11.07.2015

ÖkologieAfrika in Grün

Vor 30 Jahren wurde Äthiopien von einer apokalyptischen Hungersnot heimgesucht. Heute sprießen Mais, Gerste oder Weidegras, wo einst Wüste war – erfindungsreiche Kleinbauern haben die Landwirtschaft revolutioniert.
Ein heißer Hauch weht von Westen her durch das weite Tal, er schmeckt nach Sand und brennt auf der Haut. Struppige Akazienbäume ducken sich unter der Glut, hier am Rand der Sahelzone im Süden der Sahara. Wie ein Meer aus Dünen erstreckt sich die Wüste 6000 Kilometer weit bis zum Atlantik am westlichen Ende Afrikas.
Aba Hawi kneift die Augen zusammen und schiebt die Schirmmütze tiefer in die Stirn. Sein Blick geht über ein Maisfeld, über Gerste, Tomatenbeete, sattgrüne Wiesen fürs Vieh – eine Oase, mitten im nordäthiopischen Bergland, wo Regen selten ist.
"Unser Geheimnis sind die Terrassen an den Hängen dort oben", sagt Aba Hawi, ein stämmiger Mann von Mitte fünfzig. Er ist Dorfvorsteher und heißt eigentlich Gebremichael Giday, aber alle nennen ihn Aba Hawi. Das bedeutet "Mann des Feuers", Heißsporn – sein Temperament ist legendär.
Aba Hawi deutet zu den Hängen. Hunderte horizontale Steinmäuerchen säumen die Bergflanken. "Die Terrassen sind unsere Bank, dort wird Regen eingezahlt", sagt er. "Und an den Brunnen hier unten schöpfen wir das Wasser ab wie Cash am Geldautomaten."
Vor 30 Jahren wuchs nichts in diesem Tal. Eine mörderische Hungersnot herrschte. Im Sommer 1984 hatte es fast keinen Regen gegeben, und, was alles noch schlimmer machte, ein Bürgerkrieg spaltete das Land. Die kommunistische Militärjunta Derg versagte der abtrünnigen Provinz Tigray im Norden jede Hilfe. Ein Flüchtlingsstrom ergoss sich in den Sudan. Die Bilder von Kinderleichen mit Hungerbäuchen gingen um die Welt.
Um Hilfsgelder zusammenzutrommeln, organisierte der irische Musiker Bob Geldof am 13. Juli 1985 unter dem Namen "Live Aid" das damals größte Rockkonzert der Geschichte. Megastars wie David Bowie, Madonna, Tina Turner oder Mick Jagger wechselten sich ab auf zwei Bühnen beiderseits des Atlantiks, in London und Philadelphia. Über 16 Stunden lang spielte die Musik. Rund anderthalb Milliarden Menschen verfolgten das Ereignis, über 200 Millionen Dollar kamen zusammen.
Doch die Almosenshow war schlecht geplant, große Teile der Unterstützung wurden von der damaligen Militärjunta für Truppeneinsätze und Umsiedlungsaktionen missbraucht. Die Bevölkerung hungerte weiter; am Ende war etwa eine Million Menschen der Not zum Opfer gefallen. Die Bilder wirken bis heute nach: Afrika, der Elendskontinent, hilflos auf Rettung hoffend.
"In den vergangenen 30 Jahren hat sich in Afrika vieles verändert, das sieht inzwischen sogar Bob Geldof ein", sagt Belete Tafere, Äthiopiens Umweltminister; er sitzt in seinem Arbeitszimmer in einem grün verglasten Büropalast in Addis Abeba, der Hauptstadt. Der Endfünfziger mit Intellektuellenbrille ist studierter Forstwirt. Früher leitete er im einst ausgedörrten Norden ein Regionalbüro für Ökologie, die deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) unterstützte seine Mission.
Weltweit gehen 13 Millionen Hektar Wald pro Jahr verloren; das entspricht der Fläche Nicaraguas. Und das, obwohl die Weltgemeinschaft beim Klimagipfel vor einem Jahr in New York beschlossen hat, in den kommenden 15 Jahren 350 Millionen Hektar Wald neu anzulegen – vergleichbar der Größe Indiens. Äthiopien machte neben den USA die größte Zusage: 15 Millionen Hektar neuer Wald bis 2030; das wäre ein Siebtel der Landesfläche.
