04.07.2015

Zeitgeschichte„Ich will nicht abschließen“

20 Jahre nach dem Völkermord von Srebrenica kämpft eine bosnisch-deutsche Familie um dessen Aufarbeitung.
Almir Avdić weiß, dass er seine Tante Nura nicht noch einmal zu fragen braucht. Nura Mustafić will nicht zu ihm nach Deutschland, sie will hierbleiben, in Srebrenica. An diesem Ort, an dem ihr alles genommen wurde, ihr Mann, ihre Söhne, und der dennoch ihre Heimat ist. Die will sie sich nicht auch noch nehmen lassen.
Avdić stützt seine Tante beim Gehen. Die beiden laufen durch Srebrenica zum Friedhof. Schmucklose Betonbauten reihen sich an Ruinen und Brachen. Die Kleinstadt in Bosnien-Herzegowina wirkt wie erstarrt, als wäre die Zeit nach 1995 stehen geblieben: Die Läden sind geschlossen, die Fenster der Häuser mit Brettern vernagelt, an den Wänden sind noch immer die Einschusslöcher der Granaten zu sehen.
Am 11. Juli jährt sich der Genozid an den Muslimen von Srebrenica zum 20. Mal. Mehr als 8000 Jungen und Männer starben, nachdem bosnisch-serbische Soldaten und Paramilitärs die Stadt im Bosnienkrieg 1995 eingenommen hatten. Nura Mustafić hat überlebt.
Heute wohnt sie Tür an Tür mit den Feinden von einst, darunter vielleicht die Mörder ihrer Söhne und ihres Mannes. Sie sitzt im Bus neben Serben, sie kauft ihr Brot bei Serben, sie besucht einen serbischen Arzt. Avdić fragt sich, wie die Tante das aushält. Er selbst lebt in Siegen, Nordrhein-Westfalen, wohin seine Eltern in den Siebzigerjahren aus dem damaligen Jugoslawien gezogen waren, wo er zur Schule ging und heute als Wirtschaftsingenieur für einen Schraubenhersteller arbeitet.
Die Tante aus Srebrenica und ihr Neffe aus Siegen stehen für zwei Perspektiven auf ein Verbrechen, das Europa immer noch beschämt und die Bewohner des Balkans bis heute keinen Frieden finden lässt.
Avdić' Eltern waren Gastarbeiter, nicht Flüchtlinge wie die vielen Landsleute, die während des Bosnienkriegs in die Bundesrepublik kamen und später wieder auf den Balkan zurückkehren mussten.
Umso mehr versucht Avdić, den Genozid von 1995 hierzulande in Erinnerung zu halten. Obwohl er weiß, wie sehr das schmerzt. Er sieht es ja am Beispiel seiner Verwandten, die keinen Frieden findet. "Ich will nicht abschließen", sagt Nura Mustafić. "Und vor allem sollen die Mörder nicht abschließen und vergessen, was sie getan haben. Ich bleibe hier, und sie sollen mich sehen und sich schämen."
Tatenlos hatten die Deutschen, die Europäer, hatte die Welt zugesehen, wie Serben damals die Uno-Schutzzone Srebrenica attackierten. Avdić erinnert sich an seine Verzweiflung in jener Zeit: Ein Völkermord wurde begangen, mitten in Europa, und niemand unternahm etwas dagegen.
Das Haus seiner Verwandten auf dem Hügel über Srebrenica war Anfang Juli 1995 voll mit Familienmitgliedern. Die Uno hatte die Stadt zwei Jahre zuvor zur Schutzzone erklärt, Menschen aus der ganzen Region waren dorthin geflohen. Nura Mustafić und ihr Mann Hasan beruhigten ihre Angehörigen. Sie hatten sich immer gut mit den Serben im Ort verstanden. Knapp 30 Jahre zuvor hatten sich die beiden auf einem Volksfest kennengelernt, kurz danach geheiratet und drei Kinder bekommen; die Söhne Mirsad, Fuad und Alija waren jetzt gerade erwachsen.
In Siegen saß Almir Avdić mit seinen Eltern bis in die Nacht vor dem Radio in der Küche. In den Nachrichten hieß es, ein Angriff auf Srebrenica stehe kurz bevor. Die Uno hatte nur 450 Blauhelmsoldaten aus den Niederlanden in die Region beordert, viel zu wenig, um eine serbische Offensive abzuwehren. Die Blauhelme gaben die Kontrollposten im Umland von Srebrenica kampflos auf. Die Avdićs beteten, dass die Nato einschreiten möge. Doch der Befehlshaber der Uno-Friedensmission brach einen Einsatz der Nato ab. Er fürchtete, ein Militärschlag könnte das Leben von Blauhelmsoldaten gefährden, da die Serben mit Geiselnahmen drohten.
Granaten seien damals in Srebrenica eingeschlagen, erzählt Tante Nura, während sie 20 Jahre später den Friedhof besucht, Häuser brannten. Die Mustafićs flohen. Ein Teil der Familie eilte den Berg hinab, um Schutz zu suchen in einer ehemaligen Batteriefabrik im Tal, einem Camp der Uno. Nach der Eroberung der Stadt wurden Männer und Frauen getrennt, später wurden die Männer von den Serben ermordet.
Nura Mustafić, ihr Ehemann Hasan und die drei Söhne flohen in Richtung der Wälder. Sie wollten sich einem Treck Tausender anderer bosnischer Muslime anschließen. Serbische Truppen schossen auf die Flüchtlinge, die beiden Söhne, Fuad und Alija, wurden verwundet. Sie mussten im Wald ausharren. Hasan Mustafić ging zweimal los, um ihnen Wasser zu bringen. Beim dritten Mal kam er nicht mehr zurück. Die Soldaten umzingelten Nura Mustafić und ihre Söhne, trieben sie heraus aus dem Wald. Nura Mustafić wollte sich nicht von ihren Kindern trennen, sie ließ die Hand ihres jüngsten Sohnes Mirsad nicht los, doch die Serben stießen sie zurück.
