04.07.2015

FußballDrecksarbeit im Revier

Seit sechs Jahren jagen Fahnder der Bochumer Ermittlungsgruppe „Flankengott“ Spielmanipulateure, ihr Wissen ist weltweit geschätzt. Nun wird die Einheit abgewickelt – ein fataler Schritt im Kampf gegen Wettbetrug.
Mitte Juni schlugen bei großen Wettüberwachern wie der Münchner Firma Sportradar die Alarmsysteme an. Zu viel Geld war in zu kurzer Zeit auf bestimmte Fußballspiele gesetzt worden. Der Wettmarkt sei "übergekocht", sagt ein Experte – seitdem stehen auch zwei Qualifikationsspiele für die WM 2018 in Russland unter Manipulationsverdacht.
Während eine der Partien noch lief, klingelte bei Michael Bahrs das Telefon. Der Anrufer wollte wissen, ob die Spiele gefixt worden sein könnten. Bahrs, 43, blonde Strähnchen, gegelte Haarspitzen, ist Kriminalhauptkommissar in Bochum, bei der Arbeit trägt er gern T-Shirt, Jeans und Chucks. Seit sechs Jahren beschäftigt er sich mit Sport- und Wettbetrug. Bahrs hat dafür die halbe Welt bereist, Zehntausende Seiten an Aktenvermerken geschrieben, einige der einflussreichsten Spielmanipulateure persönlich verhört. Weltweit ist kaum ein anderer Ermittler so tief in das System des internationalen Wettbetrugs eingetaucht.
Die WM-Qualifikationsspiele, an denen womöglich gedreht wurde, fanden weit entfernt von Bochum statt. In dem einen unterlag die Nationalmannschaft Kambodschas Afghanistan 0:1, im anderen spielte die Landesauswahl von Laos 2:2 gegen Myanmar. Über 20 Millionen Euro sollen auf beide Partien gesetzt worden sein, eine irre Summe. Bahrs hat Hinweise, dass hinter dieser extrem auffälligen Wette eine europäische Zockerbande stecken könnte. Belege dafür, dass die Spiele manipuliert wurden, gibt es nicht. Das teilte er dem Anrufer auch mit.
Wettbetrug ist eines der wachstumsstärksten Kriminalitätsfelder. Es gibt Studien, die zeigen, dass große Banden vermehrt ihre Gelder aus dem Drogen- und Waffenhandel mit manipulierten Fußballspielen waschen. Ein Aktenvermerk der europäischen Polizeibehörde Europol beschreibt, dass seit 2011 fast alle großen Mafiaorganisationen mit Matchfixing in Berührung gekommen sind: die drei italienischen Syndikate 'Ndrangheta, Cosa Nostra und Camorra, die chinesischen Triaden, die indische D-Company. Eine Singapurer Zelle unterwanderte ganze europäische Ligen wie die in Ungarn, Finnland, Kroatien und Bulgarien.
Es ist ein dreckiges Geschäft ohne Grenzen, dem nationales Strafrecht kaum beikommt, und die digitale Revolution spielt den Matchfixern zusätzlich in die Karten. Sie kommunizieren über WhatsApp, Twitter, Skype oder Facebook, allesamt Portale, die polizeiliche Überwachung erschweren. Die Manipulationen finden am einen Ende der Welt statt, die Platzierung der Wetten online am anderen Ende, die Gewinne fließen irgendwo dazwischen. Ein Horror für jeden Ermittler. "Wettbetrug ist eines der lukrativsten Geschäftsfelder. Das Risiko, erwischt zu werden, ist gering, die Rendite ist dafür oftmals umso größer", sagt Bahrs.
Er weiß, wovon er spricht. Im Frühjahr 2009 gehörte Bahrs zum Gründungsteam der Ermittlungsgruppe "Flankengott", die im Kriminalkommissariat 21 des Bochumer Polizeipräsidiums angesiedelt wurde. Der Abteilung für organisierte Kriminalität.