Und das sei nur der Anfang, sagt der Umweltminister. Schließlich habe Äthiopien die zugesicherte Fläche bereits begrünt. "Und ich bin sehr optimistisch, dass wir das in den nächsten Jahren verdreifachen können. Oder vervierfachen."
Wer mit dem Dorfvorsteher Aba Hawi spricht, mag das gern glauben. In seinem Tal sprießt es üppig, Kinder planschen am Brunnen, selbst jetzt noch, am Ende der monatelangen Trockenzeit. Das mutet fast an wie ein Wunder, ist aber einfach nur ein paar guten Ideen zu verdanken – und einer Menge Schweiß.
Vor 30 Jahren, erinnert sich Aba Hawi, seien die Böden ausgelaugt gewesen. "Die Felder versandeten, unser Dorf sollte später sogar evakuiert werden." Der idyllische Ort mit dem sperrigen Namen Abreha Wa' Atsbeha galt als Rebellennest: ein paar Häuser mit rund 5000 Bewohnern, eine uralte Felsenkirche, und all das umgeben von einer Westernkulisse – rote Felswände, schroff wie im Monument Valley.
"Mit zwölf Jahren erlebte ich meine erste Dürre", erzählt Aba Hawi. Er stammt aus einer Bauernfamilie, oft gab es nur einmal am Tag etwas zu essen. Dorfbewohner fällten in der Not Bäume, um das Holz zu verkaufen. Er beobachtete, dass mit den Wäldern oft die Äcker starben, ein Teufelskreis aus Trockenheit, Erosion, Übernutzung, sinkendem Grundwasser. Das machte ihn wütend.
Als er ein bisschen älter war, begann Aba Hawi damit, Äxte zu konfiszieren, später brachte er Baumfäller vor Gericht. Es war die Zeit, als er seinen Spitznamen bekam. Außerdem verspottete man ihn als "Bodyguard der Bäume".
Seine Feinde brannten sein Haus nieder. Als das nichts brachte, schwärzten sie ihn als angeblichen Rebellen bei der Geheimpolizei an, der 20-Jährige kam in Einzelhaft und wurde nächtelang mit Stockschlägen auf die Fußsohlen gefoltert. Nach drei Monaten kam er frei – überzeugter denn je.
Eine weitere Hungerkrise brachte 1987 das Kommunistenregime zu Fall. Danach, 1991, kamen Sozialisten an die Macht, und mit dem Regimewechsel wurde Aba Hawi Dorfvorsteher.
Er studierte die Zyklen von Dürre und Starkregen, er stieg in der Regenzeit zwischen Juli und September hinauf zu den Gipfeln, um zu sehen, wie die Wasserfluten tiefe Rinnen in den Boden gruben und den fruchtbaren Mutterboden mit in die Tiefe rissen. Ebenso plötzlich, wie es kam, verschwand das Wasser wieder. Den Rest des Jahres über brütete das Tal in staubiger Hitze.
Aba Hawi suchte Hilfe bei Agrarforschern der Provinzhauptstadt Mek'ele, einer florierenden Studentenmetropole. Die Wissenschaftler schlugen vor, die Hänge zu terrassieren, weil das die Bodenerosion um ein Drittel reduziere. Außerdem rieten sie, Baumkeimlinge zu schützen, die sich – fast ohne menschliches Zutun – durch Tierkot verbreiten. Diese Naturverjüngung ist billiger und erfolgreicher als die forstliche Aufzucht in Baumschulen.
Spitzhacken krachen auf Fels, Steine spritzen, Schaufeln scharren. Am anderen Ufer des Flusses legt eine Hundertschaft aus dem Ort in der Morgenhitze eine Terrasse an, auch Frauen und Alte sind dabei, nach wenigen Stunden säumt neues Flachland die Bergflanke.
Mauern und Bäume bremsen nun das Wasser und lassen es einsickern, sodass der Grundwasserspiegel steigt. "Früher mussten wir zehn Meter tief graben, bis der Sand feucht wurde", sagt Aba Hawi. "Heute haben wir hier 363 Brunnen."
