13.06.2015

SPIEGEL-Gespräch„Langsam, langsam“

IOC-Präsident Thomas Bach, 61, über Olympische Spiele in Diktaturen, Hamburgs Chancen für den Sommer 2024 und Reformen in der Fifa
SPIEGEL: Herr Bach, wann haben Sie zuletzt ein Turnfest besucht oder bei einem Fußballspiel in der Kreisliga zugesehen?
Bach: Ehrlich gesagt, ist das schon sehr lange her. Es ist nicht ganz einfach für mich, zur Kreisliga zu gehen.
SPIEGEL: Wieso?
Bach: Zunächst einmal aus Zeitmangel. Und wenn ich bei einem Verein vorbeischaue, geht's sofort los. Dann fragen die Leute aus dem Nachbarort: Warum geht der zu denen? Warum kommt der nicht auch mal zu uns?
SPIEGEL: Muss sich der IOC-Präsident nicht dafür interessieren, was die Basis macht?
Bach: Wie kommen Sie darauf, dass ich das nicht tue? In Lausanne war Ende April ein 20-Kilometer-Lauf, da habe ich mitgemacht. Ich bin aber nicht die komplette Strecke gelaufen, um hier keinen falschen Eindruck zu vermitteln. Und im Mai war ich auf den Fidschi-Inseln, ich kam gerade aus der Resi-
denz des Staatspräsidenten, als ich in der Nähe ein Rugbyfeld sah, auf dem eine Mannschaft trainierte. Ich bin hin, habe zugesehen und die Spieler gefragt, wie es so läuft. Sie haben mich dann eingeladen mitzuspielen.
SPIEGEL: Thomas Bach sprintet mit dem Ei unter dem Arm übers Feld.
Bach: Das nicht. Sie haben mich auch kein Goal machen lassen, aber es gibt ja den Line-out, das ist der Einwurf, bei dem die Mannschaft einen Spieler hochhebt, damit er den Ball aus der Luft fangen kann. Diesen Job sollte ich übernehmen. Ich musste mich zuerst auf den Boden knien, kniete und kniete, die Spieler standen um mich herum und gaben Kommandos, aber ich habe kein Wort verstanden. Mir brannten schon die Oberschenkel. Irgendwann fiel ihnen auf, dass ich kein Fidschi verstehe. Einer sagte dann auf Englisch: Hey, du musst schon auch springen! Also sprang ich ab, wurde hochgehoben, fing den Ball und passte ihn weiter. Hat wunderbar geklappt.
SPIEGEL: Gestern haben in Aserbaidschan die ersten Europaspiele begonnen, in der Hauptstadt Baku. Freuen Sie sich auf die 17 Tage?
Bach: Ich freue mich immer auf Sport und Athleten.
SPIEGEL: Es gibt auch Menschen, die das ganz anders sehen. In Aserbaidschan sitzen Aktivisten und Bürgerrechtler im Gefängnis, weil sie die Europaspiele kritisiert haben.
Bach: Die Europaspiele werden nicht vom IOC veranstaltet, sondern von den europäischen Olympischen Komitees. Aber ich will jetzt nicht formal werden und mich damit rausreden.
SPIEGEL: Das ist schon mal gut.
Bach: Wenn ein Mitglied seine Stimme für einen Austragungsort abgibt, erklärt es sich nicht gleichzeitig einverstanden mit den Gesetzen in dem Land. Es ist kein Votum für ein politisches System. Das IOC ist keine Weltregierung.
SPIEGEL: Es tut aber oft so. Vor den Olympischen Spielen 2008 in Peking betonte das IOC immer wieder, dass es zur Öffnung Chinas beitragen wolle.
