11.07.2015

ReisenBolitas im Bauch

Seit Air Berlin direkt von Curaçao nach Düsseldorf fliegt, freuen sich Touristen – und Kokainhändler. Fast jede Woche sind Drogenkuriere an Bord.
Der weiß-rot lackierte Airbus steht an Gate 1 des Flughafens von Curaçao. Die Passagiere warten an diesem Dienstag im Juni darauf, einsteigen zu dürfen. Unter den bunt gekleideten Karibikurlaubern fällt ein junger Mann auf, der ganz schwarz angezogen ist.
Plötzlich eilen Zollbeamte in die Abflughalle, ihre Blicke wandern über die Passagiere, bleiben an dem Mann hängen. Als sie ihn abführen, leistet er keinen Widerstand.
Der Mann war ihnen schon bei der Passkontrolle verdächtig vorgekommen. Sie durchsuchten das Gepäck, das er aufgegeben hatte: Die Kleidung im Koffer war mit einer Kokainlösung getränkt. Mehr als sechs Kilogramm der Droge waren auf diese Weise versteckt.
Solche Festnahmen gehören zum Alltag auf der Karibikinsel Curaçao, die mit Bildern von grünen Palmen, weißen Stränden und kristallklarem Wasser wirbt. Jeden Dienstag startet eine Air-Berlin-Maschine in Düsseldorf, nach kurzem Aufenthalt am Flughafen Hato fliegt der Airbus zurück und landet Mittwochmittag wieder in Deutschland. An Bord: Touristen und regelmäßig auch Drogenkuriere.
Wenn Flug AB7409 in Düsseldorf ankommt, herrscht Alarm beim Zoll. Fast jede Woche ist Kokain an Bord. 132 Kilogramm stellte der Zoll im vorigen Jahr sicher. 63 Schmuggler, die verbotene Ware im Körper versteckt hatten, wurden festgenommen. Die Route ist für Reisende attraktiv. Hin und zurück geht's ab 500 Euro; und als ehemalige Kolonie gehört Curaçao zum Königreich der Niederlande, seine Bewohner benötigen kein Visum für die EU.
Am Flughafen in Hato auf Curaçao ist Kenrick Hellement, der Zollchef, dafür verantwortlich, kein Kokain an Bord gelangen zu lassen. Eine kaum lösbare Aufgabe bei bis zu tausend Passagieren, die an manchen Tagen allein nach Europa fliegen. "Ich bin mit Sicherheit nicht der beliebteste Mann hier", sagt Hellement. Er habe schon Mitspieler aus seinem Softballklub verhaftet. So ist das auf einer Insel mit 150 000 Einwohnern, irgendwie kennt nahezu jeder jeden.
Das Kokain kommt tonnenweise nach Curaçao, bevorzugt aus Venezuela, das weniger als 60 Kilometer entfernt ist. Ein Schnellboot braucht nicht mal eine Stunde, und die Küste mit ihren vielen Lagunen, Buchten und Stränden bietet viele Möglichkeiten, den Stoff an Land zu bringen. 1500 Dollar kostet das Kilogramm noch am Ursprungsort Kolumbien, 5000 Dollar dann auf Curaçao, und für 50 000 Dollar wird es in Europa verkauft.
Die Schmuggler auf Curaçao sind erfindungsreich. Der Zollchef erzählt von einem Mann, der zielsicher nach einer Flasche Schnaps in der hinteren Reihe eines Regals des Duty-free-Shops griff. Einer von Hellements Leuten stoppte den Mann: Die Flasche war voll flüssigem Kokain.
Viele Kuriere transportieren den Stoff im Körper, sie schlucken bis zu ein Kilo. Das Pulver wird in Latex-Fingerlinge verpackt, wie Ärzte sie benutzen, rund zehn Gramm pro Beutel. Die Einheimischen nennen sie Bolitas, Kügelchen. Mit gekochten Eiern wird das Schlucken geübt, Medikamente reduzieren die Darmtätigkeit.
Wer in Deutschland erwischt wird, landet erst einmal im Düsseldorfer Knast. Derzeit sitzen dort 46 Männer aus Curaçao in Straf- und Untersuchungshaft. 23 Bedienstete hätten sich 2014 im Durchschnitt mit den Schmugglern von der Karibikinsel beschäftigen müssen, hat die Leiterin der Justizvollzugsanstalt, Elke Krüger, ausgerechnet. "Zeitweise hatten wir bis zu 80 Untersuchungs- und Strafgefangene aus Curaçao hier." Mittlerweile werden die Häftlinge auch auf andere Gefängnisse verteilt.
Nicht zuletzt den Zolloberamtsrat Brond-Hendrick Böttcher, der am Düsseldorfer Flughafen tätig ist, bringen die Schmuggler in Schwierigkeiten. Umfängliche Kontrollen seien kaum zu leisten, der Düsseldorfer Flughafen sei, wie Böttcher es ausdrückt, "ein feindliches Umfeld": ein Wirtschaftsbetrieb, der auf hohe Passagierzahlen und schnelle Abfertigung setzt. Kontrollen aber kosten Zeit.
Böttcher ist schon froh, wenn der Airbus aus Curaçao an Gate C06 andockt – das ist am weitesten vom Gepäckband entfernt. So haben die Zöllner zumindest etwas Zeit, die Reisenden zu beobachten. "Türen schließen und niemanden an Bord lassen, nachdem der letzte Passagier das Flugzeug verlassen hat", weist ein Zöllner die Stewardess an. Keiner soll an Bord, bevor die Beamten nicht nach verstecktem Kokain suchen konnten. Sogar der Inhalt des Fäkalientanks wird geschreddert.
Böttcher schaut die Passagiere, die zum Gepäckband gehen, prüfend an. Rund zwei Dutzend werden aufgefordert, die Koffer zu öffnen. "Wo wollen Sie hin? Was haben Sie vor? Wo ist Ihr Gepäck?" Mit einem Teststift, der über die Handflächen gezogen wird, überprüfen die Beamten den Schweiß in der Hand auf Drogen.
Etwa die Hälfte von ihnen muss in einen anderen Gebäudetrakt mitkommen, zu einer intensiven Befragung. Am Ende gesteht einer, Kokain geschluckt zu haben. Er wird auf die Spezialtoilette geschickt, ein Richter erlässt einen Haftbefehl. Romeo Roy J., 39 Jahre alt, geschieden, zwei Kinder, hatte laut Staatsanwaltschaft 55 Beutel à 13,5 Gramm im Darm. Das ergibt 742 Gramm Kokain. Dafür wird er wohl ein paar Jahre hinter Gitter gehen. Er sei in Geldnot gewesen, sagt er, als Lohn seien ihm 2000 Euro versprochen worden. Wie viele Schmuggler unerkannt an diesem Tag durchkamen, weiß niemand.
Ab November will Air Berlin auch sonnabends in die Karibik fliegen.
Twitter: @andreasulrich1
Von Andreas Ulrich

DER SPIEGEL 29/2015
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