27.06.2015

TyranneiWas Gott zulässt

Vor einem Jahr haben Islamisten in Syrien und im Irak ihr Kalifat ausgerufen. Seitdem überziehen sie die Welt mit Propagandabildern des Grauens. Der Alltag, der dahinter steht, ist akribisch organisierter Horror. Von Uwe Buse und Katrin Kuntz
Vier Männer, in ein Auto gesperrt und per Granate aus der Panzerfaust getötet; sieben Männer, per Zündschnur verbunden und gemeinsam in die Luft gesprengt; fünf Männer, in einen Metallkäfig gesteckt und zum Ertrinken im Wasser versenkt – 16 Männer waren es, von denen wir seit dieser Woche wissen, dass sie grausam umgebracht wurden, weil es den Henkern des "Islamischen Staats" gefallen hat, die Opfer beim Sterben zu filmen.
Es sind Filme, sorgsam inszeniert und über alle modernen Kanäle verbreitet, die direkt aus der Hölle zu kommen scheinen. Die neuen Kalifen oder die sich dafür halten führen einen Totentanz sondergleichen auf, es ist ein Horror wie gemalt von Hieronymus Bosch – aber diese Killer und Henker sind nicht erfunden. Es sind heute in Syrien und an Euphrat und Tigris, wo die menschliche Zivilisation einst begann, keine Figuren aus Albträumen am Werk, sondern real existierende Akteure der Zeitgeschichte mit einer größenwahnsinnigen Agenda. Und statt ihre Morde zu verstecken, laden sie, im Gegenteil, noch alle Welt zum Zuschauen ein, stolz auf die entgrenzte Brutalität, die sowohl zur militärischen Strategie gehört als auch zu den Instrumenten der Unterdrückung.
Der "Islamische Staat" ist Faktum und Fiktion zugleich, eine Propagandablase in jedem Fall, aber auch eine neue Gesellschaftsordnung dort, wo er an die Macht gekommen ist. Seit einem knappen Jahr erst ist das "Kalifat" verkündet, und aus der älteren Gruppe ISIS wurde der IS, in der arabischen Welt häufig Da'isch genannt. Gemeint ist immer das Gleiche: Verhandelt wird über eine militante Bewegung, die auch in den irakischen Gefangenenlagern der Amerikaner ihren Ausgang nahm, sich zur Qaida-Filiale im Irak auswuchs und nun als IS Gebiete für sich beansprucht, Gelände für den neuen Staat, erobert von alten Granden des Saddam-Regimes ( SPIEGEL 17/2015).
Dabei ist der "Islamische Staat" reine Behauptung, es gibt bei Licht betrachtet nur ein uneinheitliches Besatzungsregime ohne ein zusammenhängendes Land. Es gibt Städte in seiner Gewalt, Rakka, Ramadi, die Metropole Mossul, es gibt unterwanderte Dörfer in Syrien, im Irak, die der IS beherrscht. Was es zu wenig gibt, sind überprüfbare Fakten.
Wer sich als Reporter nach Rakka wagte, um zu recherchieren, befände sich in unwägbarer Lebensgefahr, die kein seriöses Medium verantworten kann. Wer trotzdem hinfährt, wie der Exbundestagsabgeordnete und Bestsellerautor Jürgen Todenhöfer, ist abhängig von der Gnade seiner Gastgeber und darf nur untertänige Fragen stellen. Aber es gibt andere Wege in das finstere Reich hinein, Zugänge durch die Hintertür, durch den Untergrund. Noch sind nicht alle Leitungen gekappt, noch kann man manchmal telefonieren, skypen, SMS austauschen.
Vor allem gibt es Zirkel engagierter Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, alle Aktivitäten des IS, virtuelle wie handfeste, zu dokumentieren. Es gibt Widerstand in den besetzten Gebieten, mutige Einzelne, die es sich bei aller Gefahr für Leib und Leben zur Aufgabe gemacht haben, die Hoffnung auf ein anderes Leben wachzuhalten und solange in Ton, Bild und Text festzuhalten, wie der Alltag im IS aussieht. Ihnen verdankt der SPIEGEL im Wesentlichen die Einblicke ins Alltagsleben, die hier ausgebreitet sind.
Wir haben Kontakt herstellen können zu Bürgern in Mossul und Rakka, mit Menschen also im "Islamischen Staat". Mit ihnen hatten wir regelmäßig Kontakt, sie führten teils Tagebuch für uns, ihre Aussagen glichen wir ab, teils mit Erzählungen von Menschen, denen die Flucht aus der Terrorzone gelungen ist, teils mit Videomaterial, teils mit Dokumenten.
Der Artikel basiert auf Gesprächen mit IS-Kämpfern, die von kurdischen Truppen gefangen genommen und inhaftiert wurden. Des Weiteren hörten wir in verschiedenen Flüchtlingslagern auf kurdischem Gebiet die Erzählungen jesidischer Frauen, die von IS-Kämpfern verschleppt und versklavt worden waren. Wir konnten sprechen mit politischen Aktivisten der Kampagne "Raqqa Is Being Slaughtered Silently", die unter Lebensgefahr Material aus Rakka und den umliegenden Dörfern veröffentlichen.
