11.07.2015

No Grexit

Warum es ein Fehler wäre, Griechenland jetzt aus dem Euro zu drängen
Zugegeben: Wer sich gegen einen Grexit wendet, kann sich dieser Tage einsam fühlen in Deutschland. Groß ist die Empörung über die griechische Regierung, tief sitzt die Erschöpfung angesichts schier endloser Verhandlungen. Die Aussicht auf den vermeintlich befreienden Grexit erscheint vielen verführerisch.
Doch ein Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro wäre verheerend: für Europa, für Griechenland und für Deutschland. Wir würden den Tag, an dem Griechenland den Euro verlässt, schon bald bereuen. Es steht viel mehr auf dem Spiel als ein paar Milliarden – die mit großer Wahrscheinlichkeit ohnehin verloren sind.
Mit einem Grexit käme der europäische Einigungsprozess an sein Ende. Der Euro würde als Währung destabilisiert, die EU geopolitisch geschwächt. Nach fünf Jahren der Dauerbeschäftigung mit Griechenland wäre ein Ausscheiden aus dem Euro ein monumentales Scheitern für Europas Regierende. Die Griechen schließlich würden ins Elend gestürzt und von Europa entfremdet.
Es stimmt zwar, dass die Eurozone heute stabiler dasteht als vor fünf Jahren. Die Auswirkungen eines Grexit wären weniger schlimm, als damals befürchtet wurde. Was genau passieren würde, kann allerdings niemand sagen, denn ein vergleichbares Ereignis gab es noch nie. Ein Grexit wäre – ob er geordnet oder ungeordnet verliefe – ein dramatisches Ereignis. Teuer würde er sicherlich. Deutschland würde bis zu 60 Milliarden Euro verlieren. Ein milliardenteures humanitäres Hilfsprogramm wäre nötig, wahrscheinlich auch ein Schuldenschnitt.
Vor allem aber wäre ein Grexit eine Katastrophe für Europa. Der Euro ist mehr als eine Währung. Er war von seinen Gründern als Vehikel zur politischen Einigung Europas gedacht; ein Austritt aus dem Euro ist deshalb eigentlich erst nach einem Austritt aus der EU möglich. Deren Zweck ist das immer engere Zusammenwachsen seiner Mitgliedsländer. Dieser Prozess würde mit einem Grexit erstmals umgekehrt. Der Euro wäre entlarvt als unvollständige, verletzliche Währungsunion, die wieder rückgängig gemacht werden kann. Es wäre ein Präzedenzfall für einen Austritt geschaffen. Schon beim nächsten Abschwung könnten die Märkte wieder gegen Länder wie Spanien oder Italien spekulieren.
Die Eurokrise hat auf dem ganzen Kontinent Populisten gestärkt. Heute schon dient ihnen die deutsche Dominanz, das Beispiel Griechenland, als Beleg dafür, dass Europa herzlos über den Willen der Völker hinweggeht. Ein Grexit würde Parteien wie den Front National und Podemos erst recht befeuern.
Auch geopolitisch würde die EU geschwächt. Sie will sich neben den USA und China als dritter Machtblock etablieren. Doch wenn sie nicht einmal ein so kleines Problem wie Griechenland lösen kann – trotz jahrelanger Beratungen – wie soll man sie ernst nehmen? Wer traut Europa dann zu, dass es seine Probleme mit Flüchtlingen oder den Konflikt in der Ukraine bewältigt? Ein Grexit ließe Europa uneins und schwächlich aussehen – auch gegenüber Wladimir Putin, der es sich nicht nehmen ließe, den Umgang der Europäer mit Griechenland propagandistisch zu nutzen und eine strategische Annäherung an die Griechen zu versuchen.
Ein aus dem Euro herausgedrängtes Griechenland wäre eine wütende, in ihrem Stolz verletzte, wirtschaftlich zerstörte und politisch destabilisierte Nation mit einer Europa feindlich gesinnten Regierung. Es wäre aber weiterhin Nato-Mitglied – in einer strategisch wichtigen Lage am Mittelmeer. Nirgends in Europa kommen mehr Flüchtlinge an.
Das schwächste Argument der Grexit-Befürworter ist, dass eine Rückkehr zur Drachme Griechenland nützen würde. Ein Grexit würde dem Land einen weiteren wirtschaftlichen Absturz bescheren, der auch mit der angedachten "humanitären Hilfe" nicht aufgefangen werden könnte. Eine abgewertete neue Währung würde den Griechen wenig bringen, da sie keinen nennenswerten Exportsektor haben. Einfuhren würden unerschwinglich, die Bevölkerung verarmen, Firmen pleitegehen, die Inflation stiege rasant an – ein Drama für ein Land, das seit 2007 ein Viertel seiner Wirtschaftsleistung eingebüßt hat.
Die Szenarien zeigen: Einen Grexit darf niemand leichtfertig beschließen, schon gar nicht aus Ärger und Erschöpfung. Kann sich die griechische Regierung, die vielen in Europa auf die Nerven geht, deshalb alles erlauben? Nein. Ein Ausscheiden Griechenlands bleibt die Ultima Ratio, wenn wirklich keine Einigung möglich ist. Aber noch ist nicht alles getan worden, um eine zu finden.
Es braucht jetzt ein drittes Hilfsprogramm mit klaren Reformauflagen und einer Schuldenerleichterung, wie sie auch der Internationale Währungsfonds fordert. Merkel hat über die Jahre enormes politisches Kapital angehäuft – die Deutschen vertrauen ihr. Sie hat dieses Kapital aber selten eingesetzt. Nun ist der Zeitpunkt dafür gekommen. Angela Merkel muss zeigen, ob sie staatsmännisches Format hat – und einen Deal schließen, obwohl ihre Wähler die Griechen am liebsten los wären.
Twitter: @mathieuvonrohr
Von Mathieu von Rohr

DER SPIEGEL 29/2015
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