Nura Mustafić lockert das Kopftuch, wischt sich den Schweiß von der Stirn. Es kostet sie Kraft, von dem Verbrechen an ihrer Familie zu erzählen. Von den alten Nachbarn ist kaum mehr jemand hier. Die Männer wurden ermordet, die Frauen sind nach Sarajevo gezogen oder ins Ausland.
Srebrenica markierte 1995 einen Wendepunkt: Im August begann die Nato mit massiven Luftschlägen. Im Dezember unterzeichneten die verfeindeten Parteien einen Friedensvertrag, das sogenannte Dayton-Abkommen. Bosnien bleibt als Gesamtstaat erhalten, ist aber zweigeteilt in die Föderation Bosnien und Herzegowina und die mehrheitlich serbische Republika Srpska.
Seither können sich die Menschen frei bewegen. Doch versöhnt sind sie bis heute nicht. Der Krieg und seine Folgen führen dazu, dass die Bürger sich noch immer ethnisch definieren. Schuld wird mit Schuld verrechnet, denn die Verbrechen gingen nicht ausschließlich von den Serben aus. Auch muslimische Bosnier setzten Häuser in Brand, ermordeten Zivilisten, vertrieben Frauen und Kinder. Jeder hat seine eigene Wahrheit: In den Schulen lernen muslimische und serbische Kinder in getrennten Klassen verschiedene Versionen über die Geschichte ihres Landes.
Nura Mustafić kämpft dafür, dass die Verantwortlichen des Völkermordes zur Rechenschaft gezogen werden. Sie engagiert sich in der Initiative "Mütter von Srebrenica", hält in ganz Europa Vorträge, um über den Genozid aufzuklären. Sie ist auch nach Den Haag gereist zu den Prozessen gegen die bosnischen Serbenführer Ratko Mladić und Radovan Karadžić.
Die Verantwortung der Vereinten Nationen an dem Völkermord ist bis heute juristisch nicht aufgearbeitet. Nur ein Zivilgericht in Den Haag befand 2014, dass der niederländische Staat mitschuldig sei am Tod von 300 Männern, die von den Blauhelmen an bosnische Serben übergeben worden waren. Die Uno hat sich in sämtlichen Verfahren auf ihre Immunität berufen.
Zwanzig Kilometer südwestlich von Srebrenica liegt Godjenje, das Heimatdorf von Avdić' Eltern. Almir Avdić steigt aus dem Wagen und zeigt auf einen Haufen Schutt. "Hier stand unser Haus", sagt er und dreht sich nach links. "Und hier, zwischen den Birnbäumen, haben wir Fußball gespielt, Mirsad, Fuad und Alija und ich."
In den Sommerferien, wenn die Avdićs nach Godjenje fuhren und die Mustafićs aus Srebrenica herüberkamen, war es für Almir Avdić, als hätte er drei ältere Brüder. Die Jungen badeten in der Drina, abends grillten sie zusammen Lammfleisch.
Sie sei ein Vorbild für ihn, sagt Avdić über seine Tante. Nicht nur, weil sie dafür kämpfe, dass das Unrecht, das ihr widerfahren ist, aufgeklärt werde. Sondern auch mit ihrem Anliegen, dass sich Srebrenica niemals wiederholen darf. Avdić unterstützt in Nordrhein-Westfalen den Verein "Help Srebrenica", der sich für die Aussöhnung zwischen Serben und muslimischen Bosniern einsetzt. Das sei das Mindeste, was er tun könne, sagt er.
Avdić läuft durch das Dorf zur Moschee. Godjenje wurde im Krieg zerstört, wie fast alle Gemeinden in der Region um Srebrenica. Von den meisten Häusern sind nur Gerippe geblieben, Gestrüpp überwuchert die Ruinen. Vor dem Krieg wohnten 1000 Menschen in Godjenje, heute sind es weniger als 20, fast ausschließlich Witwen.
Am Abend ist Avdić in Srebrenica. Er will noch einmal zu seiner Tante. Morgen geht sein Flug zurück nach Deutschland. Avdić durchquert den Garten. Der Flieder blüht, und die Abendsonne scheint. Seine Tante bringt Gebäck ins Wohnzimmer. An der Wand hängt ein Bild, auf dem alle vier zu sehen sind, Hasan, Mirsad, Fuad und Alija.
Bis vor ein paar Jahren wusste Mustafić nicht, was aus ihrem Mann und ihren Söhnen geworden ist. Die Serben hatten die Opfer des Genozids in Massengräbern verscharrt. Hasans, Fuads und Mirsads Leichen wurden 2011 von den Behörden identifiziert. Bis dahin hatte Mustafić gehofft, dass sie wieder auftauchen, dass einer ihrer Söhne plötzlich im Garten steht, dass ihr Mann zurückkommt. Die Hoffnung wurde fast völlig zerstört, zwei ihrer Söhne sind tot, ihr Mann auch. Die Überreste von Mustafić' Sohn Alija wurden bis heute nicht gefunden.
Mustafić blickt aus dem Fenster auf die Berge um die Stadt. Wenn sie für die "Mütter von Srebrenica" auf Reisen ist oder zu Besuch bei der Schwester in Sarajevo, drängt es sie nach Srebrenica. Das Haus, sagt sie, solle nicht leer stehen, wenn Alija zurückkehrt.

