04.07.2015

DDRDeutsche Denunzianten Republik

Nicht nur Stasileute haben gespitzelt. Neue Aktenfunde zeigen, wie normale Bürger Nachbarn und Kollegen verrieten. Auch aus dem Westen erhielt das Regime wertvolle Tipps.
September 1987, bei der Volkspolizeiinspektion Döbeln, in der Nähe von Dresden, klingelte das Telefon. Am anderen Ende der Leitung meldete sich ein unbekannter Mann.
"Guten Abend. Ich hab eine Information für Sie. Nehmen Sie sich einen Stift zur Hand!"
"Ich höre."
"Frau Marianne Schneider fährt am Mittwoch, dem 14. September, nach Westberlin zu Besuch. Sie kommt nicht wieder."
"Und wer sind Sie?"
Schweigen.
"Sie wollen anonym bleiben?"
"Ja."
"Auf was begründet sich das denn?"
"Hat sie geäußert, im engen Freundeskreis."
Dann legte der mysteriöse Anrufer den Hörer auf. Und Marianne Schneider(*) hatte ein Problem: Die Behörden entzogen ihr umgehend die Reiseerlaubnis, sie überwachten ihren Telefon- und Postverkehr, befragten ihre Nachbarn und Kollegen.
Diese Geschichte handelt von Spitzeln und Denunzianten, die in der DDR-Forschung bis vor Kurzem keine Rolle spielten – weil sie nichts mit der Stasi zu tun hatten. Es geht um ganz normale Bürger, die ihre Mitmenschen verrieten: Nachbarn berichteten über Nachbarn, Schüler über Mitschüler, Studenten über Kommilitonen, Vorgesetzte über Mitarbeiter, Leitungskader über Parteigenossen.
Bislang haben Inoffizielle Mitarbeiter (IM) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) das Bild des ostdeutschen Überwachungsstaats geprägt. Akten mit ihren IM-Berichten wurden zur unverzichtbaren Quelle für Stasiopfer, Politiker, Historiker und Journalisten, die sich mit ihrer individuellen Geschichte oder dem Spitzelwesen in der DDR beschäftigten.
Kaum Beachtung fanden dagegen Tonbandmitschnitte der Volkspolizei und schriftliche Zeugnisse aus fast allen Bereichen der ostdeutschen Gesellschaft. Behörden, Parteien, Verbände, Betriebe, Universitäten, Kultureinrichtungen: Überall meldeten Bürger Belastendes über ihre Mitmenschen.
Von einer "fulminanten Rapportmaschinerie" spricht die Greifswalder Historikerin Hedwig Richter. Breite Teile der Bevölkerung hätten sich daran beteiligt: "Es gab institutionalisierte Strukturen außer-
halb der Stasi, aus denen tägliche und wöchentliche Berichte hervorgingen." Ganz gleich, ob Rathaus, Stahlwerk oder LPG: "Jeder, der einen halbwegs verantwortungsvollen Posten hatte", sagt Richter, "verfasste Berichte für übergeordnete staatliche Stellen."
Tausendfach verstaubten diese Dokumente seitdem in Archiven der ostdeutschen Bundesländer, der früheren Ostparteien, Universitäten und Behörden. Nun werden die Papiere von Historikern systematisch ausgewertet. Sie zeigen, wie das permanente Berichtswesen den Alltag durchdrang. Die DDR wirkt in ihnen wie eine Deutsche Denunzianten Republik: Anschwärzen war für viele eine Selbstverständlichkeit – ganz ohne Zutun der Stasi und ihres Chefs Erich Mielke.
Ein Großteil der Denunziationen drehte sich um geplante Republikfluchten, etwa die Absicht von DDR-Bürgern, nach einer genehmigten Westreise nicht zurückzukehren. Aber auch Devisenschmuggel und auffälliger Alkoholkonsum erregten den Argwohn aufmerksamer Republikbewohner. Der Empfang von Westpaketen war suspekt. Wer schneller als andere eine neue Wohnung oder ein Auto zugeteilt bekam, musste mitunter mit der Rache neidvoller Nachbarn rechnen. Auch außereheliche Liebesbeziehungen wurden gemeldet.
