11.07.2015

EpochenbruchKein Weg, kein Wille

Der Fall Griechenland bringt das romantische Europäertum an sein Ende. Gerade die Deutschen haben sich lange ein falsches, häufig verklärtes Bild von den Griechen gemacht. Das erklärt die Fallhöhe ihrer Enttäuschung.
Europa nimmt Urlaub von der Rationalität, seit fünf Monaten, seit fünf Jahren, seit einem Vierteljahrhundert oder noch wesentlich länger, wann immer über Griechenland verhandelt wird. Die zugehörigen Reisen beginnen, je nach gewählter Zeit, im Attika der Antike oder im Osmanischen Reich, sie starten im Weimar des 18. Jahrhunderts, im Maastricht der Neunzigerjahre, in Brüssel 2008, 2010, 2015. Die Wege führen über Berlin und nach Frankfurt, nach Washington, nach Moskau, einmal um die ganze Welt herum bis nach Peking mittlerweile, und sie kreisen, geheimnisvoll, um Athen. Um Griechenland, wo die Konzepte rationalen Verhandelns erfunden wurden. Um Griechenland, das dieser Tage kaum ein Auswärtiger noch versteht.
Die vergangenen fünf Monate werden in die Geschichte eingehen als eine Phase vollendeter Verwirrung. Ein kleines, in Tausende Inseln zersplittertes Land, ökonomisch eine Mücke, lehrt die Elefanten der Welt das Fürchten. Europas Staats- und Regierungschefs, die Finanzminister, die Justizminister, die Notenbankchefs, die Großbankiers, die Versicherungskonzerne, die Hedgefonds-Größen sind in dieser nervösen Zeit in immer schnellerem Takt zu immer neuen Krisengipfeln geeilt. Der amerikanische Präsident, man stelle sich vor, hat öffentlich interveniert, der chinesische hat sich besorgt geäußert – so, als hinge an Griechenland nicht nur das Schicksal des Euro, nicht nur das Schicksal Europas, sondern der ganzen Welt.
Gut möglich, dass Griechenland schon daran denken muss, neue Drachmen zu drucken, wenn die vorliegende SPIEGEL-Ausgabe erschienen ist. Aber wer weiß. Fast jede der vergangenen Wochen brachte ein Endspiel um den Euro, und jedes ging in die Verlängerung. In diesen Abläufen sind Meinungen zu Argumenten geworden, Annahmen zu Fakten, Wünsche zu Prognosen. "Wo ein Wille ist, ist ein Weg", erklärte die Kanzlerin, Europas mächtigste Physikerin, die wissen müsste, dass das Verhältnis von Ursache und Wirkung komplexer ist. Dass manchmal kein Weg ist, wo ein Wille ist, zum Beispiel, weil Griechenland – verstanden als Staatswesen – nie die Strukturen entwickelt hat, um Reformen überhaupt umsetzen zu können. Zum Beispiel, weil Griechenland – verstanden als Volkswirtschaft – keine Instrumente hat, um im Konzert der 19 Eurostaaten mitzuspielen. Zum Beispiel, weil das Land – verstanden als Kultur – seinen sehr eigenen, sehr alten, vom Rest Europas lange Zeit bewunderten Regeln folgt.
Griechenland war immer Gegenentwurf, für die Deutschen zumal, ein südlicher Traum, aber anders als das Sehnsuchtsland Italien tiefer dabei, weniger hell und, nicht nur geografisch, viel weiter entfernt. Sollte es je eine Freundschaft zwischen beiden Ländern gegeben haben, was aufgrund der Weltkriege und der verbrecherischen Besatzungszeit zweifelhaft erscheint, wäre in diesen Stunden nicht mehr viel davon übrig. Die höhnische Hetze deutscher Boulevardzeitungen, der kalte Hass in griechischen Medien, in Organen der Regierungsparteien gar, sprechen von Entfremdung, ja Feindschaft, und dabei geht es immer um mehr als nur um Geld.
Wolfgang Schäuble hängt in Griechenland seit Wochen an vielen Laternen in Athen und Thessaloniki, dargestellt als Blutsauger des griechischen Volkes, garniert mit dem großen "Ochi", dem griechischen Nein.