Die Fahnder aus dem Revier haben seitdem 654 Spiele als verschoben ausgemacht, sie identifizierten 604 beschuldigte Personen. 18 Wettbetrüger landeten schließlich im Gefängnis, ihre Freiheitsstrafen summieren sich auf mehr als 45 Jahre. Ante Sapina, der berühmte Wettpate aus Berlin, ist genauso darunter wie der deutschkroatische Zockerkönig Marijo Cvrtak.
Die Bochumer erarbeiteten sich so den Ruf, die schärfste Behörde im Kampf gegen Spielmanipulation zu sein. Weltweit. Matchfixer, die in der Türkei, in den Niederlanden, der Schweiz, Ungarn, Österreich oder in England geschnappt wurden, wehrten sich mit allen Kräften dagegen, ins Ruhrgebiet ausgeliefert zu werden.
Bahrs hätte sie am liebsten alle auf der Anklagebank des Bochumer Landgerichts gesehen. "Es gibt noch viel zu tun. Jeden Tag werden neue Fußballspiele manipuliert. Auch in Deutschland", sagt Bahrs.
Hören möchte das bei der Bochumer Kripo kaum noch einer. Nach sechs wilden und kräftezehrenden Jahren im Kampf gegen die Wettmafia wird die Einheit "Flankengott" nun allmählich abgewickelt. Es gibt keine offizielle Entscheidung des nordrhein-westfälischen Innenministeriums oder der Bochumer Polizeipräsidentin, die Flankengötter abzuziehen. Das nicht.
Eher ist es ein schleichendes Ende. Einst gehörten 20 Ermittler zu der Sondereinheit, jetzt sind es nur noch 2. Und die werden häufig ausgebremst. Dienstreisen werden nicht genehmigt, Zuständigkeiten hin- und hergeschoben. Warum immer Bochum, heißt es dann, können nicht auch mal die anderen ran, die Bayern, die Hessen, die Berliner? Der ganz normale Abnutzungskampf und Stellungskrieg im föderalen System der Bundesrepublik.
Dabei gibt es einen klaren politischen Auftrag. Als CDU, CSU und SPD im Herbst 2013 den Koalitionsvertrag unterzeichneten, stand der Kampf gegen Doping und Spielmanipulation ganz oben auf der Agenda. Die "ethisch-moralischen Werte des Sports" seien massiv gefährdet, heißt es in dem Papier, "deshalb werden wir weitergehende strafrechtliche Regelungen beim Kampf gegen Doping und Spielmanipulation schaffen."
Schon seit längerer Zeit gibt es in München und Freiburg zwei sogenannte Schwerpunktstaatsanwaltschaften, die bei Medikamentenmissbrauch im Leistungs- und Breitensport ermitteln, und Anfang nächsten Jahres soll es endlich auch ein scharfes und wirkungsvolles Anti-Doping-Gesetz in Deutschland geben. Schön.
Gesetzesinitiativen zum ähnlich heißen Thema Sportbetrug? Eine Schwerpunktstaatsanwaltschaft Matchfixing, vielleicht sogar zwei? Fehlanzeige. Stattdessen wird Bochum, eine der kompetentesten und erfolgreichsten Strafverfolgungsbehörden im Kampf gegen Manipulateure, einfach ausgetrocknet, während weltweit immer mehr Wettbetrugskartelle den Sport infiltrieren.
Wer die Drecksarbeit anstelle der Bochumer Kripo in Zukunft machen soll, ist völlig unklar. Das Bundeskriminalamt in Wiesbaden? Dort gibt es derzeit einen einzigen Beamten, der sich in das Thema reinkniet.
Das Kriminalkommissariat 21 des Bochumer Polizeipräsidiums liegt etwa 15 Minuten Fußweg von der Innenstadt entfernt. Eigentlich gibt es hier ganz andere Probleme als Fußball. In dem Gebäude aus den Zwanzigern im Schatten des Bochumer Wahrzeichens, des Förderturms der Zeche Germania, jagen die Kripobeamten normalerweise Drogenschmuggler, Menschenhändler und Mörder. Alles, was in den Bereich organisierte Kriminalität fällt. Die ganz harten Fälle.
