04.07.2015

SchwimmenNach Rio mit Gottes Segen

Der US-Amerikaner Michael Andrew, 16, gilt als Ausnahmetalent. Sein Vater, ein strenggläubiger Christ, trainiert ihn auf ungewöhnliche Weise.
Wer ist Michael Andrew? Das Musterbeispiel eines jungen Athleten oder die Marionette seiner Eltern? Bald Olympiasieger im Schwimmen oder mit 16 Jahren schon ausgebrannt? Ein ehrgeiziger Teenager oder der gehirngewaschene Sohn christlicher Fundamentalisten, der kein Kind sein darf?
Michael Andrew lebt in Lawrence, einer kleinen Stadt in Kansas, im Mittleren Westen der USA. Er wohnt mit seiner Familie in einem zweistöckigen Blockhaus, das abseits einer Landstraße liegt. Im Garten ein Pool, 25 Meter lang, zwei Bahnen. Hier trainiert Michael Andrew, allein, nur unter den Augen seines Vaters Peter.
Gott spielt eine wichtige Rolle bei den Andrews, ohne den Allmächtigen geht es nicht. Michael bezeichnet sich als "Sohn des einen wahren Königs", der ihn gesegnet habe mit seinem Talent. Seine Mutter meint: "Alles, was wir tun müssen, ist, uns treu zu bleiben und Gottes Wille zu erfüllen." Und der Vater definiert seine Aufgabe folgendermaßen: "Gott hat uns Michael geschenkt. Meine Pflicht ist es nun, das Beste aus ihm zu machen." Er möchte, dass sein Sohn der erfolgreichste Schwimmer wird, den die Welt je gesehen hat: "Michael Andrew wird eine Bestie sein."
Es sieht so aus, als seien die Andrews auf dem direkten Weg dorthin. Michael war 7, als er in einen Schwimmverein eintrat, ein Jahr später kraulte er 50 Meter in 29 Sekunden, mit 10 war er schon vier Sekunden schneller. Mit 14 hielt er in seiner Altersklasse 10 von 14 nationalen Rekorden. Ein Beispiel: Keiner war die 200 Meter Lagen zuvor in weniger als 2:06 Minuten geschwommen, Michael gelang es in 2:04. Bis heute hat er 76 Bestzeiten aufgestellt. Das hat nicht einmal Michael Phelps geschafft, und der ist 18-facher Olympiasieger geworden. Michael Andrew will, oder soll, der Nachfolger werden. Mindestens das.
In den vergangenen zwei Jahren hat er über 600 Rennen geschwommen, fünfmal so viele wie Phelps in dem Alter. Eine irre Zahl. Viel Zeit für andere Dinge bleibt da nicht.
Michael geht nicht zur Schule, er nimmt an Fernkursen der Liberty University in Virginia teil, einer christlichen Universität, die ein baptistischer Fernsehprediger gegründet hat. Zu Hause lernt seine Mutter mit ihm. Damit ihr Junge nicht auf dumme Gedanken kommt, überwacht sie seinen Twitter-Account. Michael darf keine Mädchen treffen, er kann auch nicht mit seinen Freunden zum Angeln fahren. Er muss trainieren, das Ziel sind die Olympischen Spiele nächstes Jahr in Rio de Janeiro. "Man könnte meinen, wir sind verrückt", sagt die Mutter. "Aber wir sind nur fürsorglich."
Tina Andrew vertritt ihren Sohn auch in geschäftlichen Dingen, denn Michael ist seit zwei Jahren Profi. Er nahm damals das Angebot einer Firma an, die Nahrungsergänzungsmittel herstellt. Als Profi darf man nicht für ein College starten, man erhält kein Stipendium, aber das ist der übliche Weg eines Schwimmers in den USA. Warum sie das Geschäft trotzdem eingegangen sind? Die Eltern hätten gebetet, in der Hoffnung auf eine Eingebung, versichern aber, die Entscheidung habe allein Michael getroffen. Tina Andrew sagt: "Michael muss nicht mit Sex und Drogen und den Ideen liberaler Professoren überschwemmt werden." Seit drei Wochen hat Michael einen neuen Sponsor, Adidas hat ihn unter Vertrag genommen.
Auch die gängige Trainingslehre halten sie im Team Andrew für einen ausgetrampelten Pfad. Stundenlang im Wasser, Kilometer um Kilometer im 50-Meter-Becken Kacheln zählen: So werden normalerweise Schwimmer gemacht. Peter Andrew drillt seinen Sohn auf andere Weise.
Er verzichtet auf Flossen, Kickboard, Gewichte. Und lässt ihn stattdessen immer nur kurze Strecken in hohem Tempo abreißen, mit 15 bis 20 Sekunden langen Pausen zwischen den Belastungsphasen. Trainiert Michael für die 100 Meter Freistil, teilt sein Vater die Bestzeit seines Sohnes auf dieser Strecke durch vier und lässt ihn in dieser Geschwindigkeit 25-Meter-Intervalle schwimmen; so lange, bis er die Zeit nicht mehr halten kann. Eine Session dauert selten länger als 45 Minuten.
Abgekürzt heißt diese Methode USRPT (ultra-short race-pace training), und sie soll weniger Milchsäure in den Muskeln produzieren. Entwickelt hat sie ein Trainingswissenschaftler aus San Diego, den Peter Andrew vor sechs Jahren traf. Danach warf er alle Hanteln und was man sonst noch für Kraftsteigerung und Konditionsübungen braucht, auf den Müll. Den passenden Kommentar dazu liefert ihm der 1. Korintherbrief, Kapitel 10, Vers 31: "Ich sage also: Ob ihr esst oder trinkt oder sonst etwas tut, so tut alles zur Ehre Gottes."
Bei den Weltmeisterschaften, die Ende Juli in Kasan beginnen, fehlt Michael Andrew. Sein Blick liegt auf Rio, und es wird interessant sein zu sehen, wie er sich qualifizieren will. Er muss beweisen, dass er mehr ist als ein guter Junior, muss zeigen, dass er auf der langen Bahn gegen die Erwachsenen bestehen kann. Andrew könnte es auf die unspektakuläre Art probieren: Kommt er bei den Trials über 100 Meter Freistil unter die ersten sechs, darf er in Brasilien die Staffel schwimmen. Auf die Art hatte es Matt Biondi 1984 zu den Spielen nach Los Angeles geschafft, wo er dann Gold gewann: die erste von elf Medaillen.
Die Eltern wollen wohl nicht die Hintertür nach Rio nehmen, sondern den Haupteingang. "Es fängt alles mit einem Traum an", sagt Vater Peter. "Wenn du nicht davon träumst, bei den Olympischen Spielen zu schwimmen, wirst du es auch nicht tun."
Was ist Michael Andrew? Vielleicht ein künftiger Olympiasieger, vielleicht schnell im Heer der ehemaligen Wunderkinder verschwunden, an die sich niemand mehr erinnern kann. Auf jeden Fall, im Moment, ein armer Kerl.

Twitter: @grossekat
Von Maik Großekathöfer

DER SPIEGEL 28/2015
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