11.07.2015

EnergieWackelnde Wände

Die Gasförderung lässt die Erde beben. Die Niederlande drosseln daher die Produktion – die Niedersachsen nicht.
Andreas Noltemeyer schaute fern, als ihn um 21.38 Uhr ein Knall aus dem Sessel schreckte. "Es klang wie ein Tiefflieger", erinnert er sich und zeichnet eine Linie in die Luft. Ein Erdbeben der Stärke 2,9 hatte die Region um Völkersen im Kreis Verden erschüttert.
Noltemeyer ist dort Friedhofsgärtner, ein schlanker Mann mit Nickelbrille. Früher habe er Erdgas für eine saubere Energie gehalten, erzählt er. Das änderte sich, nachdem sich die Beben häuften.
Seit 2010 wurden bei Völkersen viermal Erdstöße registriert. In den Zentren der norddeutschen Gasförderung hat seit den Siebzigerjahren schon rund drei Dutzend Male der Boden gewackelt, zuletzt vor vier Wochen in Großenkneten. Noch viel häufiger und heftiger indes bebt die Erde rund 160 Kilometer weiter westlich, in der Region um Groningen in den Niederlanden.
Dort haben die Erschütterungen eine solche Dimension erreicht, dass Wirtschaftsminister Henk Kamp vor zwei Wochen die Industrie anwies, rund ein Viertel weniger Gas zu produzieren als geplant. Nun beginnt auch in Deutschland eine Debatte darüber, ob die heimische Energiewirtschaft eine ähnliche Konsequenz ziehen muss. Werden also Dea, ExxonMobil oder Wintershall demnächst gezwungen sein, an den Hähnen zu drehen?
Die Unternehmen sehen dazu keinerlei Anlass. Das Vorkommen in Groningen lasse sich mit den Lagerstätten in Norddeutschland nicht vergleichen, sagen sie. Es sei mehr als hundertmal so groß wie das größte deutsche Feld und liege mehr als 2000 Meter näher an der Oberfläche. Deshalb sei es nicht nötig, so zu reagieren wie die Niederländer.
Noch vor wenigen Jahren bestritt die Branche, dass die Gasförderung Erdbeben verursachen könne. Sie ignorierte die Tatsache, dass die betroffenen Gebiete nie seismisch auffällig waren, bevor die Förderfirmen aktiv wurden. Der Zusammenhang lässt sich kaum übersehen.
Im Herbst vergangenen Jahres brachte ExxonMobil in der Nähe von Vechta eine neue Bohrung nieder. Nur wenige Wochen nach Beginn der Produktion, kurz vor Weihnachten, bebte die Erde dort mit einer Magnitude von 3,1. Laut Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) in Hannover sei dies "sehr wahrscheinlich" auf die Erdgasförderung zurückzuführen.
Die Erschütterungen entstehen, wenn sich durch die Gasentnahme die Druckverhältnisse im Speichergestein verändern. Dann treten Spannungen auf, die sich ruckartig entladen. Je intensiver und tiefer die Lagerstätten ausgebeutet würden, desto stärker sei die Bebengefahr, sagt der Bergschäden-Sachverständige Peter Immekus.
Er warnt vor unabsehbaren Folgen durch solche Bodenbewegungen. Die Niederländer hätten offensichtlich eingesehen, dass die Existenz ihres überflutungsbedrohten Landes davon abhänge, wie stark sich der Boden senkt. Auch die Fördergebiete in Norddeutschland hält der Ingenieur für gefährdet, sie seien zum Teil bereits ohne bergbauliche Eingriffe "oberflächlich nass", es genügten "ein paar Dezimeter, um den Grundwasserhaushalt auf den Kopf zu stellen".
Bislang freilich hat niemand so genau verfolgt, wie sich der Boden dort bewegt. Das LBEG taxiert die Senkungen "überwiegend im Zentimeterbereich", sie stellten "keine Gefährdung für den Baubestand" dar. Mehr Klarheit könnte das sogenannte Fracking-Gesetz liefern, über das der Bundestag nach der Sommerpause entscheidet. Bleibt es bei der jetzigen Fassung, wird es nach LBEG-Einschätzung wohl zur Regel, dass Bodenbewegungen über Erdgasfeldern beobachtet werden. Dann ließe sich leichter nachweisen, ob tatsächlich Gasbeben die Ursache für die Risse in Wänden und Decken sind, die Anwohner in den Förderregionen entdeckt haben. Bislang müssen sie in der Frage von Entschädigungen auf das Entgegenkommen der Konzerne hoffen.
Nach einem Erdstoß im November 2012 bei Völkersen meldeten Hauseigentümer 108 Schadensfälle an. Damals beauftragte Dea einen Architekten mit einem Gutachten. In 19 Fällen zahlte das Unternehmen insgesamt 33 000 Euro, ohne damit freilich eine rechtliche Verantwortung anzuerkennen. Alle anderen Schäden seien nicht dem Beben zuzuordnen.
Dieses Ergebnis quittiert Andreas Mattfeldt, CDU-Bundestagsabgeordneter und wohnhaft bei Völkersen, mit bitterer Ironie. Er könne sich nicht vorstellen, dass in der Handwerkerschaft "bei uns in der Region nur Pfuscher am Werk waren". Denn nur so ließe sich erklären, dass plötzlich überall bauliche Mängel zutage treten.
Mattfeldt hat es selbst erlebt, dass zu Hause die Wände wackeln. Für den Unionsmann steht fest: Wenn Häufigkeit und Intensität der Beben weiter zunähmen, dann sollte die deutsche Gasindustrie es den Niederländern nachmachen. "Dann muss man die Förderung zurückfahren", sagt er, "da gibt es gar keine Frage."
Dieses Szenario würde eine Branche treffen, der es ohnehin an Nachschub mangelt. Das Volumen aus heimischen Erdgasquellen schrumpft jedes Jahr um rund acht Prozent. Wird nun auch noch der Gasfluss aus Groningen beschränkt, hat dies spürbare Folgen für die Energieversorgung in Deutschland. Immerhin liefern die Niederlande ein Viertel des Erdgases, das hierzulande verbraucht wird.
Die Reserven Deutschlands und der Niederlande schwinden. Der Experte Immekus warnt davor, deshalb nun umso tiefer und aufwendiger nach Gas zu suchen und die seismischen Effekte sowie die möglichen Schäden zu bagatellisieren. "Das sind versteckte Ewigkeitskosten", sagt Immekus. "Bis sie zutage treten, ist von den Energiekonzernen aber wohl keiner mehr da."
Von Alexander Jung

DER SPIEGEL 29/2015
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