11.07.2015

Jan Fleischhauer Der schwarze KanalDas Geld der anderen

In Venezuela hat die Regierung das Fotografieren in Supermärkten verboten. Seit die Inflation durch die Decke geht, ist in dem sozialistischen Vorzeigestaat schon Kaffee ein Luxusgut, für das man stundenlang anstehen muss. Weil die Mangelwirtschaft nicht dem Bild entspricht, das der Chavismo von sich selbst entwirft, hat der Präsident verfügt, dass jedes Foto eines leeren Regalbretts als unvenezolanisch gilt und entsprechend geahndet wird.
Mal sehen, was sich Alexis Tsipras und seine Leute einfallen lassen, wenn der Syriza-Sozialismus an seine Grenzen stößt. Vielleicht hängen sie überall griechische Fahnen auf, um die Krise zu verdecken. Oder sie verbieten das Fotografieren ganz. Da kein Tourist ohne Bilder auskommt, wäre immerhin der Postkartenindustrie geholfen.
Das Problem aller linken Politik ist ihre Abhängigkeit vom Glück der Umstände. Das sozialistische Experiment geht nur gut, solange man über eine Quelle verfügt, die lustig sprudelt, egal was man anstellt. In Venezuela war es das Öl, das es der Regierung erlaubte, den Marxismus unter Palmen wiederzubeleben, in Griechenland ist es das Geld der Deutschen. Ändert sich die Lage, weil der Ölpreis in den Keller rutscht oder die Geldgeber lieber ihre alten Kredite abschreiben, als neue auszureichen, bricht das Geschäftsmodell zusammen.
Der Syriza-Sozialismus ist die Fortführung der Pubertät mit politischen Mitteln. Oder wie soll man es nennen, wenn jemand darauf beharrt, er wolle auf eigenen Füßen stehen, aber ständig zu den Eltern pilgert, weil er ohne ihr Geld nicht auskommt? Erwachsensein bedeutet, für die eigenen Fehler geradezustehen. Das Merkmal der Jugend ist es, fröhlich die Konsequenzen des eigenen Handelns zu ignorieren. Im Notfall läuft man eben zu Mama und hofft, dass sie geraderückt, was man verbockt hat. Es ist kein Zufall, dass die Träger der revolutionären Idee meist wohlhabende Bürgerkinder sind, die nach einigen Jahren Dies-und-das-Studium beschlossen haben, ihre Kenntnisse aus dem Trotzkismus-Seminar in der Regierungspraxis auszuprobieren.
Mit dem Ergebnis müssen andere fertig werden. Der Revolutionär setzt sich aufs Motorrad und braust davon, wenn die Sache schiefläuft. Linkssein muss man sich im wahrsten Sinn des Wortes leisten können. Wer darauf angewiesen ist, dass der Supermarkt pünktlich öffnet, die Bankautomaten funktionieren und die Bahn fährt, ist im Krisenfall ziemlich gekniffen, weshalb der Trotzkismus auch selten über das akademische Milieu hinausfindet, in dem er so prächtig gedeiht.
Sollten in Griechenland die Lichter ausgehen, werden Tsipras' Minister wieder am Pool ihrer Häuser auf Kreta und Santorin sitzen und lange Riemen schreiben, warum sie mit allem recht hatten. Ich bin der Letzte, der Menschen ihre Swimmingpools neiden würde. Ich finde es nur seltsam, wenn man die Rechnung für die eigenen Fehler Leuten überlässt, die sich die Begleichung derselben wirklich nicht leisten können.
An dieser Stelle schreiben Jan Fleischhauer und Jakob Augstein im Wechsel.
Von Jan Fleischhauer

DER SPIEGEL 29/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 29/2015
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Jan Fleischhauer Der schwarze Kanal:
Das Geld der anderen

  • Vor G7-Gipfel in Biarritz: "Die Stadt ist zu einer Festung geworden"
  • Brände im Amazonas: Bolsonaro kündigt Strafen für Brandrodungen an
  • Flaschenpost aus Russland: Nach 50 Jahren in Alaska gefunden
  • Jagdtricks von Delfinen: Die "Hau-drauf-hau-rein"-Technik