13.06.2015

GlosseTote Briefe leben länger

Die possierlichen Begleiterscheinungen des Poststreiks
Millionen von Absichten warten auf ihre Verwirklichung. In Pakete geschnürt, in Folien geschweißt, in Recyclingpapier oder schneeweißes Bütten gelegt harren Sommersandalen, Tintenstrahldrucker und Inkassobescheide einträchtig nebeneinander in jenen grauen Kästen, die unsere Ausfallstraßen mit ihrem enigmatischen Charme bekränzen: Aufbahrungshallen für das derzeit Unzustellbare. Bartleby, die stille Titelfigur einer Erzählung von Herman Melville, einstmals angeblich Angestellter der Post, wurde berühmt durch seinen rätselhaft freundlichen Satz der absoluten Verweigerung: "I would prefer not to." Ich möchte lieber nicht, pflegte er zu allen Zumutungen des Lebens zu sagen; ein Streikender von unüberbotener Zähigkeit. Ein Poststreik zu Melvilles Zeiten, im 19. Jahrhundert, hätte dem Rad der Welt noch in die Speichen gegriffen; heute ist die Entschleunigung, die Ver.di uns beschert, die possierliche Begleiterscheinung eines ganz unpossierlichen Arbeitskampfs, für den man den lausig bezahlten Boten nur viel Erfolg wünschen kann. Einzig um die Seelenpost mag es schade sein, aber auch "geschriebene Küsse" kommen, wie der Liebesbriefexperte Kafka wusste, ja ohnehin "nicht an ihren Ort, sondern werden von den Gespenstern auf dem Wege ausgetrunken". Und bei der Frage, ob die Weltgeschichte schöner verlaufen wäre, hätte die Post öfter gestreikt, kann man sicher zu unterschiedlichen Antworten kommen. Bartleby, Melvilles Held der Verweigerung, soll in einem "dead letter office", einem Amt für unzustellbare Briefe, gearbeitet haben: Das macht natürlich mürbe. Denn die Adressaten der guten und bösen Worte waren nach unbekannt oder ins Jenseits verzogen und alle Absichten damit der Kompostierung überantwortet. So lange wird Post-Chef Appel wohl nicht durchhalten. Das wäre aber auch egal: Zwar sind auch Aktionäre sterblich, aber die Gewinne werden ja an die Erben überstellt.
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 25/2015
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