13.06.2015

FilmkritikBerliner Gangsterschule

Christoph Hochhäuslers Film „Die Lügen der Sieger“ zeigt die Hauptstadtpolitik als Spielplatz finsterer Verschwörer.
Deutschlands Hauptstadt kann aussehen wie ein Vorort von Chicago. Schöne Frauen mit nackten Schultern und grimmige Typen mit großen Geldscheinen vergnügen sich nachts in illegalen Zockerklubs; Maßanzugmafiosi fällen Todesurteile am blank polierten Sitzungstisch einer Hochhausetage; und selbst die Hüter des Gesetzes ermitteln in dem Film "Die Lügen der Sieger" so lasch, als stünden sie längst aufseiten der satanischen Kräfte, die das Land der Deutschen beherrschen.
Selten waren im deutschen Kino zwei Helden mit so viel Schurkerei konfrontiert wie die Darsteller Lilith Stangenberg und Florian David Fitz in dem Großstadtthriller des Regisseurs Christoph Hochhäusler. Stangenberg und Fitz spielen zwei Journalisten, die im Berliner Büro eines Hamburger Nachrichten-Magazins arbeiten, das im Film "Die Woche" heißt und dem SPIEGEL ziemlich ähnlich ist. Fitz ist Fabian Groys, ein Reporterhaudegen, der dem Schicksal von Afghanistanveteranen aus der Bundeswehr hinterherrecherchiert. Stangenberg spielt Nadja, die verpeilte Volontärin an Groys' Seite – und wird von ihrem neuen Chef gleich mal in den Gelsenkirchener Zoo beordert, wo sich ein Selbstmörder ins Löwengehege gestürzt hat.
Der Profischnüffler schickt ein Greenhorn dorthin, wo nicht mal der Pfeffer wächst – natürlich kennen Kinofans diesen Storyauftakt aus Hollywoodklassikern, in denen Detektive und Reporter dem Verbrechen auf der Spur sind. Regisseur Hochhäusler interessiert sich nur minimal für die realistische Wiedergabe des Journalistenalltags, der Gangstergeschäfte und der Politikerumtriebe im Deutschland des Jahres 2015. "Die Lügen der Sieger" ist der Film eines Fabulierers, nicht der eines Dokumentaristen. Und so führt er die Nöte seiner Figuren wie in einem Comic vor: das "Wir brauchen Fakten"-Hickhack um Groys in der "Woche"-Redaktion, seinen Stress am Spieltisch und die Umtriebe von Dunkelmännern der Chemieindustrie und Politikern, die den Reporter Groys manipulieren wollen.
Filmemacher Hochhäusler gilt Kritikern als Mitglied einer Verschwörerbande, der "Berliner Schule". Für die schleppend erzählten und mehr am Einfangen von Stimmungen denn an Storys interessierten Arbeiten von Regisseuren wie Angela Schanelec ("Marseille"), Thomas Arslan ("Im Schatten"), Christian Petzold ("Yella") und eben Hochhäusler prägten zuerst einige französische Kritiker um 2003 das Label "Nouvelle vague allemande" respektive "Berliner Schule"; just zu der Zeit, als Hochhäusler gerade seinen karg erzählten Familiengruselfilm "Milchwald" auf Festivals präsentierte.
Mit anderen Kinobegeisterten gibt Hochhäusler die zweimal im Jahr in Kleinstauflage erscheinende Filmzeitschrift "Revolver" heraus. Sie versteht sich als Kampforgan "für ein Kino der persönlichen Perspektive und des erzählerischen Risikos".
Von einem eigenen Kunstwillen zeugt auch "Die Lügen der Sieger". Man sieht Florian David Fitz darin die Fitz-Paraderolle eines gebeutelten Helden spielen. Der Reporter Groys muss sich regelmäßig Insulin spritzen, weil er Diabetes hat, er fieberträumt bei Tag und Nacht, wie er seinen Geldsorgen entkommen könnte, und er verliebt sich nach und nach in seine gar nicht unbegabte Kollegin Nadja. Wie schon die Helden in Hochhäuslers Filmen "Falscher Bekenner" (2005) und "Unter dir die Stadt" (2010) bewegt sich auch Groys durch eine mehr und mehr surreale Welt. Man müsse "dahin gehen, wo's wehtut", sagt einmal einer der Großschurken unter Groys' Gegenspielern. Dabei trägt der Held den Schmerz schon die ganze Zeit über im Gesicht.
Das Kraftzentrum des Films sind die Perspektiven und Blicke, die Hochhäusler in einem Land der fast totalen Überwachung entdeckt. Die Kälte und Leere der Gesichter entspricht den Räumen, in denen sich die Figuren bewegen, in der U-Bahn, im Büro, in der Wohnung. Sie sind Versuchsobjekte, Laborlebewesen, beobachtet von Überwachungskameras, abgehört von verborgenen Mikrofonen. Ein merkwürdiger Mangel an Leidenschaft ist die Konsequenz ihrer berechtigten Paranoia. Hochhäuslers Filme, so hat Regisseur Dominik Graf mal in einer Preisrede gesagt, erzählten von einer "unsichtbaren Zentrifugalkraft", mit der die Menschen unserer Gegenwart unter dem Vorwand ökonomischer und politischer Zwänge auseinandergetrieben würden, von "einem Krieg jeder gegen jeden".
Man kann dem Film "Die Lügen der Sieger" vorwerfen, dass er die Geschichte, der das Reporterduo Groys und Nadja nachspürt, mehr und mehr aus den Augen verliert – weil er den Kinozuschauer, statt ihn mit einer Krimiauflösung zu beruhigen, lieber mit einer Lektion über das Misstrauen zwischen den Menschen und über die Verbrecherrolle der Politiklobbyisten aus dem Zuschauerraum entlassen will.
Zum Glück begreift Hochhäusler den Beruf des Regisseurs dann doch weniger als Job eines Predigers denn als Mission eines Visionärs. Für eine Welt, die alles in allem ein Löwenkäfig ist, wie uns dieser Film weismachen will, findet "Die Lügen der Sieger" nicht nur finstere, sondern auch verblüffend schöne Bilder.
Kinostart: 18. Juni
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 25/2015
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