Von Maximilian Popp

DER SPIEGEL 28/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 28/2015
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Zeitgeschichte:
„Ich will nicht abschließen“

Video 01:14

El Salvador Starkregen löst riesigen Erdrutsch aus

  • Video "Anti-Brexit-Demo: Ich mache das für meine Kinder" Video 01:50
    Anti-Brexit-Demo: "Ich mache das für meine Kinder"
  • Video "Homosexualität in Uganda: Liebe unter Lebensgefahr" Video 07:56
    Homosexualität in Uganda: Liebe unter Lebensgefahr
  • Video "Schottische Insel: Der weltweit einzige Strand-Flughafen" Video 04:59
    Schottische Insel: Der weltweit einzige Strand-Flughafen
  • Video "Demos gegen Syrien-Offensive: Die ganze Welt schaut zu" Video 01:30
    Demos gegen Syrien-Offensive: "Die ganze Welt schaut zu"
  • Video "Rede von Theresa May: Ich habe ein deutliches Déjà-vu" Video 02:40
    Rede von Theresa May: "Ich habe ein deutliches Déjà-vu"
  • Video "Brennende Barrikaden, 150 Verletzte: Barcelona - die Nacht der Ausschreitungen" Video 02:25
    Brennende Barrikaden, 150 Verletzte: Barcelona - die Nacht der Ausschreitungen
  • Video "Medienberichte: Aufregung um rätselhaften Blob im Zoo von Paris" Video 01:15
    Medienberichte: Aufregung um rätselhaften "Blob" im Zoo von Paris
  • Video "Lage in Nordsyrien: Manchmal muss man sie ein bisschen kämpfen lassen" Video 02:25
    Lage in Nordsyrien: "Manchmal muss man sie ein bisschen kämpfen lassen"
  • Video "Videoanalyse aus Brüssel: Der Gipfel droht zum Frustgipfel zu werden" Video 03:08
    Videoanalyse aus Brüssel: "Der Gipfel droht zum Frustgipfel zu werden"
  • Video "Weltall-Tourismus: Virgin Galactic stellt Raumanzüge vor" Video 01:19
    Weltall-Tourismus: Virgin Galactic stellt Raumanzüge vor
  • Video "Nordsyrien: 120 Stunden Gefechtspause" Video 01:27
    Nordsyrien: 120 Stunden Gefechtspause
  • Video "Walkadaver in der Tiefsee: Gefundenes Fressen" Video 01:39
    Walkadaver in der Tiefsee: Gefundenes Fressen
  • Video "Kuriose Operation: Flügeltransplantation für Schmetterling" Video 01:29
    Kuriose Operation: Flügeltransplantation für Schmetterling
  • Video "Videoanalyse zum Brexit-Deal: Für Johnson wird es sehr knapp werden" Video 01:39
    Videoanalyse zum Brexit-Deal: "Für Johnson wird es sehr knapp werden"
  • Video "Versprecher von FDP-Chef Lindner: Thüringen statt Syrien" Video 00:53
    Versprecher von FDP-Chef Lindner: Thüringen statt Syrien
  • Video "El Salvador: Starkregen löst riesigen Erdrutsch aus" Video 01:14
    El Salvador: Starkregen löst riesigen Erdrutsch aus