11.07.2015

KarrierenDer Anti-Tsipras

Der Bürgermeister von Thessaloniki ist beliebt, hat seine Stadt modernisiert, kämpft für Europa – und gehört zu den wenigen glaubwürdigen Politikern des Landes.
An der Pinnwand in seinem Büro, das die Ausmaße eines mittelgroßen Schiffsdecks hat, hängt ein Blatt Papier. Leicht vergilbt, aber trotzdem gut lesbar steht darauf: "We're going to believe in honest things again", wir werden wieder an ehrliche Dinge glauben.
Giannis Boutaris, Bürgermeister von Thessaloniki, hat diesen Wunsch zu seinem Leitsatz gemacht. Seit seinem Amtsantritt hängt er dort; neben der Fensterfront, hinter der, friedlich und blau, der Thermaische Golf schimmert. Daneben hängen Bilder seiner Kinder, seiner Enkel, seiner verstorbenen Frau. Und Spider-Man, der Superheld. Es ist kein Zufall, dass der Satz im Futur steht, denn noch ist es nicht so weit. Im Augenblick scheinen die Griechen vor allem an einen zu glauben, an Premier Alexis Tsipras. Und ob der es ehrlich meint mit den Dingen, die er verspricht, lässt sich schwer beantworten.
Boutaris ist ein schmaler, drahtiger Mann mit goldener Nickelbrille und weißem Igelhaar. Er ist 73 Jahre alt, trägt nachtblaue Converse-Turnschuhe zur Cargohose und ein Streifenhemd. Nichts daran wirkt seltsam; es ist nicht die Garderobe, die Boutaris zu einer außergewöhnlichen Erscheinung macht. Es ist seine Art zu sagen, was er denkt. Doppelzüngigkeit ist ihm fremd.
An diesem Julinachmittag dreht Boutaris das Radio auf, lässt sich in einen Sessel fallen und greift nach einer filterlosen Camel: "Wenn Alexis Tsipras es jetzt noch schafft, sich mit den Gläubigern zu einigen, ist er ein Zauberer." Dann werde er die Geschicke Griechenlands über sehr, sehr lange Zeit bestimmen. Seine Stimme klingt müde und rau. Über seinen rechten Handrücken schlängelt sich ein tätowierter Gecko. Die Echse, sagt er, solle ihn daran erinnern, dass es in der Natur des Lebens liegt, sich zu wandeln, zu häuten.
Bevor Boutaris Bürgermeister der zweitgrößten Stadt Griechenlands wurde, war er ein erfolgreicher Winzer. Seine Weine haben Medaillen gewonnen, sie werden in die ganze Welt exportiert. Das Unternehmen führen jetzt seine Kinder, weil er sich um Thessaloniki kümmern wollte. Er hat die Stadt, einst Bastion der Konservativen, verändert. Turkish Airlines bietet nun wieder Direktflüge hierher an; einmal im Jahr feiern Schwule und Lesben eine "Gay Parade" in den Straßen der Stadt.
Es ist selten, dass die Beobachter der sogenannten Institutionen aus EU-Kommission, Internationalem Währungsfonds und Europäischer Zentralbank etwas Freundliches über einen einheimischen Politiker sagen. Dass sie vom Reformwillen eines Griechen schwärmen, kommt so gut wie nie vor. Bei Boutaris tun sie es. Thessaloniki sei seit dessen Amtsübernahme eine "Insel der Hoffnung", schrieben sie in ihren Berichten. Boutaris hat die Zahl der Beamten in der Gemeindeverwaltung reduziert, freiwillig. Als er 2011 antrat, war die Stadt noch hoch verschuldet, vor Kurzem überwies er den von ihm erwirtschafteten Überschuss auf ein Konto der Zentralbank.