Wir taten es in der Gewissheit, dass bei allen Informationen, die den IS betreffen, große Skepsis angebracht ist. Wo es um Dokumente ging, die angeblich vom IS selbst stammten, zog der SPIEGEL Experten der Londoner Quilliam-Foundation und des Middle East Forum in Philadelphia zurate, um die Güte und Authentizität zu bewerten – nicht wenige wurden als Fälschung aussortiert.
Wie mit den Papieren zu verfahren ist, die der IS selbst reichlich produziert, um Rechenschaft über sein Tun zu geben, ist eine schwer zu beantwortende Frage. Wie in Diktaturen üblich, scheint auch der IS die diversen Einsätze seiner islamistischen Killer wie ein akribischer Buchhalter zu sortieren und zu dokumentieren. Die Terrorakte werden stellenweise fein aufgegliedert und in Grafiken aufbereitet, die manchmal aussehen wie aus dem Jahresbericht eines schicken Versandhauses. Dass sich hier Fakten und Propaganda mischen, liegt auf der Hand, und doch sind diese Unterlagen des IS Zeitdokumente, deren Auswertung sich lohnt. Wer manches Dokument sieht, möchte an eine schwarze Satire denken; aber zum Lachen ist hier leider gar nichts mehr.

Überleben in Mossul

Als der IS kam, dachten viele, nun kehre Ordnung ein. Mittlerweile ist alles Leben in der Flut der Verbote erstickt. Das Regime zelebriert seine Macht mit drakonischen Strafen und inszeniert die öffentlichen Hinrichtungen mit dem Schwert wie eine alltägliche Banalität.
Es fällt Ibrahim Aziz (sein Name sowie die Namen der in den folgenden Kapiteln beschriebenen Jesidin und des Bürgerjournalisten aus Rakka sind geändert) schwer, diesen einen Satz zu formulieren. Er klingt jetzt, im zwölften Monat des schwarzen Terrors, so absurd, so naiv, so missverständlich. Der Satz lautet: Meine Frau und ich, wir haben die Ankunft des "Islamischen Staats" in Mossul begrüßt.
Ibrahim Aziz ist Techniker, ein Mann in den mittleren Jahren, ein Mann der Zahlen, Familienvater, politisch mäßig interessiert. Den Großteil seines Lebens hat er in Mossul verbracht, hier ist er aufgewachsen in der Diktatur Saddam Husseins, musste dann widerwillig lernen, mit der Anarchie zu leben, in den zwölf Jahren, die vergangen sind seit dem Einmarsch der internationalen Koalition. Er musste sich arrangieren mit der alltäglichen Kriminalität, die sich breitmachte, als der Irak zerfiel. Mit den Überfällen, Erpressungen, Entführungen, den scheinbar willkürlichen Morden in den Straßen seiner Stadt, denen die Polizei oft gleichgültig zusah und die Aziz' Glauben auf eine harte Probe stellten.
Das andauernde Chaos, die Angst, dass eine verirrte Kugel, die Laune eines schwer bewaffneten Kriminellen, sein Leben, das Leben seiner Frau für immer verändern könnte, zermürbte Aziz im Laufe der Jahre und verwandelte die mordenden Horden des "Islamischen Staats" im Juni des vergangenen Jahres in das kleinere Übel, das Aziz schließlich in seiner Stadt willkommen hieß.
Er und seine Frau hatten verfolgt, was in Syrien geschehen war, wie die Truppen des "Islamischen Staats" im Westen der irakischen Provinz Ninive vorgingen, während sie auf Mossul vorrückten, aber sie sahen über die Barbarei hinweg, waren verzweifelt genug und deshalb entschlossen, nur das vermeintlich Gute zu sehen. Die neue Ordnung, die einkehrte, die Ruhe, die sie so sehr vermissten. Verstehen Sie?, fragt Aziz. Er hofft wohl, dass Deutschen diese Sehnsucht nicht ganz fremd sein kann, die Deutschen, die den Völkermörder Hitler bejubelt und willkommen geheißen haben.
Heute, nach einem Jahr Leben nach den Regeln islamistischer Tyrannen, erscheinen Aziz und seiner Frau diese Hoffnungen zutiefst grotesk. Zwar beherrscht das Chaos nicht länger die Straßen der Stadt, aber an seine Stelle ist nicht Zuversicht getreten, sondern neue Angst. Diesmal ist sie allgegenwärtig, präsent selbst während kurzer, nichtiger Begegnungen, auf der Straße, im Café, beim Einkaufen.
"Ich frage mich ständig, wem ich was sagen kann, wem ich vertrauen kann und wie weit", schreibt Aziz. Er fragt sich: Wer ist ein Denunziant? Wer versucht sich gut zu stellen mit den neuen Machthabern? Wer glaubt, eine alte Rechnung begleichen zu können, indem er Spitzeldienste anbietet, Informationen weiterreicht über Handlungen, Meinungen, die plötzlich ketzerisch und damit strafwürdig sind? Was vor Kurzem noch zum Leben gehörte, findet sich heute auf einer langen absurden Liste von Verboten, aufgestellt vom "Islamischen Staat".
