11.07.2015

GriechenlandDie Angst vor dem G-Wort

Ein Großhändler wird sein Fleisch nicht los. Reisebüros stornieren Flüge. Zeitungen erscheinen mit weniger Seiten. Im Finanzministerium prüft ein Komitee den Import von Christbaumkugeln. Über ein Leben in der Krise.
In ihrem Kühlschrank liegen eine Tomate, ein Stück Feta, eine Tüte mit grünen Bohnen, Toast und drei Eier. Vasiliki Katsoula müsste dringend einkaufen gehen. Doch das Geld soll noch für den ganzen Monat reichen, und sie muss die kranke Mutter versorgen. Deshalb steht sie seit zwei Stunden hier, vor der Nothilfeklinik in Athen, in der Nähe des Flughafens. Es ist viel los an diesem Tag. Seit die Bankautomaten nur noch höchstens 60 Euro am Tag ausgeben, kommen auch viele Griechen mit Versicherungskarte zur kostenlosen Klinik. Bisher bekamen sie ihre Medikamente gegen eine Zuzahlung in der Apotheke. Jetzt können und wollen sich viele das nicht mehr leisten. Die Nothilfeklinik versorgt sie umsonst.
Vasiliki Katsoula steht für Insulin an, das ihre Mutter braucht. Sie hat Glück, es zu bekommen, denn Mittel gegen Diabetes werden knapp, genauso wie Herzmedikamente und Tabletten gegen Bluthochdruck. Einige Pharmafirmen haben schon aufgehört, den griechischen Markt mit Medikamenten zu versorgen. Jetzt soll sich die Armee darauf vorbereiten, Arzneimittel zu produzieren. Die 100 Ärzte, die ehrenamtlich in der Nothilfeklinik arbeiten, planen weitere Ausgabestellen. Und diskutieren gerade mit ihren Mitarbeitern im Ausland, ob es besser sei, mit Bargeld nach Athen zu reisen oder die Medikamente gleich in großen Koffern mitzubringen.
Vasiliki Katsoula ist eine runde, kurzatmige Frau mit blondem Haar und Kreolenohrringen. Von der Lage in der Hauptstadt erzählt sie erstaunlich ruhig, so wie viele Athener in diesen Tagen, mit ein wenig Verwunderung und Ungläubigkeit darüber, dass der Zusammenbruch eines Systems so schnell gehen kann. Noch sei die Not erst im Ansatz zu spüren, sagt Katsoula. Aber wer weiß schon, was kommt.
Die 46-Jährige hat viele Krisenjahre hinter sich, sie lebt mit ihren Eltern und ihrer Schwester seit Langem von der Rente des Vaters, weil sie als Automechanikerin keine Arbeit findet. Die Familie hat 900 Euro im Monat. Auch Katsoula und ihre Eltern haben beim Referendum mit Nein gestimmt, weil sie nicht mehr sparen wollten.
"Jetzt halten wir die Anspannung nicht mehr aus", sagt sie, "weil auch nach 48 Stunden noch immer nichts Gutes für unser Leben passiert ist."
Es gebe Firmen, die ihre Leute teilweise schon für August bezahlt hätten, erzählt sie, falls die Drachme komme. "Wenn unsere Rente noch einmal gekürzt wird, ist es aus."
Vor fünf Jahren war die Rente des Vaters um 500 Euro höher. Als sie reduziert wurde, führten sie Regeln ein: Wenn die Mutter an einem Tag Fleisch kauft, gibt es am nächsten Bohnen. Wenn der Vater einen Pullover braucht, dürfen die Töchter einen Monat lang nicht in die Kneipe. Sie kauften Hühner, wegen der Eier. Manchmal sammeln sie Papier, für ein Kilo bekommen sie sieben Cent.
