11.07.2015

WährungenDer Fluch der Troika

Auf Wunsch der Kanzlerin sollte der IWF mithelfen, Griechenland zu retten. Nun wird er für die Fehler der Mission verantwortlich gemacht, seine Autorität ist lädiert.
Es ist Tag drei nach dem griechischen Referendum, und vor dem Büro von IWF-Chefin Christine Lagarde im 12. Stock ihres Hauptquartiers HQ1 stehen die Mitglieder des Verwaltungsrats. Sie tragen Anzüge und festgezurrte Krawattenknoten trotz der gewittrigen Hitze. Sie reden im Flüsterton. Es herrscht eine fast feierliche Stille, bevor sie in Lagardes Büro gebeten werden. Es geht darum, Haltung zu bewahren.
Der Internationale Währungsfonds (IWF), seine Chefin Lagarde und sein Verwaltungsrat wollen sich nicht aus der Ruhe bringen lassen, nicht wegen Griechenland.
Viermal haben sie sich in den Tagen zuvor getroffen, und immer ging es um Griechenland. Sie berieten sich, bevor die Kreditrate des IWF fällig wurde und danach. Sie berieten sich vor dem griechischen Referendum und wieder danach. Aber heute geht es einmal nicht um Griechenland, einen Zwerg im Reich des IWF, sondern um den Rest der Welt. Lagarde will den sogenannten World Economic Outlook besprechen, von dem ein Update fertiggestellt wurde.
Der World Economic Outlook ist in diesen Tagen auch ein Stück Selbstvergewisserung des IWF. Es ist das Dokument, in dem der Währungsfonds zweimal im Jahr einen Überblick über sein Reich erstellt. 188 Mitglieder zählen dazu, Länder, die zusammen auf ein Bruttoinlandsprodukt von 75 Billionen Dollar kommen. Es ist der größte Stolz einer traditionsreichen Institution.
Griechenland nimmt in diesem Reich nur einen Platz unter vielen ein. Im World Economic Outlook sind es gerade mal ein paar Absätze. Und wenn man es nach der Wirtschaftsleistung bemisst, macht Griechenland unter den IWF-Mitgliedern gerade einmal 0,3 Prozent aus.
Aber zuletzt ist der Eindruck entstanden, als hänge nicht etwa die Zukunft Griechenlands vom IWF ab, sondern umgekehrt die Zukunft des IWF von Griechenland. Seit die Griechen vor einigen Tagen einen fälligen Kredit von 1,6 Milliarden Euro nicht an den IWF zurückzahlten, wird der Währungsfonds massiv kritisiert. Er habe die griechische Wirtschaft mit seinen Sparvorgaben abgeschnürt und wieder die gleichen Fehler wie früher begangen.
Einen "Verlust an Vertrauen", konstatiert Desmond Lachman vom amerikanischen Thinktank American Enterprise Institute. Columbia-Professor Joseph Stiglitz befürchtet, dass sich es Länder von nun an zweimal überlegen würden, mit dem IWF zusammenzuarbeiten. Und Ajai Chopra vom Peterson Institute for International Economics, der früher einmal IWF-Direktor in der Europaabteilung war, sagt: "Die gesamte griechische Saga seit 2010 ist hochgradig schädlich für den Ruf des IWF."
Tatsächlich hat auch der IWF in der Griechenlandkrise Fehler gemacht. Zum Teil hat er sie sogar öffentlich zugegeben. Beispielsweise, dass er die Wucht der Einsparungen unterschätzte, die er anfangs verordnete, den sogenannten Multiplikator, mit dem geringere Staatsausgaben das Wirtschaftswachstum dämpfen. Aber nicht alles, was schiefgelaufen ist, hat der IWF zu verantworten. Dass er dafür trotzdem zur Rechenschaft gezogen wird, hat auch mit seiner neuen Rolle zu tun: Er muss sich bei dieser Rettungsmission die Macht in der sogenannten Troika mit der Europäischen Zentralbank und der EU-Kommission teilen.
Es war die Idee von Bundeskanzlerin Angela Merkel, den Währungsfonds als Partner bei der Rettung Griechenlands zu gewinnen. Zum einen, um ihn zu Rate zu ziehen, zum anderen aber auch, um schwierige Entscheidungen der Europäer besser rechtfertigen zu können. Der IWF als McKinsey. Eine schöne Idee, zumal der IWF billiger ist als McKinsey, wie sie beim IWF schon scherzen, weil er von seinen Kunden kein Honorar verlangt.
Der IWF war es bisher gewohnt, seine Programme in Reinform durchsetzen zu können. Dafür war er bekannt, berüchtigt, gefürchtet. Er konnte diktieren, was ein Land, das seine Hilfe suchte, zu tun hatte, um wieder auf die Beine zu kommen. Er hatte das Sagen, der Regierung, aber auch der Zentralbank gegenüber. Er war allein verantwortlich, konnte aber auch alles so machen, wie er wollte. Nun aber, in der Griechenlandkrise, muss er sich in der Troika abstimmen, Kompromisse schließen, und der Zentralbank kann er nicht mehr vorschreiben, was sie zu tun hat.
Für Griechenland war das bisher nicht unbedingt ein Segen. Im Gegenteil. Als es 2010, zu Beginn der Hilfsprogramme, um die Frage eines sofortigen Schuldenschnitts ging, ließ der IWF eine große Chance verstreichen. Er ersparte den Europäern, auf einen Teil ihrer Forderungen zu verzichten, was aus heutiger Sicht ratsam gewesen wäre.
Das hatten Lagardes Leute schon 2010 erkannt. Die Schuldenlast der Griechen würde bald auf 150 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen, eine Belastung, die aus Sicht des IWF zumindest problematisch war. In einer Analyse wollte man sich jedenfalls nicht auf die Aussage festlegen, dass das damalige Schuldenniveau "mit hoher Wahrscheinlichkeit" als tragfähig zu bezeichnen sei.