Es ist verboten zu rauchen. Es ist verboten, Alkohol zu trinken. Es ist verboten, Haargel zu tragen. Verboten sind Porträts auf T-Shirts und anderen Kleidungsstücken, egal, ob es sich um den Propheten Mohammed handelt, um Kurt Cobain oder Donald Duck. Männern ist es verboten, glatt rasiert zu sein, Frauen haben den Nikab zu tragen, den Gesichtsschleier in Schwarz, der nur die Augen frei lässt. Weltliche Musik, auch sie ist nun verboten.
Es ist verboten, für Demokratie zu sein, für freie Wahlen. Es ist verboten, Schiiten für rechtgläubige Muslime zu halten, Jesiden für menschliche Wesen. Je weniger Schiiten und Jesiden es gibt, umso besser ist das für die Welt des "Islamischen Staats". Dasselbe gilt für Christen und Juden. Sie haben zu konvertieren oder Schutzgeld zu zahlen. Wer das nicht tut, muss weg. Einzutreten für den multiplen Genozid ist Bürgerpflicht im neuen "Islamischen Staat", der ein Staat der Sunniten sein soll.
Aziz muss leben in dieser unmöglichen Welt, und er tastet sich immer noch voran. Er fragt sich jeden Tag, wie er sich verhalten muss, um nicht in einer Zelle, vor einem Scharia-Gericht zu landen. Was, so fragt er sich zum Beispiel, ist zu tun, wenn man um eine Ecke biegt, auf einem der Plätze der Stadt steht und auf einen Henker stößt, der gerade das Schwert in beide Hände nimmt, vor ihm das kniende Opfer? Wie reagiert man als Zeuge einer öffentlichen Exekution?
Kann man es wagen, einfach zu gehen? Oder muss man bleiben? Reicht es zu bleiben? Oder muss man hinsehen? Reicht es hinzusehen? Oder muss man am Ende in den Jubel des Henkers und seiner Helfer einstimmen? Muss man, wenn der Kopf auf der Straße liegt, Gott preisen, seine Größe, auch wenn jede Faser im eigenen Körper dagegen aufschreit?
Öffentliche Hinrichtungen finden wohl täglich statt im "Islamischen Staat". Sie sind in erster Linie eine Demonstration der Macht, ein Mittel der Abschreckung. Es wäre logisch, solche Hinrichtungen anzukündigen, als Werbemaßnahme für den "Islamischen Staat" gewissermaßen, in Mossul im Programm des Lokalradios zum Beispiel, das sonst nur öde religiöse Predigten und islamistische Propaganda zu bieten hat. Aber das passiert nicht.
Hinrichtungen in Mossul kommen plötzlich auf die öffentlichen Plätze, in die Parks, in die Straßen. Die Routine, mit der sie vollzogen werden, ist Kalkül, Ausdruck der Verachtung, die der "Islamische Staat" politischen Gegnern und religiösen Sündern entgegenbringt. Hinrichtungen sollen gerade kein Spektakel sein, sondern alltägliche Verrichtung, ganz banal, im Morgenverkehr, wie ein Autounfall.
Oft kommt der Henker mit Helfern und Opfer in einem simplen Pick-up dahergefahren. Der Wagen hält, die Täter steigen aus, manchmal trägt einer ein Mikrofon, das an die Stereoanlage des Wagens angeschlossen ist oder an einen Lautsprecher, der auf der Ladefläche steht. Der Henker trägt sein Schwert.
Die Helfer zerren das Opfer dann in die gewünschte Position, zwingen es auf die Knie, das Kinn wird Richtung Brustbein geschoben, sodass der Nacken schutzlos ist. Das Urteil wird verlesen, kurz und knapp, der Henker hebt sein Schwert.
Wie geht man mit solchen Situationen um? Ibrahim Aziz hat eine pragmatische Entscheidung getroffen. Er versucht, die großen Plätze seiner Stadt zu meiden, um wenigstens diesen Zumutungen aus dem Weg zu gehen. Es bleiben für ihn und die Einwohner Mossuls genügend andere, die sich nicht so einfach umgehen lassen.
In den Krankenhäusern der Stadt werden bevorzugt verwundete IS-Kämpfer behandelt. Die Geschäftsführung der Hospitäler wurde verlässlichen Islamisten übertragen. Nicht anders sieht es in den Ämtern aus, Loyalität gegenüber den neuen Machthabern ist wichtiger als Kompetenz.
In manchen Fällen haben die Islamisten Gehälter erhöht, um Fachleute zu halten, etwa bei den Wasserwerken, aber die Trinkwasserversorgung ist nicht besser geworden. Fließendes Wasser gibt es nur an zwei oder drei Tagen pro Woche, der Strom fällt dauernd aus, Benzin ist knapp und teuer, die Preise für Grundnahrungsmittel haben sich deutlich erhöht.
An der Universität der Stadt wurden alle Fakultäten aufgelöst, die der Scharia angeblich widersprechen, darunter Philosophie, Kunst, Musikwissenschaften, Jura und Politologie. Viele Bauprojekte stehen still, weil kein Geld mehr gezahlt wird. Auch gibt es in der Stadt kein Mobilfunknetz mehr. Wer Empfang haben möchte, muss an den Stadtrand fahren und das Beste hoffen. Verbindungen ins Internet sind möglich, noch.
