11.07.2015

Faktencheck der SPIEGEL-DokumentationMacht Fracking Krebs?

DAS PROBLEM In der Energiepolitik ist vieles umstritten. Beim Thema Fracking zum Beispiel denken die einen an riesige Schiefergasreserven, die anderen an brennende Wasserhähne, verseuchtes Trinkwasser und Krebs.
Beim Fracking wird eine Mischung aus Wasser, Sand und Chemikalien tief in den Untergrund gepresst, um erdgashaltige Gesteine unter hohem hydraulischen Druck aufzubrechen. Mittlerweile basiert rund ein Drittel der deutschen Erdgasproduktion auf dieser Technologie. Die meisten "Fracs", etwa 320, gab es zwischen 1961 und 2011 in Niedersachsen, rund 70 davon im Landkreis Rotenburg (Wümme).
Umweltschützer führten die Häufung von Krebsfällen in der Region auf giftige Stoffe zurück, die beim Fracking eingesetzt und bei der Gasförderung frei werden. Im Juni 2014 gab der Landkreis beim Epidemiologischen Krebsregister Niedersachsen (EKN) eine erste Sonderauswertung in Auftrag, im März 2015 eine zweite, deren Ergebnisse seit Ende Juni vorliegen.
FÜR UND WIDER Das EKN untersuchte zunächst die Krebsneuerkrankungen der Jahre 2003 bis 2012 in der Samtgemeinde Bothel, die damals um die 8600 Einwohner zählte. Ergebnis: Bei Männern war die Zahl der Fälle in der Gruppe Leukämien und Lymphome "statistisch deutlich erhöht" – besonders bei einer bestimmten Art von Knochenmarkkrebs, dem Multiplen Myelom. Andere Krebsgruppen blieben unauffällig.
Die anschließende Analyse dreier Regionen um Bothel herum konzentrierte sich daher ganz auf die Leukämien und Lymphome. Dabei wies das Gebiet Rotenburg (Stadt) bei Männern wiederum deutlich erhöhte Werte auf, die zwei anderen Regionen aber nicht. Bei Frauen gab es, wie schon in Bothel, keine Auffälligkeiten.
Eklatant war der Unterschied zwischen den tatsächlichen Fällen und dem statistischen Vergleichswert in der Samtgemeinde Bothel, wo die Abweichung 92 Prozent nach oben betrug. Das klingt erschreckend. In absoluten Zahlen allerdings sind das nur zwei Fälle mehr pro Jahr.
Die Kommentare fielen geteilt aus: Ein "Fiasko" für die Fracking-Industrie, befand die "tageszeitung". Das "Gemeinnützige Netzwerk für Umweltkranke" sprach von krebserregendem Benzol und forderte ein "konsequentes Moratorium" für Fracking. Ein Sprecher der Erdgasindustrie bezeichnete solche Verdächtigungen dagegen als "wissenschaftlich nicht haltbar", andere beklagten eine unstatthafte "Instrumentalisierung von Krebskranken". Die niedersächsische Gesundheitsministerin Cornelia Rundt (SPD) entdeckte ebenfalls keine Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Gasförderung und Krebserkrankungen.
Was aber sagt das EKN zu den Ursachen? Antwort: wenig. Untersuchungen von Krebsregisterdaten seien allein "nicht in der Lage, kausale Zusammenhänge zu einzelnen Risikofaktoren zu beweisen", heißt es lapidar. Folgeanalysen müssten klären, ob sich Gemeinsamkeiten bei den erkrankten Männern finden lassen, etwa in ihrer Berufsgeschichte.
FAZIT Ein Zusammenhang zwischen Krebs und Fracking im Landkreis Rotenburg ist nach wie vor weder bestätigt noch ausgeschlossen. Eine wissenschaftliche Ursachenforschung ist nötig, um nicht länger auf gefühlte oder interessengeleitete Wahrheiten angewiesen zu sein.
Von Hauke Janssen

DER SPIEGEL 29/2015
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