Gleichzeitig geistert "der Grieche" als Versager durch die deutschen Medien, Athener Spitzenpolitiker werden so verächtlich gemacht wie umgekehrt die Berliner in Hellas.
Es ist in Deutschland gerade kaum mehr vorstellbar, dass Griechenland einst und für lange Zeit das Symbol für das rundum gelungene, vom Glanz der Künste und der Natur beschienene Leben war. Gewiss, auch dieser Weg führte stets ins Irrationale, in die schwärmerische, realitätsferne Überhöhung des griechischen Volkes zu einer Versammlung von Genies. Er brachte zugleich aber ein großes, vielleicht das wichtigste Set der Ideale hervor, an denen sich die deutsche und viele andere europäischen Gesellschaften auch außerhalb ihrer humanistischen Gymnasien ausrichteten.
Dass nun die Kommunikation zwischen Deutschland und Hellas einem bösen Fluch anheimgefallen zu sein scheint, beschädigt nicht nur das Verhältnis zweier oder mehrerer Nationen. Die Zivilität und Mäßigung gehen in Europa zuschanden in atemberaubenden Tempo.
Alles, was aus Deutschland und Europas Norden kommt, wird von vielen Griechen nun bis weit ins bürgerliche Lager hinein als Versuch der imperialistischen Unterdrückung und der Beugung der Wahrheit zum eigenen Zwecke abgetan. Hierzulande wird im Gegenzug jede Meldung aus Griechenland als Aufforderung zur aufgeregten Entlarvung und besserwisserischen Richtigstellerei verstanden. Es ist ein interkultureller Zusammenbruch. Aber an den Brücken, die SPD-Chef Sigmar Gabriel eingerissen sieht, haben nicht nur die Marxisten, die Trotzkisten und die Öko-Sozialisten der Syriza-Regierung gesägt. Auch Europa hat beherzt mit Hand angelegt.
Es lohnt sich, wenn das Fremde so schwer zu verstehen ist, den Blick auf das Eigene zu richten. Wer kurz in die Rationalität zurückkehrte, sähe deutlicher, dass sich diese Krise nicht allein um Griechenland und das Verhalten seiner Regierenden dreht. Sie rührt auch aus den Bildern her, die sich die Deutschen und andere Europäer von Griechenland gemacht und selten weiter überprüft haben.
Auch sie, unsere Klischees und liebgewordenen Vereinfachungen, unsere Klassifizierungen, wie der Grieche an und für sich so sei, versperren den kühlen Blick auf die Wirklichkeit. Der Streit mit Athen ist, öfter als man denkt, ein deutsches Selbstgespräch, in dem Muster wiederkehren, die unsere Kultur untergründig prägen und unseren Abstand zu den Griechen markieren, der eine Nähe nicht mehr ist.
Es geht um Enttäuschung. Zuerst um die, dass Griechenland nicht einfach strahlend weiß und blau bleiben will, sondern Grautöne und Schattenseiten zeigt. Es geht um die Sturheit, mit der das nach deutscher Lesart Alternativlose von diesen Südeuropäern nicht erkannt werden will.
Nichts, so argumentieren europäische Politiker jetzt ständig, habe in dieser Lage geholfen; die Griechen seien doch blind und taub geblieben für alles Werben und Strafen, für alle Ermahnungen und alles Ermuntern, obwohl doch wirklich alles versucht worden sei. Aber was genau wurde versucht? Die Rettung Griechenlands? Oder doch die Rettung der deutschen, französischen, britischen Banken? Und, nebenbei, die Rettung unserer Klischees, unserer Träume über Griechenland?
Zu sagen, ein Mensch des 18. Jahrhunderts sei an einer heutigen Misere schuld, klingt abwegig, aber nur auf den ersten Blick. Johann Joachim Winckelmann, ein 1717 in Stendal geborener Bibliothekar und Kunstgelehrter, hat zur Fallhöhe unserer heutigen Enttäuschung den Grundstein gelegt. Seine Griechenbegeisterung, sein glühender Jubel über die klare, einfache Schönheit der Antike hat die Jahrhunderte überdauert.
