11.07.2015

Diplomatie„Alles nicht so ernst“

Der griechische Außenminister Nikos Kotzias glaubt immer noch an Europa und hat Hochachtung vor Angela Merkel.
Der parteilose Politikwissenschaftler und Ökonom Kotzias, 64, war früher Mitglied der Kommunistischen Partei. Während der Diktatur wurde er mehrfach von Militärgerichten verurteilt. Von 1993 bis 2008 war er unter verschiedenen Regierungen im Außenministerium tätig, zuletzt im Rang eines Botschafters.
SPIEGEL: Herr Außenminister, wird Griechenland in einem Monat noch Teil der Eurozone sein?
Kotzias: Europa ruht auf zwei Pfeilern: den gesetzlichen Regeln und der Kultur des Kompromisses. So hat es 70 Jahre lang alle Krisen überstanden. Ich bin sicher, dass dies auch weiterhin so funktionieren wird. Sonst haben wir ein Problem nicht nur für Griechenland, sondern für ganz Europa.
SPIEGEL: Wenn es noch zu einem Kompromiss kommen sollte, dann wird der für die Griechen wohl schlechter ausfallen als der Vorschlag, der vor dem Referendum auf dem Tisch lag. Ist Ihre Regierung nicht schlicht zu weit gegangen?
Kotzias: Das sehe ich anders, Europa kann nach wie vor gute Kompromisse schließen. Vorwürfe vonseiten der Europäer und diese Schlagworte sind nur der öffentliche Teil der Verhandlungen, sie sind da, um Druck aufzubauen. Man muss das alles nicht so ernst nehmen.
SPIEGEL: Ihr Staatspräsident hat am Mittwochabend Premier Alexis Tsipras ausdrücklich ermahnt, alles zu unternehmen, damit es nicht zu einem Grexit kommt.
Kotzias: Informationen aus Vieraugengesprächen zu besitzen ist anscheinend eine Kunst, die nur Journalisten beherrschen. Ich bin sowohl mit Präsident Pavlopoulos wie mit Premier Tsipras eng befreundet. Und ich weiß um die freundschaftliche Beziehung zwischen beiden. Eine solche Ermahnung hat es nicht gegeben. Das gehört nicht zum Stil des Präsidenten. Und Tsipras strebt auch keinen Grexit an.
SPIEGEL: Ihr ehemaliger Kollege, Finanzminister Yanis Varoufakis, hatte den Griechen versprochen, im Falle eines Nein binnen 48 Stunden eine Lösung zu präsentieren. Dann hat er sich aus dem Staub gemacht.
Kotzias: Erst mal muss man doch betonen, dass Varoufakis der einzige Ökonom in der Euro-Gruppe war. Er ist ein beeindruckender Mann mit vielen Kenntnissen, und er hat nach dem Referendum entschieden zurückzutreten.
SPIEGEL: Ohne sein Versprechen einzulösen ...
Kotzias: Die Lösung ist ja auf dem Weg. Varoufakis ist genau wie ich kein Berufspolitiker, wir haben unsere Ansichten, und die sind mal falsch, mal richtig.
SPIEGEL: Zurzeit geht es aber um ziemlich viel. Haben Sie mit dem Referendum nicht zu hohe Erwartungen geweckt?
Kotzias: Nein, die Regierung hat den Menschen ihre Selbstachtung zurückgegeben, und ich kann nur sagen, man kann kein Wachstum in einer Wirtschaft schaffen, wenn die Menschen dem Druck nicht standhalten. Wenn die Menschen nur deprimiert, frustriert, ohne Optimismus und Perspektive sind, geht ein Land kaputt. Das hat nichts mit Finanzen und Kapitalströmen zu tun. Das Referendum hat Griechenland den Stolz, die Hoffnung und die Möglichkeit zu träumen zurückgegeben.
SPIEGEL: Seit wann wussten Sie von dem Referendum?
Kotzias: Seit jenem Freitag vor zwei Wochen, an dem wir es beschlossen haben.
SPIEGEL: Und wie ist seither Ihr Verhältnis zu den europäischen Kollegen – nach dieser Entscheidung, die viele als Vertrauensbruch empfunden haben?
Kotzias: Ich versuche immer, alles zu entdramatisieren. Wir brauchen in Europa keine Drama-Queens wie bei Shakespeare. Wir müssen Stereotypen abbauen und Wege des besseren Verständnisses finden. Viele meiner europäischen Kollegen verstehen mich und meine Bemühungen, andere tun es nicht.
SPIEGEL: Und haben diese Kollegen auch Verständnis dafür, dass sich Ihre Regierung in der Krise ausgerechnet wieder Moskau zugewendet hat?
Kotzias: Auch Frankreichs Außenminister Laurent Fabius, Italiens Premier Matteo Renzi und Ihre Kanzlerin fahren nach Moskau. Nur bei uns ist immer alles verdächtig. Wenn meine Freunde aus Italien oder Frankreich das tun, ist es smart. Wenn Tsipras oder ich nach Russland fahren, sind wir die Teufel.
SPIEGEL: Machen Sie es sich nicht gerade ein bisschen zu einfach?
