11.07.2015

IrakDer Logistiker des Terrors

In einem Gefängnis in Bagdad konnte der SPIEGEL den Mann befragen, der für den „Islamischen Staat“ zahlreiche Selbstmordattentäter in den Tod schickte.
Das schwere Rolltor öffnet sich langsam, nachdem die Wachhabenden in der Zentrale angerufen haben, um die Identität des SPIEGEL-Teams und den Termin abends um 22 Uhr bestätigen zu lassen. Es folgt ein Parcours zwischen Wänden aus vier Meter hohen Betonblöcken, an zwei Biegungen sind Humvees mit aufmontierten Maschinengewehren postiert, die klobigen, vom US-Militär übernommenen Geländewagen. Erst dann taucht das eigentliche Gefängnistor auf.
Das Hochsicherheitsgefängnis liegt in Bagdad. Aber sein Name und der genaue Ort dürfen nicht erwähnt werden. Das war die Bedingung für ein Interview mit seinem prominentesten Insassen: einem hageren Enddreißiger, der unter seinem Nom de Guerre Abu Abdullah bekannt ist und anderthalb Jahre lang der Cheflogistiker für Selbstmordanschläge des "Islamischen Staates" (IS) in Bagdad war. Abu Abdullah gehört zu den wenigen aus der IS-Führungsschicht, die lebend festgenommen wurden. Die meisten sprengten sich eher in die Luft, als sich verhaften zu lassen, schluckten die Giftkapsel, die viele stets bei sich tragen, oder starben im Feuergefecht. Es gehört nicht zum Konzept der Terrorgruppe, der anderen Seite lebend in die Hände zu fallen.
Abu Abdullah aber wurde nicht nur so rasch überwältigt, dass ihm keine Zeit blieb, sich selbst umzubringen. Er war schon vor seiner Festnahme Ende Juli 2014 längere Zeit überwacht worden, auch seine als Autowerkstatt getarnte Bombenmanufaktur fiel den Fahndern unzerstört in die Hände. Und der Mann selbst, er redet in Gefangenschaft, erstaunlicherweise.
Im Rahmen monatelanger Recherchen zur Führungsstruktur des IS war sein Name immer wieder aufgetaucht, gaben Ermittler der irakischen Polizei, vom Geheimdienst des Innenministeriums und anderer Stellen gegenüber dem SPIEGEL Details seiner Aussagen preis.
Die Bruchstücke fügten sich in das Bild vom IS als einer extrem arbeitsteiligen, selbst intern abgeschotteten Organisation, in der jeder über die Abläufe nur so viel weiß, wie er wissen muss. Lauter Rädchen einer Maschinerie, die nach einem Ausfall umgehend ersetzt werden und die, selbst wenn sie wollten, meist nur wenig preisgeben können über den Gesamtaufbau. Abu Abdullah allerdings saß an einer Schaltstelle des fortwährenden Terrors in Bagdad: Er war derjenige, der die Orte der Anschläge aussuchte, die Selbstmordattentäter ausrüstete und sie auf ihrem Weg bis kurz vor der Detonation begleitete.
Mit ihm selbst zu reden wurde erst genehmigt, nachdem die irakischen Behörden ihn monatelang vernommen hatten. Das Interview musste abends stattfinden, weil dann weniger Verkehr auf den Straßen herrscht und damit das Risiko sinkt, dass, wie schon oft geschehen, ein Selbstmordattentäter auf das Tor zurast. Es durfte auch nicht bekannt werden, wann sich der prominente Häftling wo aufhält.
"Abu Abdullah und andere wichtige Häftlinge rotieren fortwährend von Gefängnis zu Gefängnis, um Befreiungsversuche zu verhindern", sagt Hauptmann Safar von der Kriminalpolizei. Vor allem unter dem ehemaligen Premier Nouri al-Maliki war die Korruption so allgegenwärtig, dass immer wieder die gefährlichsten IS-Terroristen aus den Gefängnissen entkommen konnten.
