11.07.2015

KarrierenEin halbes Jahr Hölle

Ein Einbrecher fügte Anthony Crolla schwere Kopfverletzungen zu. Nun steht der Profiboxer bei einem WM-Kampf vor seinem Comeback.
Das Erste, was Anthony Crolla an jenem verhängnisvollen Abend im Dezember hörte, war die Alarmanlage auf dem Grundstück seines Nachbarn. Dann sah er, wie zwei Männer aus dem Haus nebenan stürmten. Und dann war Crolla auch schon draußen auf der Straße und rannte den Einbrechern hinterher.
Ein paar Kilometer verfolgte er die beiden Gauner durch Chadderton, einen Vorort von Manchester, ehe es in einer Nebenstraße zum Showdown kam. Einer der Männer versuchte, über eine Mauer zu entkommen. Crolla griff nach dessen Bein, als er einen heftigen Schmerz spürte und blutüberströmt zu Boden fiel – der flüchtende Einbrecher hatte ihm einen Ziegelstein, der lose auf der Mauer lag, mit voller Wucht auf den Kopf geschlagen.
Beide Täter entkamen, Crolla landete mit einer Schädelfraktur im Royal Oldham Hospital. Dort eröffneten ihm die Ärzte: "Sie haben Glück, dass Sie noch leben. Boxen werden Sie allerdings nie wieder in Ihrem Leben." Heute sagt Crolla: "Die Diagnose fühlte sich an wie ein zweiter Schlag auf den Kopf."
Anthony Crolla, 28 Jahre alt, 1,74 Meter groß, 61 Kilogramm schwer, aufgewachsen im Stadtteil Moston im Nordosten Manchesters, ist einer der besten englischen Profiboxer. Von 35 Kämpfen hatte der Leichtgewichtler bis vorigen Dezember 29 gewonnen, der Boxverband WBO führte ihn in seiner Gewichtsklasse auf Rang zwei der Weltrangliste. Am 23. Januar sollte Crolla um den WM-Gürtel des Boxverbands WBA gegen den Kubaner Richar Abril kämpfen – doch da war er gerade ein paar Wochen aus dem Krankenhaus entlassen und glaubte, sein Leben sei zerstört.
Knapp sieben Monate sind seit der Attacke vergangen, nun steht Crolla vor seinem Comeback. Am 18. Juli wird der Linksausleger in den Ring steigen und gegen den Titelverteidiger Darleys Pérez aus Kolumbien um den Leichtgewichttitel des Weltverbands WBA kämpfen. In Manchester, seiner Heimatstadt. Dort ist Crolla schon jetzt ein Held.
"Das vergangene halbe Jahr", sagt der Boxer, "war die Hölle für mich." Wochenlang wusste Crolla nicht, ob er bleibende Hirnschäden davontragen würde. Bei dem unkontrollierten Sturz nach dem Schlag auf seinen Kopf war ihm außerdem das rechte Sprunggelenk gebrochen, die Ärzte schraubten ihm eine Titanplatte an den lädierten Knochen. Die Schmerztabletten, die Crolla im Krankenhaus bekam, raubten ihm den Appetit, er verlor mehr als sechs Kilogramm Gewicht. "Meine Beine waren vom Liegen nur noch wie Streichhölzer", sagt Crolla.
Nachts, erzählt er, hätten ihn Albträume geplagt, tagsüber Existenzängste. Crolla hatte keine Berufsunfähigkeitsversicherung abgeschlossen, sein Haus hatte er auf Pump gekauft. Die Kredite wollte er mit der Prämie zurückzahlen, die er für seinen ursprünglich geplanten WM-Kampf im Januar zugesichert bekommen hatte. Nun musste seine Freundin, die Altenpflegerin ist, Überstunden machen, damit es abends etwas zu essen gab.
Das Boxmilieu ist voller Rüpel, Großmäuler und Gewalttäter. Manche schlagen ihre Frau, manche prügeln sich mit Polizisten, manche zetteln in Nachtklubs eine Massenschlägerei an.
So betrachtet ist Crolla ein völlig untypischer Boxer. Er gilt als hilfsbereiter Kerl, der ein Leben ohne Starallüren lebt, mit seinem bald zweijährigen Sohn im Garten spielt und seine Freizeit gern mit Kumpels aus dem eigenen Viertel verbringt, die er seit seiner Kindheit kennt. Dass ausgerechnet ihm das Schicksal derart übel mitspielte, rührte die Briten besonders an.
Seine Rückkehr in den Ring, sagt Crolla, verdanke er auch dem Zuspruch der Menschen in seiner Heimatstadt und den Fans seines Lieblingsklubs Manchester United, für dessen Heimspiele der Boxer eine Dauerkarte hat. Sir Alex Ferguson, der legendäre Extrainer des Klubs, wünschte ihm per Telefon gute Besserung, Stürmerstar Wayne Rooney schickte ihm ein Trikot, auf dem alle Spieler des Teams unterschrieben hatten. "Wie konnte ich da aufgeben?", fragt Crolla.
Noch im Krankenbett hatte er damit begonnen, seinen versteiften Fuß zu dehnen. Als er nach sechs Wochen die Krücken los war, machte er Kniebeugen, um die entkräfteten Beine zu stärken, erst 10, dann 20, dann 100, dann 200. Er ging schwimmen, er schlug seine Fäuste in einen Sandsack, er kräftigte sich mit Yoga, Schritt für Schritt gewann er das Gefühl für seinen Körper zurück. Aber erst im Mai, nach drei weiteren Hirnscans, erlaubten ihm die Ärzte, wieder zu boxen.
Schon als Kind habe er davon geträumt, um einen WM-Titel zu kämpfen, sagt Crolla. Sein Vater war selbst ein Profiboxer und hatte ihn bereits als Achtjährigen zum Training ins Gym mitgenommen. Mit zehn fing Crolla mit dem Boxen an, mit elf gewann er seinen ersten Fight.
Nun kann er kaum erwarten, dass der Kampf seines Lebens beginnt. "Ich wollte unbedingt wieder boxen", sagt Crolla, "besser als jemals zuvor."
* Beim Kampf gegen John Murray um den Interkontinentaltitel der WBO im Leichtgewicht in Manchester.
Von Matthias Fiedler

DER SPIEGEL 29/2015
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