Seine – oft falschen – Interpretationen der hellenischen Bauten und Skulpturen, seine sinnlich aufgeladene Deutung des Altertums haben nicht nur die Epoche der deutschen Klassik eingeläutet, sondern sie haben das bis heute gültige, gefühlte, irgendwie mitgeschleppte Griechenlandbild der Deutschen auf den Weg gebracht.
Es gibt eine unübersehbare Fülle an Beispielen für diese alte Obsession, sie hat sich niedergeschlagen in den größten Zeugnissen deutscher Lyrik, in den Dramen der Weimarer Klassik, in der Baukunst des 18. und 19. Jahrhunderts, überall. In deutschen Städten, die am Ende des Weltkriegs nicht dem Erdboden gleichgemacht wurden, stehen die Tempel herum, die antikisierten Portale, die ionischen, die korinthischen Säulen, in München, in Berlin, in Regensburg, Frankfurt, Bremen.
Das Beispiel Hölderlins allein genügte, die Wirkmächtigkeit der antiken Bezüge zu belegen, es genügen einige Zeilen aus den Tiefen unserer eigenen Kulturgeschichte, um mitten hineinzufinden in das komplizierte, einst so innige Verhältnis zwischen Griechen und Deutschen.
Also schrieb Hölderlin, ein Schwabe, aus der Perspektive des Hyperion, eines glücklichen Griechen, in dessen Rolle er schlüpfte: "So kam ich unter die Deutschen ...Barbaren von alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark zum Glück der heiligen Grazien, in jedem Grad der Übertreibung und der Ärmlichkeit beleidigend für jede gutgeartete Seele, dumpf und harmonielos ... ich kann kein Volk mir denken, das zerrißner wäre, wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen ..."
Und dagegen wird von Hölderlin, natürlich, feierlich, der Grieche gesetzt, der echte Mensch, frei, göttlich, begabt zu Kunst und Liebe und Größe. Griechenland: ist Wärme, ist Feinheit, ist hell. Deutschland: ist Kälte, ist Grobheit, ist finster.
Selbstverständlich war Hölderlin selbst nie in Griechenland, er ist eine Art Karl May der Antikenverehrung, er ließ sich inspirieren von den Werken der großen Alten, von den kulturellen Fragmenten und Darstellungen, sie boten schon genug Stoff für die romantische Imagination. Hat sich daran viel geändert? Ist der gesellschaftliche Wissensstand über die Griechen in Deutschland wesentlich größer geworden?
Der Schluss ist erlaubt, dass sich Deutschland erst in den vergangenen fünf Monaten, als es wieder und wirklich um das eigene Geld ging, erstmals wieder ein wenig näher mit diesem fernen südöstlichen Land beschäftigt hat. Einem Land, das in unseren Köpfen vorher doch nur ein Strand, eine Bucht, eine Kreta-Platte, ein billiger Schlager war, überwölbt, selbstverständlich, von den antiken Giebeln und Säulen Winckelmanns und beschattet von silbrigen Olivenbäumen.
Es haben sich Missverständnisse angesammelt, die nachhallen. Zu ihnen zählt das dominierende Symbolbild dieser Krise, die allabendliche Panoramaaufnahme der Akropolis in den diversen Nachrichten, Brennpunkten, Sondersendungen. Das Bild der schönen Tempelanlage dient stets als optischer Beleg für die allfälligen Hinweise auf die Wiege der abendländischen Demokratie.
Doch die Akropolis, die als Festung und als Tempelanlage und später zu allem Möglichen diente, hatte mit Demokratie nie zu tun. Sie war Kultort, kein Ort von Volksversammlungen. Sie nun ständig zu zeigen als Garnitur des Politischen ist ungefähr so, als würde man zu Beiträgen über die britische Politik nicht die Houses of Parliament zeigen, sondern die St Paul's Cathedral.
Wenn die Rede davon ist, dass im alten Athen der Anfang von etwas heute noch Gültigem liegt, dann muss dieses gemeint sein: Hier übten Bürger zum ersten Mal nachzufragen, was nun eigentlich wahr ist und gut, was falsch ist und richtig; sie lernten abstrakt zu denken, zu schreiben, zu diskutieren und zu kalkulieren, zivil zu streiten, und bei alldem nicht zuerst ans Geld zu denken, sondern in tätiger Sorge um den richtigen Kurs des Staates und die Gesundheit der eigenen Seele zu leben.