Etwa ein Viertel aller Griechen lebt unterhalb der Armutsgrenze. Was ein Grexit bedeuten würde, können sie auch jetzt schon spüren. Tageszeitungen, die mit 32 statt 48 Seiten erscheinen, weil das Papier knapp wird. Flüchtlinge in einem Lager auf Samos, deren Mahlzeit ausfiel, weil die Cateringfirma nicht bezahlt wurde. Restaurants mit Akropolis-Blick, in denen geplante Veranstaltungen storniert werden, weil die Gäste sich vor dem fürchten, was kommen mag.
In "Kathimerini", der großen Tageszeitung, steht in dieser Woche, das Finanzministerium bereite sich darauf vor, Schuldscheine zu drucken, um Ende des Monats zwei Milliarden Euro Renten, Gehälter und Sozialleistungen zahlen zu können, falls es keine Einigung gibt. Der Pressesprecher im Finanzministerium dementierte den Bericht nervös.
Es ist zu hören von Unternehmern, die ihre Firmen von Nordgriechenland nach Bulgarien verlagern. Und von Südgriechenland nach Zypern. Von Bäckereien, die mehr Mehl als Brot verkaufen, weil die Menschen wieder anfangen zu backen. Und von Suppenküchen, die mit einem Ansturm rechnen und sich nicht vorbereiten können, weil die Spenden ausbleiben. Das ist Griechenland in diesen Tagen.
Auf dem Athener Fleischmarkt surren an diesem Morgen die Fliegen, Stathis Nikolados, 46, hat gerade Schweineschultern zerlegt. Immerhin geht sein Geschäft noch gut. In großen Mengen kaufen die Athener Fleisch ein, Schweineschultern, Nacken und Schwänze für die Eistruhe. "Das Billigste halt", sagt Nikolados.
Trotzdem hat er seit der Bankenschließung 40 Prozent weniger Fleisch eingekauft, weil er nicht mehr genug Bargeld hatte. Auch Nikolados hat der Regierung sein Nein gegeben, weil er ein Zeichen setzen wollte gegen das neoliberale Europa. "Aber für diesen Wunsch will ich jetzt nicht büßen müssen."
Die Solidarität der Neinwähler mit ihrer Regierung ist noch da, aber sie bröckelt. Erste Zweifel kommen auf: Warum kommt der Deal nicht schneller? Über was haben wir eigentlich abgestimmt? Und warum lächelt Tsipras auf den Gipfelfotos immer so? "Kathimerini" hat diese Woche einen Cartoon gedruckt, der Griechen zeigt, die zuerst "No" schreien, und dann, in einem zweiten Bild vor dem Fernseher, wohl bei den Nachrichten: "Oh no!"
Auch Christos Mpregiannis stellt sich jetzt viele Fragen, er ist einer der Großhändler, die den Fleischmarkt beliefern. Mpregiannis hält 1100 Schweine auf Kreta, er macht Wurst und Fleisch für Griechenland und den ausländischen Markt. Zur- zeit hat er zwei Probleme. Das erste: Händler, die kein Bargeld mehr haben, um seine Schinken zu kaufen. Das zweite: Ihm fehlen Gewürze und Verpackungen, die er aus dem Ausland importiert und jetzt nicht mehr bezahlen kann.
Er glaubt, dass es in einer Woche überhaupt nicht mehr möglich sein wird, Geld zu überweisen. Schecks kann er schon jetzt nicht mehr einlösen. Die Zukunft? "Wir stellen uns darauf ein, überall zu sparen. Offener Zwangsurlaub für unsere Mitarbeiter. Eine radikale Verringerung der Produktion." So klingt Mpregiannis' Grexit.
Allein in den ersten Tagen kostete die Bankenschließung die griechische Wirtschaft schätzungsweise 1,2 Milliarden Euro. Unterwäschehändler stellen die Produktion ein, weil ihnen Knöpfe, Bordüren und Preisschilder fehlen. Getränkelieferanten warten auf ihren Whisky in fernen Häfen.
Fünf Männer und Frauen kontrollieren derzeit die Wirtschaft und die Vermögen Griechenlands, sie gehören zum "Genehmigungskomitee für Bankgeschäfte", sitzen im Finanzministerium und müssen täglich neu entscheiden, welche Güter überhaupt noch importiert werden dürfen. Jeden Tag erhalten sie Hunderte Anfragen von Geschäftsleuten und Briefe von verzweifelten Bürgern.
