13.06.2015

GESTORBENLegenden der Leichtigkeit

Zum Tod von Pierre Brice, James Last und Paul Sahner
Es mag absurd erscheinen, angesichts des Todes zweier alter Männer zu behaupten, sie seien plötzlich und unerwartet verstorben. Aber genau so fühlte es sich in dieser Woche an. Pierre Brice ist tot. James Last ist tot. Deutschlands Lieblingsindianer und der erfolgreichste Bandleader der Welt starben beide mit 86 Jahren. Brice, der ewige Winnetou, am 6. Juni in der Nähe von Paris. Last, der eigentlich Hansi hieß und aus Bremen stammte, am 9. Juni in seiner Wahlheimat Miami.
Der Tod eines Prominenten berührt Menschen nicht nur dann besonders, wenn er früh eintritt, wie etwa bei Amy Winehouse oder Michael Jackson. Sondern ebenso, wenn er zu einem Zeitpunkt kommt, an dem der Star bereits zur Legende, also scheinbar untersterblich geworden ist. Zuletzt war das im Dezember so, beim Tod von Udo Jürgens.
Mit Brice und Last ist nun ein weiterer Teil der alten Bundesrepublik verschwunden. Ein Stück Lebensgefühl der Sechziger- und Siebzigerjahre, konserviert in Erinnerungen, die vortäuschen, früher sei alles besser gewesen. Oder zumindest heiterer.
Zwar können vermutlich die wenigsten aus dem Stand heraus einen Last-Song nennen, außer vielleicht das sanft vor sich hinplätschernde "Biscaya", unterlegt mit dem Klang von Wellen. Kaum jemand wird auch die elf Karl-May-Filme auseinanderhalten können, für die Pierre Brice sich aufs Pferd schwang. Zum Allgemeinwissen zählt allenfalls noch, dass der Häuptling der Apachen am Ende von "Winnetou III" stirbt.
Doch jeder, der in den Sechzigern und Siebzigern aufgewachsen ist, wird sich daran erinnern, wie er Brice mit schwarzer Langhaarperücke zum ersten Mal über den Bildschirm reiten sah, und im Partykeller legten die Eltern eine Platte von Last auf. Brice kam als Winnetou stets in friedlicher Mission, Last in fröhlicher. Brice sagte feierlich: "Mein Bruder!" Last schnippte mit den Fingern. Es schien, als könnten sie die Welt ein bisschen besser machen.
Mit ihrem Lebenswerk gingen beide sehr unterschiedlich um. Brice, der nirgends so berühmt war wie in Deutschland, hütete seinen Legendenstatus wie einen Schatz. Als der Comedian Bully Herbig 2001 in "Wetten, dass ..?" seine Winnetou-Parodie "Der Schuh des Manitu" bewarb, schimpfte Brice neben ihm auf der Couch über diese Respektlosigkeit. Last dagegen zeigte sich für die Ideen nachfolgender Generationen aufgeschlossen; er hatte Spaß daran, als Senior mit der Band Fettes Brot zu rappen, was peinlich hätte werden können, jedoch zur Huldigung eines Altstars geriet.
Denkmäler müssen gepflegt werden. Unter den Zeitschriften übernimmt diese Aufgabe mit Hingabe die "Bunte", die für Prominente von einst immer ein Plätzchen freiräumt. Dem greisen Johannes Heesters etwa ließ das "People"-Magazin bis zum Tod jedes Jahr einen Bambi zukommen und berichtete darüber. Für die Heesters-Betreuung war der langjährige Chefreporter Paul Sahner zuständig, der am 7. Juni 70-jährig im bayerischen Marquartstein verstarb.
Sahner pflegte hauptberuflich Freundschaften. Mit den meisten deutschen Stars war er per Du, Nähe herzustellen war seine größte Stärke. Prominente beichteten ihm intimste Dinge. Rudolf Scharping, damals Verteidigungsminister, ließ sich für ihn turtelnd im Pool fotografieren, eine Dummheit, die diesen bis heute verfolgt. Sahner war listig. Und schnell. Sein letztes Buch war eine Monografie über Udo Jürgens, als es erschien, war der gerade vier Wochen tot.
RTL übrigens wird in diesem Sommer "Winnetou" neu verfilmen. Der Darsteller steht noch nicht fest, heißt es beim Sender. Egal, wie gut er es machen wird: Für die Älteren wird es immer nur einen Winnetou geben. Nostalgie kann sehr ungerecht sein.
Von Akü,

DER SPIEGEL 25/2015
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