18.07.2015

KarrierenDer Schaumkronenschläger

Markus Söder hat gute Chancen, Horst Seehofer als Ministerpräsident zu beerben. Auf dem Weg an die Spitze kann ihm nur einer in die Quere kommen – er selbst. Von Peter Müller
Das Buch der Bücher hat über tausend Seiten, doch wenn Markus Söder die Bibel zusammenfasst, geht es ganz schnell. "Da ist einiges drin", sagt er, "Action, Spannung, Liebe, Romantik, Weisheit." Söder blickt von einer Kanzel in der Münchner Erlöserkirche in Schwabing auf seine Zuhörer hinab. An dem Pult hängt ein lila Samtband, darauf ist ein Spruch aus dem ersten Korintherbrief gestickt: "Ihr seid teuer erkauft".
Es ist ein Sonntagvormittag Ende März, Bayerns Finanzminister trägt ein Jackett über dem Pullover und hält eine Art Predigt. Es geht vor allem um einen Menschen, der in der Bibel gar nicht vorkommt – Markus Söder. "Keine Angst vor den Thronen zu haben, zu sich selbst zu stehen", das sei seine Haltung, sagt er. Seine kleine Rede hat auch intime Momente. Söder erzählt vom Tod seiner Mutter, wie er danach ihre Sachen aus dem Krankenhaus abholte. "Ein ganzes Leben, in zwei Taschen verpackt."
Nachdem Söder geendet hat, steht er an der Kirchenpforte, zwei ältere Damen im Lodenmantel tasten sich zögernd an ihn heran. "Ihr Vortrag hat zu einem Wandel in der Einschätzung Ihrer Person geführt", sagt eine. Söder grinst. "Freut mich", sagt er. Klar, denn deswegen ist er hier.
Viele kennen "den Söder", wie sie ihn in Bayern nennen, vor allem aus seiner Zeit als CSU-Generalsekretär vor etwa zehn Jahren. Krawallig, laut, einer, der auf dicke Hose machte. Söders unverstelltes Machtstreben zahlte sich aus, er kam in jungen Jahren in hohe Ämter, mit gerade mal 41 Jahren war er Ressortchef für Umwelt und Gesundheit, schließlich Finanzminister. Jetzt allerdings stockt die Karriere. Söder, 48, will Bayerns jüngster Ministerpräsident werden, doch Horst Seehofer, 66, will nicht so schnell aufs Altenteil.
Um seine Chancen zu verbessern, muss Söder das Bild vom Aggro-Anführer verschwinden lassen. "Ich muss dreimal härter an mir arbeiten als andere", sagt er über den Imagewandel.
Söder beackert die Wähler wie ein Bauer sein Land. Selbst wer sich gar nicht für Politik interessiert, kann Söder kaum entkommen. Auf Faschingsbällen verkleidet er sich als Märchenheld Shrek, Marilyn Monroe oder Mahatma Gandhi. Und in der Vorabendsoap des Bayerischen Rundfunks "Dahoam is Dahoam" spielt er seine Lieblingsrolle – sich selbst. All das Werben wirkt: 41 Prozent sagten bei der letzten Umfrage, sie könnten sich Söder als nächsten Ministerpräsidenten vorstellen.
Söder lehnt sich in seinem Dienst-Audi zurück. Es ist einer der bislang heißesten Tage des Sommers, Söder trägt Stoffhose und Poloshirt und nippt an einer Flasche Cola light. Er ist unterwegs nach Tutzing, dort soll er in einem Bierzelt reden.
"Ich habe Zeit", sagt Söder, er will jeden Eindruck vermeiden, er habe es eilig mit der Seehofer-Nachfolge. Doch sein Terminplan an diesem Montag im Juli sagt das Gegenteil. Am Vormittag rief ihn der Aachener Karnevalsverein zum Ritter wider den tierischen Ernst aus. Die Journalisten fragten, warum "der Söder" den Orden kriege und nicht Seehofer. Man habe sich "ganz bewusst für einen neuen Ritter entschieden", antworteten die Karnevalisten. Das hat Söder gefallen. "Große Ehre", postet er auf Facebook.
Söders Ruf ist bei den meisten Journalisten eher mies, das kommt noch von seiner Zeit als Generalsekretär. Daher setzt er seine Botschaften oft nicht in klassischen Zeitungen und Fernsehnachrichten, sondern auf seiner Facebook-Seite. Dem Internet-Söder kann man keine unangenehmen Fragen stellen. Kontrolle über Botschaft und Bilder, das ist Söders Strategie.
"Ja, der Markus", sagt Karl Freller im weichen fränkischen Dialekt. Er sitzt an einem Mittwochnachmittag um halb fünf im Orlando und bestellt sich ein kleines Pils. Das Orlando ist ein Lokal, in dem München
ganz bei sich selbst ist, eine Mischung aus provinzieller Derbheit und Weltstadt.
