04.07.2015

TheaterKörper können nicht lügen

Der Regisseur Jan Fabre scheucht Performer und Zuschauer in einer Berliner Inszenierung auf den „Mount Olympus“. Ein Theater der Qual und des Exzesses, mehr als 24 Stunden lang.
Was für ein friedliches Bild: die Performer auf dem Bühnenboden liegend, in Schlafsäcke gekuschelt, die Zuschauer in ihren Sitzen versunken, die Füße über den Vorderlehnen baumelnd. Es ist nur noch jeder fünfte oder sechste Platz besetzt im Haus der Berliner Festspiele, morgens um halb sieben. Fast alle schlafen.
Doch dann: dong, dong, dong. Der Gott Dionysos, dargestellt vom schwabbelbäuchigen Andrew van Ostade, greift zu Schlagzeugsticks und trommelt alle in den Tag zurück. Ein Rhythmus wie auf einer Sklavengaleere. Die Performer zucken im Takt, zunächst zaghaft, lassen schließlich ihre Hüften immer heftiger vor- und zurückschwingen, bis sie nur noch draufloshämmern. 10 Minuten, 20 Minuten, 30 Minuten lang. Hochleistungs-Twerking, die Hüften vor und zurück. Und die Zuschauer? Sie zucken, so wie wohl jeder zucken würde, der von solch einer fickenden Armee aus den Träumen gerissen wird.
"Mount Olympus" heißt das Antikenprojekt, das am vergangenen Wochenende im Rahmen des Theaterfestivals Foreign Affairs uraufgeführt wurde und das nun durch Europa touren wird: Amsterdam, Rom, Brügge, Antwerpen, Sevilla, Brüssel, Gennevilliers. Als die Performer und die Zuschauer aus dem Schlaf hochschrecken, läuft die Aufführung seit 15 Stunden, was auch bedeutet: Neun Stunden haben sie noch vor sich. Neuneinhalb, um ganz genau zu sein, denn der belgische Maler, Bildhauer, Autor, Choreograf und Regisseur Jan Fabre lässt sich nicht hetzen – und überzieht den Performance-Marathon, auch wenn er schon auf verrückte 24 Stunden veranschlagt war.
Ein Ausnahmeprojekt. Ein Achttausender des Theaters. Doch warum, zum Zeus, scheucht Fabre die Performer und die Zuschauer diesen riesigen Berg hoch? Warum schickt er sie in diese Qual? 24 Stunden und 30 Minuten lang?
Weil Fabre, der Avantgardist, überzeugt davon ist, den wahren Geist der alten Griechen gefunden zu haben. Und vielleicht auch, weil er schlecht schläft, seit er als junger Mann von zwei Unfällen ins Koma gezwungen wurde. Noch heute, mit 56, liegt er nachts stundenlang wach und zeichnet, um sich zu beruhigen. "Mount Olympus" sorgt wenigstens dafür, dass Performer und Zuschauer ihm Gesellschaft leisten.
Zeit und Zeitexzesse, Trancezustände und der Tod bestimmen das Werk Fabres. Bekannt wurde er als sogenannter Bic-Künstler, der mit blauen Kugelschreibern draufloskrakelte, tage- und nächtelang, wie eine Zeichenmaschine. 1988 tauchte er einen Saal im Berliner Künstlerhaus Bethanien ganz in Blau, einige Jahre später beklebte er die Säulen des Genter Universitätsportals mit 635 Kilogramm hauchdünn geschnittenem Schinken, der langsam vor sich hin schimmelte. 2002 schuf er im Brüsseler Königspalast das Deckenfresko "Heaven of Delight", das aus 1,6 Millionen grün schimmernden Käferpanzern bestand.
Sein Urgroßvater Jean-Henri Fabre, ein Insektenforscher, hatte einst den Begriff der Blauen Stunde geprägt: das Reich im Nirgendwo zwischen Nacht und Tag, zwischen Schlafen und Wachen. Aus diesem Nirgendwo kommt Fabres Werk.
Über die Bühne im Haus der Festspiele spuken große Geister, all die Untoten der antiken Theatergeschichte wie Antigone, Medea, Elektra, Kreon, Ödipus. Dazu raunen Performer vom Bühnenrand aus seltsame Sätze ins Publikum: "Was nützt mir ein so gut wie gelähmter Körper?" – "Ich will ein Leben ohne Unterbrechungen." – "Schlafen kann ich noch, wenn ich tot bin."