Der Kampf der irakischen Polizei und der Geheimdienste gegen den IS habe mit normaler Kriminalitätsbekämpfung wenig zu tun, er gleiche eher einem Krieg, sagt einer der Ermittler. In Wellen, manchmal zeitgleich an einem Tag, sprengen sich in Bagdad die IS-Attentäter in die Luft, in Moscheen, auf Märkten, vor Kontrollposten, Restaurants. Wenn die Ermittler über die Hintermänner dieser Anschläge reden, schwingt gelegentlich Zynismus mit: "Das waren Kunstwerke", sagt Polizeihauptmann Safar über die Autobomben eines gewissen Abu Samir, "die waren so raffiniert konstruiert, dass sie alles zerstörten und nichts vom Wagen übrig blieb, nichts, um zu ermitteln, wie die Sprengladung konstruiert war."
Das Einzige, was in ihren Augen dagegenspricht, verhaftete IS-Männer zum Tode zu verurteilen und hinzurichten, seien die Informationen, die sie besitzen. Wenn sie denn reden, so wie Abu Abdullah. "Er nennt Namen, weiß Details über Verdächtige, kooperiert – dosiert, aber immerhin", sagt der Ermittler. Und solange er rede, werde er nicht zum Tode verurteilt, nicht hingerichtet.
Dass er gefoltert worden sei, um ihn geständig zu machen, bestreiten Polizei und Geheimdienst. "Wir hatten ihn schon beschattet", so Safar, "hatten Videos von seinen Treffen mit Attentätern und anderen Kontaktpersonen, er hat von Anfang an kooperiert. Es ist seine Lebensversicherung, mit uns zu reden."
Auch Abu Abdullah selbst wird sagen, er sei korrekt behandelt worden. Überprüfen lässt es sich letztlich nicht. Was den Inhalt seiner Aussagen zu den Anschlägen in Bagdad betrifft, so decken sich deren Details mit vorherigen forensischen Untersuchungen zu den eingesetzten Sprengstoffen. Abu Abdullah, so heißt es unter Ermittlern, gebe ziemlich genau wieder, was er getan habe.
Er sei ein nüchterner Fanatiker, so beschreiben ihn seine Vernehmer. Einer, der mindestens anderthalb Dutzend Selbstmordanschläge mit Hunderten Toten organisierte, deren Ziele auswählte und die Täter mit einem auf ihre Größe zugeschnittenen Sprengstoffgürtel oder einer Autobombe losschickte.
Ob er seine Taten je bereut habe? "Nein, eher nicht", sagt einer der Ermittler. Aber darum gehe es ja auch nicht. "Sie können ihn gleich selbst danach fragen." Das Interview wird in einer freien Zelle stattfinden, deren Tür offen bleibt, ein Polizist wird davor Wache stehen. Als Abu Abdullah hereingeführt wird, trägt er eine braune Augenbinde, die er erst abnimmt, als er sich auf den Klappstuhl der Zelle setzt. Eine Weile lang hält er die Binde während des Gesprächs in seinen mit Handschellen gefesselten Händen und knetet sie, während er mit monotoner Stimme spricht und Einblicke in das Innere des IS-Machtapparats gewährt.
SPIEGEL: Wonach haben Sie die Orte Ihrer Anschläge ausgewählt?
Abu Abdullah: Es ging darum, so viele Menschen wie möglich zu treffen – darunter vor allem Polizisten, Soldaten und Schiiten allgemein.
SPIEGEL: Was waren das für Orte?
Abu Abdullah: Kontrollposten der Polizei, Märkte, Moscheen, aber nur schiitische.
SPIEGEL: Haben Sie je bereut, diese Menschen umgebracht zu haben?
Abu Abdullah: Das waren Ungläubige! Schiiten sind Ungläubige, davon war ich überzeugt.
SPIEGEL: Aber es sind doch auch Muslime wie Sie.
Abu Abdullah: Deswegen hätten sie ja auch die Chance gehabt, zu bereuen und Sunniten zu werden.
SPIEGEL: Wie viele Attentate haben Sie insgesamt organisiert? Und wo kam der Sprengstoff dafür her?
Abu Abdullah: Ich kann mich nicht an alle erinnern, aber im letzten Vierteljahr vor meiner Festnahme waren es 15. Für Autobomben nahmen wir C4-Plastiksprengstoff und Sprengstoff aus Artilleriegranaten. Aber für Selbstmordgürtel habe ich vor allem Geschosse von Luftabwehrkanonen aufgebohrt, das Pulver war in der Wirkung noch intensiver. Ich habe dann die Gürtel und die Westen in verschiedenen Größen vorbereitet.