Freller ist stellvertretender Fraktionschef in Bayern und, vor allem, ein bekennender Anhänger Söders. Letzteres ist überraschend, denn Söder ist mit schuld daran, dass Frellers Aufstieg in Partei und Regierung ein abruptes Ende fand. Freller kam als Minister und Bezirkschef nicht zum Zug, weil es Söder gab. Er unterwarf sich und wurde so Söders Freund. Bevor er das Treffen im Orlando zusagte, hat er das Okay Söders eingeholt.
Mit der Politik, sagt Freller, sei es so wie mit einem gut gezapften Pils. Niemand wolle ein Glas voller Schaum. "Aber wenn das Glas randvoll mit Bier ist, fehlt auch etwas." Bei ihm sei in der Politik das Glas immer bis oben hin voll gewesen, sagt Feller. "Der Söder dagegen hat immer eine schöne Schaumkrone drauf." Aber, sagt er dann, "es ist schon auch Bier drin".
Söder pflegte das Image des Mannes, der es aus kleinen Verhältnissen nach oben geschafft hat. Sein Vater war Maurermeister, die Mutter kümmerte sich um die Kinder. "Bei meiner ersten Wahl hatte sie neben dem Sterbebett mein Wahlplakat aufgehängt", sagt er in der Münchner Kanzelrede.
Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Söder reich geheiratet hat, seine Frau ist die Tochter eines Nürnberger Maschinenbauunternehmers mit rund 2000 Mitarbeitern. Söder ist nicht nur Finanzminister in einem wohlhabenden Land, er hat selbst in eine wohlhabende Familie hineingeheiratet. Das ist nicht ehrrührig, nur erwähnt er das im Gegensatz zu seinen eher ärmlichen Anfängen nie.
Söder sagt, dass er von Seehofer noch viel lernen könne, doch das sind Phrasen. Er hält sich längst für den besseren Regierungschef. Wenn Seehofer bei den Berliner Verhandlungen versucht, für Bayern möglichst viel rauszuholen, kann er sich sicher sein, dass Söder in München das Ergebnis maximal schlechtredet. In Söders Erzählung ist Seehofer ein alter, schwacher König, der nicht mehr die Kraft hat, sein Reich zu verteidigen. Wenn am Dienstag das Bundesverfassungsgericht das Betreuungsgeld, ein Prestigeprojekt der Partei, kippen würde, würde das auf Söders Strategie einzahlen.
Denn bei aller Ungeduld darf Söder den alten König nicht offen herausfordern. Seitdem die CSU den Kreuther Putsch gegen Edmund Stoiber mit dem Verlust der absoluten Mehrheit bezahlte, ist der Partei die Lust auf Revolutionen vergangen.
Söder muss mit Nadelstichen arbeiten.
Damit das noch besser gelingt, hat er einen Mann mit einem Händchen für Schlagzeilen nach München gelockt, einen ehemaligen Vizechef der "Bild am Sonntag". Eine Personalie, die zu Spekulationen einlädt: ein Springer-Mann aus Berlin in der bayerischen Hauptstadt. Übt da schon einer für Regierungssprecher?
Fast jeder in der CSU kann Beispiele für die Bissigkeit nennen, mit der Söder sein Ziel verfolgt. Einmal, vor zwei Jahren, bei seiner Wiederwahl zum Bezirkschef in Nürnberg, reißt er vor der Abstimmung die Tür zum Herrenklo im Sheraton Hotel auf: "Muss noch einer wählen?", ruft er. Am Ende kriegt er tatsächlich 100 Prozent.
Ähnlich akribisch betrachtet er jeden Schritt von Seehofers Favoritin für den Bayern-Thron, Wirtschaftsministerin Ilse Aigner. Eigentlich ist die Frau keine ernste Gefahr für Söder, sie hat sich in der Energiewende verheddert, und zu anderen Themen findet sie kaum Gehör. Doch sicher ist man nie.
Im Frühjahr wird Aigner in Franken bei einer Messeeröffnung von einem nervösen Bürgermeister einmal versehentlich als Ministerpräsidentin begrüßt. Der Mann sei wie immer seiner Zeit voraus, witzelte der CSU-Wirtschaftsmann Hans Michelbach, der Satz fand den Weg ins Internet.
Söder kann darüber kein bisschen lachen. Schon am folgenden Morgen ist der Versprecher ein Vorgang auf seinem Schreibtisch, und Bayerns Finanzminister forscht persönlich nach, welche Scherze sich seine Franken sonst noch erlauben.
"Stützen oder stürzen", das ist Söders Devise. Im parteiinternen Machtkampf setzt er absolute Härte ein, manchmal wirkt es so, als wolle er einen Gegner regelrecht vernichten, Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt etwa. Als hätte es der geplagte Mautminister in Berlin nicht schon schwer genug, lancierte Söder im vergangenen Herbst den Vorschlag, Dobrindt solle dafür sorgen, dass die zukünftige Mautbehörde nach Bayern kommt. Selbst für hartgesottene Christdemokraten war das ein neues Maß an Hinterfotzigkeit. Nachdem Dobrindt nun seine Mautpläne auf Eis legen musste, kann Söder seine Häme über "den Alex" kaum im Zaum halten.
