13.06.2015

Interview„Mehr Experimente!“

Kulturstaatsministerin Monika Grütters, 53, über den Deutschen Filmpreis, den Zustand des deutschen Kinos und eine Frauenquote für Regisseure
SPIEGEL: Frau Grütters, am 19. Juni vergeben Sie die Deutschen Filmpreise, also Lola-Statuen und Preisgelder in Höhe von fast drei Millionen Euro. Sind die Filme das wert?
Grütters: Es sind wieder sehr gute Filme dabei wie "Victoria" oder "Im Labyrinth des Schweigens", der die Vorgeschichte der Frankfurter Auschwitz-Prozesse erzählt und mich tief berührt hat. Mit fast 27 Prozent Marktanteil für deutsche Filme haben wir ein gutes Kinojahr 2014 hinter uns. Im ersten Quartal 2015 waren es sogar mehr als 33 Prozent.
SPIEGEL: Diese Marktanteile verdanken Sie Komödien wie Til Schweigers Film "Honig im Kopf", der fast sieben Millionen Zuschauer hatte. Wenn wir schon von Zahlen reden: 2014 sind rund 230 deutsche Filme ins Kino gekommen, mehr als doppelt so viele wie vor zehn Jahren.
Grütters: Kommt jetzt auch bei Ihnen der böse Vorwurf der "Filmschwemme"?
SPIEGEL: Die Frage ist, ob der Steuerzahler so viele Filme alimentieren muss wie Sozialfälle.
Grütters: Ich bin fest davon überzeugt, dass Künstler dann besonders gut sind, wenn sie wissen, dass sie nicht zwangsläufig gefallen müssen. Wenn sie dennoch auch an der Kinokasse erfolgreich sind, umso besser. Aber das ist nicht primärer Zweck staatlicher Kulturförderung. Vielmehr ist es ihre Aufgabe, eine größtmögliche Freiheit der Kunst zu ermöglichen. Mit ästhetischen Ansätzen, die vielleicht gerade nicht bequem sind, die auch so etwas wie einen avantgardistischen Geist in unsere Gesellschaft tragen.
SPIEGEL: Sie sprechen von Kulturförderung, aber es geht beim Film auch um Wirtschaftsförderung. Die darf man aber nicht so nennen, weil Sie sonst Probleme mit der EU bekämen, die solche Subventionen eigentlich verbietet.
Grütters: Es geht um den Doppelcharakter des Films: Er ist zugleich Wirtschaftsprodukt und Kulturgut, Träger kultureller Werte. Es stimmt, dass wir in Deutschland insgesamt rund 325 Millionen Euro für den Filmbereich ausgeben, davon mehr als 80 Millionen allein hier beim Bund. Aber ohne Subventionen gäbe es fast überhaupt keine deutschen Filme. Wollen Sie das?
SPIEGEL: Haben Sie den Eindruck, dass dieses System der Filmförderung genügend herausragende Werke produziert?
Grütters: Darüber kann und muss man sicher diskutieren. Zu meinen Aufgaben gehört es vor allem, Filme überhaupt erst zu ermöglichen. Die Filmförderung in Deutschland ist ein sehr komplexes, gewachsenes System. Veränderungen sind schwierig. Einiges finde ich bedauerlich: Es gab mal eine mutigere Regisseurgeneration, Künstler wie Werner Herzog, Wim Wenders oder Volker Schlöndorff. Ich will keinem Regisseur der jüngeren Generation zu nahe treten. Matthias Schweighöfer, Til Schweiger oder die Macher von "Fack ju Göhte" und anderen Komödien – sie alle verstehen ihr Handwerk. Das ist gekonnte Unterhaltung. Als Kulturstaatsministerin interessiert mich aber viel mehr noch das künstlerische Experiment.
SPIEGEL: Um Fördergelder zu bekommen, müssen Filmemacher heute vor allem konsensfähige Konzepte vorlegen. Mut zum Risiko wird eher nicht belohnt.
