11.07.2015

KommentarVergurktes Leben

Yanis Varoufakis' Motorrad entlarvt ihn als falschen Rebellen.
Die Yamaha XJR 1300 von Yanis Varoufakis ist kein bemerkenswertes Motorrad. Sie zählt zu den modernen "Naked Bikes" im Design der Siebzigerjahre, zitiert mithin eine Ära, in der Motorradfahren tatsächlich noch als verwegene Form der Fortbewegung galt. Dass Griechenlands Exfinanzminister diesem Typ Retro-Maschine nun zu erneuter Aufmerksamkeit verhalf, weist weder den Fahrzeughalter als Rebellen aus, noch macht es das Modell zur "Stilikone", wie die "Süddeutsche Zeitung" irrtümlich schwärmte. Mit Maschinen wie der XJR 1300 folgten die Produzenten während der Neunziger dem Geschmack ihrer alternden Kernklientel, manche stellten die Herstellung günstiger Anfängermodelle ganz ein und förderten damit eine Entwicklung, die heute ihr Verhängnis werden könnte. Die Motorradszene hat ein handfestes Nachwuchsproblem; sie transportiert noch so viel Jugendlichkeit wie Kuckucksuhr und Kölnisch Wasser. Aus dem Rebellengefährt wurde ein Statussymbol saturierter Senioren, die nun als Pseudo-Outlaws auf gesäßschonendem Gelsattel unter geistlichem Begleitschutz zotteliger Motorradpfarrer lustvoll ihren Lebensabend vergurken. Was sollte junge Menschen mehr abschrecken? Der besserverdienende Biker (Spottbegriff "Zahnwalt") war die Rettung der Kultmarke Harley-Davidson, deren Mythos einst darauf fußte, dass Produkte und Kunden in ähnlich desolatem Zustand waren wie das Unternehmen selbst. Heute geht es allen bestens, und die rüstige Gemeinde erreicht ihren karnevalistischen Zenit in den jährlich wiederkehrenden Hamburger Harley Days, einem der lautstärksten öffentlichen Ärgernisse der Republik mit behördlicher Unterstützung. Politfrührentner Varoufakis ist mit 54 Jahren noch nicht im Harley-Alter, aber auch auf der Yamaha XJR 1300 gut erkennbar als Zweiradsoftie.
Von Christian Wüst

DER SPIEGEL 29/2015
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