Kotzias: Als ich vor fünf Monaten vor der Flüchtlingskrise aus Nordafrika gewarnt habe, wurde behauptet, Griechenland drohe, Dschihadisten nach Europa reinzulassen. Uns werden die Worte im Mund umgedreht, so ist es auch bei den Beziehungen zu Russland. Man will uns in eine Ecke treiben.
SPIEGEL: Aber Ihre Regierung sucht doch offensichtlich die Nähe zu Putin.
Kotzias: Wir versuchen in unserer schwierigen wirtschaftlichen Situation, unsere historischen Beziehungen zu Ländern wie Russland und China zu nutzen. Das würde jedes normale Land der Welt so machen. Vor wenigen Tagen hat Deutschland angekündigt, dass es zwei weitere Röhren der Nord-Stream-Pipeline von Russland durch die Ostsee geben wird, da hat niemand etwas Böses gesagt. Ich finde das ungeheuerlich. Man will uns den Schwarzen Peter geben, weil wir angeblich Russland unterstützen und antieuropäisch sind. Dabei haben wir allen Sanktionen zugestimmt und alle angewendet.
SPIEGEL: Wie schauen Sie zurzeit auf Deutschland?
Kotzias: Ich bin verheiratet mit einer Deutschen, meine Tochter ist in Hessen geboren, ich habe in Gießen studiert. Ich habe eine große Achtung vor dem deutschen Geist, der deutschen Kultur und den Menschen dort. Allerdings habe ich im Moment nicht die höchste Achtung vor der deutschen Politik, die gegenüber Griechenland betrieben wird. In mir gibt es nichts Antideutsches, ich habe nur Angst vor Klischees. Und die können sehr leicht entstehen bei einem Volk, das sich als Besserwisser betrachtet – und das sind die Deutschen. Und bei einem Volk, das glaubt, bei allem mitreden zu können – das sind die Griechen.
SPIEGEL: Und wie beurteilen Sie Angela Merkels Rolle in der aktuellen Krise? Ist sie diejenige, die gemeinsam mit Tsipras noch zu einer Lösung finden könnte?
Kotzias: Merkel ist eine ruhige Politikerin, die wahrscheinlich mehr als jeder andere in Europa die Fähigkeit hat, den Zeitfaktor als Machtfaktor zu nutzen. Das ist ein großes Talent, und man darf sie nicht unterschätzen. Davor muss man Hochachtung haben. Dass sie diese Art von Politik auch uns gegenüber eingesetzt hat, ist eine andere Sache.
SPIEGEL: Ist das Problem nicht eher, dass Tsipras den Griechen vor seiner Wahl zu große Hoffnungen, zu viele Versprechungen gemacht hat?
Kotzias: Es geht nicht nur um Hoffnungen. Es geht darum, den Menschen eine Perspektive zu geben. Wir befinden uns seit sieben Jahren in der tiefsten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Eine vergleichbare Krise hat es nur in Nordkorea Ende der Neunzigerjahre gegeben, die Koreaner haben damals 21 Prozent des Bruttoinlandsprodukts verloren, bei uns sind es jetzt 27 Prozent. Hoffnung ist ein sehr wichtiges Gefühl, das hat schon Ernst Bloch gesagt. Das gilt besonders, um aus einer Krise herauszukommen.
SPIEGEL: Tsipras wollte aber nicht nur Griechenland, sondern ganz Europa verändern.
Kotzias: Im Gegenteil. Das große Problem Europas ist doch, dass es allen Menschen mehr Hoffnungen gemacht hat, als Europa heute erfüllen kann. Als Proeuropäer ist meine größte Sorge, dass Europa heute auf Sanktionen, Bestrafungen und Memoranden reduziert wird. Das alles gehört zwar zu den Instrumenten der Politik, aber wenn man Europa darauf beschränkt, gibt es keine Perspektive mehr für eine Europäische Union der Zukunft.
SPIEGEL: Hat sich Alexis Tsipras seit seinem Regierungsantritt verändert, ist er reifer geworden?
Kotzias: Man kann das mit Karl Deutsch beschreiben: Er ist ein Mensch, der fähig ist zu lernen. Diese Eigenschaft ist sehr stark gewachsen. Wenn er diese Krise durchsteht, dann wird er in die Geschichte Griechenlands eingehen.
SPIEGEL: Kann Ihre Regierung die aktuelle Krise ohne Neuwahlen überleben?
Kotzias: Sie muss es. Wenn diese Regierung die Krise nicht überlebt, bin ich nicht sicher, was aus meinem Land wird. Wir müssen deshalb eine gute Abmachung erreichen, die keine Neuwahlen erfordert. Und ich bin optimistisch, dass wir eine solche Lösung am Sonntag beim EU-Gipfel erreichen. Vielleicht sollte man in Deutschland mehr Bloch lesen, über das Prinzip Hoffnung.
Interview: Manfred Ertel
Von Manfred Ertel

DER SPIEGEL 29/2015
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