"Mount Olympus" ist eine Séance, die das Totenreich beschwört. Und gleichzeitig eine Feier des Lebens und des lebendigen Körpers. Manchmal tragen die Performer weiße Togas, manchmal nur weiße Höschen, meist tragen sie nichts. Fabre lässt nackte Männer einen Sirtaki hopsen, mit wippenden Schwänzen. Er platziert nackte Frauen minutenlang breitbeinig auf der Bühne, wo sie ihre Vulvas mit Blütenblättern verzieren. Er lässt die Performer seilspringen, mit schweren Ketten statt Seilen, bis sie umkippen. Er lässt sie tauziehen und dazu Bootcamp-Gesänge anstimmen, bis ihre Stimmen brechen. Er steckt ihnen rohes Fleisch in weiße Windelhosen, sodass sich beim Tanzen das Blut rot durchdrückt.
Jede Szene für sich ist anstrengend, alle Szenen zusammen sind eine Strapaze. Die Performer mussten ein hartes Trainingscamp absolvieren, gelegen in dem Antwerpener Arbeiterviertel, in dem Fabre aufgewachsen ist. 2007 hat Fabre dort das Laboratorium Troubleyn eröffnet, das ein wenig an Andy Warhols New Yorker Factory erinnert. Es ist ein Probenzentrum mit einem kleinen Theater, das nach Turnhalle riecht, mit Sporträumen, Gemeinschaftsküche, Schneiderei – und mit jeder Menge Kunst am Bau, gestiftet von befreundeten Kollegen wie Robert Wilson, Romeo Castelluci, Jan Lauwers.
Am Eingang hängt ein Readymade von Guillaume Bijl: eine grüne Stechuhr, wie sie sonst in Fabriken hängt. Fabre versteht sie als ironische Mahnung: Kunst kennt keine geregelten Arbeitszeiten.
Zehn Monate lang haben die Performer hier geschuftet, anfangs fünf Tage die Woche, von 11 bis 23 Uhr, später deutlich länger. Vor die Kunst hat Fabre jeden Tag den Sport gesetzt: erst Yoga, dann klassisches Ballett, dann Kendo, einen japanischen Schwertkampf, den er selbst seit Jahren übt. Ob das die Körper der Performer verändert hat? Fabre senkt seine Raucherstimme und sagt: "Aber Gentleman! Schau sie dir an!"
Abends haben die Performer reihum füreinander gekocht, im Blick stets das Rezept, das die Performance-Künstlerin Marina Abramović mit Schweineblut an die Küchenwand gepinselt hat: "With a sharp knife cut deeply into the middle finger of the left hand. Eat the pain." (Schneide mit einem scharfen Messer tief in den Mittelfinger der linken Hand. Iss den Schmerz.)
Fabre hat perfekte Körper geformt, Sportlerkörper, trainiert wie die Körper von Olympioniken, aber bei "Mount Olympus" zeigt er diese Körper auch erschöpft und verletzt, blutend und schwitzend und stinkend, und er zeigt sie triebgesteuert, "weil das menschlich ist, auch wenn unsere Kultur das gern verdrängt".
Früher hat man Fabre einen Provokateur genannt, wegen seines Blut-und-Hoden-Theaters, heute lässt sich das aufgeklärte Großstadt-Kulturpublikum davon nicht mehr provozieren. Nicht mal eine Szene, in der ein Performer dem anderen seine Faust rektal einführt, sorgt in Berlin für Protest. Und dennoch steckt ein Tabubruch in "Mount Olympus": die extreme Dauer.
"Die Gesellschaft zwingt uns dazu, alles immer schneller, schneller, schneller durchzuziehen", sagt Fabre. Und so sind Langsamkeit und Langeweile zu den größten Provokationen unserer durchgetakteten Zeit geworden. Sie sind die eigentliche Zumutung für heutige Zuschauer.
Fabre erzählt den Zuschauern keine Geschichte, in der die Handlung nach vorn strebt. Er konfrontiert sie mit lebenden Installationen, in denen sich die Zeit endlos ausdehnt, bis sie fast zum Stillstand kommt. Seine Performer spielen keine Rollen, sondern wiederholen reale Aktionen wieder und wieder, springen und rennen und schreien so lange, bis sie nicht mehr springen und rennen und schreien können. "Der Körper ist authentisch", sagt Fabre, "der Körper kann nicht lügen."
Das Ergebnis ist kein Theater des Verstehens, sondern eines der Erfahrung. Kein Theater für den Kopf, sondern eines für den Körper. Bei Fabre sollen die Zuschauer die Tragödie nicht zerdenken, sondern durchleben und durchleiden, so wie die Performer auf der Bühne. Die extreme Dauer kocht sie alle zusammen weich.
