13.06.2015

BücherBastelanleitung für einen Bestseller

Vor zwei Jahren lieferte die Londoner Autorin Paula Hawkins ein halb fertiges Manuskript bei ihrer Agentin ab. Systematisch wurde daraus der Welterfolg „Girl on the Train“ entwickelt.
Noch kennen nur wenige Leser in Deutschland den Namen Paula Hawkins. Das wird sich ändern. Seit zwei Jahren arbeiten Lektoren, Agenten und Marketingexperten daran, dass in diesem Sommer kaum jemand an dem Roman "Girl on the Train" vorbeikommen wird. Wer in den nächsten Wochen in einer Bahnhofsbuchhandlung nach dem Thriller greift, wer sich das Buch als Urlaubslektüre einpackt oder ein verregnetes Wochenende damit verbringt, vollzieht nur den letzten Schachzug in einem aufwendig geplanten Vermarktungsspektakel. Dessen Ziel war von Anfang an Platz eins der Bestsellerliste. Möglichst viele Wochen lang.
Ob dieser Plan aufgehen wird, ist nicht gewiss. Es gehört zum Charme des Buchgeschäfts, dass sich manche Erfolge überraschend einstellen, während Bücher, deren Manuskript von Verlagen teuer eingekauft wurde, am Ende in den Regalen liegen bleiben.
Am 15. Juni kommt "Girl on the Train" mit einer Startauflage von 130 000 Exemplaren in die deutschen Buchhandlungen. Am selben Tag werden auf den Bahnhöfen von Aachen bis Würzburg in 57 Städten auf 340 Leuchtflächen Plakate aufgehängt. Die Bundesbahn verteilt in 45 ICE-Zügen eine Woche lang 23 000 Leseproben. Zudem werden Anzeigen in Zeitungen und Magazinen geschaltet. Auch im SPIEGEL. Wie hoch das Werbebudget veranschlagt wurde, will der Blanvalet Verlag nicht sagen, die Kosten seien "nicht unerheblich". Nichts wird dem Zufall überlassen, der Erfolg als Arbeitssieg, als Wiederholung des-
sen, was im Ausland bereits gelang: In Großbritannien wurden bisher über eine Million Exemplare verkauft, in den USA mehr als zwei Millionen.
Paula Hawkins, 42, hat sich im Snooker Room des Londoner Groucho Clubs die dunkelste Ecke ausgesucht. Sie muss einen Interviewtag mit Journalisten deutscher Medien absolvieren; England, Frankreich, Schweden, Belgien, Holland hat sie schon hinter sich. Jede Stunde kommt jemand anderes durch die Tür und stellt seine Fragen. Hawkins trägt schwarze Hose, schwarze Bluse, dazu ein orangefarbenes Tuch. Bis 2009 war sie selbst Journalistin, Wirtschaftszeitungen, sie kennt das Geschäft.
Mit tiefer Stimme beantwortet sie zügig die gestellten Frage: Nein, ihr Roman sei unabhängig von dem Millionenbestseller "Gone Girl" entstanden, der 2012 erschien – ebenfalls ein Thriller über eine junge Frau, geschrieben von einer ehemaligen Journalistin, von Hollywood verfilmt. Hawkins sagt, es sei Zufall, dass in beiden Titeln das Wort "Girl" vorkomme. Ja, sie sei selbst eine Zeit lang mit dem Zug gependelt, dabei habe sie die Idee gehabt, diese Situation für einen Roman zu nutzen.
Die Heldin Rachel ist schon zu Beginn des Romans ziemlich am Boden. Ihr Freund hat sie für eine andere Frau verlassen, seitdem trinkt Rachel zu viel Weißwein und Gin Tonic aus Dosen, sie hat ihren Job verloren und wohnt bei einer Freundin zur Untermiete. Oft weiß Rachel nicht mehr, was sie am Tag zuvor erlebt hat, eine ramponierte Heldin, eine unzuverlässige Erzählerin.
Jeden Tag steigt Rachel in den Vorortzug Richtung London, sie will die Fassade eines geregelten Lebens aufrechterhalten. Zudem führt die Strecke sie vorbei an jenem Haus, in dem sie einst mit ihrem Freund Tom lebte. Heute ist Tom mit Anna verheiratet, die beiden haben eine kleine Tochter. Ein paar Häuser weiter wohnt ein Paar, das Rachel fast noch mehr interessiert, weil es so glücklich und so perfekt wirkt. Furchtbar gern wäre Rachel genau wie die beiden. Bis eines Tages die perfekte Frau mit einem fremden Mann Kaffee trinkt. Rachel beobachtet das vom Zug aus, der auf diesem Streckenabschnitt wegen Bauarbeiten oft anhalten muss. Bald darauf ist die perfekte Frau verschwunden.
Hawkins hat bereits vier Romane veröffentlicht, harmlose, romantische Geschichte, für die sie das Pseudonym Amy Silver wählte. "Girl on the Train" erscheint nun unter ihrem richtigen Namen. Warum? Weil sie in diesem Buch jene Themen verhandle, die sie wirklich interessierten: die psychologischen Auswirkungen von Gewalt. Und was der Druck, ein glückliches Leben führen zu wollen – mit einem guten Job, mit einer Partnerschaft und vielleicht auch mit Kindern –, im Leben von Frauen zwischen Mitte zwanzig und vierzig anrichtet. "Ich war an einem Punkt, an dem es nicht gut lief", sagt Hawkins. "Ich dachte mir: Okay, ich probiere es mit einem Thriller. Wenn das nicht funktioniert, muss ich etwas anderes machen."