Aber die Europäer wehrten sich vehement gegen einen Schuldenschnitt. Sie fürchteten, dass Banken, die viele Kredite nach Griechenland vergeben hatten, zu hohe Verluste hinnehmen müssten und das europäische Bankensystem destabilisieren würden.
Unter dem frischen Eindruck der Finanzkrise 2008 nutzte vor allem der damalige EZB-Chef Jean-Claude Trichet dieses Argument, um gegen einen Schuldenschnitt Stimmung zu machen. Sollte die Troika eine Bankenkrise mit möglicherweise weltweitem Ausmaß riskieren? Oder lieber nur eine Griechenlandkrise? Die Griechenlandkrise erschien der Troika damals als das kleinere Übel. Und der IWF, der sonst immer für seine unnachgiebige Haltung bei Reformen kritisiert wird, muss sich heute fragen lassen, ob er damals nicht zu nachgiebig gegenüber den europäischen Partnern war. Erst 2012 einigte sich die Troika auf einen Schuldenschnitt, aber da war Griechenland schon tiefer in die Krise gerutscht, als es die Troika erwartet hatte.
Es gibt durchaus Stimmen im IWF, die den anfänglichen Verzicht auf einen Schuldenschnitt für die richtige Entscheidung halten und alles wieder so machen würden. Die Gefahr einer Bankenkrise, die sich hätte weltweit ausbreiten können, sei damals einfach nicht kalkulierbar gewesen.
Viele sehen das anders. "Eine frühere Restrukturierung der Schulden hätte die Anpassungslast für Griechenland erleichtert und einen weniger dramatischen Einbruch bei der Wirtschaftsleistung zur Folge gehabt", räumte der IWF 2013 in einem Gutachten selbstkritisch ein.
Inzwischen macht sich der Währungsfonds öffentlich für einen weiteren Schuldenschnitt stark, nicht unbedingt zur Freunde der Europäer.
Für den IWF hat die damalige Entscheidung heute gleich einen doppelten Nachteil. Zum einen hat sie die Krise, die der IWF lösen will, möglicherweise verschleppt. Zum anderen hat der Fonds mehr Kredite an Griechenland vergeben, als es nötig gewesen wäre, wenn es schon 2010 einen Schuldenschnitt gegeben hätte. Mit über 21 Milliarden Euro steht Griechenland heute beim IWF in der Schuld. Es ist eine extrem hohe Summe, gemessen an der Quote des Landes beim IWF.
Für den IWF ist das finanziell ein tragbares Risiko. Insgesamt verfügt er über Mittel von 700 Milliarden Euro, von denen ein Teil als Kredit vergeben oder anderweitig gebunden ist. Es bleiben derzeit noch 430 Milliarden Euro, also das 20-fache der Summe, die er an Griechenland verliehen hat. Er könnte demnach selbst einen Totalausfall der Kredite Griechenlands verkraften, wozu es kaum kommen wird. Im Zweifel müssten wohl die Europartner für einen möglichen Kreditausfall aufkommen.
Es bleibt allerdings die symbolische Kraft, sollte so ein Kredit der Superlative scheitern.
Für Lagarde, deren Amtszeit im kommenden Jahr ausläuft, ist das von entscheidender Bedeutung. Nicht nur, weil die Eurokrise ihr Vermächtnis als IWF-Chefin bestimmen wird, sondern auch, weil sie seit Jahren für eine Neuordnung der Anteilsverhältnisse des IWF kämpft. Aufstrebende Wirtschaftsnationen wie Indien, Brasilien und China sollen entsprechend ihrer Wirtschaftsmacht mehr Stimmrechte bekommen, eine längst überfällige Reform, die nur noch an der Zustimmung des amerikanischen Kongresses hängt.
Der hat sein Ja aufgeschoben, auch weil er vor allem China nicht mehr Einfluss verleihen will. Allein die Möglichkeit, dass dem IWF in Griechenland eine Kreditpleite droht, gibt vor allem den Republikanern im Kongress einen willkommenen Vorwand, eine Zustimmung weiter zu verweigern. Internationalen Organisationen gegenüber sind sie ohnehin meist skeptisch eingestellt, und den Beteuerungen der IWF-Verantwortlichen, dass die mit dem Geld anderer Leute gut umgehen könnten, hatten sie noch nie geglaubt, sagt Desmond Lachman. Damit habe sich die Reform vorerst erledigt. Weil auch intern die Debatte um die Griechenlandkredite zumindest als kleiner Rückschlag für die geplante Reform empfunden wird, geht es dem IWF jetzt darum, schnell das Thema zu wechseln.
Am Nachmittag, nach der Sitzung über den World Economic Outlook, bricht Lagarde zur Brookings Institution auf, wo sie einen Vortrag über Entwicklungspolitik halten will. Es ist ein Thema, an dem der IWF lange gearbeitet hat, ein sehr wichtiges Thema, wie sie sagt, aber das in diesen Tagen nur Eingeweihte interessiert. Jedenfalls ist das nicht der Grund, warum dort eine Wand von Kameras wartet. Alle wollen etwas zu Griechenland wissen.
Sie will nur ein paar Sätze dazu sagen. Sie sagt, dass eine weitere Umschuldung für Griechenland "notwendig" sei. Mehr muss sie nicht sagen. Es war deutlich genug. Dann sagt sie: "Nächste Woche fahre ich nach Addis Abeba."
Von Marc Hujer

DER SPIEGEL 29/2015
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