Es ist auch spätabends immer noch brütend heiß, irgendwo auf dem Gang rattert ein Ventilator, Abu Abdullah wischt sich mit der Augenbinde den Schweiß von der Stirn. Er hält kurz inne, dann sagt er, er habe noch mal nachgezählt, es seien 19 Attentate in den drei Monaten gewesen, nicht 15. Er erzählt mit ruhiger Stimme, konzentriert und sichtlich bemüht, keine Details auszulassen.
SPIEGEL: Wie haben Sie die Männer ausgewählt, die sich in die Luft sprengen sollten?
Abu Abdullah: Ich habe sie nicht ausgewählt, das war Sache des Militärplaners, der hierarchisch über mir stand. Die Männer wurden zu mir gebracht, meist kamen sie aus Falludscha. Ich war nur für den letzten Teil der Operation zuständig, und das bedeutete, die Männer in meiner Werkstatt zu präparieren und dann an den richtigen Ort zu bringen. Ich hatte von der Führung vorher die Maße der Person erhalten, um einen passenden Gürtel anzufertigen. Aber ich hatte immer Gürtel in verschiedenen Größen vorrätig.
SPIEGEL: Wurden die Familien der Attentäter nach deren Tod benachrichtigt?
Abu Abdullah: Auch das war nicht meine Aufgabe. Derjenige, der ihn schickt, kümmert sich um die Familie.
SPIEGEL: Woher kamen die Männer?
Abu Abdullah: Die meisten aus Saudi-Arabien, Tunesien, Algerien, etwa ein Zehntel waren Iraker – und es gab zwei Westler, einen Australier und einen Deutschen, Abu al-Qaqa al-Almani.
Unter diesem Namen war der 21-jährige Deutschtürke Ahmet C. aus Ennepetal Kämpfer beim IS. Innerhalb weniger Monate hatte sich der Gymnasiast radikal verändert. Und den Koran in deutschen Fußgängerzonen verteilt, bevor er über die Türkei nach Syrien ausreiste. Von dort wurde er vom IS weiter in den Irak gebracht. Er beging eines der mindestens fünf Attentate, die am 19. Juli 2014 auch Kontrollposten der Armee und der Polizei in Bagdad trafen.
SPIEGEL: Der Deutsche sprach kein Arabisch, Sie kein Englisch, wie haben Sie sich verständigt?
Abu Abdullah: Er verstand ein paar Worte, aber es ging eher mit Händen und Füßen. Es war meine kürzeste Operation; der Platz, an dem ich ihn in Empfang nahm, lag nahe am Ort der Detonation. Er kam zum ersten Mal in seinem Leben nach Bagdad, 45 Minuten später war er tot. Ich dachte: Jetzt kommen schon Leute aus Deutschland, um sich hier in die Luft zu sprengen. Es gab mir ein Hochgefühl, einen Christen zu erleben, der zum Islam konvertiert war und sich opferte. Ich habe mich ihm nahe gefühlt, denn ich habe ja auch erst später zum wahren Glauben gefunden.
Abu Abdullah irrt, Ahmet C. war kein Christ, sondern ein deutscher Muslim. Abu Abdullah selbst wechselte im Alter von 16 oder 17 Jahren von der schiitischen zur sunnitischen Glaubensrichtung, als er von einem Prediger angeworben wurde. Er stammt aus einer alten schiitischen Familie Bagdads, ist verwandt mit einem Anführer der radikalen schiitischen Miliz Asaib Ahl al-Hakk, der sogenannten Liga der Gerechten, die jahrelang Anschläge auf US-Truppen im Irak verübt hat und heute an mehreren Fronten gegen den IS kämpft.
SPIEGEL: Hatte je einer der Männer, die Sie betreuten, Zweifel an seiner Mission?