Die Welt könne angesichts der globalen Waldverluste "nicht einfach weitermachen mit business as usual", sagt der niederländische Geografieprofessor Chris Reij, der seit seiner Emeritierung als Berater des World Resources Institute arbeitet, einer Denkfabrik in Washington, D. C. Jahrzehntelang seien teure Großprojekte gescheitert, weil sie nicht vor Ort verankert gewesen seien. Jetzt machten Pioniere wie Aba Hawi "business as unusual", sagt Reij: "Äthiopische Bauern haben in den vergangenen 20 Jahren in Handarbeit rund 90 Millionen Tonnen Erde und Steine bewegt – mehr als die Ägypter beim Bau der Pyramiden."
Reij ist mit einer internationalen Delegation angereist, auf Einladung der Universität Mek'ele. Jetzt sitzt er in Aba Hawis Garten. Stolz führt ihm der Gastgeber seine Zuchterfolge vor: Orangen, Avocados, Papayas, Äpfel, Mangos, Kräuter und Kaffee.
"Die hiesigen Erfolge lassen sich andernorts wiederholen", schwärmt Reij. "Bauern aus dem ganzen Land reisen bereits hierher, um von Aba Hawi zu lernen."
Ausgerechnet Benito Mussolinis Kriegsdokumente belegen den ökologischen Fortschritt Äthiopiens: Als die Truppen des italienischen Diktators 1935 das Land überfielen, kreisten auch Flugzeuge über den neuen Kolonien. Die Besatzungen machten Fotos für Militärkarten.
Sechs Jahre später wurden die Faschisten vertrieben. Seitdem sind die Aufnahmen im Keller der äthiopischen Kartierungsagentur verstaubt: 34 000 Schwarz-Weiß-Fotos in alten Munitionskisten – ein Bilderschatz, mit dem sich nun die Ausweitung des Grünlands messen lässt.
Zufällig erzählte eine Studentin dem belgischen Geografen Jan Nyssen davon. Seit Jahren berät er Bauern mithilfe von Luftbildern. Er barg die Kisten, jetzt digitalisiert sein Team die historischen Aufnahmen, die sie in Google Earth einpflegen wollen. Sein Bildarchiv geht sogar noch weiter zurück: bis ins Jahr 1867. Damals war es eine britische Militärexpedition, die fotografierend durchs Land marschierte.
Systematisch hat sich Nyssens Team auf die Spuren der viktorianischen Soldaten begeben und die Motive von damals erneut fotografiert. Obwohl sich die Bevölkerung seither verzehnfacht habe auf heute mehr als 90 Millionen Menschen, erblühten weite Landstriche durch Baumschutz, Terrassen und Bewässerung, sagt Nyssen. Bodenverschlechterung und Wüstenbildung hätten als unumkehrbar gegolten. "Aber wir beweisen das Gegenteil. Äthiopien war in 145 Jahren nie so grün wie heute."
Fetyen Abay, eine elegante Erscheinung in weißer Bluse, erforscht an der Universität in Mek'ele "Farmer Innovation". Ihr zufolge kommen die besten Ideen oft von den Bauern selbst. Von Leuten wie Leteyesus Gobena etwa, die nach dem Tod ihres Mannes das Pflügen lernen musste – traditionell ein Männerjob. Aus Unerfahrenheit experimentierte sie einfach drauflos, pflügte Furchen, wo sie üblicherweise nicht hingehörten, säte Gräser an ungewöhnlichen Stellen – und steigerte so ihren Ertrag. Erst wurde sie verspottet, dann angefeindet. Und schließlich gefeiert: Gobena gewann einen lokalen Innovationspreis, dotiert mit umgerechnet 50 Euro. Heute prangt ihr Bild auf Postern und T-Shirts, sie tritt in Schulen und Radiosendungen auf.
Bedeutsame Erfindungen kämen eben nicht nur von der Hightech-Avantgarde im Silicon Valley, sondern auch von einfachen Bauern, sagt Fetyen Abay. Pioniere wie die pflügende Witwe oder der "Mann des Feuers" könnten das Leben von über 60 Millionen äthiopischen Landwirten entscheidend verbessern. Der Ertrag eines sportplatzgroßen Weizenfelds zum Beispiel steigt durch Terrassierung um 50 Prozent an, auf 650 Kilogramm. Und viele Trippelschritte können sich zu großen Fortschritten summieren: Die Lebenserwartung etwa hat sich von 45 auf 62 Jahre erhöht, und äthiopische Frauen bekommen im Schnitt nur noch fünf Kinder statt sieben.
