13.06.2015

LiteraturKomm, lass uns sterben gehen

Der Schriftsteller Ralf Rothmann erzählt in seinem neuen Roman von einem Vater, der als Soldat in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs seinen besten Freund erschießen musste.
Der Sohn hatte dem Vater zur Pensionierung so eine schöne Kladde geschenkt, in der Hoffnung, der Vater werde sein Leben skizzieren oder wenigstens jene Wochen im Frühling 1945, als er mit 17 Jahren seinen Job als Melker aufgeben musste und zur Waffen-SS eingezogen wurde. Aber der Vater schrieb nur ein paar fremd klingende Ortsnamen hinein. Nach dem ersten Blutsturz wurden die Fragen des Sohnes drängender: Schreib das auf, Vater! Oder erzähl es mir wenigstens. Was hast du erlebt in deinen SS-Wochen im Krieg? Was hast du getan? Der Vater fragt: "Wozu denn noch?" Und: "Du bist der Schriftsteller." Und schließlich: "Hoffentlich ist der Scheiß hier bald vorbei."
Der Scheiß hier, das Leben, war dann wirklich bald vorbei. Der Vater starb, der Sohn saß da, mit den paar Orten in der Kladde, ein paar Erinnerungen an Erinnerungen des Vaters und mit dessen Schweigen. Und so beginnt der Roman "Im Frühling sterben" von Ralf Rothmann(*): "Das Schweigen, das tiefe Verschweigen, besonders wenn es Tote meint, ist letztlich ein Vakuum, das das Leben irgendwann von selbst mit Wahrheit füllt."
Aber kann das Leben eine Wahrheit in ein Vakuum füllen? Wo kommt die Wahrheit her? Und wessen Wahrheit ist es? Die des Sohnes, des Vaters, eines ganzen Landes? Ist ein so dichterisches, freies, subjektives Suchen nach Wahrheit angemessen, wenn es um Verbrechen geht, um die Mitgliedschaft in der Waffen-SS, um das Erschießen eines Deserteurs? Ob angemessen oder nicht – für den Erzähler in diesem Buch ist es die einzige Möglichkeit, an eine Wahrheit zu gelangen. Eine Wahrheit, die auch sein Leben betrifft, vielleicht sogar sein Leben bestimmt.
Ein Sohn schreibt die Geschichte seines Vaters und dessen besten Freundes auf, beide waren Melker, beide waren 17 Jahre alt in jenem Frühjahr 1945, als jeder wuss-
te, dass der Krieg fast zu Ende war. Ihr Beruf galt als kriegswichtig, "Kein Krieg ohne Milch!" war die Parole, die sie bislang geschützt hatte. Doch jetzt war kriegswichtig nur noch der Krieg. Jetzt wurden sie eingezogen. Zwei Jungs, plötzlich in der Wirklichkeit. Der eine heißt Fiete, ist ein Spötter, Flausenkopf, macht sich lustig über die "Rindviecher von der SS", der andere, Walter, ist ängstlich, gewissenhaft, schweigsam, besorgt um seinen Plapperfreund Fiete. Der hat seinen Spott in Entschlossenheit verwandelt: "Na, scheiß drauf! Komm, lass uns sterben gehen", ruft er Walter zu. Aber es ist ja längst egal, was sie sich zurufen. Zum Sterben geht es sowieso. Einer von beiden wird den anderen erschießen, nur wenige Wochen später, auf Befehl, Auge in Auge. Er hat keine Wahl.
Ralf Rothmann, 62, der poetische Chronist des Ruhrgebiets und Berlins, der Tiefenschürfer, Autor der Klassiker "Stier", "Wäldernacht" und "Milch und Kohle", sagt über das Schreiben, seine Sprache habe nur dann Schwerkraft, wenn er aus seinen eigenen Erfahrungen spreche. Nun begibt er sich auf deutsches SS-Gebiet.