In den Straßen der Stadt patrouillieren Mitglieder der Sittenpolizei Hisba. Sie streichen in ihren Autos durch die Viertel, kontrollieren, ob die Geschäfte während der Gebetszeiten geschlossen sind, ob die Männer Bart tragen, die Frauen züchtig gekleidet sind, ob sie in Begleitung eines männlichen Verwandten oder ihres Ehemanns unterwegs sind. Und wie die Bewaffneten an den zahlreichen Checkpoints in der Stadt, kontrollieren sie immer wieder die Handys, wühlen durch Facebookeinträge, durch SMS-Konversationen.
Wer die Stadt verlassen will, und sei es auch nur auf Zeit, für eine Woche oder zwei, weil ein Krankenhausaufenthalt ansteht oder eine Familienfeier in Arbil, in Bagdad, der muss sein Haus oder sein Auto, wenn es denn wertvoll genug ist, als Pfand hinterlegen. Oder er muss jemanden benennen, der es für einen tut.
Angebliche oder tatsächliche Verstöße gegen den neuen Verhaltenskodex ziehen bestenfalls Geldbußen nach sich, die immerhin quittiert werden, schlimmstenfalls landen die Verwarnten vor einem Richter, der verordnet, was die Scharia seiner Meinung nach vorschreibt. Stockschläge, die Peitsche, das Schwert.
Herrschaft durch Terror, das ist die eine Säule, auf der die Macht des "Islamischen Staats" steht. Es gibt eine zweite Säule, weniger roh, fein ausgearbeitet, die Hausordnung der Herrenmenschen gewissermaßen. Das neue "Kalifat", der gottgefällige Staat, soll auch sozial sein, gerecht auf eine sehr eigene Weise. Dieser Staat funktioniert nach Regeln, die jeder nachvollziehen können soll.
Der Wunsch nach Legitimation führt zu immer neuen Dokumenten, Verordnungen, Erlassen, die, gekrönt von der schwarzen Fahne des IS, die Amtsstuben und Ministerien verlassen. Es ist eine wahre Flut, die niedergeht auf Zivilisten und Kämpfer. Die Regulierungswut der Islamisten steht ihrer Mordlust in keiner Weise nach.
In einer Vorlage für den Präsidialausschuss des "Islamischen Staats" ist zu lesen, "dass das Aufnehmen und Verbreiten von Szenen bzw. Veröffentlichen von Videos, in denen IS-Soldaten ihre Gegner köpfen oder schlachten, während der Kämpfe oder außerhalb, in allen offiziellen und nicht offiziellen Kanälen oder auch auf privaten Webseiten untersagt ist. Außer mit einer Erlaubnis des Präsidialausschusses. Jeder, der sich nicht daran hält, wird zur Rechenschaft gezogen und bestraft. Lob gebührt Allah, dem Herrn der Welten."
Auf einem Twitter-Account fand sich ein Dokument, das offenbar drängende Fragen zum Umgang mit jesidischen Sexsklavinnen regelt. Erarbeitet wurde es vom Fatwa-Dezernat des "Islamischen Staats", also des Amtes, das religiöse Streitfragen klärt und Feinde für vogelfrei erklärt. Veröffentlicht wurde es im Herbst vergangenen Jahres vom IS-eigenen Verlag, der Himma-Bibliothek.
Das Schriftstück besteht aus 27 Fragen und Antworten, die den religiös einwandfreien Umgang mit Sexsklavinnen regeln.
Frage vier lautet: Ist es erlaubt, Sex mit einer Gefangenen zu haben, die ungläubig ist? Die Antwort: Es ist erlaubt, Sex mit einer solchen Gefangenen zu haben.
Frage fünf: Darf man Sex mit ihr haben, sobald man sie besitzt? Die Antwort: Wenn sie noch Jungfrau ist, ist das gestattet. Wenn das nicht der Fall sein sollte, muss ihr Uterus erst gereinigt werden.
Frage acht: Wenn zwei Männer eine Gefangene zusammen kaufen, dürfen sie dann beide Sex mit ihr haben? Die Antwort: Nein, Sex darf nur der Mann haben, der die Gefangene ganz besitzt. Der Eigentumsanteil eines Mannes muss auf den anderen übertragen werden.
Frage zehn: Was passiert, wenn der Eigentümer der Gefangenen stirbt? Die Antwort: Sie wird mit dem restlichen Vermögen verteilt.
Frage dreizehn: Ist es erlaubt, Sex mit einer Sklavin zu haben, bevor sie pubertiert? Die Antwort: Wenn sie dazu in der Lage ist, ist es erlaubt. Wenn nicht, dann darf man sich ihrer ohne Geschlechtsverkehr bedienen.
An die verbliebenen Christen in Mossul richtet sich ein Schreiben vom 17. Juli 2014, es ist ein Ultimatum. Den Christen werden zwei Tage zum Verlassen der Stadt gegeben, nach dieser Frist "steht nur das Schwert zwischen ihnen und uns".
Ein Dokument aus der syrischen Provinz Aleppo nennt die Straftaten und Urteile, die künftig gelten. Gotteslästerung: Tod. Lästern gegen den Propheten Mohammed: Tod, auch wenn der Schuldige bereut. Lästern über den Islam: Tod. Homosexualität: Tod, für beide Männer. Diebstahl: Amputation einer Hand. Alkohol trinken: 80 Peitschenhiebe. Verleumdung: 80 Peitschenhiebe. Spionieren im Dienst der Ungläubigen: Tod. Abfall vom Islam: Tod. Raubüberfall: Wenn geraubt und getötet wurde, Tod durch Kreuzigung. Wurde nur geraubt, Amputation der rechten Hand und des linken Fußes.
