11.07.2015

KulturpolitikAngstblüte

Provinztheater sind Ausdruck bundesrepublikanischen Selbstverständnisses, doch viele Bühnen arbeiten unter dürftigsten Bedingungen. Eine Rundreise nach Wuppertal, Dessau und Rostock.
Im Weglassen sind sie gut in Deutschlands armen Theatern. In Rostock ist auf dem Programmheft für das Stück "Der Geizige" ein leerer Bilderrahmen abgebildet: "Hier wäre ein Foto gewesen. Aus Kostengründen eingespart!"
In Dessau ist für den "Götz von Berlichingen" die Bühne völlig leer geräumt, aus Geldmangel gibt es kein Bühnenbild.
In Wuppertal karrt ein Busfahrer Theaterleute und Zuschauer gemeinsam durch die Stadt, vorbei am verrammelten Gebäude des Wuppertaler Schauspielhauses. Die Aufführung "Die Wupper" findet im Bus und an den Haltestellen statt.
Deutschland ist das reichste Theaterland der Welt, nirgendwo sonst gibt es eine größere Dichte von Opern- und Schauspielhäusern. Eine Expertenkommission hat die deutsche Stadttheater- und Orchesterlandschaft deshalb 2014 auf eine Liste des "immateriellen Kulturerbes" gesetzt, das möglicherweise irgendwann von der Unesco anerkannt werden soll. Theater seien die "stabilsten Kulturinstitutionen in unserer Kulturnation Deutschland", schwärmt die Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU). "Unsere Theater geben einen Kompass zur Orientierung und Selbstvergewisserung: Sie lassen uns verstehen, woher wir kommen und was uns ausmacht, als Deutsche, als Europäer." Der sogenannte Kulturföderalismus ist Ausdruck des bundesdeutschen Selbstverständnisses, kein zentralistischer Staat zu sein. Man könnte auch sagen: Das Stadttheater, das ist die Bundesrepublik.
Im Theaterland Deutschland herrscht aber hier und da die blanke Not. Deshalb sagt Grütters auch: "Der Bund kann nicht der Reparaturbetrieb sein, wo Kommunen und Länder an den Theatern sparen."
Es ist nämlich so, dass es in unserer mit wirtschaftlichem Erfolg gesegneten Kulturnation eine Menge gebildete Menschen gibt, die finden, Theater könne und müsse man sich nicht mehr leisten – jedenfalls nicht in dem Umfang, in dem das bislang üblich war. Stephan Dorgerloh und Mathias Brodkorb gehören zu dieser Sorte Menschen. Beide sind Landespolitiker, beide sind in der SPD, und beide sind Kultusminister im Osten Deutschlands; Dorgerloh, 49, in Sachsen-Anhalt, Brodkorb, 38, in Mecklenburg-Vorpommern. Beide betreiben in ihren Bundesländern die Zusammenlegung und Verkleinerung von Theatern. Beide sind mit ihren Vorschlägen vorerst krachend gescheitert, der eine in Dessau, der andere in Rostock.
Seine Kürzungswünsche seien "kein Kahlschlag" und "eine Frage der Gesamtbalance", behauptet Dorgerloh. Der Kulturrückbau biete sogar "Chancen zur Steigerung der künstlerischen Qualität", verkündet Brodkorb.
Mit der Qualität ist das so eine Sache, "Provinz" gilt in der kleinen deutschen Theaterwelt seit je als Schimpfwort – weil alle ehrgeizigen Schauspieler, Regisseure und Intendanten in die großen Städte streben, zu den Schauspielpalästen in München und Berlin, Köln und Hamburg. Doch wie provinziell ist die Kunst in den Hütten der Theaterprovinz wirklich? Mitunter sieht es so aus, als herrschte gerade da, wo die Künstler von der lokalen und regionalen Politik besonders hart bedrängt werden, eine Panikblüte der Bühnenkunst.