Wie in den vergangenen Jahren schon der Schriftsteller Uwe Timm, der "Am Beispiel meines Bruders" aus geschwisterlicher Perspektive, zum Teil dokumentarisch, zum Teil biografisch-poetisch, geschrieben hatte. Wie schon die Journalistin Ute Scheub, die in "Das falsche Leben" über ihren Vater schrieb, der sich 1969 auf dem Evangelischen Kirchentag nach dem Ausruf "Ich grüße meine Kameraden von der SS" öffentlich das Leben genommen hatte und dabei von Günter Grass beobachtet worden war, der diese Geschichte wiederum in seinem Werk "Aus dem Tagebuch einer Schnecke" aufschrieb, viele Jahre bevor er selbst in seinem verkapselten Bekenntnisbuch "Beim Häuten der Zwiebel" über seine eigene Mitgliedschaft in der Waffen-SS schrieb. Und in zwei Monaten erscheint der Roman "Ein Sonntagskind" des 54-jährigen Autors Jan Koneffke, der auf fast 600 Seiten die Lebensgeschichte seines Vaters rekonstruiert, der als junger Mann eingezogen und zum prahlerischen Kriegshelden der letzten Stunde wurde.
Deutsche Erinnerung 2015. Die Zeit des Kampfes gegen die Väterwelt ist längst vorbei. Aber der eigenen Herkunft kann man nicht entkommen und wohl auch nicht dem, was von den Taten der Väter und Großväter in uns, den Nachgeborenen, bleibt. Etwas von dieser Grausamkeit, etwas von der Angst lebt in uns fort. "Niemand auf der Welt kann ein Leben, sei es nun lang oder kurz gewesen, ungeschehen machen", schrieb Rothmann in seinem Roman "Feuer brennt nicht" aus dem Jahr 2009. "Es hat einmal für immer stattgefunden, es hat eingewirkt auf den vergangenen, es wirkt ein auf den gegenwärtigen und wird einwirken auf den künftigen Zustand der Mysterien."
Das ist die Voraussetzung für Rothmanns neues Buch. Eine ähnliche Konstellation – Vater in der SS, der Sohn versucht, den Prägungen zu entfliehen – hatte Rothmann schon einmal in seiner frühen Erzählung "Der Windfisch" (1988) beschrieben. Wir Leser wissen nicht, ob er in diesen Büchern die Geschichte seines eigenen Vaters rekonstruiert. Aber wir müssen es auch gar nicht wissen. Denn die innere Notwendigkeit, von der das neue Buch vorangetrieben wird, die teilt sich dem Leser sofort mit. Ein Vakuum musste gefüllt werden: mit Wahrheit, mit einer Geschichte.
Der Icherzähler ist nur auf den ersten paar Seiten präsent, dann sind wir ganz im Damals, bei Walter Urban und seinem Freund Fiete. Erst im Epilog ist das Ich zurück. Das Grab seiner Eltern soll aufgelöst werden. "Ruhezeit beendet" heißt es auf dem amtlichen Schreiben. Die Ruhezeit ist beendet, das heißt, die Unruhe beginnt. Am Ende sehen wir den Erzähler im Schnee über den Friedhof streifen, erst hier will er entscheiden, ob er das Grab einebnen lässt. Es ist, als ginge er über Kränze, Schleifen leuchten schwarz-rot-golden. Der Friedhof Deutschland. Er findet das Grab der eigenen Eltern nicht mehr. Die Stille ist vollkommen.
Auch Walter, der Vater des Erzählers, hatte einmal das Grab seines Vaters gesucht. Es war im Krieg, der Vater war Wachmann im KZ Dachau gewesen, man hatte ihn strafversetzt, an die Front. Walter rast in den letzten Kriegswochen mit dem BMW-Motorrad über Felder, durch verlassene Dörfer, in Richtung Stuhlweißenburg, wo er das Grab des Vaters vermutet. "Da findest du nur dein eigenes Grab", lautet die Warnung eines deutschen Offiziers.
Walters Vater war ein gewalttätiger Tyrann, es lässt sich fast nichts Gutes über ihn sagen, angeblich hat er später in Dachau Häftlingen Zigaretten geschenkt. Minimale Heldentat eines Verbrechers. Das hat ihn an die Front und in den Tod gebracht. Walter mochte diesen Vater nicht, aber nun, wo er weiß, dass er tot ist, sagt er, "ist irgendetwas verkehrt mit mir, ich hab dauernd Angst, richtigen Schiss, bevor wir rausfahren". Obwohl der Vater ihn nie vor irgendetwas beschützt hat, fühlt er sich plötzlich schutzlos, und auch sein Bart, das hat er beobachtet, wächst seit der Todesnachricht schneller.