"Guten Tag, ich möchte da eine Meldung machen", heißt es in einem Telefonmitschnitt: "Es geht um Herrn ... Der hat ständig Besuch in seiner Wohnung, oft wechselnde Damen, wohl auch solche aus dem Westen."
In den 25 Jahren seit der deutschen Einheit wurden diese alltäglichen Denunziationen kaum diskutiert. Nach dem Fall der Mauer konnten sich frühere Anschwärzer leicht wegducken. Inoffizielle Mitarbeiter der Stasi verloren oftmals ihren Job im Staatsdienst, wenn ihre Identität aufflog. Dafür sorgten Überprüfungen beispielsweise in ostdeutschen Parlamenten, Behörden, Schulen und Universitäten.
Einfache Denunzianten dagegen blieben unbehelligt, so gut wie nie wurden sie mit ihren alten Vergehen und den zugehörigen Akten konfrontiert.
Das Verpetzen anderer war unterdessen keine rein ostdeutsche Spezialität. Auch Bewohner der Bundesrepublik riefen bei staatlichen DDR-Stellen an, um dort Ostbürger auffliegen zu lassen, etwa wenn sie eine Flucht planten.
Ein Anrufer aus Westberlin zum Beispiel meldete, er habe eine gute Freundin in Ostberlin, und er wolle "sie um Gottes willen nicht anscheißen". Dennoch verriet er, sie habe "Verbindung zu Fluchtunternehmen" und wolle zu ihm in den Westen flüchten. Zwar habe er die Frau "wirklich gern". Aber offenbar lieber hinter der Mauer. Über eine entsprechende Hilfe der Genossen würde er sich freuen.
Probleme mit einer grenzenlosen Liebe beschäftigten eine weitere Informantin aus der Bundesrepublik, die gleich viermal im Osten anrief. Ihr Exmann wolle seine Geliebte in den Westen holen, verriet sie – womit wohl auch dieses Vorhaben vereitelt war.
Eifersucht war allerdings nicht das einzige Motiv westdeutscher Denunzianten. Eine Dortmunderin verriet Namen und Anschrift fluchtwilliger DDR-Bürger aus vermeintlich übergeordnetem Interesse. Sie habe kein Verständnis dafür, sagte sie, dass "uns von Ausländern, aber auch von DDR-Leuten die Arbeit weggenommen wird".
Ein westdeutscher Geschäftsmann wiederum diente sich während der Leipziger Messe als Informant an: "Ich möchte Ihnen einen Hinweis geben über Schmuggel von Pornografie in die DDR. Notieren Sie Folgendes: Der ... war ehemaliger Bewohner der DDR, der ist jetzt ausgewandert in die BRD. Der Schmuggler hält sich zurzeit in Leipzig auf."
"Mit wem spreche ich?"
"Möchte ich natürlich nicht sagen. Das ist eine kleine Rechnung, die offengeblieben ist, weil der mich sehr gepiesackt und euer Land auch ganz schön miesgemacht hat. Das ist eine kleine Revanche!"
Ost- wie westdeutschen Denunzianten bot die DDR vielerlei Anlaufstellen für ihre Berichte. Das MfS mit seinen öffentlich bekannten Nummern, die in jedem DDR-Telefonbuch standen, war nur eine davon. Der Sekretär der "Wohngebietsparteiorganisation" oder der Gewerkschaftssekretär waren ebenfalls gute Kontaktpersonen.
Die Liste potenzieller Denunzianten war lang. In fast jedem Mietshaus der DDR hielt eine Art Hauswart fest, wer wen wann besuchte – es gab 2,1 Millionen dieser oft auskunftswilligen sogenannten Hausbuchführer. Die Volkspolizei zählte zudem 173 000 "Freiwillige Helfer". Auch Schuldirektoren, Leiter der Jugendorganisation FDJ, Wahlhelfer und Werksdirektoren gehörten zum Heer der potenziellen Informanten.
