11.07.2015

PopBässe für die Welt

Anton Zaslavski, geboren in der Sowjetunion, kam im September 1992 von der Wolga nach Kaiserslautern. Heute lebt er in Los Angeles und verdient als Star-DJ Millionen.
Anton Zaslavski breitet die Arme aus, er ignoriert die ihm entgegengestreckte Hand und sagt: "Komm ma' her!" Er besteht auf einer Umarmung, obwohl: Umarmung ist eigentlich das falsche Wort. Umarmen ist ein Ausdruck von Nähe, aber das hier ist eine Show-Umarmung, eine Fan-Umarmung, ein Schulter- an-Schulter-Schieben, das Vertrautheit schaffen will, wo keine sein kann.
Zaslavski ist ein Profi. Als Profi heißt er nicht Anton Zaslavski, sondern Zedd. Er ist Produzent, DJ und in den USA ein Star, der in den zwölf Monaten ab August 2013 laut "Forbes"-Liste 21 Millionen US-Dollar verdient hat. Im Mai ist sein zweites Album erschienen: "True Colors". Zedd kommt aus Kaiserslautern und ist erst 25. Im roten Kunstledersessel eines Hotels in Köln wirkt er wie ein junger Arzt, der in der Sprechstunde den nächsten Patienten erwartet: Guten Tag, setzen Sie sich doch, was kann ich heute für Sie tun?
2014 hat er in der Kategorie "Best Dance Recording" einen Grammy gewonnen. Diesen Oktober wird er im New Yorker Madison Square Garden auftreten, wo normalerweise Madonna oder U2 vor 20 000 Leuten spielen. Seine ADHS-Musik trifft den Geschmack seiner Generation, einer Generation, die ihre Exzesse ebenso akribisch organisiert wie ihre Stundenpläne. Lernen, Abendessen, Ausrasten.
Zedds DJ-Set funktioniert wie eine Fahrt mit dem Topspin-Karussell, das sich erst um sich selbst dreht, dich dann kopfüber in zwölf Meter Höhe hängen lässt, um schließlich gen Boden zu rasen: Spannungsaufbau, Gesangseinlage, und dann kommt der Drop – ein, zwei, drei Sekunden Pause, Zedd zieht die Regler auf und haut dir mit voller Wucht den Beat um die Ohren. So schnell, dass jedes Tanzen zum Zappeln wird. "Meine Fans sind unglaublich ungeduldig. Vor vier Jahren konnte ich noch Lieder spielen, die länger als vier Minuten waren. Mittlerweile merke ich schon nach einer Minute, dass sie etwas Neues wollen", erzählt Zaslavski. Nach einer Stunde Konzert hat er manchmal über 30 Lieder angespielt: das Piano des einen, den Refrain des anderen, Remixes, die es nie auf ein Album schaffen werden, gemacht für den Moment.
Die Musik nennt sich EDM, Electronic Dance Music, und ist in den USA sehr beliebt. EDM hat die elektronische Musik dort aus der Nische geholt. DJs wie David Guetta stehen ganz oben in den Charts. Festivals wie das Lollapalooza in Chicago ziehen jedes Jahr über 300 000 Besucher an. Organisator Perry Farrell, der mit der Band Jane's Addiction berühmt geworden ist, nennt EDM den "neuen Rock 'n' Roll". Und der wurde nicht in New York oder Los Angeles so groß, sondern in der amerikanischen Provinz.
Das erste Jahr seiner Karriere trat Zedd mit Skrillex und Deadmau5 jeden Abend in einer anderen Mehrzweckhalle auf. Aber so sauber wie bei Zedd klang EDM noch nie. Seine Lieder stiften keine Klubatmosphäre, klingen nicht nach Schweiß, MDMA und durchtanzten Nächten. Sondern nach strahlend weißen Zähnen und Cola light. EDM ist Pop mit anderen Mitteln. Und kaum ein Popsong kommt mehr ohne die Überwältigungseffekte aus der Musiksoftware aus. Lady Gaga, Justin Bieber, Ariana Grande, für sie alle hat Zedd schon Musik produziert.
Zaslavski hat den Sprung aus dem Musikkeller in Dansenberg bei Kaiserslautern in eine von Palmen umsäumte Villa in Los Angeles geschafft. Auf Instagram gewährt er Einblick in seine neue Welt: Frühstück am Pool, PlayStation-Spielen an einem riesigen Fernseher im sonst kahlen Wohnzimmer, ein mit Smoothies vollgepackter Kühlschrank. In L. A. gehört zu seinem neuen Leben auch eine neue Clique: Schauspieler wie Selena Gomez oder Zac Efron und Taylor Swift. Gesichter, die der amerikanische Fernsehzuschauer vom Disney Channel kennt. Sie sind all-American sweethearts: brav, hübsch, Kinder ehrgeiziger Eltern.
Immer wieder landete Zedd auch wegen einer angeblichen Affäre mit der Schauspielerin Selena Gomez in den Klatschspalten. Auf "True Colors" singt sie für ihn: "I want you to know that I'm all yours." Du sollst wissen, dass ich dir ganz gehöre. Als ihr Name fällt, schaut Zaslavskis Tourmanager hoch. Er trägt Dutt, Lederjacke und Nasenring und hockt mit seinem Laptop auf dem Schoß in einer Ecke des Raums. Manager und Musiker tauschen einen kurzen Blick aus. Zaslavski sagt freundlich, er habe unterschätzt, wie stark seine eigene Person in den Fokus gerückt werden würde und wie wenig es den Leuten letztendlich um die Musik gehe.