Dass hier ein Teil der Enttäuschung über die griechischen Regierungen der vergangenen Jahre wurzelt, ist offenkundig. Die heutigen Repräsentanten und Gesandten Athens werden, auf irrationale Weise und weil Aktuelles über Griechenland zu wenig bekannt ist, am glänzenden Erbe ihrer Geschichte gemessen. Die zugehörigen Fragen, man kann sie hören auf den Fluren in Brüssel, in den Gängen des Kanzleramts, wenn alle erschöpft sind und wieder alle Verhandlungen gescheitert sind: Was ist nur aus Griechenland geworden? Wie kann ein Land so tief sinken? Spinnen die denn, die Griechen?
Und in Athen machen sie, nur umgekehrt, fatalerweise dasselbe. Wenn Alexis Tsipras in den vergangenen Wochen das eigene Volk aufgepeitscht und die Herrschaften aus dem Norden als Verbrecher und Lügner beschimpft hat, fehlte selten der Hinweis darauf, dass das griechische Volk schließlich an der Wiege der Demokratie gestanden habe und sich von den Emporkömmlingen aus dem Norden Lektionen verbitte. So mischen sich in allen aktuellen Debatten Zuschreibungen von außen und Selbstbilder, hier wie dort, und es mangelt an Rationalität.
Was die Griechen sind und was sie nicht sind, hat die Feuilletons in diesen Wochen landauf, landab beschäftigt. Mit großer und kleinerer historischer Expertise wurde hergeleitet, dass Griechenland nach dem Gipfel der Antike schnell zu einem isolierten, später immer wieder kolonisierten Zipfel Südosteuropas geworden ist. Argumentiert wird, dass Griechenland am Ende des 15. Jahrhunderts, genau in dem Moment, in dem in weiten Teilen Europas die Neuzeit und der Aufstieg begannen, als Teil von Byzanz vom Osmanischen Reich geschluckt wurde, für Jahrhunderte besetzt und von vielen Entwicklungen ausgeschlossen blieb. "Renaissance, Reformation, Gegenreformation, Absolutismus, Rationalismus, Aufklärung und bürgerliche Revolution. Für beinahe 400 Jahre stand die Zeit dort fast still", schreibt der Historiker Heinz A. Richter.
In jener Zeit bildete sich laut Richter die noch heute gültige politische Kultur des Landes aus, eine Kultur des Klientelismus, in der eine Hand immer schon die andere wusch, in der Patriarchen das Sagen hatten, in der es keine Parteien im modernen westlichen Sinne, kein aufgeklärtes Staatswesen und noch nicht einmal ein Wort für "Republik" gab. Der Staat in Griechenland, schreibt Richter sinngemäß, sei die meiste Zeit in eins gefallen mit Besatzung, Fremdherrschaft, er wurde empfunden als natürlicher Gegner der Bevölkerung, und selbst nach dem Fall der Obristen 1974 sei er ein Selbstbedienungsladen der herrschenden Klasse geblieben. Der neugriechische Staat war stets dafür da, von den Eliten ausgeplündert zu werden, um der eigenen Gefolgschaft Geld und Posten zuzuschanzen.
Alle tiefer gehenden Betrachtungen Griechenlands kommen zu dem Schluss, das Land sei anders, fremd, sei vielleicht zum Balkan zu zählen, zum Orient, jedenfalls eigentlich nicht zu Europa gehörig. Aus solchen Kausalketten machen auch Gegner der Rettungspolitik gern ihre Argumente, die Frage ist nur, ob sie wirklich taugen. Man könnte mit diesem Verfahren der nationalhistorischen Herleitung Bulgarien oder Portugal, Kroatien oder Großbritannien mit Leichtigkeit aus Europa hinausargumentieren.