Wie gut die Obrigkeit informiert war, hat Historikerin Richter am Beispiel des sächsischen Kreises Löbau recherchiert. In den wöchentlichen Berichten des Kreisrats war notiert, welche Pfarrer sich kritisch oder loyal geäußert hatten, welche Bücher in ihren Wohnungen standen und welche Spannungen es in ihren Kirchengemeinden gab. Sogar "dass in den letzten Tagen einige Schulmädchen Pakete aus Westdeutschland auf dem Postweg erhalten haben", meldete ein Genosse der SED-Kreisleitung.
Nicht nur SED-Mitglieder beschafften Informationen, auch die Funktionäre der Blockpartei CDU beteiligten sich am Denunziantenwettbewerb. Niemand musste sich dafür an die Stasi wenden, die viele als bedrohlich empfanden. Ein Gespräch mit dem freundlichen Kreisrat oder Betriebsleiter bedurfte keiner Rechtfertigung. Kritische Informationen über Mitbürger gingen dort leichter über die Lippen.
Man benutzte die Staatsmacht, egal an welcher Stelle man seine Informationen einspeiste. Das Berichtswesen verfolgte DDR-Bürger vom Kindergarten über den Berufsalltag bis ins Rentnerkollektiv der "Volkssolidarität". Es gehörte zur Erziehung der "sozialistischen Persönlichkeit". Denunziatorische Handlungen übten manche schon als Jungpionier, dann als pubertierender FDJler ein. Über Mitschüler wurden Karteikarten angelegt: "Trägt Westklamotten", "Zeigt Sympathien für Punkmusik", "Vertritt pazifistische Ansichten".
Gegenseitige Bewertungen und Beurteilungen, Kritik und Selbstkritik waren allgegenwärtig. Ständig ging es im ganzen Land darum, abweichende Meinungen als staatsfeindliche Gesinnung zu brandmarken. Oft genug zum eigenen Vorteil.
Die Verlierer dieses Systems wussten häufig nicht, warum ihr Leben aus der Bahn geworfen wurde. Nach dem Mauerfall suchten viele von ihnen nach ihrer Stasiakte. Sie wollten verstehen, warum sie damals zum Beispiel keinen Studienplatz bekommen hatten, wieso ihre Berufskarriere plötzlich abgebrochen war oder weshalb ihre Ausreisegenehmigung kurzfristig widerrufen wurde. Zu ihrer Verwunderung gab es aber beim Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdiensts keine Akten über sie.
Erklärungen lassen sich dagegen in den Dokumenten der Partei-, Betriebs- und Universitätsarchive finden. Da konnte schon das Versäumen von Russischstunden, eine vorschnelle Bemerkung im Studienkollektiv, ein wiederholt fehlender "klarer Klassenstandpunkt" zur Exmatrikulation führen – mit weitreichenden Folgen für das ganze Leben.
FDJ-Kollektive entschieden durch Beurteilungen von Schülern mit, wenn es um Studien- oder Arbeitsplätze ging; sie waren Teil der strukturellen Gewalt gegen die eigene Bevölkerung. Kaderleiter setzten dies in den "Volkseigenen Betrieben" (VEB) fort.
Mit diesem fein gesponnenen Netz erklären Historiker jene erstaunliche Stabilität des DDR-Systems, die allein durch die Stasi nicht hätte erreicht werden können.
"Die allgenwärtige Denunziationsmöglichkeit", sagt Hedwig Richter, "setzte obendrein den wichtigsten Disziplinierungsmechanismus in Gang: die Selbstzensur." Dazu gehörte, dass Bürger sogar ohne Aufforderung und ohne rechtliche Verpflichtung von sich aus informierten. "Darüber hinaus hofften DDR-Bürger durch Selbstpreisgabe bereits im Vorfeld eventuelle Probleme und Missverständnisse verhindern zu können", sagt Richter. Zugleich hätten sie damit Loyalität demonstriert: "Durch ihre Eigeninitiative verliehen die Menschen dem Überwachungsbedürfnis des Regimes Legitimität. Mit ihrem vorauseilenden Gehorsam trugen diese Bürger zu ihrer umfassenden Observation bei und wirkten am Überwachungsstaat mit."
