13.06.2015

VereineLockruf aus Paris

Ein katarischer Fonds pumpt horrende Summen in das Fußballteam von Paris Saint-Germain. Nun kauft der Klub auch im Handball groß ein.
Die Frage, ob Nikola Karabatić, 31, der beste Handballer der Gegenwart ist, lässt sich mit zwei Buchstaben beantworten: ja. Streiten lässt sich allenfalls über die Behauptung, er sei der beste Handballer aller Zeiten.
Erst vor zwei Wochen führte der Muskelprotz aus Frankreich, der seine Rolle im linken Rückraum wie ein Kampfsportler interpretiert, den FC Barcelona zum Sieg in der Champions League. Karabatić, 1,96 Meter groß und 106 Kilogramm schwer, hat die wertvollste Vereinstrophäe der Welt dreimal mit unterschiedlichen Teams gewonnen – als 19-Jähriger mit Montpellier HB, als 23-Jähriger mit dem THW Kiel, nun mit Barcelona.
Auch die Nationalmannschaft der Franzosen führte Karabatić, der als Kind mit seinen Eltern – Mutter Serbin, Vater Kroate – nach Straßburg ausgewandert war, in nie erreichte Höhen. Seit 2008 gewann das Team mit Karabatić als Frontmann drei Weltmeisterschaften, zwei Europameisterschaften und zweimal Gold bei Olympischen Spielen.
Nichts deutete darauf hin, dass Karabatić den FC Barcelona ausgerechnet jetzt, auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft, verlassen würde. Doch er geht. Karabatić, das scheint inzwischen beschlossene Sache zu sein, wird Anfang Juli für die Rekordablöse von zwei Millionen Euro zu Paris Saint-Germain wechseln.
In der Fußballbranche steht Paris Saint-Germain seit vier Jahren für die komplette Entfesselung des Kapitalismus. Bis 2012 übernahm Qatar Sports Investments, ein Ableger des 256 Milliarden Dollar schweren Staatsfonds Qatar Investment Authority, für 80 Millionen Euro den Klub. Erklärtes Ziel: der Gewinn der Champions League. Als wären sie von Sinnen, pumpten die Katarer in den vergangenen vier Jahren eine weitere halbe Milliarde Euro in den Klub – und trieben Ablösesummen und Gehälter auf dem internationalen Spielermarkt auf ein geradezu absurdes Niveau.
Das Gesicht ihrer Geld-regiert-die-Welt-Strategie ist Zlatan Ibrahimović, Spitzname Ibra. Der schwedische Stürmerstar verdient bei Paris Saint-Germain 15 Millionen Euro netto pro Jahr. Hinzu kommen die Lohnnebenkosten für den Klub – bei Einkommen über einer Million lag der Spitzensteuersatz in Frankreich zwischenzeitlich bei 75 Prozent.
Nun steigen die Scheichs offenbar auch jenseits des Fußballs richtig ein. Anders ist die geplante Verpflichtung Karabatićs nicht zu verstehen. Er soll bei Paris Saint-Germain der Zlatan Ibrahimović des Handballs werden.
Schon in der vorigen Saison lag der Etat der Mannschaft bei über 15 Millionen Euro, 50 Prozent höher als der des deutschen Serienmeisters THW Kiel. Der Trost für die Konkurrenz bestand darin, dass Paris Saint-Germain trotz Weltklassespielern wie den Franzosen Thierry Omeyer und Daniel Narcisse oder dem Dänen Mikkel Hansen international nichts gewann.
Die Entscheidung, noch kräftiger in die Handballsparte von Paris Saint-Germain zu investieren, fiel bei den katarischen Investoren bei der Weltmeisterschaft Anfang dieses Jahres in Doha, als das Team der Gastgeber erst im Finale den Franzosen unterlag. "Wenn die Katarer im Handball jetzt ernst machen, wird es in den nächsten Jahren fast unmöglich, mit Paris mitzuhalten", sagt Alfred Gislason, der Trainer des THW Kiel. Auf der Geschäftsstelle in Kiel sagen sie genervt: "Der Feind sitzt in Paris."
THW-Coach Gislason wurde von den Neureichen aus Frankreichs Hauptstadt bereits ebenso heftig umworben wie Ljubomir Vranjes, der Trainer des letztjährigen Champions-League-Siegers SG Flensburg-Handewitt. "Die hauen die Preise im Markt völlig kaputt", schimpft Flensburgs Manager Dierk Schmäschke.
Die Sorgen der Konkurrenz vor einer neuen Handballmacht sind berechtigt. Denn Paris Saint-Germain verpflichtete in der vergangenen Woche auch noch einen herausragenden Trainer: Zvonimir Serdarusic. Der 64-Jährige, der vom französischen Erstligisten Pays d'Aix Université in der Provence kommt, trainierte von 1993 bis 2008 den THW Kiel – und formte dort in seinen letzten drei Jahren den Ausnahmekönner Nikola Karabatić zum Weltklassespieler.
Die Auswahl des Trainers ist offensichtlich als letzter Schachzug der katarischen Investoren zu verstehen, ihren Wunschspieler zum Wechsel nach Paris zu bewegen – Nikola Karabatić hat seinen alten Lehrmeister Serdarusic in Kiel geradezu verehrt.
Noch hat Karabatić in Paris nicht unterschrieben. Am Montag wird er in Frankreich erwartet, allerdings aus anderem Grund. Zusammen mit sieben weiteren Handballprofis, darunter auch sein Bruder Luka, muss sich Karabatić vor Gericht verantworten. Ihnen allen wird vorgeworfen, vor drei Jahren als Profis des französischen Meisters Montpellier auf ein eigenes Spiel gewettet – und dieses manipuliert zu haben.
Von Erik Eggers

DER SPIEGEL 25/2015
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