Die Sache mit dem Wettbetrug, die immer größer wurde, war zunächst ein Beifang. Im Frühjahr 2009 bekamen die Bochumer Ermittler bei einer Telefonüberwachung im Rotlichtmilieu zufällig mit, wie Zocker sich über manipulierte Fußballspiele und Wettgewinne unterhielten. Ständig war von "Over-" und "Under-Wetten", von "Draw no Bet" oder "Asian Handicap 1.75" die Rede. "Wir haben kaum ein Wort verstanden", gesteht Bahrs. Die Beamten nahmen Nachhilfe, ließen einen Sachverständigen eines Wettüberwachers nach Bochum anreisen. Es kam ihnen vor wie ein Fremdsprachenkurs in einer Abendschule. "Für manche von uns war das wie ein Eintauchen in eine völlig neue Welt", sagt Bahrs.
Eine neue Welt, die kompliziert, verwinkelt und oft auch verrückt ist. Der Wettmarkt in Zeiten des Internets ist ein beinahe gesetzloser Raum, die großen Wettanbieter sitzen auf Malta, Gibraltar, den Philippinen und in Macau. Gesetzt wird auf fast alles, auf Eckbälle, Freistöße, Einwürfe, auf Gelbe und auf Rote Karten. Und das nicht nur in der Champions League oder der Bundesliga, sondern auch bei B-Jugend-, Oberliga- und Mädchenspielen. Das Business hat absurde Dimensionen angenommen. Weltweit wird jährlich geschätzt rund eine Billion Euro mit Sportwetten umgesetzt, annähernd so viel wie der gesamte deutsche Exportumsatz. Und rund 70 Prozent der Wetten entfallen auf den Fußball.
Das Büro des Kriminalhauptkommissars Michael Bahrs liegt im dritten Stock. Die Wände sind grau, es riecht nach Kaffee und Zigaretten. Bis vor wenigen Wochen saß im Zimmer nebenan Friedhelm Althans. Er war von Beginn an Leiter der Sondereinheit gewesen, ihr unruhiger Geist. Ein kantiger Typ, unerschrocken, ein manischer Ernte-23-Raucher. Seit ein paar Tagen ist Althans pensioniert, sein Büro wurde mittlerweile neu gestrichen. Für die Bochumer Kripo ist das eine Zäsur.
An der Bürotür von KHK Bahrs hängt ein kleines Poster. Man sieht die Anzeigentafel im Dortmunder Stadion, Endergebnis 1:4, ein Bundesligaspiel aus dem Februar 2013. Gegner der Dortmunder war damals der Hamburger SV. Viele von Bahrs' Kollegen sind BVB-Fans, Bahrs liebt den HSV, seit Kindertagen reist er zu vielen Spielen in die Hansestadt. Er kennt sich also aus mit Rückschlägen.
Leidensfähigkeit und Fußballliebe, vielleicht ist diese Mischung der Grund, warum Bahrs mit so viel Verve gegen die Wettmafia ins Feld zieht.
In seinem Büro hat Bahrs ein Filmplakat an der Wand angebracht, Titel: "Gegen jede Regel". Es könnte sein Lebensmotto sein. Bahrs ist streitbar, geradeaus, manchmal täte ihm wohl etwas diplomatisches Geschick gut. "Wir haben in ein Hornissennest gestochen und wissen jetzt manchmal nicht mehr, was wir mit all den scharfen Biestern machen sollen", sagt der Polizist. Zuweilen wirkt er wie ein Getriebener, der seinen Kollegen "mit diesem Fußballkrempel" mächtig auf die Nerven geht. Aus seiner Sicht sind sie Ignoranten, die schlichtweg die Gefahr unterschätzen, die das noch junge Kriminalitätsfeld Wettmanipulation in sich birgt.
Bahrs wichtigster und einflussreichster Verbündeter hat sein Büro nur wenige Blocks von der Kripo entfernt: Andreas Bachmann, 50, ein Oberstaatsanwalt. Wenn Bahrs der Motor der Bochumer Wettbetrugsverfahren ist, dann ist Bachmann der Bordcomputer. Sein Auftreten erinnert an Ryan Gosling, der den Staatsanwalt Willy Beachum in "Das perfekte Verbrechen" spielt: scharfsinnig, pragmatisch, karrierebewusst, kühl.
