18.07.2015

Vor seiner Zeit

Zum Tod des CDU-Politikers Philipp Mißfelder
Wer sich der für aufgeklärte Menschen immer demütigenden Schicksalslogik nicht unterwerfen mag, sucht automatisch nach Gründen, wenn jemand mit nur 35 Jahren stirbt. Wie konnte Gott, an den der Katholik Philipp Mißfelder glaubte, dies zulassen? Wie konnte er ihn seiner Frau und den zwei kleinen Kindern entreißen? Wie konnte er dieses Leben und diese Karriere, die nicht nur für deutsche Verhältnisse einzigartig war, in diesem unverschämten Alter beenden, so trivial, mit einer Lungenembolie?
Der Tod von Philipp Mißfelder hat viele tief berührt, egal ob sie seine Partei oder seine Positionen mochten. Denn die Konfrontation damit, wie schnell und endgültig selbst die kerngesund Wirkenden aus all dem entfernt werden können, was uns bedeutend erscheint, ist eine Zumutung. Fragen drängen sich auf: Wenn dieser Baum von einem Mann einfach so fallen und nie wieder aufstehen kann – wie verletzlich ist man dann erst selbst? Wozu diese emsige Streberei, dieses Nichts-dem-Zufall-Überlassen, im Privaten und in der Karriere, wenn einem jederzeit der Stecker gezogen werden kann und all die Planungen obsolet werden?
Nach dem Tod werden rasch die sogenannten Errungenschaften zusammengeklaubt, die Ämter, Auszeichnungen, Superlative. Alles, was sich auflisten lässt, schwarz auf weiß. Es ist der sehr menschliche und doch hilflose Versuch, festzuhalten, was bleibt von einem Leben.
Philipp Mißfelders Liste ist lang, sein Leben war reich an Ämtern und Superlativen, obwohl es nur 35 Jahre dauern durfte. Zwölf Jahre lang war er Vorsitzender der Jungen Union, länger als alle seine Vorgänger. Als er 2005 in den Bundestag einzog, war er einer der jüngsten Abgeordneten im Parlament. Das jüngste Mitglied des CDU-Präsidiums war er auch. Viele hielten es für ausgemacht, dass er eines Tages seinem politischen Idol Helmut Kohl nachfolgen werde, ins Kanzleramt. Nun ist er vor seinem Idol gegangen.
Vor nun zwölf Jahren saß ich Mißfelder für ein Interview gegenüber. Er sagte damals etwas, das ihn nicht beliebt, aber bekannt machte: Dass er nichts davon halte, wenn 85-Jährige noch künstliche Hüftgelenke auf Kosten der Solidargemeinschaft bekämen. Früher seien die Leute ja auch auf Krücken gelaufen. Er hat danach noch vieles gesagt, was umstritten war. Zuletzt wurde er dafür kritisiert, dass er neben seinem Mandat hohe Nebeneinkünfte erzielte und Kontakte zu zweifelhaften Demokraten im Osten Europas pflegte.
Es hat meist seinen Preis, wenn man in so jungen Jahren nach vorn stürmt, man verstößt dann gegen ungeschriebene Konventionen, die festlegen, ab welchem Alter ein Aufstieg gerechtfertigt ist, also erfolgen darf. Man hat automatisch viele Neider, und die rächen sich, wenn sich die Gelegenheit bietet – wovon es unter den Bedingungen des Jungseins viele gibt. Und dann stand er auch noch dieser konservativen Truppe vor, die den ewig drängenden Fortschritt mit der Kraft der Jugend aufhalten will. Auch Mißfelder konnte nicht verhindern, in dieser Rolle als Spießer zu gelten.
All seine Unzulänglichkeiten wurden zu Recht kritisiert, auch im SPIEGEL, und doch ist es erschütternd, wie egal all das plötzlich ist. Wie der Tod eine Umdeutung dessen vornimmt, was gestern noch superrelevant oder gar superskandalös er-schien – und die nervöse Berliner Republik in Atem hielt.
Ich werde Philipp Mißfelder nicht wegen der Dinge in Erinnerung behalten, die jetzt in den Listen auftauchen. Es gibt wichtigere Parameter. Er war einer jener seltenen Typen, in deren Gesellschaft man sich wohlfühlte, mit ihm wurde es nie langweilig. Seine Ironie, gerade die Selbstironie, war eine Wohltat in diesem Tümpel der Beflissenheit namens Bundespolitik.
Mißfelder hatte einen scharfen Sinn für menschliche Unzulänglichkeiten, die der anderen, aber auch für seine eigenen. Eine Zeitlang besuchten wir dasselbe Fitnessstudio, in dessen Umkleide Körper und deren Form automatisch Thema sind. Der nicht immer superschlanke Mißfelder wusste die peinlich-bedrückende Situation, wenn Männer betreten ungelenk auf ihren Handtüchern herumtapsen, wunderbar aufzulösen. "Da müssen wir jetzt durch", sagte er, als wir im Begriff waren, unsere Hemden abzulegen. Ein dekonstruierender Satz, und alle Verkrampfung war entsorgt.
Man musste seine Ansichten nicht teilen, um sich an seiner Wachheit und dieser notorischen Verschmitzheit erfreuen zu können. Obwohl er sehr früh in die Welt der grauen Männer mit ihren grauen Anzügen stieß, sah man Mißfelder stets an, dass er dieses bedeutungsschwangere Spiel aus gesunder Distanz betrachtete. Seine ansteckende Heiterkeit war nie tumb, was in der oft schlüpfrig-verschwitzten Welt der Männer, die sich selbst für konservativ halten, eine Seltenheit ist. Obwohl er längst selbst zu den Wichtigen gehörte und als außenpolitischer Sprecher seiner Fraktion in der Weltpolitik unterwegs war, wirkte er stets so, als würden in seiner Wange gerade ein paar Schokobonbons schmelzen.
Ich hoffe, dass er von dort oben noch öfter lachen kann über den Irrsinn der politischen Beflissenheit, die er oft schärfer erkannte als Journalisten, deren Aufgabe das ist. Und da die Frage nach dem Grund immer bleiben wird: Dem lieben Gott war es langweilig geworden – das ist wohl die beste Erklärung für diesen Mist.
Von Markus Feldenkirchen

DER SPIEGEL 30/2015
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