Bach: Nein, wir tun nicht so. Wir wollen mit den Spielen ein Beispiel geben, wie eine offene, diskriminierungsfreie Gesellschaft aussehen kann. Uns geht es darum, dass sich im olympischen Dorf alle Athleten vorurteilsfrei begegnen. Und wenn dadurch im Land des Gastgebers ein Nachdenken einsetzt, ist das durchaus gewünscht. Wir haben aber die Gesetze eines souveränen Staates zu respektieren. Andererseits hat es kürzlich aus Saudi-Arabien den vorsichtigen Versuch gegeben, sich um Olympische Spiele zu bemühen. Meine Reaktion war: Solange in Saudi-Arabien Frauen nicht denselben Zugang zum Sport haben wie Männer, solange Frauen dort nicht einmal ins Stadion dürfen, nehmen wir eine Bewerbung nicht an.
SPIEGEL: Sie machen es sich leicht und ziehen sich auf den Sport zurück. Warum sagen Sie denn nicht: Solange in Saudi-Arabien Blogger ausgepeitscht werden, kriegt das Land keine Spiele?
Bach: Noch einmal: Das IOC ist eine Sportorganisation. Wir können nicht ändern, was Generationen von Diplomaten und eine Serie von Uno-Resolutionen nicht geschafft haben.
SPIEGEL: Seit 2014 verbietet Paragraf sechs der olympischen Charta auch die Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung. Für die Winterspiele 2022 gibt es zwei Bewerber: Almaty und Peking. Wäre es Ihnen ernst mit Ihrer Charta, müssten Sie beide Städte ablehnen.
Bach: Wieso das?
SPIEGEL: In Kasachstan fordern Politiker seit Jahren ein Anti-Homosexuellen-Gesetz, wie es Russland verabschiedet hat. Und in China gibt es Kliniken, wo man Schwule mit Stromschlägen quält.
Bach: Die Verantwortung und die Möglichkeiten des IOC beziehen sich auf die Olympischen Spiele und auf Vorgänge, die damit unmittelbar in Zusammenhang stehen. Wir können nur Impulse für die Entwicklung von Gesellschaften und Ländern geben, keine Anordnungen.
SPIEGEL: Dann fragen wir anders: Können Sie ein Beispiel geben, wann sich das IOC verantwortlich fühlt?
Bach: Gern. In Sotschi gab es Probleme mit der Bezahlung der Bauarbeiter, die rund um die Sportstätten im Einsatz waren. Wir haben uns für sie eingesetzt und mit dem russischen Organisationskomitee gesprochen. Am Ende haben die Arbeiter eine Nachzahlung von sieben Millionen Dollar erhalten. Und jetzt, bevor wir den Gastgeber der Spiele 2022 wählen, führen wir Gespräche mit Organisationen wie dem Internationalen Gewerkschaftsbund und dem Committee to Protect Journalists. Vor zwei Monaten habe ich Human Rights Watch in New York besucht. Wir geben auch eigene Berichte in Auftrag, die sich mit den Zuständen in Almaty und Peking beschäftigen.
SPIEGEL: Täuscht der Eindruck, oder gewinnt Olympia zunehmend einen Reiz für Diktaturen und Pseudodemokratien, die ihr Image aufpolieren wollen?
Bach: Ich höre häufig das Vorurteil, demokratische Länder würden sich nicht mehr um Olympische Spiele bemühen. Da frage ich mich, wie man demokratisch definiert. Schauen Sie sich doch mal die Liste der Städte an, die Sommerspiele ausgetragen haben oder es bald machen werden: Sydney, Athen, Peking, London, Rio de Janeiro, Tokio ...
SPIEGEL: ... und 2024 dann Doha.
Bach: Wie kommen Sie darauf?
SPIEGEL: Katar erwägt, sich zu bewerben.
Bach: Es liegt uns keine Bewerbung vor. Momentan haben Boston, Hamburg, Paris und Rom ihre Absicht erklärt, sich zu bewerben. Daran sehen Sie, dass Ihre These ziemlich polemisch ist.
SPIEGEL: Das IOC erlaubt es dem Gastgeber künftig, Sportarten in ein anderes Land zu verlegen, wenn er die notwendige Wettkampfstätte nicht hat. Das klingt gut, mehr aber auch nicht.
Bach: Was gefällt Ihnen daran nicht?
SPIEGEL: In Südkorea, wo die nächsten Winterspiele stattfinden, gibt es bislang keinen Eiskanal. Das IOC schlug vor, die Bob- und Schlittenwettbewerbe in Japan auszutragen. Die Südkoreaner sagten: Wir bauen lieber unsere eigene Anlage.