Zweifellos ließen sich auch viele Argumente dafür finden, dass Deutschland mit seinen ewigen Sonderwegen historisch eigentlich auch überhaupt nicht zu Europa passt. Aber wer käme darauf? Für alle Länder der EU gilt, was für Griechenland dieser Tage nicht gilt: Vielfalt ist willkommen, ist Europa, ist unser Leben. Wer aber zu weit ausschert, wird bestraft.
Am Werk ist die Logik des Sündenbocks. In Umkehrung mancher Tatsachen wird so getan, als hätte ganz allein Griechenland einen langen Urlaub von der Rationalität genommen, und nicht etwa auch die Europäische Union und die Euro-Gruppe, die das Land von Anfang an unbedingt im Klub dabeihaben wollten.
Nur gehört ebendies auch wesentlich zur Wirklichkeit, die dieser Tage verhandelt wird: Noch irrationaler als die Griechen haben sich in den vergangenen Jahren die angeblich so nüchternen und kühlen Nordeuropäer aufgeführt. Ihnen wurde der Gedanke zur fixen Idee, dass Griechenland unbedingt Teil der europäischen Institutionen werden müsse, ganz gleich, ob das Land dafür die Voraussetzungen erfüllt oder nicht. Fast könnte man argumentieren, dass dieses rätselhafte, lebendige, andersartige Griechenland trotz aller Einwände als südlich-schönes Feigenblatt unbedingt gebraucht wurde für das eiskalte, ökonomistische Konstrukt des Euro.
US-Ökonomen nehmen wenig Urlaub, und von der Rationalität verabschieden sie sich so gut wie nie. Es ist von Belang für die aktuelle Diskussion, dass sie, in ihrer großen Mehrheit, die Aufnahme Griechenlands in die Euro-Gruppe immer schon für einen schlechten Witz gehalten haben. Im vergangenen Jahrzehnt tat sich zwischen westeuropäischen und US-Wirtschaftswissenschaftlern, die bis dahin doch sehr ähnlich tickten, ein Graben auf. Denn die europäischen Kollegen begannen, von Kritikern abgesehen, die es auch immer gab, das Irrationale zu verteidigen und zum Gebotenen umzudeuten.
Sie erklärten den Amerikanern, dass Europa ein passioniertes Projekt sei, dass ein Sprung nach vorn gelingen werde, dass Griechenland politisch enorm bedeutsam und ökonomisch zu vernachlässigen sei und dass das angloamerikanische Gezähle kleinmütig sei und den europäischen Geist verfehle. Die deutschen Ökonomen hörten sich an wie ein anderer deutscher Griechenlandnarr namens Novalis, der die Gedichtzeile schrieb: "Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren sind Schlüssel aller Kreaturen ..."
So stellt man sich die Lebensart Griechenlands vor, mag das Land auch die Wiege der Mathematik sein. Es wird nicht gezählt und gerechnet, es wird gefeiert und gelebt. Dass Griechenland in weiten Teilen wirklich arm ist, ein immer noch wenig oder gar nicht industrialisiertes Land, infrastrukturell unterentwickelt, mit vielem nur schlecht ausgestattet, wird dabei – romantisch – unterschlagen, weil es die schönen eigenen Konzepte gestört hätte.
In der Nachkriegszeit war jede Tramptour Richtung Athen eine Zivilisationsflucht. In vielen Dörfern gab es noch kein elektrisches Licht. "Wir lernten, dass man mit einer Handvoll Oliven, Wein und Brot, ein wenig Käse und ein paar Tomaten auskommen konnte", erinnert sich der Autor Eberhard Rondholz. "So etwas kannten wir von zu Hause nicht – dass man von wildfremden Menschen nicht nur zum Essen, sondern auch zum Übernachten ins Haus eingeladen wurde."
Dass man Deutscher war, änderte nichts an der Gastfreundschaft. Und so kam die erste deutsche Nachkriegsgeneration zu ihrem Bild vom genügsamen, urigen Südländer, der noch einen Ouzo extra ausgibt und irgendwie besser zu leben weiß als man selbst. Diese Tramper hatten mit dem Weltkrieg nichts mehr zu schaffen. Aber ihr Griechenbild war trotzdem exakt dasselbe wie jenes ihrer Eltern. Ein Klischee.