In den Tagen vor dem Referendum beschloss Boutaris, sich gegen seine Regierung zu stellen. In einem Land im Ausnahmezustand, das sich zunehmend als Trutzburg gegen verschworene Mächte begreift, ist das ein anstrengendes Unterfangen. Boutaris tat es trotzdem. Er versuchte, Tsipras von seinem Referendum abzubringen. Er fragte, warum Tsipras die Griechen spalten wolle. Die Situation sei schlimm genug. Boutaris flog nach Athen, er erzählte dem Staatspräsidenten von seinen Sorgen; das Referendum fand trotzdem statt.
Wer nicht für Tsipras und Syriza ist, sei gegen Griechenland, heißt es jetzt überall – im Internet werden Menschen beschimpft oder bedroht, die sich kritisch über die Regierung äußern oder einfach anderer Meinung sind. Panos Kammenos, der Verteidigungsminister, sagte: "Wir befinden uns im Krieg." Es war keine Warnung, sondern eine Drohung. Die Armee werde sonst im Land für Ruhe sorgen. Boutaris hält Kammenos mit seinen Reden über die auserwählte griechische Rasse für einen Faschisten; "oder Schlimmeres".
"Das Referendum war ein Witz", sagt Boutaris. "Wenn ich einen Griechen frage, irgendeinen, ob er gegen die Sparmaßnahmen ist, dann kenne ich die Antwort. Jeder hier ist gegen Sparmaßnahmen." Zugleich seien rund drei Viertel der Griechen für einen Verbleib ihres Landes im Euro.
Die Griechen, sagt Boutaris, hätten nicht nur das Theater erfunden, sie seien auch Meister darin, die Realität zu ihren Gunsten zu verdrehen. Er sucht jetzt selbst manchmal in der griechischen Geschichte nach Erklärungen, warum sein Volk so handelt, wie es handelt: "Die Schlacht bei den Thermopylen, das sind wir", sagt er. Zehntausende Perser gegen viel weniger Griechen, jeder einzelne davon überzeugt, sie, die Griechen, würden gewinnen.
"Wahrscheinlich haben wir den Irrsinn erfunden", sagt er, leiser jetzt und ratlos. Boutaris ist trockener Alkoholiker, er war lange schwerer Trinker. Alles schon eine Weile her, aber den Tag, an dem er aufgehört hat, feiert er immer noch. Es ist diese Offenheit, die ihn manchmal zum Fremden im eigenen Land werden lässt, hier, wo vieles so gern beschönigt wird.
Boutaris glaubte, ein "Nein" beim Referendum bedeute den umgehenden Euroaustritt. "Ich habe mich getäuscht", sagt er. Er kann nicht fassen, wie es Alexis Tsipras ein ums andere Mal gelingt, den Europäern zu zeigen, was eine Harke ist. Es klingt, als bewundere er ihn fast ein wenig dafür.
Tsipras ist gerade wieder unterwegs, um zu verhandeln. Bei seiner Rede am Mittwoch in Straßburg klang er, wie er immer klingt, wenn er im Ausland auftritt. Konziliant, einsichtig, sympathisch. In Athen hat seine Bewegung die Straßen plakatiert, mit dem Gesicht von Wolfgang Schäuble und mit Parolen versehen – in einem Ton, der hetzt statt vermittelt. Das macht Boutaris Angst. Kriegsrhetorik, Hassvokabular, Demagogie sei das, "mit totalitären Elementen", sagt er und verzieht sein Gesicht. Er ist nicht der Einzige, der sich Sorgen macht. Der Grieche Stathis Kalyvas, Professor in Yale, schrieb auf Twitter, in Griechenland gehe es nicht mehr um die Währung, es gehe um die Demokratie.
Auf der einen Seite stehen die "guten Griechen", die solidarisch sind mit der Regierung, auf der anderen die "Landesverräter", die "Kapitalisten, die den Ausländern beim Plündern zuarbeiten". Das ist jetzt der Duktus der Menschen an der Regierung. Boutaris schüttelt den Kopf, er versucht gegenzusteuern, den Hass, der überall aufkeimt, zu ersticken. In seinen Reden fragt er das Publikum: "Wenn die Europäer unser Blut wollen, warum geben sie uns dann ihr Geld?" Bei einem Fernsehauftritt erklärte er, die Krise sei nicht die Schuld der Deutschen. Viele wollen das nicht hören.
