27.06.2015

ZeitgeistSchmollmundfatalismus

Die Journalistin und Schriftstellerin Ronja von Rönne ist erst 23 Jahre alt, aber macht jetzt schon ganz Berlin-Mitte verrückt.
Wie viel Mut braucht es, wie viel Freiheit, wie viel Zeit, Dinge auszuprobieren, dass gute Texte entstehen? Wie viel Scheitern ist möglich? Und: Wie funktioniert das alles unter den Bedingungen des digitalen Konformismus?
Am Streit um die Autorin und Schriftstellerin Ronja von Rönne lässt sich all das gut beschreiben. Seit einer Weile erscheinen ihre journalistischen Texte im Feuilleton der "Welt", und es war schnell klar: Da ist jemand mit einer eigenen Stimme und einer eigenen Weltsicht.
Das gefällt nicht allen. Es waren Texte mit einem dunklen Unterton und einer verletzten Weltverachtung, in denen die Autorin mit einer gewissen herrischen Unbedarftheit Haltungen postulierte, die querstanden zu dem, was man sonst so liest.
Dagegen ist erst mal nichts zu sagen. Im krisengeplagten Journalismus dieser Tage schreiben zu viele Leute zu ähnliche Texte – was auch der Grund ist, warum die Sache mit Ronja von Rönne so eskalierte.
Es ging um einen Text zum Thema Feminismus, und wer gedacht hatte, dass da schon alle Türen offen stünden, sah sich getäuscht: Man kann sich auch an Türen stoßen, die sperrangelweit offen stehen.
"Warum mich der Feminismus anekelt", so lautete die auf Klickzahlen angelegte Überschrift. Ronja von Rönne schrieb, der Feminismus sei zu einer "Charityaktion für unterprivilegierte Frauen" geworden – man hätte sagen können, ach, die Rönne, oder, ach, die "Welt".
Aber nicht im Jahr 2015. In Zeiten der frei flottierenden Hysterie wird nichts überhört und alles zitiert, und als dann bekannt wurde, dass Rönne, die im nächsten Jahr ihren ersten Roman veröffentlichen wird, beim Bachmann-Literatur-Wettbewerb in Klagenfurt lesen darf, der in der kommenden Woche stattfindet, geriet die Sache außer Kontrolle.
Zuerst kam eine Welle der Wut, die exakt den Twitter-Mechanismen gehorchte – Eskalation ohne Sieger, Empörung ohne Durchatmen, eine Haudrauf-Kampagne über einen Text, der erst einmal ein Text war, eine Meinung, die etwas hingeknallt war und, zugegeben, auch in konservativen Kreisen gut ankam.
Und dann wurde es zu einer Farce, in der es nicht um Inhalte ging, nicht darum, was Feminismus heute eigentlich ist, sondern um maximale Erregung: Von anderen Journalistinnen musste sie sich den Vorwurf anhören, eine junge, hübsche Frau, die so einen Text in einer mutmaßlich von Männern dominierten Zeitung schreibe, prostituiere sich. Schließlich tauchte ein Tweet auf, der einen Kampfspruch aus der französischen Revolution aufgriff und irgendwie nahelegte, man sollte Rönne an einer Laterne aufknüpfen.
Ein Blogger der "Frankfurter Allgemeinen", auch die Redaktion der "Welt" sprachen von einer Morddrohung – was wiederum kalkuliert bis zynisch wirkte.
Ronja von Rönne selbst sieht den Text heute kritisch, sie würde nicht mehr jeden Satz so schreiben, ein paar davon nennt sie auch schlichtweg dumm – grundsätzlich aber bleibt sie dabei, dass sie den Feminismus oft "übergriffig" findet, "mir ist nicht klar, was die mit mir zu tun haben, ich mag das Wort nicht, ich mag auch die Quote nicht, ich finde sie sogar sexistisch".