So konnten die Herrschenden erkennen, wer abgestraft und wer belohnt werden musste. Nach jeder DDR-Wahl etwa, wenn Nichtwähler in den Berichten der Wahlhelfer namentlich angeprangert wurden.
Wie viele Bürger sich an Denunziation und Unterwerfungsgestus beteiligten, können die Historiker noch nicht beziffern. Die Mehrheit der Menschen hat sich verweigert. Mit Sicherheit aber gab es weitaus mehr Zuträger als die zuletzt rund 180 000 Inoffiziellen Mitarbeiter der Stasi.
Dass sich eine Geschichte des Denunziantentums in der DDR nicht länger auf IM beschränken kann, haben vor Kurzem auch Studien von Christian Booß und Helmut Müller-Enbergs gezeigt. Die beiden Historiker sind beim Bundesbeauftragten für die Stasiunterlagen angestellt. Sie sind auf Zuträger-Klassen im früheren Ministerium für Staatssicherheit gestoßen, über die bislang kaum geforscht wurde.
Demnach wurden Institutionen, in denen Menschen Informationen über andere preisgaben, als Kategorie POZW bezeichnet – als "Partner des politisch-operativen Zusammenwirkens". Diese Auskunftspersonen mussten, anders als IM, keine Verpflichtungserklärung unterschreiben. Trotzdem berichteten sie aus ihrem Umfeld. Zahlreiche POZW-Berichte sind überliefert, zum Beispiel aus Banken, Bibliotheken, Krankenhäusern, Meldestellen und Justizbehörden.
Sogenannte Auskunftspersonen (AKP) wurden von der Stasi in großer Zahl genutzt. Im ehemaligen Kreis Saalfeld in Thüringen zum Beispiel haben Booß und Müller-Enbergs 745 IM gezählt – und 3335 AKP. Nicht nur SED-Genossen hatten sich vor Ort als Auskunftspersonen nützlich gemacht. Für Rostock berechneten die Historiker, dass 18 Prozent der Bevölkerung als gelegentliche AKP wirkten.
Die beiden Forscher wollen aber nicht jeden, der auf Initiative der Stasi denunziatorische Auskünfte gab, als klassischen Denunzianten bezeichnen. Angst, Erpressung, Selbstschutz spielten oft auch eine Rolle. Sie sprechen lieber von einem "Denunziationskomplex".
Überrascht waren die Historiker schließlich, als sie im Stasiarchiv von Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz, auf bislang unbeachtete Unterlagen stießen. Dort waren "GM" aufgeführt. In anderen "BM". Es waren zwei Kürzel, die sie noch nicht kannten. GM bedeutete "Gute Menschen" und BM "Brauchbare Menschen".
Gute Menschen waren demnach DDR-Bürger mit einer "positiven Einstellung zum MfS", vom SED-Mitglied bis zum Bürgermeister. Brauchbare Menschen waren offenbar etwas weniger positiv eingestellt, aber immer noch auskunftswillig.
Ein Berufsschullehrer gehörte zu diesen guten Menschen, weil er in Gesprächen überwiegend seine Kollegen charakterisierte und sie gezielt ausforschte. Ein Lehrer einer Oberschule in Plauen war ein guter Mensch, weil er Vorschläge hatte, welche seiner Schüler sich für den militärischen Nachwuchs eignen könnten. Im sächsischen "VEB Büromaschinenreparatur" verriet ein Gutmensch den möglichen Autor von Hetzbriefen an Erich Honecker, da er nur diesem Kollegen zutraue, den Namen des Partei- und Staatschefs mit zwei n zu schreiben.
Gutes Geld für gute Menschen verteilte der Staat auch, mal waren es 100 Mark, mal gab es ein nettes Geschenk. Auf Formblätter, Decknamen und Treffberichte wurde verzichtet. Es waren ja keine Stasispitzel. Nur brauchbare Denunzianten.
Twitter: @wensierski
* Name von der Redaktion geändert.
Von Peter Wensierski

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