Es ist keine zwei Jahre her, im September 2013, da besuchten Alexis Tsipras und seine engsten Berater den Bürgermeister von Thessaloniki in dessen Büro. Boutaris war zu einer Symbolfigur des Wandels geworden, er galt als cool, war beliebt bei Gläubigern und Griechen. Mit dem, was er in Thessaloniki geschaffen hatte, stand er für ein anderes Griechenland. Eines, in dem sich Vorhaben umsetzen lassen.
"Ich mochte Tsipras", sagt Boutaris. "Er war jung, ambitioniert, clever, kein linker Hooligan." Er war anders als die alten Politiker. Boutaris selbst gehört keiner Partei an. Als Syriza an die Macht kam, freute er sich. Dann begannen die Verhandlungen mit den Gläubigern; und Boutaris fand das Auftreten von Varoufakis unsäglich.
Damals glaubte er noch, die Regierung brauche Zeit, um in ihre Rolle zu finden. Aber während das Land immer schneller dem Abgrund entgegentaumelte, sprachen Tsipras und seine Minister davon, Beamte einzustellen, ihre Gehälter und Renten zu bezahlen. Sie begannen, ihre Leute an die Schaltstellen des Staates zu setzen, nach altem Muster. Einmal kam ein Gesandter des Außenministeriums zu Boutaris ins Rathaus. Er habe regelrechte Hasstiraden verbreitet, sagt der Bürgermeister, gegen die Europäer, gegen Europa.
Natürlich habe auch Europa Fehler gemacht, es zeige sich nicht als Wertegemeinschaft. Aber die Europäer seien nicht schuld an der Tatsache, dass die Griechen zwar lebten, als gehöre ihr Land zu den reichsten der Erde, die Produktivität ihres Staates aber gerade mal mit der eines Dritte-Welt-Landes mithalten könne.
Boutaris denkt jetzt oft darüber nach, ob die Regierung überhaupt eine Einigung will, und er schließt nicht mehr aus, dass dies nicht der Fall ist. "Für unseren Lebensstandard wäre das eine Katastrophe", sagt er. Er verachtet Ökonomen wie Joseph Stiglitz oder Paul Krugman, die aus dem fernen New York den Griechen erklären, was die Vorteile einer eigenen Währung wären.
Noch in der Nacht des Referendums schrieb Boutaris einen Brief an Tsipras: Er solle gemeinsam mit den anderen Parteiführern einen Vorschlag für die Gläubiger ausarbeiten. Boutaris weiß, dass Tsipras spätestens seit dem Rücktritt seines Vorgängers Antonis Samaras keine wirkliche Opposition hat. Tsipras sei jetzt so mächtig, sagt er, wie vor ihm nur Andreas Papandreou, die Ikone des griechischen Sozialismus; aber auch der Ahnherr des Klientelismus.
In seinem Sessel schließt Boutaris für einen Moment die Augen, er vergleicht beide Politiker. Es gebe da etwas, sagt er dann, das Tsipras so gut beherrsche wie früher nur Papandreou. Tsipras könne Menschen für sich einnehmen, sie voll und ganz von einer Sache überzeugen. Und zwei Minuten später behaupten, es sei ihm ums Gegenteil gegangen. "Ein wirkliches Kunststück", sagt Boutaris.
Von Julia Amalia Heyer

DER SPIEGEL 29/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 29/2015
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Karrieren:
Der Anti-Tsipras

  • Der Chart-Stürmer: Rechter Rapper "Chris Ares"
  • Mountainbike-Massenkarambolage: Neues Video vom "Höllenberg" veröffentlicht
  • Trump über Grönland-Absage: "So redet man nicht mit den USA"
  • Grönlander über Trumps Kaufangebot: "Sie können es nicht kaufen, sorry"