11.07.2015

OrtsterminLailas Gesicht

In Wien entgeht eine Afghanin nur knapp ihrer Abschiebung nach Bulgarien und wird eher widerwillig zur Symbolfigur.
Auf die Frage des Polizeibeamten, ob sie sich umbringen werde, wenn man sie zurück nach Bulgarien bringe, antwortete Laila mit Ja. Daraufhin reichte man ihr suizidsichere Kleidung, der Stoff "dünn wie Papier", sagt Laila, leicht reißbar, unmöglich, sich damit zu erhängen. Drei Tage später, am frühen Morgen des 17. Juni, fuhr sie mit einer Polizeieskorte zu einem Gate des Flughafens Wien-Schwechat, an dem eine Fokker 70 der Austrian Airlines stand, Linienflug OS 805, Wien–Sofia.
Doch Laila ist noch da.
Die Afghanin, 36 Jahre alt, sitzt in einem Sessel in einem Kellergeschoss in Wien, der auch Treffpunkt der Leute ist, die sie unterstützen. Sie möchte nicht, dass ihr Familienname in der Zeitung steht, nicht einmal der erste Buchstabe. Sie möchte nicht, dass die Fotografin sie von vorn fotografiert, nur im Profil. Obwohl ihr Gesicht längst zum Politikum geworden ist. Demonstranten hielten, während sie in Abschiebehaft saß, ihr Bild bei Mahnwachen in die Höhe, versahen es mit Forderungen wie "Liberté pour Laila" und "Stop Deportation Now". Obwohl also ihre Freunde im Netz erklärten, sie sei "das Gesicht des Asylstopps" in Österreich und "das Gesicht für viele Dublin-Fälle", obwohl auf Twitter der Hashtag #freelaila zu den Trending Topics im Land gehörte, möchte Laila wenigstens die Hälfte ihres Gesichts und die Hälfte ihres Namens für sich behalten. Viel mehr besitzt sie nicht.
"Sie brachten mich um sieben Uhr zum Flugzeug. Als ich aus dem Wagen stieg und das Flugzeug sah, fing ich an zu schreien. Zwei der Männer packten mich links und rechts an den Armen. Sie wollten mich mit Gewalt die Treppe hinaufzwingen. Ich schrie immer wieder, dass ich nicht nach Bulgarien wolle. Dass ich Angst hätte. Dass ich hierbleiben wolle. Dass sie mich loslassen sollten. Ich schrie auf Englisch, auf Farsi, auch auf Deutsch, alles durcheinander. Ich schrie, so laut ich konnte."
Am selben Tag, ein Zufall, bellte eine österreichische Politikerin namens Dagmar Belakowitsch-Jenewein im Parlament den Vorschlag ins Mikrofon, man solle abzuschiebende Flüchtlinge künftig mit Militärmaschinen des Bundesheers außer Landes verbringen, "weil da drinnen können s' schreien und tobn, so viel sie wolln, es ist so laut, dass es ohnehin keiner hört".
25 000 neue Asylgesuche verzeichnete Österreich 2014, in diesem Jahr sind es schon in den ersten fünf Monaten annähernd 20 000. Wenige Tage vor Lailas Festnahme hatte die Innenministerin, Johanna Mikl-Leitner, ihre Beamten angewiesen, neue Asylanträge nicht mehr zu bearbeiten und stattdessen die Rückführungen von Dublin-Fällen zügig zu erledigen. Das Dublin-Verfahren, dieses vertraggewordene Sankt-Florians-Prinzip, erlaubt es Staaten wie Österreich, Deutschland oder Großbritannien, Migranten in jene EU-Länder zurückzuschicken, in denen sie zuerst europäischen Boden betreten haben.
Laila wurde 1979 im Westen Afghanistans geboren und floh im Jahr darauf mit ihrer Familie vor dem Bürgerkrieg nach Iran, wo bald darauf ebenfalls ein Krieg begann. Ihr Vater arbeitete als Arzt in der Provinz, mal hier, mal da, "aber Iran ist kein guter Ort für Flüchtlinge", sagt sie. Nach dem Studium verlor Laila ihre Aufenthaltserlaubnis und wurde zweimal, mit 27 und mit 29, nach Afghanistan zurückgeschickt, "wo es für mich keine Zukunft gab". 2013 machte sie sich gemeinsam mit ihrem Bruder auf nach Europa, zu Fuß durchquerten sie die Türkei. In Bulgarien ergriff man sie, zwang sie zur Abgabe ihrer Fingerabdrücke und steckte sie für drei Monate in ein Gefängnis, "die schlimmste Zeit meines Lebens". Als sie wieder frei war, zog sie weiter bis nach Österreich.
Rasch zählt Laila die Stationen ihres Lebens auf, wie die Etappen einer Wanderung, bei der es keine Ankunft gibt. Wo immer sie war, blieb sie unerwünscht.
Der Pilot der Austrian-Airlines-Maschine, von oben auf die schreiende Frau am Fuß der Treppe zu seiner Maschine blickend, weigerte sich, Laila mitzunehmen. Im Internet erhielt die Crew dafür viel Lob ("Ein Hoch auf @_austrian. So sieht Zivilcourage aus. #freelaila") und etlichen Hass ("Flugzeugcrew gehört sofort entlassen"). Beides entbehrt der Grundlage, es liegt keine Heldentat vor. Austrian teilte in einer dürren Erklärung mit, dass sie generell Passagiere vom Flug ausschließen könne, "die aufgrund ihres Verhaltens eine Gefahr für die Sicherheit an Bord darstellen". Die Pilotenvereinigung Cockpit empfiehlt ihren Mitgliedern schon lange, "sich nur an Abschiebungen zu beteiligen, bei denen der Abschübling freiwillig fliegt".
Der Abschübling nimmt noch einen Schluck Tee. Laila, die Farsi, Französisch und Englisch spricht, hat in den eineinhalb Jahren, die sie in Österreich verbrachte, Deutsch gelernt, den Hauptschulabschluss gemacht und für Flüchtlingshilfswerke als Übersetzerin gearbeitet. Ihre Freunde, von denen jetzt einige um sie herum sitzen, haben ihr Gesicht zum Symbol gemacht. Denn die Flüchtlinge, die vor der Festung Europa stehen, haben kein Gesicht. Es sind zu viele, es gibt zu viele Bilder von ihnen, ihre Konturen verschwimmen vor den Augen des europäischen Publikums, auf dessen Mitleid und Solidarität es ankommt in diesem großen Drama. Kann sie ein solches Gesicht sein? Möchte sie dem Elend der Heimatlosen ihr Profil verleihen? Sie atmet tief.
"Als ich mein Bild in der Zeitung sah, fühlte ich mich schlecht. Aber alle sagen, dass es mir helfen wird. Und dass ich auch anderen damit helfen kann. Ich hoffe, dass es bald vorbei ist. Ich möchte hierbleiben. Ich möchte ein normales Leben. Ich möchte ein Leben, auf das ich stolz sein kann."
Twitter: @GuidoMingels
Von Guido Mingels

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