Manches liest sich etwas mystisch verklärt in Rothmanns Kriegsbuch. Der plötzlich wachsende Bart, die Angst. Es sind mitunter beinahe übersinnliche Bilder, die in Rothmanns Roman plausibel klingen und unbedingt möglich und vor allem schön. Rothmann konzentriert sich auf wenige Momente. Er muss kein Gesellschaftspanorama aufziehen, den Ehrgeiz hat er gar nicht. Das, was er erzählen möchte, erzählt er hier komprimiert und frei.
Alles läuft hinaus auf diese eine zentrale Szene: Fiete ist abgehauen. Er wollte einfach nicht mehr mitmachen. Dachte, er käme schon davon. Aber er kam nicht davon, jetzt wird er erschossen, von seinen eigenen Kameraden. Es gibt keine Möglichkeit, den Befehl zu verweigern, wenn man nicht selbst erschossen werden will. Am Ende, nach der Exekution, untersucht ein Arzt mit einem Bleistift die Zahl der Einschusslöcher. Wenn nicht jeder aus der Truppe getroffen hat, sind die Folgen fatal.
Auch Walter ist einer der Schützen. Das Gespräch der beiden vorher in der Todeszelle ist von großer epischer Kraft. Sie sprechen es nicht aus, aber Fiete ahnt, dass der Freund zu den Schützen zählen wird. Fiete berichtet von seinem Vater, der in einem Krieg zuvor von Franzosen mehrfach scheinexekutiert wurde. So aus Spaß. Dreimal musste er sein eigenes Grab schaufeln, dreimal stand er mit verbundenen Augen dem Erschießungskommando gegenüber. Auch als Fiete noch nichts davon wusste, hat er eine solche Szene immer und immer wieder geträumt. "Und einmal, als ich meine Träume erwähnte, sagte er mir, dass es ein Gedächtnis der Zellen in unserem Körper gibt, auch der Samen- und Eizellen also, und das wird vererbt. Seelisch oder körperlich verwundet zu werden macht was mit den Nachkommen." Und Walter fragt seinen Freund, den er gleich erschießen wird: "Und was ist mit dem, der schießen muss? Was vererbt der?" Fiete lächelt matt. Was soll er sagen? Walter trösten? "Woher soll denn ich das wissen, Häuptling", fragt er. "Wahrscheinlich eine große Traurigkeit ..."
Später auf dem Richtplatz. Fiete kommt auf Strümpfen. Der Vorgesetzte korrigiert noch den Lauf der Gewehre in Richtung Herz, dann heißt es "Alle fertig? Und ... zack!", dann die Schüsse, Verblüffung im Gesicht des Getroffenen über die Wucht der Einschläge, dann entweicht etwas Atem aus den Einschusslöchern. Der Arzt tippt die Einschüsse mit dem Bleistift ab.
Als Walter nach dem Krieg seine Freundin wiedersieht, sagt er: "Ich hab kaum einen Schuss abgefeuert, genau genommen nur einen."
Später, als er als alter Mann längst seinen Verstand verloren hat, rafft er manchmal das Nachthemd über der Brust zusammen und fragt, ob das denn niemand höre. Was denn? Was denn? Fragen sich die Besucher, und seine Frau murmelt nur: "Ah, jetzt ist er wieder im Krieg."
Er blieb im Krieg, bis zu seinem Tod. Er war 18, als die Menschen ihm sagten, er habe jetzt genug erlebt, für den Rest seines Lebens. Der Rest des Lebens, das war dann noch fast ein ganzes Menschenalter lang. Und mehr als das.
Ein Schatten davon, eine Ahnung dieser Erlebnisse, eine Angst lebt in dem Sohn fort, der ein Grab sucht zwischen deutschen Kränzen und es nicht findet. "Abwesend und doch anwesend", hatte Uwe Timm über seinen Bruder geschrieben. Und Günter Grass schrieb von dem längeren Versuch, den SS-Mann, den er im "Tagebuch einer Schnecke" Manfred Augst nannte, "als Fußnote loszuwerden". Er wurde ihn nicht los, nicht ihn, den anderen, und nicht sich selbst und seine eigene Geschichte.
* Ralf Rothmann: "Im Frühling sterben". Suhrkamp Verlag, Berlin; 236 Seiten; 19,95 Euro.
Von Volker Weidermann

DER SPIEGEL 25/2015
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