Geboren wurde Zedd im russischen Saratow an der Wolga. Im September 1992, kurz nach Antons drittem Geburtstag, reiste seine Familie wie Hunderttausende andere Spätaussiedler Richtung Westen. Seine Eltern träumten von Amerika und kamen bis Kaiserslautern. Nach und nach zogen Oma, Onkel, Tanten nach. Zu Hause wurde nur Russisch gesprochen. "Ich hoffe, man hört's nicht", antwortet Zaslavski auf die Frage, ob er als Einwandererkind in Deutschland Probleme gehabt habe.
Seine Eltern haben in Russland Musik studiert, in Deutschland unterrichten sie Klavier, Gesang und Gitarre. Anton wusste genau, zu welchem Schüler welches Geklimper gehörte, wer Fortschritte machte, wer nicht oft genug übte. Mit vier Jahren saß er das erste Mal am Piano. "Damals habe ich es gehasst", sagt er. Jede Woche stand ein neues Lied auf dem Programm, aber Anton hatte Probleme mit dem Notenlesen, er spielte nach Gehör. Für die Teilnahme bei "Jugend musiziert" übte er schon als Grundschüler ein Jazzstück des Pianisten Chick Corea, "La Fiesta".
"Ich konnte das Lied rein physisch noch gar nicht spielen, meine Hände waren viel zu klein. Also musste ich es komplett umschreiben", sagt Zaslavski. Zwar beherrschte er letztlich das Stück, kam aber doch nicht in die letzte Runde. "Eine riesige Enttäuschung, aber es hat mir gezeigt, dass im Leben nichts unmöglich ist."
Nichts ist unmöglich. Tue, was dein Herz dir sagt. Regeln sind da, um gebrochen zu werden. Traue keinem außer dir selbst. Seine Kalendersprüche klingen, als wollte er sich an etwas festhalten, um nicht verrückt zu werden an seinem Leben in einer Popstar-Welt und nicht durchzuknallen wie Britney Spears oder Justin Bieber.
In der US-Presse wird er als "German Wunderkind" gefeiert. Mit sechs stand er das erste Mal mit seinem Bruder Arkadi und seinem Vater Igor auf der Bühne, sie spielten auf den Jazztagen in Mainz und Idar-Oberstein. 2002 gründeten er, sein Bruder und ein Kumpel die Metal-Band Dioramic, eine von vielen Rockbands aus der Provinz.
Sieben Jahre später begann er mit elektronischer Musik, bastelte an Songs und schickte seinen Idolen wie Skrillex Soundschnipsel: "Hey, du verstehst was von Musik, und du wirst auch meine Musik verstehen", schrieb er. Skrillex war der Einzige, der je zurückschrieb: "Ich liebe deinen Song. Kannst du ihn mir ganz schicken? Ich würde ihn gern heute Abend auf meinem Konzert spielen."
Damals wurde aus Anton Zaslavski, dem Schlagzeuger von Dioramic, ein DJ. 2012 bekam er einen Plattenvertrag bei Interscope, dem Label von Stars wie Eminem, Lady Gaga und Lana del Rey. In einer Dokumentation spricht sein Team über ihn als Perfektionisten, der nur ungern die Kontrolle abgibt, über die Lichtshow, den Einlass, die Ticketpreise, und der vor allem nie aufhört zu musizieren. Manche Songs von ihm gären mehrere Jahre lang, bevor er sie veröffentlicht. Das Lied, das sein Manager Lady Gaga vorspielte, um sie von einer Zusammenarbeit zu überzeugen, ist erst jetzt auf seinem Album gelandet, Jahre später.
Es heißt "Addicted to a Memory", und wie alle Lieder des neuen Albums hat Zaslavski es auf dem Klavier geschrieben. Er betont das mehrmals, so als wollte er schon den Abschied von der Kirmes-Popmusik vorbereiten, die ihn berühmt gemacht hat. In der US-Talkshow von David Letterman hat er seinen Hit "Clarity" live am Flügel gespielt, mit einem Streichsextett im Hintergrund. Bei Jimmy Kimmel trat er mit einer Band auf. "Ich bin klassisch ausgebildet, ich habe Rock gemacht, Hardcore, Metal, jetzt mache ich elektronische Musik. Vielleicht wird mein nächstes Album wieder klassisch." Es klingt wie eine Drohung: Unterschätzt mich nicht.
Sein Vater Igor, der es gar nicht gut fand, dass sein Sohn sich entschied, Schlagzeug zu spielen, hat ihm endlich ein Kompliment gemacht: "'True Colors' erinnert ihn an King Crimson und Deep Purple, Musik, die bei uns zu Hause immer lief."
Zur Grammy-Verleihung lud Zaslavski seinen Vater nach Los Angeles ein. Das erste Mal Amerika, 21 Jahre nachdem die Familie weggezogen war von der Wolga. Auf der Party tranken sie dann ein Bier mit Paul McCartney.
Von Mareike Nieberding

DER SPIEGEL 29/2015
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