11.07.2015

FilmkritikSpaß mit Nazis

Dietrich Brüggemanns Groteske „Heil“ macht sich über Rechtsradikale lustig – und über alle, die von ihnen leben.
In Prittwitz, einem kleinen Dorf im Dreiländereck zwischen Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt, sind alle Männer scharf auf die blonde Doreen. Sie trägt Springerstiefel und hat ziemlich klare Vorstellungen von dem, was ein Mann für sie tun muss: "Du kannst mich anrufen, wenn du Deutschland regierst und in Polen einmarschierst."
Der fiktive Ort Prittwitz ist Schauplatz der hysterischen Groteske "Heil" und die Neonazi-Braut Doreen (Anna Brüggemann) eine von zahllosen bizarren Figuren, die ihn bevölkern. Auf kleinem Raum entfaltet der Regisseur Dietrich Brüggemann ("Kreuzweg") ein Gesellschaftspanorama.
Gleich in der ersten Einstellung zeigt er einen Skinhead, der eine Wand besprüht, während hinter ihm eine Frau in ihrem Asia-Imbiss hantiert und sich ein Rentner am Rollator durch die Gegend quält: ein Tableau von Deutschland.
In "Heil" reist der afrodeutsche Schriftsteller Sebastian Klein (Jerry Hoffmann) von Berlin nach Prittwitz, um sein Buch "Das braungebrannte Land" vorzustellen. Kaum dort, wird er von einem Neonazi niedergeschlagen. Als er wieder zu sich kommt, ist er ein anderer Mensch. Wie ein Papagei plappert er alles nach, was ihm die Nazis vorsagen.
Klein wird zum Medienstar, sein Gesinnungswandel wird in der Talkshow "Auf die Zwölf" eifrig diskutiert. Zu den Gästen der Runde gehört ein Filmregisseur namens Dietrich Brüggemann, verkörpert wird er von dem Schauspieler Tom Lass. Die Moderatorin (Lavinia Wilson) fragt ihn beflissen, ob man über Nazis Witze machen dürfe. "Ja", erwidert er mit schiefem Grinsen. "Wenn sie dem Zuschauer im Hals stecken bleiben." Das ist der bravste Satz in diesem wilden Film.
Wenn sich deutsche Regisseure mit Neonazis beschäftigen, wollen sie meist zeigen, wie Menschen in die rechte Szene geraten und Hass auf alles Fremde entwickeln – so etwa David Wnendt in "Kriegerin" (2011) oder Burhan Qurbani in "Wir sind jung, wir sind stark" (2014). Brüggemann dagegen pfeift auf psychologische Tiefe.
Er überlässt es dem Dorfpolizisten Sascha (Oliver Bröcker), den Zuschauern die Neonazis zu erklären. Eigentlich wollten sie nur vögeln, sagt er, aber weil sie nie zum Zuge kämen, würden sie ständig in die Muckibude rennen. Sascha weiß, wovon er redet. Auch ihn lässt Doreen nicht ran. Brüggemann beschreibt die Neonazis als Bande minderbemittelter Wichtigtuer, die den Weg nach Hamburg nicht finden, weil sie damit überfordert sind, ein Straßenschild zu lesen. Ihr Innenleben ist ihm egal, ihm geht es vor allem um den Irrsinn, den sie auslösen.
So zeigt er einen windigen Bürgermeister, der sich um das Image seiner Gemeinde sorgt und das Wort "Nazi" am liebsten verbieten würde, oder einen Fernsehredakteur, der seinen Mitarbeiter mit sanfter Stimme auffordert, blutigere Bilder von den Prügeleien der Skinheads zu liefern.
Der Film erfindet eine neue Bewegung, die "Nipster", eine Mischung aus Nazis und Hipstern, die sich über die primitiven braunen Horden in der ostdeutschen Provinz erhaben dünken. Dem Film gelingt hier eine amüsante Parodie auf die AfD.
"Heil" ist der erste Film seit Helmut Dietls "Schtonk!", der aus dem obsessiven Verhältnis der Deutschen zu den Nazis eine große Sozialsatire zu entwickeln versucht. Er handelt letztlich davon, dass die Neonazis eine ganze Menge Menschen ernähren, zum Beispiel Modemacher, Sozialarbeiter, Journalisten oder auch Verfassungsschützer.
In einer aberwitzigen Sequenz erfährt der Zuschauer, dass drei Mitglieder der Prittwitzer Neonazi-Zelle (gespielt von Benno Fürmann, Daniel Zillmann und Jacob Matschenz) V-Männer sind. Doch weil für den Bezirk Prittwitz Verfassungsschutzämter aus drei verschiedenen Bundesländern verantwortlich sind, ermitteln die Beamten fröhlich aneinander vorbei.
Natürlich bezieht sich Brüggemann hier auf die zahlreichen Ermittlungspannen, die bekannt wurden, nachdem die mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt tot aufgefunden worden waren. Auch in seinem Film sterben Menschen, aber so richtig ernst nimmt er das nicht. Er will Spaß mit den Nazis haben.
Am schärfsten ist der Film, wenn er genüsslich vorführt, wie sich in zahllosen Talkshows die immer gleichen Profilneurotiker zum wöchentlichen Debattier-Ringelpiez treffen, wie der Umgang mit den Neonazis ritualisiert wird und sich die Nation um die von ihnen entfachten Brände immer wieder aufs Neue wie um ein Lagerfeuer versammelt.
"Heil" ist ein ziemlich lustiger Film, der nach allen Seiten kräftig austeilt und auch Kanzlerin Angela Merkel nicht schont. Die Gags sind oft brachial, manchmal gehen sie auch komplett daneben. Der Humor macht an keiner Grenze halt – nicht mal an der zu Polen.
Kinostart: 16. Juli
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 29/2015
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