In Wuppertal, wo nur noch neun Schauspieler dem städtischen Ensemble angehören, diskutiert ein Stadthistoriker im Theaterbus während der Schnitzeljagd auf den Spuren des Stücks "Die Wupper" mit sehr engagierten Zuschauern und Akteuren über die glorreiche Vergangenheit der Textilindustriestadt. Heute ist Wuppertal mit 1,9 Milliarden Euro verschuldet. Schon im Stück der Dichterin Else Lasker-Schüler dreht sich alles um Armut und Reichtum; auf der Theatertour lachen die Busreisenden über Sätze, in denen sich eine der Figuren "um die Haushaltung bekümmern" soll oder eine andere stöhnt: "Wir lebten doch luxuriöser als heute."
Im Anhaltischen Theater in Dessau, dem der in Sachsen-Anhalt amtierende Minister Dorgerloh vor einiger Zeit ein Drittel der jährlichen Subvention strich, herrscht bei Goethe vier Stunden lang Partystimmung. Man sieht jungen, kraftstrotzenden Schauspielern unter Führung des Götz-von-Berlichingen-Darstellers Felix Defèr dabei zu, wie sie krakeelen, sie würden "von Idioten regiert", während sie ein Höllenspektakel im Namen der Freiheit aufführen. Mit Schwertkämpfen, Feuer, einem Opernchor und sehr viel originalem Goethe-Text. Im lautesten Moment des Abends singen die Akteure gemeinsam mit dem Chor ein Lied der Rockband Die Toten Hosen, einige Zuschauer schmettern mit: "Steh auf, wenn du am Boden bist."
Im Rostocker Volkstheater, dem der in Mecklenburg-Vorpommern amtierende Minister Brodkorb die Schließung zweier Sparten vorgeschlagen hat, ist der Titelheld in Molières "Der Geizige" in Lumpen gekleidet, die ganze Aufführung ist ein kreischbuntes Kasperletheater im Stil der Commedia dell'Arte, mittendrin aber gibt es ein Schreckmoment. Erst ruft der Schauspieler Bernd Färber, der den Geizigen spielt: "Hol der Teufel die Offenherzigkeit", dann zieht er eine Grimasse und denkt laut darüber nach, wie man ein Theater "komplett wegsparen" könne. Stille im Saal, dann Gelächter und Beifall.
Das Theater in der Provinz mag nicht immer durch großartige Schauspielerei oder ästhetische Neuerungen verblüffen, aber es zeigt Kraft und macht Spaß. Nicht selten kommt es einem auf einer Reise an Deutschlands bedrohte Theaterstandorte so vor, als gäbe es eine Art Pakt zwischen Künstlern und Zuschauern. Die einen stürzen sich mit Trotz, Beharrungswillen und einer Dosis Galgenhumor in lauter letzte Gefechte; die anderen sind fast ein bisschen verzweifelt theaterbegeistert aus Bürgerstolz und Prinzip.
Sewan Latchinian, der Regisseur des Rostocker "Geizigen", ist eine Symbolfigur, nicht nur für Rostocks Kulturbürger, sondern in der deutschen Theaterwelt. Im Herbst trat er seinen Job als Intendant des Rostocker Volkstheaters an, im März wurde er gefeuert, im Mai wieder eingestellt.
Nach seinem Amtsantritt sah sich Latchinian mit der Forderung von Minister Brodkorb und Rostocks Oberbürgermeister Roland Methling konfrontiert, er müsse zwei von vier Sparten schließen, das Musiktheater und das Ballett. Im März sagte Latchinian in einer Rede, die Theaterpolitik der Stadt Rostock und des Landes Mecklenburg-Vorpommern sei vergleichbar mit der Zertrümmerung antiker Weltkulturerbe-Stätten durch die Terrormiliz "Islamischer Staat". Dieser Vergleich beleidige ihn, deshalb müsse er Latchinian entlassen, fand Oberbürgermeister Methling, gewählt als Vertreter einer Bürgervereinigung.
Latchinian musste seinen Schreibtisch räumen. Kulturleute aus der ganzen Republik protestierten. In Rostock zogen bei diversen Demonstrationen gegen Latchinians Rausschmiss bis zu 800 Theaterfreunde vors Rathaus. Die Rostocker Bürgerschaft beschloss, der Oberbürgermeister solle den Intendanten wieder einstellen. Was nach einigem Palaver dann auch passierte. "Rostock ist ein Fanal", sagt Sewan Latchinian und reibt sich den kahlen Kopf. "In vielen Bundesländern reden Politiker völlig fantasielos vom Sparen und von Strukturreformen, so wie es Brodkorb in Mecklenburg-Vorpommern tut. Diese Leute bemerken gar nicht, wie massiv sie damit die Kunst beschädigen."
