11.07.2015

GeschichteWald des Schreckens

In der Normandie hat die Wehrmacht einst ein gigantisches Waffendepot errichtet. Jetzt erst haben Archäologen die vergessenen Lager erforscht.
Zu den Attraktionen des normannischen Kurörtchens Bagnoles-de-l'Orne zählen ein Belle-Époque-Viertel, das Thermalbad und der angrenzende Naturpark: ein märchenhafter Mischwald. Wer dort vom Weg abkommt, steht womöglich – ohne es zu ahnen – mitten in den Überresten des finstersten Kapitels in der Geschichte dieser friedvollen Gegend.
Keine Tafel und kein Schild deutet auf das verzweigte System geheimer Munitions- und Treibstoffdepots hin, das die deutsche Wehrmacht Anfang der Vierzigerjahre im Forêt des Andaines errichtet hat. Hunderte Bunker haben die Nazis ab 1943 in den Waldboden gebuddelt, um darin vor allem Munition, Treibstoff und Lebensmittel zu verstecken.
Den mit Kriegswerkzeug vollgestopften Speicherkammern im Grünen hatten die Nazis in der Abwehrschlacht gegen die Alliierten eine Schlüsselrolle zugedacht. Zwar lagen den Briten und Amerikanern Hinweise vor, denen zufolge die Wehrmacht irgendwo in der Gegend Waffen lagerte, aber das Camp war so gut verborgen, dass die Allianz mit ihren Luftangriffen nur Zufallstreffer landen konnte.
"Es ist bemerkenswert, wie wenig die Bomben zerstört haben", berichtet der Geoarchäologe David Passmore von der University of Toronto in der jüngsten Ausgabe des Fachmagazins "International Journal of Historical Archaeology".
Passmore und sein Team haben die bizarre Muldenlandschaft nun erstmals eingehend untersucht. Bekannt war zwar bisher, dass die Nazis im Schutz des Baumbestands nahe Bagnoles-de-l'Orne Waffen gelagert hatten – jedoch wussten sie nicht um das Ausmaß und die ausgefeilte Organisationsstruktur der Anlage.
Die über etliche Quadratkilometer Waldfläche verteilten Lagerstätten waren offenbar schon bei der Planung so geheim, dass Karten davon niemals auftauchten. Um den historischen Lageplan zu rekonstruieren, griff Passmore auf Tagebuchaufzeichnungen des Quartiermeisters der 7. Armee zurück, die in der Normandie operierte.
Hilfreich waren auch die Skizzen abgestürzter Bomberpiloten der alliierten Streitkräfte, die nur mit Unterstützung von Kämpfern der Résistance aus dem Wald des Schreckens entkommen konnten. So ergibt sich das Bild eines hochgerüsteten Militärkomplexes, zu dem auch eine eigene Fleischerei und eine Unterkunft für Kriegsgefangene gehörten.
Die einzelnen Lager besaßen Namen wie Berta, Martha, Viktor, Margot oder Michel. Kleine Schützenlöcher säumten das Gelände. Doch das alles nützte den Besatzern letztlich nichts. Am 6. Juni 1944 landeten die Alliierten für Hitler überraschend in der Normandie – und jagten die Deutschen innerhalb von drei Monaten aus dem Land.
Nach dem Krieg erregten vor allem jene Wehranlagen aus Beton das Interesse von Historikern, die von der Wehrmacht entlang der Atlantikküste errichtet worden waren. Das Waffenlager im Forst ließen die Forscher derweil unbeachtet – "sehr überraschend", wie Passmore findet. Denn das Geheimlager besaß seiner Ansicht nach große Bedeutung: Es sei, nimmt der Wissenschaftler an, von der Wehrmacht zur Logistikzentrale für die 7. Armee in der Normandie ausgebaut worden.
"Wir glauben, dass die Gefahr unterschätzt wurde, die während des Krieges von solchen einsatzfähigen Depots der Deutschen ausging", sagt Passmore. Neben dem großen Lagerkomplex nahe Bagnoles-de-l'Orne fanden die Forscher im Département noch etliche kleinere Stützpunkte der Wehrmacht zur Nachschubversorgung.
Der historische Schauplatz eignet sich auch 70 Jahre nach Kriegsende perfekt für archäologische Untersuchungen. Denn nicht nur die Erdbunker sind gut erkennbar, auch die Bombenkrater sind bis heute nahezu unberührt geblieben.
Die Lage der tiefen Trichter im Boden verrät zum Beispiel, dass die Flieger der Alliierten nicht so genau wussten, wohin sie zielen mussten – zumindest legt die erratische Verteilung der Treffer im Wald das nahe. Vor allem am 13. Juni 1944 nahmen die amerikanischen Bomber das Gebiet des heutigen Naturparks ins Visier.
Auch die Hauptwaffenkammer der Wehrmacht im Forêt des Andaines blieb bei dem Bombardement völlig unbeschädigt. Mit überaus unerwünschten Folgen, wie Passmore mutmaßt: Dass Hitlers Truppen vom 7. bis zum 13. August 1944 in der Normandie noch einmal zum Gegenangriff auf die Alliierten ausholen konnten, sei auf die gute Versorgung mit Waffen aus dem Lagerkomplex zurückzuführen, glaubt der kanadische Wissenschaftler.
Wenigstens die gegen Kriegsende darbenden Bewohner von Bagnoles-de-l'Orne sollten am Ende Genugtuung bekommen: Sie plünderten jene Vorratskammern im Wald, die zeitweilig mit bis zu 4200 Tonnen Lebensmitteln gefüllt waren – die deutschen Besatzer hatten sie bei der eiligen Flucht zurücklassen müssen.
* Im Frühling 1944.
Von Frank Thadeusz

DER SPIEGEL 29/2015
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