11.07.2015

AktienZüge des Exzessiven

Chinas Regierung stemmt sich gegen die Folgen eines Börsen-Crashs, den sie selbst verschuldet hat. Die Konsequenzen könnten auch Deutschland treffen.
In seinem Shanghaier Sportklub hatte seit Monaten keiner mehr etwas von dem Geschäftsmann Liu Sheng gehört. Er habe dauernd an der Börse zu tun und keine Zeit mehr, zum Schwimmen zu kommen, hieß es. So ging es vielen Chinesen in diesem Frühjahr: Die Aktien stiegen, die Kurse überschlugen sich, vom Straßenhändler bis zum Börsenmakler hingen die Menschen tagaus, tagein am Ticker, um ja keine Gelegenheit zu verpassen.
Am vergangenen Dienstag war Liu Sheng plötzlich zurück, etwas fülliger geworden – und ziemlich deprimiert. "Was bleibt mir jetzt noch anderes übrig, als etwas für meine Gesundheit zu tun", sagte er. "Ich habe fünf Millionen Renminbi verloren." Das sind umgerechnet 739 000 Euro, auch für einen wohlhabenden Mittelschichtschinesen wie Liu Sheng viel Geld.
Seit dem letzten China-Crash 2007 hatte der Leitindex von Shanghai vor sich hin gedümpelt, aber im Herbst 2014 stieg er auf einmal an. Im Dezember durchbrach er die Marke von 3000, im April die von 4000, am 12. Juni stand er bei 5166 Punkten. Bei 5000 war Liu Sheng ausgestiegen, so hatte er es sich vorgenommen. Dann gab die Börse etwas nach, und Liu stieg wieder ein. ",Ein Patriot verkauft nicht', hat man uns vor ein paar Wochen noch gesagt. Also bin ich dabeigeblieben."
Liu tat mehr, als nur dabeizubleiben. Er setzte, wie viele seiner Landsleute, noch einen Hebel an: Für jeden eigenen Yuan, mit dem er spekulierte, hatte er sich weitere 1,80 Yuan ausgeliehen, um den erhofften Gewinn zu steigern. Inzwischen aber sind die Aktienkurse in Shanghai um ein Drittel abgestürzt, Lius eigene Papiere sogar noch mehr. Nun steht er kurz vor dem Augenblick, den man im Börsen-Englisch "Margin Call" nennt: "Mein Broker verlangt, dass ich Geld nachschieße, das kann ich aber nicht. Ein paar Tage noch, dann explodiert mein Konto."
Sowohl die Hausse als auch die Baisse, die ihr jetzt folgt, trägt Züge des Exzessiven. Begeistert hatten Analysten in den Staatsmedien in den vergangenen Monaten die Kurse hochgejubelt. Im April eröffneten vier Millionen Chinesen ihr erstes Wertpapierkonto, im Mai waren es bereits zwölf Millionen. An der Technologiebörse in Shenzhen stiegen die einzelnen Aktien binnen Wochen um ein Vielfaches, die der Onlinefirma "Beijing Baofeng Technology" sogar um mehr als das 40-Fache – nur 43 Handelstage nach ihrem Börsengang.
Die Regierung förderte diese Entwicklung. Es ist Pekings Ziel, die riesigen Sparvermögen der Chinesen lockerzumachen, um die immer langsamer wachsende Wirtschaft anzukurbeln. Die Strategie, Chinas Kapitalmarkt zu erweitern und zu vertiefen, leuchtet grundsätzlich ein: Warum etwa werden die meisten chinesischen Start-ups immer noch aus dem Ausland finanziert, warum gehen rein chinesische Unternehmen wie der Onlinehändler Alibaba ausgerechnet in New York an die Börse – und nicht auch in China, wo sie fast ihren gesamten Umsatz erwirtschaften und wo fast alle ihre Kunden und Mitarbeiter sind?
In den vier Wochen seit dem 12. Juni aber sind Chinas Börsenwerte um etwa 3000 Milliarden Dollar abgestürzt, und nun bemüht sich die Regierung, die Panik einzudämmen, deren Voraussetzungen sie selbst geschaffen hat: Sie senkte die Zinsen und verringerte die Börsengebühren, sie leitete eine Untersuchung gegen einzelne Broker ein, verbot Großaktionären, ihre Anteilsscheine zu verkaufen, und setzte den Handel von fast einem Drittel aller chinesischen Aktien aus. Nichts davon half – bis Donnerstag, als sich eine leichte Entspannung abzeichnete.
Was bedeutet Chinas Börsenkrise für den Rest der Welt?
Manche, vor allem einheimische, Experten beruhigen: Chinas Volkswirtschaft sei inzwischen so groß, dass sie auch Billioneneinbrüche an den Börsen vertrage. Chinas Wirtschaftskraft wachse – pro Monat – etwa um die Wirtschaftsleistung Griechenlands pro Jahr. Wie schon nach dem Börsenkrach des Jahres 2007 werde sich die Lage nach dem reinigenden Gewitter bald normalisieren. Die Ansteckungsgefahr für die internationalen Finanzmärkte sei gering, denn Chinas Kapitalmarkt sei nach wie vor sehr isoliert, schreibt das von westlichen Analysten betriebene Wirtschaftsinstitut Dragonomics. Einzelne Investmentbanken haben ihre Prognosen für Chinas Aktienmarkt in den vergangenen Tagen sogar leicht nach oben korrigiert.
Andere warnen: Der Crash von 2015 treffe China in einer ganz anderen Verfassung als 2007. Das Wirtschaftswachstum sinke, die Provinzregierungen und Staatsunternehmen seien tief verschuldet, und die hilflose Panik, mit der Peking auf den Absturz reagiere, verunsichere die schwer getroffenen Kleinanleger.
Das könnte, so Sandra Heep vom deutschen China-Thinktank Merics, zu "sozialen Problemen und politischen Protesten" führen und zu entsprechenden Folgen für die Realwirtschaft: "Chinas Nachfrage nach Importgütern würde durch ein Einbrechen von Investitionen und Konsum deutlich geschwächt. Vor allem die deutsche Wirtschaft, die sich in starke Abhängigkeit vom chinesischen Markt begeben hat, wäre davon empfindlich getroffen."
Von Bernhard Zand

DER SPIEGEL 29/2015
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