Es kommt nicht oft vor, dass Zuschauer heute noch weinen im Theater. Die Zuschauer in "Mount Olympus", die Dionysos um sieben Uhr morgens aus dem Schlaf trommelt, weinen reihenweise. Völlig erschöpft und überwältigt. Von ihrer Müdigkeit, aber auch von der gewaltigen Energie der zuckenden Körper auf der Bühne, von dem puren Leben, in das sie wieder hineinkatapultiert werden. Es ist furchtbar, und es ist wundervoll. Ein großer Moment.
"Mount Olympus" schafft einen Ausnahmezustand: Die Performance unterbricht den Alltag der Zuschauer, schneidet einen großen Brocken heraus, und gleichzeitig holt sie alltägliche Tätigkeiten ins Theater: essen und trinken, waschen und Zähne putzen, schlafen. All das, was Menschen in 24 Stunden tun. An einem kompletten Tag.
"Die meisten Menschen denken beim Begriff Tragödie heute an Theater im 19.-Jahrhundert-Style", sagt der belgische Schriftsteller Jeroen Olyslaegers, der den Großteil der Texte zu "Mount Olympus" geschrieben hat. "Die Lichter sind aus, alle hören andächtig zu, und nach drei Stunden ist es vorbei. Ich denke eher an die Atmosphäre eines Popfestivals, mit Alkohol und allem. Eine Tragödie ist eine große Erfahrung."
Olyslaegers trägt schulterlanges Lockenhaar und einen buschigen Bart, auf jedem Finger steckt ein schwerer Silberring. Aus den überlieferten Tragödien hat er jegliche Psychologie verbannt, "weil Jan keine Psychologie mag", und er hat die Kernmotive der antiken Stücke betont und die Sprache vereinfacht: "Niemand muss wissen, wer Medea war und wer Agamemnon. Wir machen das für alle."
Die Produktion erinnert an Varietéprogramme ebenso wie an die Körpererfahrungs-Performances einer Marina Abramović, nur dass hier die Zuschauer ebenfalls an ihre Grenzen gehen. Natürlich hilft es beim Wachbleiben, dass die Performer immer halb oder ganz nackt sind; in einer Peepshow schläft auch selten jemand ein. Dennoch: 24 Stunden sind eine verdammt lange Zeit.
Das Festival Foreign Affairs hat für alle Fälle Feldbetten ins Foyer gestellt und Zelte in den Garten, zudem das Team Filoxenia engagiert (von philos: der Freund und xenos: der Fremde), das die Gäste rund um die Uhr betreut, Bergtee und Ouzo serviert, Traubenzucker, Kaugummis und jede Menge Zigaretten bereithält. Es gibt eine Rumlümmelfläche mit Live-Leinwandübertragung, zudem Kurse in griechischer Popgymnastik zum Auflockern und eine kleine Mythenschule für alle inhaltlichen Nachfragen. Wer will, kann einen Abstecher in den Hades machen: eine schwitzige Techno-Kammer im Keller des Festspielhauses.
Nach allem, was wir wissen, war die griechische Tragödie zu Aischylos' und Sophokles' Zeiten kein allabendlicher Unterhaltungsbetrieb. Sie war Teil der Festspiele zu Ehren von Dionysos, dem Gott des Weins, der Ekstase und der Fruchtbarkeit. Teil eines mehrtägigen Ausnahmezustands, eines Reinigungsrituals, verwandt mit dem Karneval. Tragisches Theater, das diese Tradition ernst nimmt, muss Grenzen verletzen, muss aus Routinen ausbrechen, muss Zuschauer die Fassung verlieren lassen, damit sie die Fassung hinterher wiederfinden können. Der Fachbegriff dafür ist Katharsis.
"Tragisch ist nicht, dass wir sterben müssen", sagt der Schriftsteller Olyslaegers. "Tragisch ist, dass alles immer weitergeht und weiter und weiter." Nach 24 regulären Stunden und 30 Überziehungsminuten ist dennoch Schluss, zumindest auf der Bühne. Im Saal fließen Tränen, Blumen fliegen auf die Bühne, kommen zurück, fliegen wieder hoch, wieder runter, immer wieder, hin und her. Diese Tragödie, so die Botschaft, haben wir gemeinsam durchgestanden.
Von Tobias Becker

DER SPIEGEL 28/2015
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