11.07.2015

KonzerneTeure Träume

Der Axel-Springer-Verlag und ProSiebenSat.1 loten eine Fusion aus – doch der Haussegen hängt schon vor der Hochzeit schief.
Mathias Döpfner bewies selbst in der größten Niederlage Sinn für Humor. Das Bundeskartellamt hatte gerade seinen milliardenschweren Traum zerplatzen lassen, den Fernsehkonzern ProSiebenSat.1 zu kaufen, da riss der Axel-Springer-Chef beim Neujahrsempfang des Verlags in Berlin einen Witz: "Wenn wir vorschlagen würden, den gesamten Axel-Springer-Verlag zu verkaufen, würde man uns den Erwerb der Fernsehsender trotzdem verbieten." Seine Rede beendete Döpfner damals kämpferisch: "Siege, wenn du kannst, verliere, wenn du musst, aber kapituliere nie!"
Fast zehn Jahre ist das her. Wann immer der Springer-Chef seither auf ProSiebenSat.1 angesprochen wurde, hieß seine Antwort: kein Thema mehr. Doch Döpfner hat seinen Traum bis heute nicht aufgegeben. Jetzt will er es noch einmal wissen: Anfang der Woche berichtete das "Wall Street Journal", dass beide Konzerne wieder verhandelten – diesmal über einen Zusammenschluss. Geredet wird wohl seit einigen Monaten, die Investmentbanker von Deutscher Bank, Goldman Sachs und J. P. Morgan sind auch schon involviert.
Die Aussicht auf eine gut 14 Milliarden Euro schwere Fusion hat die Medienwelt euphorisiert. Die Aktien beider Firmen schossen vorfreudig in die Höhe, von Hochzeit ist die Rede, als würde nun endlich gut, was lange währte. Auf dem Papier klingt die Sache erst mal gut: Weil die Auflagen von "Bild" und "Welt" schwinden, will Döpfner den Springer-Verlag zu einem führenden Digitalkonzern umbauen. Auch ProSiebenSat.1-Chef Thomas Ebeling macht aus der TV-Kette ein digitales Kaufhaus. Erst vor zwei Wochen übernahm er für mehr als 170 Millionen Euro das Onlinevergleichsportal Verivox. Gemeinsam ließen sich teure digitale Zukäufe besser stemmen, und ein "europäischer Champion" könnte Werberiesen wie Google leichter die Stirn bieten. Um den simplen Verbund aus "Bild" und Glotze, der noch vor zehn Jahren Döpfners Übernahme motivierte, geht es längst nicht mehr allein.
Doch die Chancen sind eher bescheiden, dass es überhaupt zur Hochzeit kommt. Die Verhandlungen sind noch gar nicht richtig losgegangen, da hängt der Haussegen zwischen den Partnern bereits schief.
Den Springer-Leuten stieß in den vergangenen Tagen sauer auf, dass in Medienberichten zur geplanten Fusion ständig vom "Seniorpartner" ProSiebenSat.1 zu lesen war, der qua Größe in einem Zusammenschluss das Sagen haben werde. Vor allem Verlegerwitwe Friede Springer soll darüber nicht erfreut gewesen sein. Der Verlag sah sich deshalb veranlasst – ohne Absprache mit dem potenziellen Partner ProSiebenSat.1 – per Pressemitteilung klarzustellen, wer in einer Liaison künftig das Sagen hätte: Springer. Die Kontrollmehrheit von Friede Springer stehe nicht zur Disposition, hieß es in der knappen Mitteilung sinngemäß.
Die Verlegerin herrscht über 57 Prozent. Dass sie die Kontrolle behalte, sei Friede Springer ihrem verstorbenen Mann Axel Cäsar, den Mitarbeitern und sich selbst schuldig, heißt es im Haus.
Bei ProSiebenSat.1, mit 9,8 Milliarden Euro an der Börse gut doppelt so viel wert wie Springer, sorgte die quasioffizielle Bestätigung der Gespräche für Befremden. Wie sich Springers Kontrollwahn mit der Idee einer Fusion verträgt, in der man sich auf Augenhöhe begegnet, bleibt ohnehin rätselhaft.
Eine Fusion nach dem Geschmack von Springer käme eher einer Übernahme von ProSiebenSat.1 gleich. Mit Ebeling dürfte das nur zu machen sein, wenn seine Aktionäre finanziell kräftig davon profitieren, dass sie sich in die Junior-Rolle fügen. Den Seelenfrieden der Verlegerin und ihren Wunsch nach Kontrolle müsste Springer also teuer bezahlen.
Wie das Gezerre ums Über und Unter praktisch zu lösen ist, können sich selbst Eingeweihte nicht richtig vorstellen. Friede Springer und ihre Axel Springer Gesellschaft für Publizistik würden am fusionierten Konzern nach einer einfachen Rechnung nur gut 19 Prozent besitzen. Ihre Stimmenmehrheit in der Hauptversammlung müsste sich die Verlegerin neu erkaufen – eine Milliardeninvestition, die wohl selbst für Friede Springer zu viel wäre.
Seit Monaten bereitet der Verlag allerdings einen Wechsel seiner Rechtsform vor, der der Verlagserbin auch dann eine Stimmenmehrheit sichert, wenn ihr Aktienpaket schrumpft. Aber das wird erst auf der Hauptversammlung im April abgesegnet. Bis dahin ginge nichts.
Was Springers Wandel zu einer solchen Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA) für die ProSiebenSat.1-Anleger bedeuten würde, wird gerade sondiert. Sie müssten in dem fusionierten Konzern wohl auf einen Teil ihrer Mitspracherechte verzichten. Zu den Gesellschaftern des TV-Konzerns gehören jedoch viele US-Investmentfonds und Versicherungen, die ihren Einfluss ungern oder nur gegen gutes Geld oder mehr Aktien hergeben.
Ob es angesichts der komplizierten Verhältnisse sinnvoll ist weiterzuverhandeln, soll, wenn es nach Springer geht, schon bis Anfang August entschieden werden – dann verkündet Döpfner seine Quartalszahlen. Was die Kartellwächter in Brüssel und Bonn von den neuen Planspielen halten, wäre dann noch ungewiss. Bei ProSiebenSat.1 wird derweil schon gefrotzelt: Wenn es zum Deal komme, habe Döpfner sicher schon einen Namen in der Schublade – ProSpringer.

Twitter: @spiegelin
Von Martin Hesse und Isabell Hülsen

DER SPIEGEL 29/2015
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