Sie hat einen kräftigen Händedruck und die direkte Art eines Menschen, der einerseits sehr sicher und andererseits extrem unsicher ist, jedenfalls wirkt es so, vielleicht aber soll es auch nur so wirken. Sie kann sehr unausgeschlafen aussehen und mit einem Klick ihre Augen auf Betörung umschalten, sie ist schnell und charmant und möglicherweise auch ein wenig manipulativ, es ist ein Spiel, und vielleicht weiß sie selbst nicht ganz genau, wie und was sie da spielt, vermutlich aber doch. Wer zum Beispiel würde schon auf die Idee kommen, gleich zu Beginn eines Gesprächs zu sagen, man sei extrem neidisch, ja, Neid sei der Antrieb?
"Ich probiere Meinungen an, so wie ich Kleider anprobiere", sagt sie mittags in einem Restaurant in Berlin-Mitte mit einem legeren Max-Frisch-Zitat – und ein paar Minuten später sagt sie, sie möge eigentlich keine Meinungen.
Und das scheint das Ronja-von-Rönne-Prinzip zu sein: die Widersprüche nicht aushalten, sondern provozieren, sie hervorzaubern. Die Aggression im Biedermeier, die Selbstzerstörung im Yogaland, Gesundheit, Rente, Hintenanstellen, das ist etwas für die anderen.
Ihre Texte macht das besonders, Texte voller Wut, Schmerz und Ratlosigkeit, eine toxische Mischung. Wenn man wollte, könnte man aus Ronja von Rönne das Gegenbild zu einer Smoothies-Generation machen, die alles püriert, alles gesund will und bereit ist, 4,50 Euro für ein kleines Fläschchen Gemüsesaft zu bezahlen.
"Ich gehe gern geradeaus", so beginnt 2012 ihr Blog "Sudelheft": "Manchmal habe ich Hoffnung, aber meistens bin ich vernünftig. Ich bin mir relativ sicher, dass der Boden im Regenwald nährstoffarm ist und dass man jammern darf, solange man eigentlich keinen Grund dazu hat. Ich mag herumliegen lieber als schreiben. Ich bin Ronja. Das ist mein Sudelheft."
Das ist der Rönne-Sound, dafür hat sie vom Aufbau-Verlag einen Vorschuss für einen Roman bekommen, der im Frühjahr 2016 erscheinen soll. Es ist ein Sound der Ambivalenz, müde und wach zugleich, genervt und voller Witz, überrascht und abgeklärt, eine Melancholie, die geliehen wirkt, eine Überforderung, die gemeistert wird, der Alltag als Falle und Versprechen und über alldem der schicke Fatalismus, der das ewige Privileg der Jugend ist.
"Es braucht eine sanfte Revolution", schreibt sie in ihrem Blog, die Liebe sollte nicht mehr Liebe heißen, sondern "vage Zuversicht": "Es wird mehr geseufzt und weniger versprochen, denn im Prinzip unterliegt ja beides einer vorausgegangenen Unzufriedenheit. Seufzt man aber nur, muss man nicht später Schmuck kaufen oder Ikea-Möbel mit blöden Namen für den Partner zusammenschrauben. Endet die Liebschaft, werden auch die Trennungsgespräche der Realität angepasst."
Auch der Roman, von dem es bisher nur einen Anfang gibt, hat diesen Ton, eine Zerrissenheit, eine Sehnsucht nach etwas Ordnung im Chaos, nach etwas Liebe im Hass: "Aber es ist alles ja so schwierig", sagt Rönne oft. "Ich hätte Physik studieren sollen. Physiker haben ein geordnetes Leben, gehen jeden Tag ins Labor und suchen nach dem Higgs-Teilchen und müssen nicht so diffuse Entscheidungen treffen."
Und Entscheidungen sind der Feind. Fragen von Richtig oder Falsch, von Gut oder Böse, von Links oder Rechts, all das strengt sie an: Es ist eine strategische Naivität, die sich Rönne zugelegt hat, als Antwort auf die Überinformiertheit des digitalen Zeitalters, auf Raffinesse und Kennertum, auf die globalen Krisen.
Die trügerische Ruhe soll dabei gebrochen werden, durch Krieg zum Beispiel, das klingt im Romananfang an, durch Exzess, freie Liebe oder einen emotionalen Extremismus, der alle herausreißt aus dem Nebel und der Unbestimmtheit.