780 Mitarbeiter hatte Rostocks Volkstheater, als es mit der DDR zu Ende ging. Im kommunistischen Deutschland war es eine zwar nicht aufmüpfige, aber wichtige Bühne im Land. Heute arbeiten noch 280 Menschen im Haus. "Falls es je Verschwendung gab an diesem Theater, dann ist sie längst weggespart", sagt Latchinian.
Er sei generell dagegen, an Kulturangeboten zu sparen. In Deutschland würden sowieso nicht mehr als 0,8 Prozent der öffentlichen Gelder für Kultur ausgegeben. "Wer diese Gelder einbehält, wird damit weder die Landes- noch die Kommunalfinanzen sanieren. Und er vergisst: Kultur rechnet sich nicht, aber sie zahlt sich aus."
In Dessau sitzt der Intendant André Bücker zwischen gepackten Pappkartons in seinem Amtszimmer, es ist einer seiner letzten Tage, bevor er das Theater räumen muss. Im Herbst fängt sein Nachfolger an. "Die Art, wie die Kultusminister in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt offen Front machen gegen die Stadttheater, markiert eine neue Qualität", sagt Bücker. Fünf Jahre lang war er Theaterchef in der Stadt, der "Götz von Berlichingen" ist seine Abschiedsinszenierung.
Ein bisschen geht Bücker als Sieger. Er hat laut und nicht immer geschickt Minister Dorgerloh attackiert, als dieser den Zuschuss für das Theater von 8,1 Millionen auf 5,3 Millionen Euro senkte. Dorgerloh empfahl den Dessauern, künftig sollten sie sich auf das Musiktheater konzentrieren und auf Schauspiel, Ballett und Puppentheater verzichten. Die Dessauer wollten nicht. Der Stadtrat beschloss, den Landeszuschuss erst mal für vier Jahre durch knapp 10 Millionen Euro aus der eigenen Kasse zu ersetzen. Bücker lobt die "außerordentliche Solidarität", auch die Mitarbeiter verzichteten auf zehn Prozent ihres Gehalts.
Im verkleinerten Dessauer Ensemble sollten künftig 8 Schauspieler, 8 Tänzer, 8 Sänger und 74 Orchestermusiker wirken, sagt Bücker. Das Theater in Dessau ist eine Riesenbühne in einer schrumpfenden Stadt. Vor knapp 250 Jahren war hier der kunstsinnige Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau einer der ersten deutschen Theater-Impresarios. Später spielten sich die Nazis als Theaterfreunde auf: 1938 eröffneten Adolf Hitler und Joseph Goebbels den 1250 Zuschauer fassenden Dessauer Theatertempel, der ein "Bayreuth des Nordens" sein sollte. Die Wagner-Aufführungen sind bis heute die Attraktion des Hauses. Das Theater hat 170 000 Besucher im Jahr. Das ist eine Menge. Dessau hat 83 000 Einwohner.
Zum Vergleich: In die Theater und Opernhäuser der Stadt Berlin, in der 3,5 Millionen Menschen leben, müssten im Jahr 7,2 Millionen Menschen gehen, damit Berlin mit den Dessauer Zahlen mithalten könnte. Zu allen subventionierten Bühnen der Hauptstadt zusammen kommen aber pro Jahr weniger als 2,8 Millionen.
"Es gibt keine Krise des Kulturföderalismus", sagt Ulrich Khuon, Chef des Berliner Deutschen Theaters und Sprecher der im Deutschen Bühnenverein organisierten Intendanten, "die Lage ist viel komplizierter." Nach der jüngsten Statistik des Bühnenvereins hatten die deutschen Opern und Schauspielhäuser im Jahr 2013 knapp 32 Millionen Besucher an ihren festen Spielorten, weitere 3 Millionen kamen zu Gastspielen. Die Zuschauerzahlen sind in den vergangenen Jahren nur wenig gesunken. Politischen Spardruck auf die Theater gebe es vor allem in den neuen Bundesländern, wo vereinzelt noch nahe beieinanderliegende Städte jeweils eigene Orchester unterhielten, sagt Khuon, ansonsten habe man auch im Osten an den Theatern "rigoros gespart, was einzusparen war".