Ein Klischee, das die Wunden überdeckte, die die deutsche Wehrmacht in Griechenland geschlagen hatte, Untaten, deren Kenntnis bis heute nicht zur deutschen Allgemeinbildung zählt. Wäre das anders, stünde Griechenland nicht nur mit Pythagoras und Aristoteles auf den Lehrplänen der Schulen, wäre die einhellige Empörung über die wiederkehrenden Reparationsforderungen vermutlich geringer ausgefallen.
In Griechenland ist die Erinnerung an den deutschen "Bandenbefehl" gegen die Partisanen aber noch wach, der zu zahllosen Kriegsverbrechen führte. "Mit allerbrutalsten Mitteln" müsse vorgegangen werden, "um dieser Pest Herr zu werden", hieß es darin. Die Truppe sei berechtigt und verpflichtet, "in diesem Kampf auch gegen Frauen und Kinder jedes Mittel anzuwenden, wenn es nur zum Erfolg führt".
Die Besatzungspolitik brachte Griechenland, einem Land, das Adolf Hitler verehrte und dessen mutige "hellenische" Gegenwehr er lobte, Massaker, Deportationen und eine schreckliche Hungersnot. Im Winter 1941/42 starben über 100 000 Griechen an Unterernährung. Die Waffen-SS ermordete in Distomo in einer einzigen "Vergeltungsaktion" 218 Menschen, darunter Kinder und Säuglinge. Die jüdische Gemeinde von Thessaloniki wurde nach Auschwitz-Birkenau ins Gas geschickt, von den etwa 70 000 griechischen Juden überlebten weniger als 10 000 die Besatzung. Solche Zahlen graben sich ein ins kollektive Gedächtnis. Solche Zahlen kommen an die Oberfläche zurück, wenn man unter Druck gerät.
Griechenland ist stolz auf seine Geschichte mit der Freiheit. Die Abschüttelung der osmanischen Herrscher, der Partisanenkampf gegen deutsche Besatzer, der Widerstand gegen britisch und amerikanisch gestützte Regime gehört zu den Pfeilern des nationalen Selbstverständnisses, und häufig schauten freiheitsliebende europäische Intellektuelle nach Griechenland, weil sich dort ein edles und doch einfaches Volk gegen seine Unterdrücker schlug.
Im Mai 1974 kettete sich der damals noch unbekannte Aktivist Günter Wallraff an eine Laterne auf dem Syntagma-Platz in Athen und demonstrierte mit Flugblättern gegen das Regime der rechten Putschisten. Er wurde verhaftet, gefoltert und verurteilt und erst wieder freigelassen, als das Regime einige Monate später zusammenbrach. Damals begann eine Phase, in der sich die bundesdeutsche und die europäische Linke für Griechenland interessierten.
Bis zum Beginn der Achtzigerjahre galt in linken und bildungsbürgerlichen Kreisen eine engagierte Sympathie für die griechische Kultur als fortschrittlich: Man diskutierte über die Filme von Constantin Costa-Gavras und hörte Mikis Theodorakis. Mykonos und Kreta wurden zu frühen Lieblingsdestinationen europäischer Hippies, lange bevor der Tourismus der Riesenfähren und der Reisebusse sich in Griechenland entwickeln konnte.
Hellenisches Lebensgefühl zog in die deutschen Universitätsstädte ein: Fußböden verschwanden unter Flokatiteppichen, Stühle unter Schaffellen, und alte Gartenmöbel bekamen die türkisblaue Lackierung. Neben Italienern und Jugoslawen pachteten zunehmend auch Griechen Eckkneipen in Uni-Nähe, und über Jahrzehnte endeten Vorlesungen an westdeutschen Universitäten regelmäßig "beim Griechen".
Mit der Aufnahme Griechenlands in die Europäische Union und der gefühlten Normalisierung des politischen Lebens in Athen schien das Land "normaler" zu werden, den Exotenstatus zu verlieren. Tatsächlich verhandelten Willy Brandt und Olof Palme, wenn sie ihre Freunde der griechischen Sozialisten, der Pasok, nach Europa einluden, mit vordemokratischen Zeitgenossen, mit Patriarchen, die weiterhin eine sehr eigene Vorstellung von Parteiendemokratie pflegten.