Am 8. Januar 2015 wurde ein Erlass gezeichnet, der die Bedingungen für bußwillige Kämpfer konkurrierender islamistischer Gruppen wie der Nusra-Front definiert: Die Person muss ihren Abfall vom wahren Glauben zugeben, sich einer Religionsschulung unterziehen, alle Informationen preisgeben, alle Waffen übergeben und nach einer militärischen Schulung an die Front ziehen.
Die Benutzung von Geräten des Computerherstellers Apple verbietet eine Verordnung vom 14. Dezember 2014. Das Verbot richtet sich an Kämpfer, gilt für Handys und Tablets und ist "aus Sicherheitsgründen" nötig. Außerdem sei auf den Geräten anderer Hersteller die GPS-Funktion zu deaktivieren. Techniker seien in den einzelnen Bezirken benannt worden.
Neu geordnet wurde auch die Schulausbildung: "Fragen sind verboten zum Polytheismus, zur Demokratie, zu den Prinzipien von Nationalismus und Rassismus, zu Wucher und Zinsen, zu pseudohistorischen Ereignissen, zu Grenzen zwischen Ländern, die der Scharia widersprechen. Diese Anordnung ist bindend. Wer ihr zuwider handelt, wird zur Rechenschaft gezogen."
Und für die Müllabfuhr gilt nun: "Müll hat in einer Tonne, einem Eimer oder einem großen schwarzen Plastiksack nach dem Abendgebet an der Straße zu stehen. Die Kosten für die Müllabfuhr betragen 2000 Dinar monatlich für jeden Haushalt, 5000 Dinar für jedes Geschäft. Säumige Zahler werden zur Rechenschaft gezogen. Auch darf kein Vieh innerhalb des Stadtbezirks gehalten werden. Sollte es dennoch geschehen, wird es konfisziert."
Die außerordentlichsten Dokumente sind aber wohl die Rechenschaftsberichte der Terroristen, die jährlich veröffentlicht werden, um Fans, Kämpfer und Geldgeber vom Eifer und der Effektivität des "Islamischen Staats" zu überzeugen.
Es sind Inventarlisten des Terrors, in erster Linie beschreiben sie den Bürgerkrieg gegen die Schiiten, der jüngste Bericht ist 410 Seiten stark und zählt in chronologischer Reihenfolge, getrennt nach Provinzen, Morde, Anschläge und Attentate auf.
Am Anfang findet sich für eilige Leser eine ganzseitige Übersicht, die in einer Grafik feiert, was in den vergangenen zwölf Monaten vollbracht wurde: 615 Anschläge durch Autobomben, davon 78 durch Märtyrer. 160 Anschläge mit Sprengstoffgürteln. 14 Anschläge mit Motorradbomben. 4465 weitere Sprengstoffanschläge. 336 Erstürmungen. 1083 Ermordungen mit Handfeuer- oder Stichwaffen. 607 Artillerieangriffe. 1015 Anschläge durch Sprengladungen oder Brandlegung. 30 Anschläge auf Kontrollpunkte. 1047 Scharfschützenoperationen. Kontrolle über acht Städte durch Ermordung der führenden Oppositionellen.
Auf den Folgeseiten geht es dann ins Detail. Für die Provinz Ninive, deren Hauptstadt Mossul ist, zählt der Bericht allein für die Wochen vom 11. Mai bis 9. Juni 2013 Morde und Anschläge auf 13 Seiten auf, es ist eine leiernde Litanei.
Zündung einer Sprengladung in einem Auto der schiitischen Armee in der Region Rabia. Zündung vor dem Haus eines in der schiitischen Armee arbeitenden Verbrechers im Viertel Arabi/Mossul. Zündung einer Sprengladung in einem Hummer-Militärauto im Viertel Tahrir/Mossul. Zündung einer Sprengladung auf einen schiitischen Fußsoldaten-Konvoi. Zündung einer Sprengladung in einem Auto einer abtrünnigen Wacheinheit. Ermordung eines in der schiitischen Polizei arbeitenden kriminellen Offiziers mit Feuerwaffen. Anschlag mit verschiedenen Waffen auf den Sitz der schiitischen Polizei im Dorf Scheich Hamad.
Zündung, Ermordung, Zündung.
Anschläge und Morde, stolz verkündet, ein Dutzend manchmal an einem einzigen Tag, und am Ende des 30. Tages dieses einen, hier herausgegriffenen Monats sind genau 300 Anschläge protokolliert, mit dem Vielfachen an Opfern.
Das ist die Welt des "Islamischen Staats", die Welt, in der Ibrahim Aziz und rund zehn Millionen weitere Männer, Frauen und Kinder nun leben.
Aziz hat seine Frau mit den Kindern vor Monaten schon nach Arbil auf kurdisches Gebiet geschickt. Er selbst ist in Mossul geblieben, um das Haus zu bewachen, das Auto. Arbeit hat er keine, die Ersparnisse sind aufgebraucht, fast alle Möbel, die im Haus standen, hat er zu Geld gemacht.
