18.07.2015

Faktencheck der SPIEGEL-Dokumentation700 IS-Kämpfer aus Deutschland?

DAS PROBLEM Am 1. September 2014 beschloss der Bundestag Waffenlieferungen an die Kurden im Nordirak. Dabei verwies Kanzlerin Angela Merkel auf die Gefahr, die von jenen ausgehe, die sich von Deutschland aus dem "Islamischen Staat" (IS) im Nahen Osten angeschlossen hätten. Sie sprach von mehr als 400 Personen. Seither soll die Anzahl trotz vieler Gegenmaßnahmen noch einmal deutlich gestiegen sein. Bundesinnenminister Thomas de Maizière nannte Anfang Juli eine Zahl von 700 Kämpfern.
Kann das stimmen?
FÜR UND WIDER Richtig ist, dass die deutschen Sicherheitsbehörden 700 Personen namentlich kennen, die hier lebten und sich auf den Weg in Richtung Syrien und Irak gemacht haben. Doch wie viele von ihnen mit dem Ziel, IS-Kämpfer zu werden, ausgereist und wie viele davon derzeit aktiv im Einsatz sind, weiß niemand genau. Anhand bekannter Eckdaten und einiger plausibler Annahmen lässt sich ihre Zahl jedoch eingrenzen. Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) bezifferte im Jahr 2014 den Anteil der "Dschihadisten" auf 52 Prozent. Gut die Hälfte wollte damals demnach gar nicht kämpfen, sondern in Krankenstationen helfen, Hilfsgüter verteilen und Ähnliches. Zu dieser Gruppe gehört auch der größte Teil der in die Krisenregionen ausgereisten Frauen.
Im Jahr 2015 ist der Anteil der Kampfwilligen nach Angaben des Bundesinnenministers deutlich gestiegen.
Nehmen wir an, es sind heute 75 Prozent, so käme man insgesamt auf 433 potenzielle Kämpfer [(0,52 × 400) + (0,75 ×  300)].
Und weiter: Nach Erkenntnissen des BfV ist ein Drittel davon nach Deutschland zurückgekehrt, weitere 100 sind umgekommen; schätzungsweise 90 Prozent davon dürften Kämpfer gewesen sein. Blieben also rund 200 derzeit beim IS militärisch Aktive.
Aber selbst diese Zahl scheint noch zu hoch. Denn mancher ist zwar mit Ziel Syrien oder Irak aufgebrochen, aber nie dort angekommen. Etliche hat der IS aus gesundheitlichen oder politisch-religiösen Gründen als untauglich abgelehnt. Einige wurden sogar der Spionage verdächtigt und gefangen genommen. Wieder andere hat der IS zwar akzeptiert, aber nicht als Kämpfer eingesetzt, sondern als Wächter oder Propagandisten.
FAZIT Trotz "begrenzter Empirie" (BfV) ist sicher: Die von Innenminister de Maizière genannte Zahl von 700 derzeit aktiven IS-Kämpfern aus Deutschland ist zu hoch. Die genannten Faktoren lassen sie auf rund 120 schrumpfen. Selbst wenn doppelt so viele Personen nach Syrien ausgereist sein sollten wie bislang bekannt, wäre die Zahl von 700 immer noch deutlich zu hoch.
Von Bertolt Hunger

DER SPIEGEL 30/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 30/2015
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Faktencheck der SPIEGEL-Dokumentation:
700 IS-Kämpfer aus Deutschland?

  • Putin, der Eismann: Geschenk für Xi Jinping
  • Protest gegen Bienensterben: Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock
  • Politisches Statement: Riesen-Kunstwerk unter dem Eiffelturm
  • Filmstarts: "Ich tippe auf... Zombies!"