Auch damals griff das Muster, das bis heute immer wieder sichtbar wird. Wenn es um Griechenland geht und seine innere Verfassung, seine Finanzen, seine Behörden, seinen Militärapparat, will es niemand ganz genau wissen. Die Anführer der Euro-Gruppe machen seit mindestens 13 Jahren, seit der Einführung des Euro als Zahlungsmittel, eine Politik ohne oder sogar gegen die Realität.
Die Griechen haben Bilanzen und Statistiken gefälscht, Bedingungen nicht erfüllt, Reformen nur behauptet. Sie haben Fördergelder veruntreut und Dokumente frisiert, sie haben, vor Jahren, und das ist nur ein Beispiel von vielen, 150 Millionen Euro aus dem EU-Haushalt eigens dafür bekommen, ein Katasterwesen aufzubauen, und die Wahrheit ist natürlich, dass es heute, 2015, noch immer kein verlässliches Katasterwesen in Griechenland gibt.
Europa macht Urlaub von der Rationalität, wenn es um Griechenland geht. Kaum einer hat es besser vorgeführt als der damals 84-jährige Günter Grass, der sich mit seinem Griechenlandgedicht "Europas Schande" neuerlich dem berechtigten Spott des Feuilletons aussetzte.
"Dem Chaos nah, weil dem Markt nicht gerecht", moralisierte Grass, "bist fern Du dem Land, das die Wiege Dir lieh." Das Gedicht geht in diesem Ton feierlich und teils unfreiwillig komisch weiter, aber die letzten beiden Zeilen, geschrieben 2012, erfassen doch ziemlich gut, wie machtvoll die griechische Antike noch immer ins Heute herüberreicht und woraus der Ballast beschaffen ist, mit dem sich die Institutionen Europas so unglaublich schwer tun. "Geistlos verkümmern wirst Du ohne das Land", dichtete Grass, "dessen Geist Dich, Europa, erdachte."
Das ist die Losung, und sie galt fast ohne Abstriche bis in diese Woche: Deutschland, Europa, die EU, die Euro-Gruppe brauchen Griechenland. Als Ursprungsmythos, als kulturelle Quelle, als Idee eines europäischen Startpunkts, als Gegenbild, als Traumreich, als ein Weicheres gegen die Härte des globalisierten Lebens.
Wäre es anders, gäbe es diesen Überbau nicht, die ganze kulturelle Überhöhung, die altphilologische Bildung, die tausend Fremdwörter griechischen Ursprungs, die Formeln der Mathematiker Griechenlands, die Zeilen seiner Dichter, die Götter seiner Mythen – gäbe es das alles nicht, das Land wäre längst mit einem beherzten Tritt aus dem Euroklub ausgestoßen worden.
Das Problem ist nun: Finanzmanager haben keinerlei Sinn für Romantik, und die Volkswirtschaft setzt nicht Gefühle, sondern Zahlen ins Verhältnis. Und die Zahlen stimmen nicht mehr, sie haben im Fall Griechenlands nie gestimmt, und sie können, auch mit hundert weiteren Reformen, nicht stimmig gemacht werden.
Nur war das eben immer so, es ist wichtig, das in dieser dramatischen Woche zu begreifen, Griechenland war immer Griechenland, und nicht erst seit 25 Jahren, seit Maastricht, seit dem Euro. Schon die britische Schutzmacht des 19. Jahrhunderts, das amerikanisch gestützte Obristenregime im 20. Jahrhundert, sie hatten es alle mit wiederkehrenden Bankrotten zu tun, weil diese Griechen nicht sparten, nicht investierten, nicht an die Zukunft dachten, sondern alles immer ausgaben und unter sich verteilten, und weil sie immer wieder bankrottgingen.
Angela Merkels schneller Spruch zur Griechenlandkrise, gerichtet an Alexis Tsipras, kehrt sich deshalb um in eine Frage an sie selbst: "Wo ein Wille ist, ist ein Weg", sagte sie, aber es scheint nun einmal festzustehen, dass die Griechen nur in sehr begrenztem Maße zum Wollen aufgelegt sind. Es geht deshalb darum, ob Europa noch will. Ob die Deutschen wollen. Die Frage lautet, warum sie, Angela Merkel, nie den Mut gehabt hat, vor ihr eigenes Volk und das griechische zu treten und zu sagen: Ich will.