Söders Problem ist seine Verbissenheit, sein blinder Ehrgeiz. Um in Bayern Erfolg zu haben, gehört immer auch ein wenig Leichtigkeit dazu, dieses Leben-und-leben-Lassen, das Franz Josef Strauß verkörperte und auch Horst Seehofer auszeichnet. Der Ministerpräsident wird hier nicht umsonst oft als Landesvater begrüßt – wer den Posten ausfüllt, muss integrieren können, nicht nur spalten.
Söder fehlt diese Gabe. Anfang Januar sitzt er im Hofbräuhaus, Hendl und Spezi stehen vor ihm. Es soll um bayerische Politik gehen, aber die Attentate auf "Charlie Hebdo" sind nur wenige Tage alt, und in Frankreich jagen in diesen Minuten Tausende Polizisten die Täter.
Immer wieder blickt Söder auf sein Smartphone, gebannt verfolgt er, wie sich der Ring um die Attentäter schließt. "Die sehen heute Allah", sagt er, als würde er einen Actionfilm mit Charles Bronson anschauen.
Söders Verhältnis zu Menschen hängt von ihrem Nutzwert für ihn ab, das gilt besonders für Parteifreunde. Auch das macht es für viele so schwierig, ihn zu mögen. Söder hat es noch bei jeder Rochade in der CSU verstanden, oben zu bleiben, die Feinde von einst sind bei ihm schnell die Freunde von morgen – und umgekehrt.
Das zeigt sich exemplarisch an seinem Verhältnis zu Edmund Stoiber. Söder war Stoibers Generalsekretär – und rührte für seinen Chef trotzdem keine Hand, als der in der berühmten Kreuther Putschnacht im Januar 2007 aus seinen Ämtern gedrängt wurde. "Ich war, bin und bleibe Stoiberianer", rief er empört, als Stoiber-Freund Uli Hoeneß ihm in der Talkshow bei Sabine Christiansen kalten Verrat vorwarf. Doch er tat alles, um nicht vom Sog des Stoiber-Untergangs mitgerissen zu werden.
Jetzt soll ausgerechnet Stoiber ihm helfen. Das Wort des Ehrenparteichefs hat in Oberbayern Gewicht, hier, im Stammland der CSU, der Heimat von Strauß und Söder-Rivalin Aigner. Vor allem aber steht Stoibers Rat bei Seehofer hoch im Kurs. Schon als es darum ging, wer Finanzminister werden sollte, hatte Stoiber bei Seehofer ein gutes Wort für Söder eingelegt.
Söder umzirzt Stoiber, er umgarnt ihn, er ist da schmerzfrei. Beim CSU-Ball in Franken tanzen Stoiber mit Gattin Karin und Söder mit Gattin Karin nebeneinander. Die Handyfotos dazu zeigt Söder wie eine Trophäe herum. Für den Ball habe Stoiber sogar Seehofers Empfang zur Münchner Sicherheitskonferenz sausen lassen, sagt er stolz.
Söder will nicht länger warten. Er rechnet sich bessere Chancen aus, wenn er als Ministerpräsident in die Landtagswahl 2018 geht. Seehofer dagegen will bis zum Ende im Amt bleiben (siehe Interview). So will er Aigner Zeit verschaffen, um vielleicht doch noch in Form zu kommen.
Söder hofft, dass Seehofer ein Einsehen hat und den Übergang vor der Landtagswahl einleitet. Und wenn nicht? Dann, sagt Söder auf dem Weg nach Tutzing, werde er Seehofer eben sagen, dass er für so ein Modell nicht zur Verfügung stehe.
Im Tutzinger Bierzelt ist er für einen kurzen Moment schon am Ziel. "Ups", entfährt es Söder, er zögert einen kurzen Augenblick. Das Zelt ist voll bis auf die letzten Bierbänke, trotz subtropischer Temperaturen. Die Planen an der Seite sind geöffnet, vom See her weht ein lauer Wind. Söder schüttelt Hände, die sich ihm entgegenrecken, posiert für Selfies. Er schlängelt sich durch zu der Bierbank, an der die Prominenz sitzt.
Die Kapelle aus Haunshofen spielt den Bayerischen Defiliermarsch. Die Auswahl der Musik ist allein schon eine kleine Nachricht, denn es gilt die Regel, dass dieser Marsch nur gespielt wird, wenn der Ministerpräsident in ein Bierzelt einzieht.
Kurz spielt Söder den Erstaunten. Dann marschiert er los.
* Als Märchenheld Shrek bei der fränkischen Fastnacht in Veitshöchheim mit Ehefrau Karin 2014.
Von Peter Müller

DER SPIEGEL 30/2015
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