Abu Abdullah: Nein, dann hätten sie ja versagt. Sie waren lange auf ihre Aufgabe vorbereitet worden. Wenn sie zu mir kamen, waren sie ruhig, manchmal sogar heiter. Beim Anlegen der Gürtel sagten sie zum Beispiel: "Passt doch gut!" Abu Mohsen Qasimi, ein junger Syrer, hat bis zwei Minuten vor seinem Einsatz noch Scherze gemacht und sich dann freundlich verabschiedet, als er allein weiterfuhr. Mit einem jungen Saudi-Araber überlegte ich, wie wir unauffällig die Plätze tauschen könnten, weil ja erst ich am Steuer saß. Da haben wir eine Autopanne simuliert, stiegen beide aus und schoben den Wagen ein Stück. Niemand merkte etwas. Da haben wir beide gelacht.
SPIEGEL: Sie lächeln, während Sie das erzählen, offenbar sind das angenehme Erinnerungen. Würden Sie das alles noch einmal tun?
Es ist der einzige Moment in dem anderthalbstündigen Gespräch, in dem Abu Abdullah erschrocken zusammenzuckt. Er wird blass, als sei er ertappt worden. Dann sagt er, auf diese Frage könne er nicht antworten.
SPIEGEL: Fielen die immer neuen Besucher in Ihrer Autowerkstatt nicht auf?
Abu Abdullah: Wir haben darauf geachtet, dass sie alle wie normale junge Männer aussahen, kein Vollbart, ein T-Shirt, die Haare gekämmt und gegelt.
SPIEGEL: Wie alt waren die Attentäter?
Abu Abdullah: Der jüngste war 21, die ältesten so um die 30.
Der Strom fällt aus, es wird dunkel in der Zelle, bis die Smartphones des Fotografen und der Wächter ein fahles Licht geben. Selbst in einem Hochsicherheitsgefängnis fällt immer wieder der Strom für Minuten aus. Abu Abdullah spricht weiter.
SPIEGEL: Wie wurden Sie zum IS-Cheflogistiker in Bagdad?
Abu Abdullah: Ich wurde ausgewählt vom militärischen Planer des IS. Und ich habe schnell bewiesen, dass ich es kann. Ich war nicht bloß ein Gefolgsmann, ich war ein Planer, ein Denker.
SPIEGEL: Und Sie kannten sich sehr gut in Bagdad aus.
Abu Abdullah: Ja, das hier ist meine Stadt. Ich bin hier geboren.
SPIEGEL: Was sind Ihre frühesten Erinnerungen an Bagdad?
Abu Abdullah: Als Kind bin ich mit meinen Eltern am Wochenende immer in den Saura-Park gegangen, in den Zoo von Bagdad, mein Vater hat mir dort oft ein Eis gekauft. Manchmal sind wir auch in Schurdscha über die Märkte gegangen.
SPIEGEL: Sind das gute Erinnerungen?
Abu Abdullah: Ja, es war schön.
SPIEGEL: Wie konnten Sie dann wahllos Menschen in Ihrer eigenen Stadt umbringen? Haben Sie Plätze vermieden, mit denen Sie persönliche Erinnerungen verbinden?
Abu Abdullah: Nein, absolut nicht! Das spielte keine Rolle. Ich habe das nicht gemacht, weil ich blutrünstig bin. Es war Dschihad. Ich dachte, irgendwann würden diese Schiiten konvertieren oder die Stadt verlassen. Ich bin kein Schlächter. Ich habe einen Plan ausgeführt.
SPIEGEL: Aber dieser Plan ist doch nie aufgegangen, egal wie viele Menschen starben, es wuchs nur der Hass.
Abu Abdullah: Ich dachte mir, Menschen, die eine Explosion erleben, würden ins Grübeln kommen, sie würden Angst ver-spüren ...
SPIEGEL: Funktioniert hat es nicht.
Abu Abdullah: Das war egal. Meine Idee war, so lange weiterzumachen, bis jeder konvertiert. Oder auswandert. Egal wann sie es tun, egal!
SPIEGEL: Hätten Sie sich auch in die Luft gesprengt?
Abu Abdullah: Ich habe nie darüber nachgedacht. Das war nicht meine Aufgabe. Ich war dazu bestimmt, die Operationen zu planen, nicht selbst zu verüben. Ich war Koordinator, kein Ausführender.
SPIEGEL: Wie sehen Sie Ihre Zukunft?
Abu Abdullah: Die ist ungewiss.
Interview: Christoph Reuter
Von Christoph Reuter

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