Er kann jetzt nur noch warten, auf das, was kommen soll, irgendwann. Die Schlacht um Mossul.

Die Sklavinnen vom Sindschar

Die Jesiden haben nach Ansicht des IS kein Lebensrecht, ihre Frauen werden verschleppt und von den bärtigen Herrenmenschen nach Laune missbraucht. Viel Stoff für künftige Kriegsverbrecherprozesse.
Die Frauen sind jung, sind alt, sie sitzen in Zelten, in Flüchtlingslagern, auf Decken, sie sitzen in halb fertigen Neubauten aus rohem Beton, sind untergekommen bei Freunden, bei Angehörigen, sind, mangels Alternativen, zu Hausbesetzern geworden und haben sich mit ihren Eltern und den Kindern eingerichtet in Häusern, die verlassen wurden, als die Front Ende des vergangenen Jahres immer näher rückte.
Die Frauen, ihre Zahl geht in die Hunderte, sind nicht miteinander verwandt, sie haben unterschiedlichste Lebenswege, aber eine Erfahrung verbindet sie alle: Sie waren Geiseln des "Islamischen Staats", sie alle waren entführt, weil sie Jesidinnen sind, sie wurden entwürdigt und als Ware behandelt, die man kaufen kann, mit der man handeln kann und die sich nach Lust und Laune missbrauchen lässt.
Viele von ihnen haben gesehen, wie ihre Väter, Männer, Brüder nach der Erstürmung ihrer Siedlungen ermordet wurden, viele wissen nicht, welches Schicksal ihre Schwestern und Mütter ereilt hat, nachdem sie von ihnen getrennt wurden. Vielleicht sind sie tot, vielleicht weiterverkauft in den syrischen Teil des "Islamischen Staats", vielleicht sind sie gar nicht weit entfernt, sondern gleich jenseits der Front, die nun etwa zwei Autostunden entfernt ist.
Viele der Frauen wollen nicht reden über das, was ihnen widerfahren ist, aus verständlichen Gründen, aber einige sind bereit dazu, weil sie das Schweigen als einen weiteren Sieg ihrer Peiniger ansehen.
Eine dieser Frauen ist Havin Ali, Anfang zwanzig, dunkle Augen, feste Stimme, sie lebt jetzt als Flüchtling in einem halb fertigen Haus am Rand von Dohuk, dessen Besitzer geflohen sind. Stahlmatten ragen aus Beton, Stromanschlüsse und Wasserleitungen fehlen, wie auch die Fenster. Plastikfolie soll schützen vor der Hitze des Tages.
Havin Ali sitzt im Kreis ihrer Familie, gut drei Wochen verbrachte sie im "Kalifat", entkam in einer Nacht durch ein kaputtes Fenster aus dem Haus des Mannes, der sie gekauft hatte.
Das Dorf, in dem Havin aufgewachsen ist, liegt am Rand des Sindschar-Gebirges, Ende des vergangenen Jahres wurde es eingenommen, von den Kämpfern in Schwarz. Das Gefecht war kurz und ungleich, die Männer des Dorfes traten mit simplen Gewehren an gegen einen überlegenen Gegner. Als das Töten beendet war, wurde Havin Ali zusammen mit ihrer Schwester aus dem Haus gezerrt, in einen Bus geschoben, in dem schon viele Frauen, viele Mädchen saßen. Das Ziel war Mossul, ein Sportklub in der Nähe des Bagdad-Hotels.
Der "Islamische Staat" nutzte es als Zwischenlager für die neuen Frauen, für neue Ware. Sieben Tage und Nächte blieb Havin hier mit ihrer Schwester, in einer Halle, mit Hunderten anderer Frauen. Die Luft war schlecht, das Essen auch, schlimmer noch war allerdings die Ungewissheit. Niemand sagte ihnen, warum sie hier waren, was mit ihnen geschehen würde. So gut wie niemand sprach mit ihnen. Sie wurden gehalten wie Vieh.
Am Ende dieser ersten Woche wurden sie umquartiert, wieder mit Bussen, dieses Mal war das Ziel eine geräumige Hochzeitshalle, ihr Name "Galaxy", ebenfalls in Mossul. Der IS hatte sie umfunktioniert zu einem Sklavenmarkt. In der Halle, ein zweistöckiges Gebäude, war Havin wieder eine von Hunderten Frauen, wieder streng bewacht von Kämpfern des IS.
"Die ganz jungen Mädchen wurden immer schnell verkauft", erinnert sich Havin. Kämpfer griffen sie scheinbar wahllos aus der Menge, zerrten sie in einen weiteren Raum. Manche Männer begnügten sich mit einer Frau, manche kauften mehrere, zwei Männer kauften 80 Frauen und Mädchen auf einmal, sie fuhren mit zwei Bussen vor. Es gab das Gerücht, ihr Ziel sei der syrische Teil des "Islamischen Staats", ein weiterer Sklavenmarkt oder ein Bordell.
Ein Mädchen, so erzählt es Havin, brachte sich um, als das Gerücht die Runde machte, mit einer Glasscherbe. Entkommen ist diesem Gefängnis ihres Wissens nur eine einzige Frau. Sie sagte den Wächtern, dass sie schwanger sei, sie wurde untersucht, von weiblichen Ärzten, ihr Zustand wurde bestätigt, sie wurde fortgeführt, wer weiß, wohin.
