13.06.2015

Claudia Voigt Mein Leben als FrauKorsage und Theorie

Als Frau geboren zu werden hat auch den Vorteil, im Laufe eines Lebens verschiedene Rollen ausprobieren zu können. Es gab eine Zeit, in der ich mir jeden Tag einen vollendeten Lidstrich schminkte. In einer anderen Phase trug ich übergroße Pullover, die mich in ein Quadrat mit Beinen verwandelten. Das waren nur äußere Zeichen einer Entwicklung hin zu der Person, die ich heute bin.
Wenn Caitlyn Jenner sich im Alter von 65 Jahren dafür entscheidet, bei ihrem ersten großen Auftritt als Frau eine Satinkorsage zu tragen, die Arme scheu hinter dem Rücken zu verschränken und eine Pin-up-Pose einzunehmen, dann ist das erst einmal eine persönliche Entscheidung. Auch wenn das Foto auf dem Cover von "Vanity Fair" prangt. Nur weil Caitlyn Jenner sich dieses Rollenbild für ihren ersten Auftritt wählte, muss sie ihm nicht für alle Zeit huldigen.
Sie hat viel für die Bewegung der Transsexuellen getan, weil sie ihre Verwandlung vom Mann zur Frau mit großem Getöse öffentlich machte. Noch mehr hat sie vermutlich für all jene getan, die still für sich das Gefühl haben, im falschen Körper zu leben. Dass hier ein ehemaliger Zehnkämpfer – das Klischee des Mannes schlechthin – als Pin-up posiert – das Klischee der Frau schlechthin –, zeigt überdeutlich, wie veränderbar männliche und weibliche Zuschreibungen sind.
In der "New York Times" wurde Caitlyn Jenner von der Autorin und Feministin Elinor Burkett vorgeworfen, dass sie öffentlich definieren wolle, was eine Frau ausmacht. Nicht nur durch ihr Foto für "Vanity Fair" (das Annie Leibovitz aufnahm, die langjährige Lebensgefährtin von Susan Sontag). Burkett kritisierte auch, dass Caitlyn Jenners Lebenserfahrungen über viele Jahre die Erfahrungen eines Mannes gewesen seien und dass Jenner, wenn sie im amerikanischen Fernsehen davon spricht, ihr Gehirn sei "sehr viel weiblicher als männlicher", keine Ahnung habe, was sie da sage. Es geht, das wird schnell deutlich, um Macht und um Deutungshoheit.
Caitlyn Jenner gehört zum Familienclan der Kardashians. Man kann nicht unbedingt davon ausgehen, dass die feministische Theorie zu ihrem Spezialgebiet zählt. Man kann auch nicht davon ausgehen, dass Transsexuelle selbstverständlich Feministinnen sind. Die Frauenbewegung hat immer dafür gekämpft, Frauen von zu restriktiven Rollenbildern zu befreien und ihnen individuelle Lebenswege zu ermöglichen. Da wird man es hinnehmen müssen, wenn Caitlyn Jenner als Pin-up posiert.
Dass ihr Auftritt auf so große Anerkennung stößt, ist wiederum ein Verdienst des Feminismus. Auch wenn die Gender-Diskussion oft ins Lächerliche gezogen wird, zeigt sich hier, wie wichtig sie ist. Die Grenzen haben sich verschoben, sie sind weiter geworden. Toleranz zeigt sich sogar da, wo Häme ausgegossen wurde.
Caitlyn Jenner fängt als Frau erst an. Sie wird ihre Erfahrungen machen. Das könnte noch interessant werden.
An dieser Stelle schreiben Claudia Voigt und Elke Schmitter im Wechsel.
Von Claudia Voigt

DER SPIEGEL 25/2015
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