Unwahrscheinlich ist es. Die schlechten Nachrichten dieser Tage sind nicht Zahlen und Figuren, nicht Schuldenstände und ELA-Kredithöhen. Die schlechte Nachricht ist, dass die Zeit der politischen Romantiker gerade zu Ende geht.
François Mitterrand, Helmut Kohl, der Niederländer Ruud Lubbers, der Portugiese Mário Soares, der Franzose Jacques Delors, sie waren, in der Rückschau betrachtet, sehr großzügige Träumer, sehr romantische Europäer. Sie luden die Welt zum Urlaub von der Rationalität ein, auch an die Strände Griechenlands, weil sie es schön haben wollten in Europa und weil sie die Kultur so wichtig fanden wie die Finanzen. Mit Helmut Kohl als Kanzler in den vergangenen zehn Jahren hätte sich die EU längst in eine Transferunion verwandelt, weil Geldprobleme "Bimbes" waren für Kohl und Griechenland für ihn kein ökonomisch wichtiges, sondern politisch-kulturell unverzichtbares Mitglied der Staatengemeinschaft.
Vorbei. Im Europa des Briten David Cameron, des Ungarn Viktor Orbán, selbst wenn sie in Sachen Euro kein Stimmrecht haben, in einer EU, die erweitert worden ist um ebenso arme, ebenso tapfere Länder, die für Romantik weder den Sinn noch die Mittel haben, sinkt der griechische Stern.
Warum, fragen Spanier, sollen wir für die Renten der Griechen zahlen? Warum, fragen Slowaken, sollen wir den Griechen ihre Panzer bezahlen? Solche Fragen stellten sich nicht, als das Zeitalter der Finanzkrisen noch nicht begonnen hatte und die Euro-Gruppe noch aussah wie eine kühne, schöne, erfolgreiche Idee. Heute sind die Fragen da, und sie verströmen das Gift der Spaltung in einer Zeit, in der sich Europas Demokratien nach ihrem Fahrplan fragen und in der sich die Regierungen fürchten vor Geldnationalisten, Rechtspopulisten, Euroskeptikern im eigenen Land.
Warum, fragte Angela Merkel, fragten Österreicher, Niederländer, Luxemburger, können die Griechen nicht so werden wie wir, ein bisschen so wie die Deutschen? Und als darauf aus Athen keine Antwort kam, formulierten sie die Frage sogar noch einmal um: Warum, bitte, könnt ihr nicht wenigstens so tun, als würdet ihr euch anstrengen, wenigstens ein bisschen? Diese Frage werden tatsächlich die Griechen beantworten müssen, ihre Syriza-Regierung, diese Frage geht nicht an die Europäer.
Es gibt darauf gute und schlechte Antworten, eine mögliche lautet, dass die Griechen in Athen und Thessaloniki, auf Kreta und Lesbos, auf Santorin und Korfu vielleicht nie europäische Romantiker waren, zu keiner Zeit, sondern immer nur Griechen. Dass sie sich stets gewundert haben über die vielen Gäste, die mit verklärtem Blick über alte Steine stapften und sich gegenseitig Verse aus kleinen, gelben Heftchen vorlasen. Gewundert auch darüber, warum sie so lange so viel fremdes Geld ohne viele Fragen ausgeben konnten.
Und zu den Wahrheiten dieser Tage könnte auch gehören, dass sich Europa vor einem Austritt oder dem Hinauswurf Griechenlands mehr fürchtet als die Griechen selbst. Weil das Leben dort im Süden, in Attika, auf den Inseln, umflossen von einem sehr blauen Meer, beschienen von einer sehr hellen Sonne, seit Jahrtausenden seinen Gang geht, im Klischee wie in der alltäglichen Wirklichkeit.
Von Ullrich Fichtner, Nils Minkmar und Alexander Smoltczyk

DER SPIEGEL 29/2015
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