Am Mittwoch kommt eine aufgelöste Frau ins Finanzministerium, sie will Formulare abholen. Sie hat einen Sohn, der nierenkrank ist und dringend in Frankreich operiert werden muss. Doch wie soll sie die Reise im Voraus zahlen? Ohne ein Einverständnis der Nationalbank oder des Komitees sind elektronische Geldgeschäfte mit dem Ausland unmöglich. Auch sie hat mit Nein gestimmt, Tsipras sollte eine bessere Position haben in Brüssel. "Fassungslos" sei sie jetzt. Niemand habe mit einer solchen Lage gerechnet.
Georgios Manolas ist Direktor im Finanzministerium und Mitglied des Komitees. Medizin, Essen und Benzin hätten bei den Entscheidungen über Importe absoluten Vorrang, sagt er. Wer in diesen Tagen Güter herstellen möchte, die schön, aber nicht nützlich seien, habe halt Pech: "Christbaumkugeln fallen in jedem Fall durch."
Die Zeit, in der die Griechen das Gefühl hatten, selbst entscheiden zu können, ist vorbei. Viele hier sprechen vom verlorenen Vertrauen in die Märkte, die Banken seien das kranke Herz der Wirtschaft; es daure jetzt nur noch einen Moment, bevor auch das Hirn sterbe. Sie sprechen von Blutarmut und Fieberpatienten. Es ist die Rhetorik der Katastrophe. In den vergangenen zehn Tagen gab es doppelt so viele Anträge wie üblich für neue Pässe. Viele Griechen denken darüber nach auszuwandern.
"Würden Sie jetzt nach Griechenland in Urlaub fahren?", fragt Diamantis Pithis, Chef einer Reiseagentur, er sitzt in der Nähe des Syntagma-Platzes hinter einem Schreibtisch voller Modellflugzeuge. 35 Airlines haben inzwischen ihre Zusammenarbeit mit den Reiseveranstaltern gestoppt, erzählt er. Turkish Airlines, Emirates, Qatar Airways, Lufthansa. Die Fluglinien verlangen Kreditkarten für die Bezahlung, diese haben aber Limits. Jede Transaktion muss genehmigt werden. "Wir können nicht mehr einfach so Tickets ausstellen", sagt Pithis.
Seine Mitarbeiter seien vor allem damit beschäftigt, Stornierungen aus dem Ausland anzunehmen (40 Prozent) und solche aus dem Inland (70 Prozent). Die meisten Griechen können nicht mehr verreisen, es sei denn, sie zahlen bar – oder haben ein ausländisches Konto. "Wir haben einen Notfallplan ausgearbeitet, falls die Drachme kommt", sagt Pithis. "Unsere Großkunden zahlen dann an unsere ausländischen Filialen, in Euro.
Im Haus von Vasiliki Katsoula, der Frau aus der Nothilfeklinik, gibt es keine Vorsorge, keine Pläne. Die Familie sitzt bei Kerzenlicht in der Laube, es riecht nach Öl von der Fabrik nebenan. Sie wohnen hier, seit der Vater mit seiner Arbeit als Busfahrer aufgehört hat. "Hier draußen sind die Mieten noch bezahlbar", sagt er. Sie schweigen an diesem Abend, die Katsoulas, es gibt nicht viel zu sagen.
Nur eine Diskussion mit den Nachbarn hat sie heute aufgeregt; es ging darum, dass bald mehr Leute hierher ziehen könnten. Vasiliki Katsoula gefällt diese Vorstellung nicht. Sie sagt, sie habe ja nichts gegen Nachbarn. Aber sie ist sich nicht sicher, was das bedeutet, wenn das Armenviertel wächst. Ob das nicht ein schlechtes Zeichen sei. Für ihre eigene Zukunft, für das Leben in diesem Land, in dieser Stadt.
Von Katrin Kuntz

DER SPIEGEL 29/2015
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