Bach: Unser Reformkonzept, die Agenda 2020, greift in Pyeongchang noch nicht, weil wir dort durch Verträge gebunden sind. Aber es stimmt, wir haben den Koreanern ein Angebot gemacht. Es ging übrigens nicht um Japan, sondern um ein Land nach Wahl. Die Koreaner haben abgelehnt, und wir können sie nicht zwingen. Ich verhehle aber nicht, dass ich die Entscheidung bedauere.
SPIEGEL: Warum haben Sie sich eigentlich nicht getraut, die Olympischen Spiele richtig zu verschlanken? Wer weiß schon, welche Disziplinen zum Modernen Fünfkampf gehören?
Bach: Die Zusammensetzung des olympischen Programms ist wie die Quadratur des Kreises. Sie werden nie ein Programm haben, das allen gefällt. Nicht einmal eines, das allen Deutschen gefällt. Es gibt für mich zwei Schlüsselwörter: Universalität und Ausgleich zwischen Tradition und Fortschritt. Sie können Sportarten, die in den Köpfen der Menschen verankert und mit der Geschichte der Spiele verbunden sind, nicht einfach aus kommerziellen Erwägungen ins Museum schicken. Durch die Agenda 2020 wird das Programm aber flexibler. Der Gastgeber kann nun selbst eine Sportart vorschlagen, die er gern dabeihätte.
SPIEGEL: Japaner lieben Baseball, in Tokio 2020 wird also Baseball gespielt. Das gab es schon mal bei Olympischen Spielen, von 1992 bis 2008. War nicht so der Knaller.
Bach: Langsam, langsam. Die Japaner sondieren gerade 25 Ideen. Bei den Olympischen Jugendspielen in Nanjing hatten wir vergangenes Jahr das sogenannte Sports Lab, dort haben wir Inlineskating präsentiert, Skateboard in der Halfpipe, Wushu und Klettern.
SPIEGEL: Können Sie sich Skateboardfahren bei Olympischen Spielen vorstellen?
Bach: Ja.
SPIEGEL: In Rio ist Golf neu im Programm. Nicht gerade ein Trendsport unter Jugendlichen.
Bach: Die Entscheidung ist schon 2009 gefallen. Und ich denke, Golf ist tatsächlich bei den jungen Leuten beliebt. Vielleicht nicht auf allen Kontinenten gleich, aber das gilt für viele Sportarten.
SPIEGEL: Wissen Sie, was der Golfplatz in Rio kosten wird?
Bach: Das weiß ich nicht. Aber es wird der erste öffentliche Kurs in Rio sein. Die Plätze, die es bisher gibt, sind privat.
SPIEGEL: Er kostet 20 Millionen Euro. Und für den Bau wurde ein Naturschutzgebiet zerstört. Lernt das IOC nicht dazu?
Bach: Ich habe mit dem Bürgermeister von Rio gesprochen und zwei Auskünfte erhalten: Für die Nutzung des Naturschutzgebiets ist an einer anderen Stelle zum Ausgleich ein Fläche aufgeforstet worden, die 17-mal so groß ist. Und auf dem Golfplatz selbst wurden 625 000 Setzlinge gepflanzt, es sind Gewächse, die dort auch schon vor dem Bau des Golfplatzes vorkamen. Für die Bewässerung werden die Trinkwasserreserven nicht angegriffen. Es ist ein revolvierendes System. Ich bin kein Hydrotechniker, jedenfalls beeinträchtigt der Golfplatz weder Quantität noch Qualität der Wasserreserven.
SPIEGEL: Komplizierter geht es nicht.
Bach: Nicht alles im Leben ist einfach.
SPIEGEL: In Pyeongchang werden für die Abfahrtsstrecke 60 000 Bäume gefällt.
Bach: Punkt eins: Wir haben dem Organisationskomitee vorgeschlagen, die Strecke zu verlegen – das wollten die Verantwortlichen nicht. Punkt zwei: Von den Südkoreanern ist uns in diesem Zusammenhang gesagt worden, alles stehe im Einklang mit den nationalen Gesetzen und Vorschriften.