Bachmann ermittelt auf zwei völlig unterschiedlichen Gebieten: Fußball und Mord. Wie Beachum im Film, so stand auch Bachmann seit 2009 vor der Aufgabe, eine eigentlich glasklare Straftat zur Anklage zu bringen. Es sah alles so einfach aus: Wettbetrug. Doch es wurde kompliziert für den Chefankläger, manche Fragen quälten ihn monatelang: Wer ist juristisch der Geschädigte, wenn ein Spieler ein Fußballspiel manipuliert? Oder: Gibt es eine Organisation, eine Hierarchie hinter den Einzeldelikten, und wie lässt sie sich knacken?
Einen personifizierten Geschädigten kann Bachmann bis heute nicht liefern. So stellte er 1,3 Millionen Euro von Ante Sapina sicher, sie sollten an diejenigen ausgeschüttet werden, die der Berliner Zocker betrogen hatte. Weder ein Buchmacher noch ein Wetter, noch ein Fußballklub haben in den vergangenen drei Jahren einen Anspruch auf das Geld angemeldet. Es wird in wenigen Monaten wohl der Staatskasse zugutekommen.
Bachmann, grauer Anzug, gelbe Krawatte, brauner Teint, sitzt im elften Stock des Bochumer Landgerichts an einem langen Besprechungstisch neben Bahrs. Wie soll es weitergehen? In den vergangenen Monaten sind sie beide zu dem Schluss gekommen, dass eine sinnvolle Übergabe ihrer Ermittlungsergebnisse unmöglich ist. Ihre Akte besteht aus mehr als 150 000 Seiten, ihr Wissen ist kaum übertragbar. Alles ginge wieder von vorn los, die Arbeit von sechs Jahren würde verpuffen.
"Wir haben uns sehr früh von dem Geschehen auf dem Fußballplatz gelöst und die klassischen Regeln des Wirtschaftsstrafrechts angewendet: Von wo nach wo ist Geld geflossen? Wer hat davon profitiert?", sagt Bachmann, ein eingefleischter Fan des FC Schalke 04, der sich darüber freut, dass er aus dem Büro einen freien Blick auf die Schalker Arena hat. Bachmann ließ sich einen juristischen Kniff einfallen und klagte die Wettbetrüger als Teile einer "kriminellen Vereinigung" an. Dadurch konnten Prozesse an einem Ort, dem Landgericht Bochum, zusammengeführt werden, die Strafen fielen deutlich höher aus.
Und es gibt noch jede Menge heißer Spuren.
Eine davon führt nach Ungarn. Dort lebt Wilson Raj Perumal, einer der berüchtigtsten Wettbetrüger. 2011 war Perumal Fahndern in Finnland ins Netz gegangen. Dort packte er als Kronzeuge gegen sein altes Syndikat in Singapur aus und wurde zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Nach einem Jahr wurde Perumal nach Ungarn überstellt, wo er in einem weiteren Verfahren wegen Wettbetrugs nun ebenfalls als Kronzeuge auftritt.
Bahrs hat Hinweise, dass Perumal auch Kontakt zu Spielern in Deutschland hatte, die Bochumer Ermittler haben den Tamilen bereits mehrmals vernommen. In einer Akte, die die Bochumer Fahnder in der vorigen Woche an den Deutschen Fußball-Bund schickten, findet sich ein brisanter Hinweis: Demnach bezahlte Perumal 2008 fünf ausländischen Spielern, die bei deutschen Fußballklubs aktiv waren, die Flüge zu einem Spiel ihrer Nationalmannschaft. In dem Schreiben werden die Namen der Kicker und auch ihre Vereine genannt.
Perumal äußert sich auf Anfrage des Spiegel nicht zu diesen Ermittlungen. Die Bochumer Fahnder gehen davon aus, dass Perumal sich die fünf Spieler gefügig machen wollte. Anfüttern. Heranzüchten. Denn wer einmal Geld von einem Wettpaten annimmt, ist erpressbar.
Einer dieser Spieler hat tatsächlich Karriere gemacht, er ist bei einem deutschen Profiverein unter Vertrag. Bahrs hofft, ihn demnächst zu vernehmen. Wenn man ihn lässt.
Twitter: @Rafanelli
Von Rafael Buschmann

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