"Es gibt eine Menge innovativer Bauern, wir müssen sie nur finden", schwärmt Wanjira Maathai, eine Aktivistin, die in Sneakers und mit iPhone aus ihrer Heimat Kenia angereist ist, um die blühende Wüste mit eigenen Augen zu begutachten.
Maathai ist der Spross einer Ökologenfamilie. Ihre Mutter Wangari Maathai bekam 2004 als erste afrikanische Frau den Friedensnobelpreis für ihren Kampf für Demokratie und nachhaltige Entwicklung. Die Mutter wurde Abgeordnete und gründete das Green Belt Movement, das über 50 Millionen Bäume gepflanzt hat.
Tochter Wanjira setzt an der Universität von Nairobi die Arbeit ihrer Mutter fort: "Wenn mehr Bauern von Aba Hawis Erfolgen als Baumschützer in Äthiopien erfahren, könnten wir damit vielleicht auch Milliarden Menschen in Asien und Lateinamerika helfen."
Der in den USA forschende Klimatologe Gabriel Senay ist da skeptischer. Er ist in Äthiopien aufgewachsen, als Sohn armer Viehhirten, in einem Haus ohne Strom und Wasser. Heute versucht er, anhand von Satellitenbildern Dürren in seiner Heimat vorherzusagen. "Wir sehen große Erfolge", sagt Senay, "aber wir wissen nicht, ob dieser Trend anhält." So könne er sich vorstellen, dass etliche Bauern sich durch den Zukauf teuren Mineraldüngers hoffnungslos verschulden.
Andere Forscher warnen vor Auseinandersetzungen um das immer noch knappe Grundwasser. Es fehle an geeigneten Messsystemen, um das kollektive Brunnenwasser gerecht zu verteilen – schon jetzt komme es daher oft zum Streit.
Vor allem aber ist die politische Situation im Land alles andere als ideal. Immer noch lebt die Hälfte der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. Rund ein Drittel des Staatshaushalts speise sich aus Entwicklungshilfe – und dieses Geld stütze eine autoritäre Regierung, beklagt die Organisation Human Rights Watch. Die Staatsführung verfolgt Oppositionelle und kritische Journalisten. Bei den letzten Wahlen gingen mehr als 99 Prozent der Sitze im Parlament an das Regierungsbündnis; Wahlbetrugsvorwürfe wurden laut. Die Entwicklungshilfe soll aber, bitte schön, weiterfließen. Daher rührt die Entwicklungsdiktatur nun die Werbetrommel. Am 13. Juli, dem Jahrestag des "Live Aid"-Konzerts vor 30 Jahren, werden sich die wichtigsten Spenderorganisationen unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen in Addis Abeba treffen.
Dem Dorfvorsteher Aba Hawi ist dabei eine wichtige Rolle zugedacht: im Dokumentarfilm "Ethiopia Rising", finanziert unter anderem von Weltbank und Uno-Wüstenkonvention. Ein Jahr lang war ein unabhängiges britisches Filmteam immer wieder mit dem temperamentvollen Bauern unterwegs für die Dokumentation.
Der Film präsentiert zwar die Erfolge der Regierung – vor allem aber den Eigensinn des Hauptdarstellers. Der "Mann des Feuers", mit Handy und Motorrad, großer Klappe und Baseballkappe, passt schlecht in die Ästhetik jener Schwarz-Weiß-Fotografien von biblischer Kargheit, die in den reichen Ländern des Nordens noch immer das Afrikabild dominieren.
Aba Hawi genießt seine Rolle als Star der Entwicklungshilfe. Vor ein paar Jahren durfte er sogar einmal zu einer Konferenz nach Brasilien fliegen. "Wenn die Bäume am Amazonas verschwinden, pflanzen wir sie eben hier neu", schwadroniert er gut gelaunt. In seinem Heimattal hat er prompt ein neues Begrünungsprojekt gestartet, gleich hinter dem sandigen Hügel am Dorfrand: "Ich nenne es Amazonien."
Fotos der Recherche auf Instagram: @schmundt
Von Hilmar Schmundt

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