SPIEGEL: Das Gesetz ist eine Sache, der gesunde Menschenverstand die andere.
Bach: Nehmen Sie doch bitte auch den ersten Teil meiner Antwort zur Kenntnis.
SPIEGEL: Dem IOC ist es gelungen, nach dem Bestechungsskandal um die Vergabe der Winterspiele 2002 für mehr Transparenz zu sorgen. Was hat das IOC besser gemacht als die Fifa?
Bach: In der Tat hat das IOC grundlegende Reformen durchgeführt: Es hat zum Beispiel die Mandatszeit der Exekutivmitglieder und des Präsidenten begrenzt und das Alterslimit auf 70 Jahre herabgesetzt. IOC-Mitgliedern ist es auch untersagt, Kandidatenstädte zu besuchen.
SPIEGEL: Fifa-Präsident Joseph Blatter hat seinen Rücktritt angekündigt. Was muss passieren, damit die Fifa wieder an Glaubwürdigkeit gewinnt?
Bach: Die Fifa hat zwei Aufgaben. Erstens die vollumfängliche Aufklärung aller Vorkommnisse und der schwerwiegenden Anschuldigungen, zweitens eine weitreichende Strukturreform.
SPIEGEL: Können Sie verstehen, warum auch das IOC ein Imageproblem hat?
Bach: Das kann ich nicht feststellen. Seit meinem Amtsantritt habe ich mehr als 120 Staats- und Regierungschefs getroffen. Ich spüre überall großes Interesse und in Teilen auch große Sympathie. Das IOC genießt offiziellen Beobachterstatus bei den Vereinten Nationen. Im Übrigen würde kein Unternehmen, keine Fernsehanstalt mit uns Verträge bis 2032 abschließen, wenn die Manager misstrauisch gegenüber dem IOC wären. Im Gegenteil. Sich derart langfristig und finanziell bedeutsam an uns zu binden ist wahrscheinlich der deutlichste Vertrauensbeweis, den es gibt.
SPIEGEL: In Graubünden, Krakau, Stockholm und München scheiterte die Bewerbung für die Winterspiele 2022 am Widerstand der Bevölkerung. Im Herbst entscheiden die Bürger in Hamburg in einem Referendum, ob sich die Stadt für die Sommerspiele 2024 bewerben soll. Haben Sie Angst vor dem Ergebnis?
Bach: Nein. Ich bin kein Demoskop, aber nach allem, was ich gehört habe, gibt es in Hamburg eine große Zustimmung. In Graubünden und München gab es ein erhebliches Kommunikationsdefizit, weshalb die Bürgerentscheide nicht gewonnen werden konnten. Es ist zum Beispiel nicht durchgedrungen, dass der Organisator mit 880 Millionen Dollar vonseiten des IOC rechnen kann.
SPIEGEL: In Deutschland wird 2024 wahrscheinlich die Fußball-Europameisterschaft stattfinden. Sehen Sie darin ein Problem?
Bach: Nein. Ein wirtschaftlich starkes und gleichzeitig sportbegeistertes Land wie Deutschland kann beides stemmen.
SPIEGEL: Sie sind nun seit mehr als 30 Jahren Sportfunktionär. Sie waren IOC-Vizepräsident, als Leipzig mit einer Bewerbung scheiterte. Als Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes haben Sie vergebens versucht, die Spiele nach München zu holen. Nun sind Sie IOC-Chef, und Hamburg steht womöglich zur Wahl. Wäre Ihre Karriere unvollendet ohne Spiele in Deutschland?
Bach: (schweigt)
SPIEGEL: Sie sagen ja gar nichts.
Bach: Bei aller Neutralität, die ich meinem Amt schulde: Ich würde mich über Olympische Spiele in Deutschland sehr freuen.
SPIEGEL: Herr Bach, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die Redakteure Lukas Eberle und Maik Großekathöfer.
Von Lukas Eberle und Maik Großekathöfer

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