18.07.2015

Jakob Augstein Im Zweifel linksAlexis, der Held

17 Stunden dauerte am vergangenen Sonntag der Kampf des Alexis Tsipras. Ein Kampf von epischer Dauer. Und von epischer Größe waren auch die Einsätze, um die es in jener langen Nacht von Brüssel ging: Das Schicksal eines ganzen Volkes, eines ganzen Kontinents stand auf dem Spiel. Die Sieger und der Besiegte stehen fest. Aber wer gewonnen und wer verloren hat, ist offen.
Dieses moderne Epos geht so: Vom Rand des europäischen Imperiums, wo die waldigen Hügel ins Meer fallen, wird ein junger Mann ins Zentrum geschickt. Die Not in seinem Volk ist groß. Im Herzen der Macht nimmt er den Kampf gegen seine Feinde auf. Und was für ein Kampf! Er unterliegt. Aber ein Held ist er gleichwohl. Denn es heißt ja bei Shakespeare: "Doch weicht selbst Herkules der Übermacht."
Die Voyeure von Springers "Welt" ergingen sich nachher im journalistischen Sadismus: "Merkel, Hollande und EU-Ratspräsident Tusk knöpften sich Griechenpremier Tsipras zweimal vor: im Beichtstuhlverfahren." Das muss man sich wohl als eine Art diplomatisches Waterboarding vorstellen, "zweimal für insgesamt mehr als sechs Stunden", jauchzte die "Welt". Als dann der Morgen graute, akzeptierte Tsipras die Forderungen seiner Gegner. "Er hatte keine andere Wahl", sagte ein Diplomat.
Am Ende sah es so aus, als hätten alle sozialistischen Hoffnungen der ganzen Welt auf den Schultern dieses Mannes geruht. Als könne Griechenland, der kleine Staat am Rande des Kontinents, bitterarm, in seinen Schulden ertrinkend, in einem wundersamen Kampf doch noch den globalen Kapitalismus besiegen. Womit? Mit der Kraft von Jugend und Hoffnung.
Versetzen wir uns also in die Rolle dieses Alexis Tsipras. Er trifft in Brüssel die Herren – und die Herrin – des Kontinents. Wie greise Drachen müssen sie ihm vorgekommen sein. Und wie grausame Götter. Grausam sind sie, weil ihre Forderungen gar keinen Sinn ergeben. Griechenland hat schon jetzt mehr Schulden, als es sich leisten kann. Nun werden noch neue dazukommen. Der Internationale Währungsfonds nennt die griechischen Schulden "in höchstem Maße unhaltbar". Jeder klar denkende Mensch sieht: Es wird keine Rückzahlung geben. Ein Schuldenschnitt ist zwar nötig – aber er "kommt nicht infrage", sagt Angela Merkel.
Ihr Sieg mag sich eines Tages als Pyrrhussieg erweisen. Die Griechenlandpolitik der sogenannten Institutionen ist zwar gescheitert – aber sie wird fortgesetzt. Die Regeln müssen eingehalten werden. Was sie bewirken, ist Nebensache. Dass sie gelten, alles. Merkel und Schäuble handeln mit kleistschem Furor: Fiat iustitia et pereat mundus – es geschehe Recht, auch wenn die Welt darüber zugrunde geht. Ganz gleich, wie es um seine Zukunft bestellt ist: Darin liegt das tragische und das heroische Moment im Kampf des Alexis Tsipras – er muss sich der überlegenen Macht der Unvernunft geschlagen geben.
An dieser Stelle schreiben Jakob Augstein und Jan Fleischhauer im Wechsel.
Von Jakob Augstein

DER SPIEGEL 30/2015
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