Bis vor Kurzem hat sie, wie so viele der jungen Schriftsteller, noch in Hildesheim studiert, wo man das Schreiben lernen soll, bevor man weiß, wie das Leben geht. In München hatte sie zuvor Theaterwissenschaften abgebrochen und Jura und, am schlimmsten, Publizistik.
Kurz vor Silvester kam sie dann zu einer Party nach Berlin; es ist eine Geschichte, die man sofort an den "Victoria"-Regisseur Sebastian Schipper zur Verfilmung weiterreichen kann: Sie trank viel und redete mit den richtigen Leuten und fiel einer Lektorin um den Hals. Ein paar Wochen später hatte sie einen Buchvertrag und eine Redakteursstelle beim Feuilleton der "Welt".
Sie hatte es also geschafft, sie war entdeckt worden, wie sie es sich so dringend gewünscht hatte – sie hätte jetzt für eine Weile melancholisch schauen können und Tee trinken und schön ein Wort hinter das andere setzen. Es ist aber eben nicht mehr 1998, nicht mehr "Sommerhaus, später", und Ronja von Rönne ist nicht Judith Hermann. Berlin ist kein Spielplatz mehr für junge Menschen, die alle Zeit der Welt haben, weil eh schon alles irgendwie werden wird. Berlin ist heute eher ein Sanatorium voller junger Menschen, die dauernd gehetzt sind, obwohl sie nichts vorhaben.
Und so rannte sie weiter, so wie sie bisher durchs Leben gerannt war: Mit 16 sei sie von zu Hause weggegangen und zwei Jahre lang abgetaucht, sagt sie, in einen Nebel aus Drogen, Techno, Liebe – fort von der Kindheit in einem windschiefen Haus im Chiemgau, damit könnte alles zusammenhängen, meint sie, mit diesem Gefühl, ein Außenseiter gewesen zu sein, fremd und bedroht, das war es, was ihr ihre Mutter vermittelte, die aus Angst vor den Gstanzlnachbarn eine Montessori-Schule gründete.
Auch sie selbst sei voller Ressentiments, sagt sie, was ein typischer Satz von selbstverliebter Negativität sein könnte. Und das ist es, was viele schlecht aushalten: ihr Aussehen, der "Kussmund" auf den Fotos ihres Blogs, ihr Alter, ihren Adel, bis ins 15. Jahrhundert gehen die von Rönnes zurück. Dabei, sagt sie, hieße sie ganz anders, wenn nicht ihr Vater den Namen ihrer Mutter angenommen hätte.
"Dann wäre alles anders gekommen, dann wäre ich glücklich", sagt sie, die keine Ironie mag, und zieht die Augenbraue in die Höhe. Einer aus der Familie war am Stauffenberg-Attentat auf Hitler beteiligt, "ich muss mal meine Großmutter fragen, wie der mit mir verwandt ist. Aber hübsch als Konter gegen die Adel-Nazi-Vorwürfe."
Und warum der Adel solche Aversionen hervorruft? Ronja von Rönne zuckt die Schultern. Anfang der Woche wird sie in einem "airbrushblauen" SUV nach Klagenfurt fahren, ihren Text vorlesen, in dem es um eine Frau geht, die in einer Provinzstadt herumirrt, und später wird sie einen harmlosen Artikel über ihren Trip in der "PS Welt" veröffentlichen. "Harmlos ist doch gut", sagt sie.
Sie wird weiter an ihrem Roman schreiben, im Ronja-von-Rönne-Sound, mit dem sie das Blau aus dem Himmel wischt. Sie wird weiter viele Dinge "schwierig" finden. Sie wird den Erfolg suchen. Oder wie sie es sagt: "Es kommt mir vor, als wäre ich eine Aktie, auf die man gerade setzt, und keiner weiß richtig, warum."
Von Georg Diez

DER SPIEGEL 27/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 27/2015
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Zeitgeist:
Schmollmundfatalismus

  • ESA-Astronaut Matthias Maurer: Der erste Deutsche auf dem Mond?
  • Seltene Tiefseespezies: Grüner Bomberwurm gefilmt
  • Neues Transportsystem: Katar testet schienenlose Tram für WM 2022
  • Carola Rackete: Retterin äussert sich nach Vernehmung