Grütters: Das ist ein großes Problem. Unsere Förderstruktur ist gut gemeint, führt aber nicht immer zu den gewünschten Ergebnissen. Die Produzenten müssen ihr Geld manchmal bei vier oder fünf verschiedenen Länderförderern zusammenkratzen. Jeder Geldgeber erwartet dann völlig zu Recht, dass seine Bedingungen erfüllt werden.
SPIEGEL: Zum Beispiel, dass in seinem Bundesland gedreht wird.
Grütters: So ist es. Aber mitunter werden dabei zu viele Kompromisse gemacht. In den vielen Gremien, die die Gelder vergeben, werden gute Ideen manchmal so herunterdekliniert, dass nur ein weichgespültes Produkt herauskommt. Und die Vertreter von ARD und ZDF in den Gremien achten auf eine zusätzliche Verwertbarkeit im Fernsehen. Das soll kein Vorwurf sein. Aber so werden Kinoformate fernsehtauglich gemacht. Ich fürchte, dass unser System manche spektakuläre Filmidee schon im Keim hemmt.
SPIEGEL: Man hat manchmal den Eindruck, die Filmindustrie sei ein geschlossenes System. Die Produzenten stellen Anträge, die Förderer bewilligen Gelder.
Grütters: Ja, eine gewisse Ritualisierung gibt es schon.
SPIEGEL: Der Zuschauer stört dabei nur. Das System funktioniert auch ohne ihn.
Grütters: Ja, wenn Sie so wollen – oder eben umgekehrt: Man "designt" sich einen idealtypischen Zuschauer, der so allgemein ist, dass er für alles Mögliche zur Begründung und am Ende für jeden Film taugt. Dass nicht die Kulturambition im Vordergrund steht, ist sicherlich ein Systemproblem. Dazu gehört auch das Thema Frauen im Film. Ich bin keine Kampfhenne, aber für das Anliegen von "Pro Quote Regie" habe ich Sympathien.
SPIEGEL: Ein Verein, der die vermeintliche Benachteiligung von Regisseurinnen gegenüber männlichen Kollegen beklagt.
Grütters: Vermeintlich? Ich glaube nicht, dass Frauen schlechtere Filme machen als Männer. Aber die Branche wird überproportional von Männern dominiert.
SPIEGEL: Wie man's nimmt. Die Entscheidungen, wer Regieaufträge bekommt, werden überwiegend von Frauen getroffen. Frauen leiten fast alle Fernsehfilmredaktionen bei ARD und ZDF sowie die beiden größten regionalen Filmförderer. Wollen Sie, dass Produzenten in den Anträgen auf Fördermittel eine Frauenquote erfüllen müssen?
Grütters: Nein. Im Kulturbetrieb hat eine Quote wenig zu suchen, da geht es nur um künstlerische Klasse. Aber zum Beispiel beim Verwaltungsrat oder bei der Vergabekommission der FFA, wo unter 13 Mitgliedern nur eine Frau sitzt, ist noch sehr viel zu verbessern.
SPIEGEL: Wie wollen Sie das Filmfördersystem verbessern? Weniger Gremien, mehr Macht für den Bund? Für Sie?
Grütters: Wir sollten das System möglichst vereinfachen. Die Förderlandschaft ist, durch unser föderales System bedingt, sehr fragmentiert. Die bundesweite Förderung steuert immerhin dagegen, sie ist standortunabhängig. Die kulturelle Filmförderung hier beim Bund könnten wir stärken, weil sich hier bessere Möglichkeiten für den kreativen künstlerischen Film ergeben. Und die Stoffentwicklung muss ausgebaut werden. In Deutschland entstehen trotz unserer ausdrücklichen Förderung leider zu wenige gute Drehbücher. Auch müssen wir uns fragen, ob immer Gremien entscheiden sollten, welche Filme gedreht werden. Wenn man mutige Filme will, sollten vielleicht nicht zu viele Leute mitreden. Ein Intendantenmodell hat da durchaus Vorteile.
Interview: Lars-Olav Beier, Martin Wolf
Von Lars-Olav Beier und Martin Wolf

DER SPIEGEL 25/2015
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