Am vierten Tag im "Galaxy" war Havin an der Reihe, ein Wärter griff sie, führte sie in den Nebenraum, dort wurde sie ausgestellt. Männer schauten sie an, manche amüsiert, manche lüstern. Ein Bärtiger mittleren Alters kaufte sie, die Summe wurde Havin nie genannt. Der Mann hatte sie vorgesehen als Präsent für einen seiner Söhne, sie sollte mit ihm verheiratet werden. Havin sagt, der Mann, der sie kaufte, behandelte sie ordentlich, er wollte das Geschenk für seinen Sohn wohl nicht beschädigen.
Im Haushalt ihres Besitzers hatte Havin in der Küche zu helfen, beim Kochen, im Hof, mit anderen Frauen, die zur Familie gehörten, die abweisend waren und nicht mehr als nötig mit ihr sprachen. Havin war die Einzige, die barfuß gehen musste außerhalb des Hauses, so sollte verhindert werden, dass ihr die Flucht gelang. Der Boden jenseits des Hauses war dornig und voller Geröll.
Nach etwa drei Wochen, noch bevor die Hochzeitsvorbereitungen abgeschlossen waren, noch bevor sie zum Islam konvertieren sollte, konnte Havin fliehen. In einer Nacht, in der alle anderen fest schiefen, zwängte sie sich durch ein zerborstenes Fenster und lief auf nackten Füßen Richtung Norden. Sie rannte, humpelte über Stunden durch die Nacht, bis sie, entkräftet, einer Patrouille in die Arme lief. Es war eine jesidische Einheit.
Jetzt sitzt sie in diesem Haus, in diesem Zimmer. Ihre Schwester ist nach wie vor verschollen, ihr jüngerer Bruder ebenfalls. Die Familie lebt von Hilfslieferungen, die in einem nahen Flüchtlingscamp verteilt werden. Was erhofft sie für die Zukunft? "Die Rückkehr meiner Schwester, meines Bruders", sagt sie, fügt dann hinzu: "Und die Chance auf Vergeltung."

Dokumentare des Schlachtens

Eine Gruppe entschlossener Widerstandskämpfer filmt und fotografiert unter Lebensgefahr die Gräueltaten des IS in Rakka. Schlimmster Feind der Rebellen sind weibliche Agenten, denn verschleiert sehen alle Frauen gleich aus.
Das erste Video, gefilmt mit einer Handykamera, zeigt eine Großbildleinwand mitten in Rakka, an einem Abend im Februar. Auf der Leinwand zu sehen ist, überlebensgroß, taumelnd, brennend, der jordanische Pilot Moaz al-Kasasbeh im Todeskampf. Schemenhaft zu erkennen, gut zu hören: die jubelnde Menge vor der Leinwand.
Das zweite Video, 41 Sekunden lang, zeigt eine Frau, ganz in Schwarz. Sie kniet auf der Straße, an einer Kreuzung, die Hände hinter dem Rücken, sie wird umringt von bewaffneten Männern. Ein paar Passanten stehen im Hintergrund, ein Bewaffneter läuft gelangweilt im Kreis.
Direkt hinter der Frau stehen zwei Männer, der eine ihr Richter, der andere ihr Henker. Der Richter preist Allah, erklärt, dass der Tod dieser Frau, die ihren Mann betrogen habe, Gottes Wille sei. Als der Richter schweigt, hebt der Henker seine Pistole, zu hören ist der Ruf "Allahu akbar!", und in der nächsten Sekunde wird der Frau in den Kopf geschossen.
Es gibt andere Videos, sie zeigen weitere Hinrichtungen oder auch nur alltägliche Straßenszenen aus Rakka und den umgebenden Orten. All das ist verboten und kann mit dem Tod bestraft werden. Die Videos wurden deshalb mit Handys gefilmt, die halb verborgen im Ärmel einer Jacke oder sonst wie versteckt waren. Manchmal lag das Smartphone auch in einer Kiste mit einem kleinen Loch, die scheinbar achtlos auf der Straße zurückgelassen wurde.
Die Qualität der Videos ist mäßig, manchmal verdecken Stoff oder eine Fingerkuppe die Linse, die Filme können nicht konkurrieren mit den Aufnahmen von al-Furqan Media, der PR-Abteilung des "Islamischen Staats". Und das ist kein Wunder, denn sie wurden nicht mit kühlem Kopf produziert, professionell geschnitten, sie wurden hektisch gefilmt, verdeckt und unter Lebensgefahr, von mutigen Menschen, die sich Bürgerjournalisten nennen und die es verdienen, in einem Atemzug mit Idealisten wie die Geschwister Scholl genannt zu werden: Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, das mediale Monopol eines diktatorischen Regimes zu brechen, koste es, was es wolle.
Zu finden sind die Videos, dazu Fotos, Berichte auf einer Website, die den bitteren Titel trägt "Raqqa Is Being Slaughtered Silently", Rakka wird still geschlachtet. Seit gut einem Jahr ist die Seite online, wird betrieben von einem Dutzend junger Männer, meist Studenten, die ihr Leben riskieren, denn das Copyright für Hinrichtungsvideos liegt allein beim "Islamischen Staat", und Verstöße werden mit dem Schwert geahndet.