Es hat funktioniert. So gut, dass die Autorin nun Einblicke in ihr Leben gewähren und geschminkt für Fotos posieren muss. Ohne diese Auftritte wäre der Plan vom Weltbestseller nicht zu verwirklichen. Hawkins weiß das. Sie spielt mit. Aber wohl fühlt sich dabei nicht. Unentwegt dreht sie einen Zipfel ihres orangefarbenen Tuchs zwischen den Fingern.
Im Sommer 2013 hatte die Lektorin Wiebke Rossa des Münchner Blanvalet Verlags als eine der Allerersten das Manuskript des Romans zu lesen bekommen, besser gesagt: die erste Hälfte davon. Mehr hatte Hawkins zu dem Zeitpunkt noch nicht geschrieben. Rossa erkannte das Besondere an dem Buch, "eine Tiefe, die in dem Genre selten ist", am nächsten Tag kaufte ihr Verlag bei der Londoner Agentur die deutschen Rechte. "Das war unglaublich", sagte Alice Howe, die britische Agentin von Hawkins. Der Jubel ist ihr noch zwei Jahre später anzuhören. Vermutlich braucht es Leute wie Howe, Leute mit Hochdruck-Begeisterung, um Erfolge wie den von "Girl on the Train" zu konstruieren.
Howes Büro bei der Agentur David Higham Associates ist vielleicht acht Quadratmeter groß und durch eine Glasscheibe von einem Großraumbüro abgetrennt, in dem wie in einer Fernsehserie lauter hübsche junge Frauen arbeiten. Howe spricht das leicht überartikulierte Britisch der besseren Kreise. "Um das ganz deutlich zu machen, der Erfolg dieses Romans wäre nicht möglich gewesen, wenn es kein guter Roman wäre." Und dann legt Howe nicht ohne Stolz dar, wie sie und ihr Team aus einem halben Manuskript einen Bestseller entwickelten. Wie nach dem Angebot aus Deutschland die Auktion für das Buch in Großbritannien heiß umkämpft war. Rasch entstand das Gerücht, hier sei ein großartiger Text zu verkaufen. Der Abschluss in England befeuerte das Branchengerede, bis Ende des Jahres 2013 wurden zehn internationale Lizenzen verkauft. Zu dem Zeitpunkt hatte Hawkins das Buch noch immer nicht zu Ende geschrieben. Es galt, etwas Ruhe einkehren zu lassen, denn der britische Erscheinungstermin war für Januar 2015 festgelegt worden, und bis dahin hätte sich das Level an Aufregung nicht aufrechterhalten lassen.
In der Zwischenzeit filterten Howe und ihr Team jene zwei Themen aus dem Buch, mit denen sie "Girl on the Train" vermarkten wollten: das Zugfahren, ein Motiv, das schon Agatha Christie schätzte, und das Vergnügen am Voyeurismus, daran, anderen Menschen in die Fenster und damit in ihr Leben zu schauen. Ein "pitch" wurde entwickelt, ein einprägsamer Satz, mit dem sich das Buch verkaufen ließ: "You don't know her, but she knows you." Du kennst sie nicht, aber sie kennt dich. Im März 2014 stieg der amerikanische Verlag Riverhead ein, Dreamworks kaufte die Filmrechte, die Umdrehungszahl erhöhte sich wieder. Weitere internationale Rechte wurden vergeben. Bis heute sind es 45, zuletzt beteiligte sich ein Verlag aus der Mongolei.
"Die Aufmerksamkeit für ein Buch muss gebündelt werden, das ist das alles Entscheidende", sagt Howe. Zum britischen Verkaufsstart wurden Leseexemplare an Blogger verschickt, punktgenau sollte die Neugier geschürt werden. Es gab verschiedene "train based activities", wie Howe es nennt, Verkaufsideen rund um Züge. In Schweden beispielsweise versammelte sich ein Flashmob an einem Bahnhof, erste Exemplare wurden gelesen und für Interessierte einfach liegen gelassen.
Eines von Howes Lieblingswörtern ist "epicenter", sie und ihr Team waren das Epizentrum, 18 Monate lang haben sie gearbeitet, dann kam der Roman in den Handel: 15 Wochen lang Platz eins der UK-Bestsellerliste. Dass auch noch Stephen King einen Tweet absetzte und den Roman lobte, hätte sich Howe nicht besser ausdenken können. Ein Instagram-Foto der Schauspielerin Jennifer Aniston spielte dann schon keine entscheidende Rolle mehr.
Seit Kurzem wird kolportiert, dass die britische Schauspielerin Emily Blunt die Hauptrolle in der Blockbuster-Verfilmung spielen könnte. Howe nennt die Autorin Paula Hawkins eine sehr besonnene Frau. Das muss man wohl auch sein, um mit so einem Erfolgsbeben umgehen zu können.
Das Seltsame an dieser ganzen Geschichte ist, dass "Girl on the Train" eigentlich ein ganz altmodischer Roman ist, mit einer ordentlich strukturierten Handlung, mit einfühlsam geschilderten Charakteren und, ehrlich gesagt: Er ist gar nicht so schlecht.
Paula Hawkins: "Girl on the Train". Aus dem Englischen von Christoph Göhler. Blanvalet Verlag, München; 448 Seiten; 12,99 Euro. Erscheint am 15. Juni.
Von Claudia Voigt

DER SPIEGEL 25/2015
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