die vergnügt Raki trinken. Ich bin nicht ganz so erleichtert, ich frage mich, wie es weitergeht. Keine ernst zu nehmende Partei will mit der AKP koalieren, und das heißt, dass es vermutlich Neuwahlen geben wird. Und Neuwahlen könnten bedeuten, dass die AKP zur absoluten Mehrheit zurückkehrt, denn sie ist das Versprechen zumindest auf Sicherheit. Und wenn es keine Neuwahlen gibt? Dann müsste die AKP mit den Rechtsextremisten der Nationalistischen Bewegung MHP koalieren. Der neue Türke, ein Islamo-Faschist? Ich stelle mir osmanischsprechende Türkenmännchen vor.
Es gefällt mir nicht.
"Wir sind ihn los, du checkst es nur noch nicht", sagt mein Kumpel Ümit aus Istanbul. Ich bekomme jetzt ständig Nachrichten von Ümit, er wird mit jedem Tag euphorischer. Eigentlich wollte er in den vergangenen Monaten die Türkei verlassen, viele meiner Freunde dachten wie er: Wir müssen raus, wir haben hier keine Zukunft, solche Sätze schrieben sie mir immer wieder. Sie suchten Jobs in Paris, in London oder Chemnitz. Sie sind Informatiker, Schauspieler, Ingenieure, Architekten.
Jetzt schreiben sie: Es fühlt sich endlich wieder gut an, hier zu sein. Einige von ihnen kommen aus nationalistischen Elternhäusern, auch sie schreiben jetzt, alles egal, gern auch mit den Kurden, dann halt links, Hauptsache nicht mehr dieser Spinner. Sie wollen bleiben, sie wollen kämpfen, es fühlt sich gut an, auch für mich, denn es gibt endlich Hoffnung, wieder eine Richtung: Demokratie.
Von Özlem Gezer

DER SPIEGEL 25/2015
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