Einer der Gründer der Website, er nennt sich Abu Mohammed, hielt sich im März im Süden der Türkei auf, nachdem er aus Rakka geflohen war, weil er befürchtete, identifiziert zu werden von den Hackern des "Islamischen Staats". "Sie haben uns E-Mails unter falschem Namen geschickt, uns angeboten, als Freiwillige zu arbeiten, wollten angeblich Videos für unsere Website liefern." Die Mails waren verseucht, sie trugen Viren, Trojaner in sich, die Informationen über die Aufenthaltsorte der Aktivisten sammeln sollten. "Hacker aus Kanada, die mit uns zusammenarbeiten, haben die Viren bei routinemäßigen Scans entdeckt", sagt Abu Mohammed.
Er ist Ende zwanzig, war Student, wollte Ingenieur werden, nun ist er Widerstandskämpfer im Exil, er soll auf der Most-Wanted-Liste des "Islamischen Staats" in Rakka stehen, und er kann von sich behaupten, dass seine Organisation in drei Freitagspredigten in Rakkas Moscheen offiziell verdammt wurde, als "Feind Gottes".
Abu Mohammed begann seine politische Arbeit vor gut einem Jahr als empörter, wütender Laie, als Autodidakt, und er hatte viel zu lernen in den vergangenen 14 Monaten. Anfangs posteten er und seine Freunde ihre Videos, Bilder auf Facebook und Twitter, nachdem sie auf den Speicherchips ihrer Handys lagen. Das sparte Zeit, steigerte das Risiko aber ins Unzumutbare, wie sie erfahren mussten.
Einer ihrer Mitstreiter, Motaz Billah, wurde gefangen genommen, nur einen Monat nach Beginn der Kampagne. Während einer Kontrolle an einem Checkpoint fanden Kämpfer belastendes Material auf Billahs Handy. Drei Tage nach der Festnahme fanden seine Freunde auf Billahs Facebook-Account die Nachricht, dass er öffentlich exekutiert werden würde, erschossen. Ende April stellten seine Mörder die Bilder ins Netz.
Seit dieser Tragödie sind die Aktivisten um Abu Mohammed vorsichtiger geworden und ihr Leben komplizierter. Sie ziehen rastlos durch die Stadt, wechseln alle paar Tage ihre Unterkunft. Auch ihre Arbeitsweise haben sie verändert. Die Tatsache, dass der "Islamische Staat" sie öffentlich verdammte, hat ihnen Helfer beschert, sie können jetzt auf ein Netzwerk von Sympathisanten zurückgreifen, die ebenfalls filmen und fotografieren, sie kennen sie nicht persönlich, und auch die Helfer wissen nicht, wer die zentralen Personen der Organisation sind. Es läuft ganz ähnlich wie in kriminellen Hackerbanden. Jeder kennt jeden nur unter einem Pseudonym, Treffen im Netz finden in einem geschlossenen Forum statt, das nur eingeladenen Mitgliedern bekannt und zugänglich ist.
Diese Vorsichtmaßnahmen haben ihnen in den vergangenen zwölf Monaten die Hacker und auch die Jäger des "Islamischen Staats" vom Hals gehalten, die immer wieder Häuser durchkämmen, weil sie glauben, den Aufenthaltsort eines Aktivisten identifiziert zu haben.
Trotz der neuen Strategie gibt es, neben dem Risiko, beim Filmen erwischt zu werden, weitere Risiken, die sie nur schwer kontrollieren können. Die Dateien werden in der Regel in Internetcafés hochgeladen, und die Cafés werden vom "Islamischen Staat" überwacht. Durch Spitzel, über Kameras. Uploads ins Internet sind deshalb nur dort möglich, wo die Aktivisten den Betreibern der Cafés trauen, wo sie Lücken finden im Überwachungsnetz.
Noch problematischer sind nach Aussage von Abu Mohammed die Khansa-Brigaden. Diese Einheiten gehören zur Sittenpolizei, ihre Mitglieder sind ausschließlich Frauen, und da sie gekleidet sind wie alle Frauen im "Islamischen Staat", mit dem Nikab, sind sie quasi inkognito unterwegs, können unerkannt neben einem von Abu Mohammeds Freunden stehen, während dieser filmt. "Das ist wirklich ein großes Problem für uns."
Das Treffen mit Abu Mohammed sollte eigentlich in Gaziantep stattfinden, einer Stadt in der Türkei nahe der syrischen Grenze, aber am Vorabend meldete sich Abu Mohammed per SMS und verlegte den Ort in eine andere Stadt des Landes. Er hatte Warnungen erhalten, von gemäßigten Sunniten, dass Killer des "Islamischen Staats" in Gaziantep nach ihm suchen.
Nach dem Treffen verschwand Abu Mohammed in den Gassen der Altstadt. Er sagte, er würde bei einem Freund übernachten, heute zumindest. Abu Mohammed klang gelassen. Wie seine Todfeinde vertraut er auf Gott. Er sagt, was geschehe, liege in Allahs Hand.
Von Uwe Buse und Katrin Kuntz

DER SPIEGEL 27/2015
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