In Bayern seien "Zustände wie in Sachsen-Anhalt unvorstellbar", behauptet André Bücker in seinem Dessauer Intendantenbüro. "In Bayern gibt es die klare Ansage der Politik, dass an keinem Theater eine Sparte geschlossen wird. Das ist eine ganz andere Arbeitsgrundlage."
In den südlichen (und in manchen historischen Phasen auch reicheren) Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg wird die Kulturförderung traditionell selbstverständlicher als öffentliche Aufgabe begriffen als im Norden und im Osten. Provinztheater wie die in Heidelberg oder Nürnberg wurden und werden mit viel Geld neu hergerichtet. Aber es hat nicht nur mit der bunten Geschichte der deutschen Kulturnation, sondern auch mit dem Nachrücken jüngerer Generationen zu tun, dass es heute unter vielen mittelalten Großstadtbewohnern zum intellektuellen Schick gehört, sich mit der eigenen Verachtung für Schauspiel und Oper zu brüsten: Unter sonst durchaus kulturbegeisterten jüngeren Bildungsbürgern gibt es einen Mut zum bekennerischen Theaterbanausentum, den auch Ulrich Khuon bemerkt. "Die Theater müssen in der Gesellschaft eine emotionale und eine intellektuelle Wende hinkriegen", sagt er. "Für mich ist das die Schlacht um die Zukunft, die wir Theaterleute gewinnen müssen."
Das deutsche Stadttheater mit seinen festen Ensembles ist teuer. Knapp ein Viertel aller Kultursubventionen in Deutschland – 2,2 Milliarden Euro – wird darauf verwendet. Viele Politiker haben erkannt, dass sie mit neu gegründeten Festivals kurzfristig sehr viel mehr Spektakel erzeugen können als mit der kontinuierlichen Finanzierung von Opern- und Theaterhäusern. Die Zahl von Musik- und Theaterfestivals in Deutschland hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten mehr als verdoppelt. Soziologen nennen das "Eventisierungsdruck". Festivals aber schaffen keine Gemeinschaft. Mehr noch als in reichen Kommunen seien die Stadttheater in verarmenden Gemeinden Orte der Identitätsstiftung und Symbol des Zusammenhalts, sagt Intendantensprecher Khuon, "wie die Kirche und der Marktplatz".
Im Land Nordrhein-Westfalen, in dem derzeit die SPD regiert, tut man so, als hätte man seit der von vielen Protesten begleiteten Schließung des Wuppertaler Schauspielhauses im Jahr 2013 ein bisschen dazugelernt. Die nordrhein-westfälische Landesregierung hat im Dezember ein "Kulturfördergesetz" beschlossen. Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und ihre Kultusministerin Ute Schäfer (beide SPD) wollen damit "die politische Bedeutung der Kultur und der Kulturförderung des Landes deutlich machen und stärken" und einen goldenen Mittelweg finden zwischen "dem finanziell Möglichen" und dem für die "kulturelle Infrastruktur Notwendigen".
In Mecklenburg-Vorpommern formuliert es Latchinian so: "Wir sind an einem Punkt, wo es nur noch um Zerstörung geht. Um es pathetisch zu sagen: Das Stadttheater mit seinem Ensemble- und Repertoiresystem ist ein Angebot für ein humanistischeres Miteinander, ein Angebot an die Welt und an die Menschheit." Tatsächlich will man in Rostock nun ein neues Theater bauen. Minister Brodkorb und Oberbürgermeister Methling haben verkündet, dass sie als Ersatz für das marode Volkstheater einen Neubau im Stadtzentrum errichten wollen. Der soll maximal 50 Millionen Euro kosten und 2022 fertig sein. "Eine gute Entscheidung", sagt Latchinian. Wer immer dann in diesem Theater spielt.
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 29/2015
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