18.07.2015

StrafjustizJustitia zittert

Im Prozess gegen Oskar Gröning wurde eines deutlich: das Scheitern der Frankfurter Justiz, die für Auschwitz zuständig war. Von Gisela Friedrichsen
Welche Strafe ist angemessen? Wäre eine andere richtiger gewesen? Es gibt keine Antwort.
Der Vorsitzende Richter Franz Kompisch hat mit seiner Kammer in Lüneburg vier Jahre gegen Oskar Gröning verhängt. Vier Jahre wegen Beihilfe zum Mord an 300 000 Menschen? Der Angeklagte ist 94 Jahre alt. Da zählen die Jahre anders.
Justitia ist unsicher. Sie zittert. Welche Strafe ist gerecht? Dennoch ist das Urteil ein Meilenstein in der Rechtsgeschichte. Alles Rechnen und Vergleichen ist hier fehl am Platz. Es geht um die Überlebenden und darum, was dieser Auschwitz-Prozess für sie bedeutet. 72 Nebenkläger schlossen sich in Lüneburg an. Sie haben jahrzehntelang darauf gewartet, dass ein deutsches Gericht sie anhört und Auschwitz als Verbrechen an der Menschheit verurteilt.
Feierlich gekleidet und fiebernd vor Erregung brachten sie ihre Klagen vor. Der heute 86 Jahre alte Max Eisen erinnert sich an die SS an der Rampe als einer "furchterregenden Meute mit Totenköpfen an der Mütze". "Raus, raus! Schneller, schneller! Weiter, weiter!" Das Brüllen der Uniformierten im Licht der Scheinwerfer und das wütende Bellen der Hunde haben die Überlebenden noch im Ohr. Manche kennen von der deutschen Sprache nur "raus, raus, schneller, schneller".
Der Angeklagte wusste davon nichts, als er im Alter von 20 als Berufswunsch angab, Zahlmeister bei der Waffen-SS zu werden. Er hielt die SS, sagt er vor Gericht, für eine "zackige Truppe, die immer vorne mitmischt und ruhmbedeckt zurückkommt". Zu denen habe er gehören wollen. "Endlich mal die Polacken verhauen und Frankreich! Dafür habe ich meine Arbeit bei der Sparkasse aufgegeben."
Aber lange hielt die Euphorie nicht an. Die Nazis schickten ihn nach Auschwitz, wo aus ihm einer von jenen wurde, die für die reibungslose Abwicklung des in der Menschheitsgeschichte einzigartigen Massenmords sorgten.
"Wenn die Juden Feinde des deutschen Volkes sind", so erklärt er seine damalige Einstellung, "dann müssen sie halt ausgerottet werden. Das haben wir für vernünftig gehalten. Dass es dann solche Ausmaße annahm, haben wir nicht gewusst."
Gröning kommt das Verdienst zu, aus der Hölle von Auschwitz keinen Hehl gemacht zu haben. Er sagte Holocaust-Leugnern, wie viele Menschen dort umgebracht wurden, 1,1 Millionen mindestens, und wie sie getötet wurden. Und warum.
Von Mai bis Juli 1944 kam im Rahmen der "Ungarn-Aktion" Viehwaggon um Viehwaggon mit insgesamt mehr als 400 000 ungarischen Juden an. 2600 bis 4000 Personen in einem Zug, Schlag auf Schlag. Fotos wurden aufgenommen und in Berlin als Leistungsnachweis der SS für den perfekten Ablauf der Vernichtung vorgelegt. Auf einem Bild der Rampe ist im Hintergrund ein Gepäckberg zu erkennen.
Gröning hat die Rauchschwaden gesehen, und er hat den Geruch von verbranntem Menschenfleisch gerochen, der den Krematorien entströmte. Er hat die Schreie der Mütter gehört, die mit ihren Kindern im Arm oder an der Hand ahnungslos zu den angeblichen Duschräumen gegangen waren, bis sie merkten, dass es dort kein Zurück mehr gab. Er wusste, dass das Gepäck, auf das er an der Rampe zu achten hatte, sofort "verarbeitet" werden musste, ebenso die Menschen. Der nächste Zug wartete schon auf die Einfahrt ins Inferno.
Ein Sachverständiger berichtete von der Wirkung von Zyklon B und der Atemnot, den Krämpfen "wie bei epileptischen Anfällen". Todeskämpfe, die eine halbe Stunde dauerten. Manche Toten waren so ineinander verhakt, dass sie mit Äxten auseinandergeschlagen werden mussten.
In Auschwitz war Gröning Angehöriger der "Häftlingsgeldverwaltung". Er zählte die Devisen und verwahrte den Schmuck der Deportierten, manchmal eingenäht in Kleidung oder in Körperöffnungen versteckt. Doch er tat nicht nur das.
Von "klassischer Rotation" sprach der Historiker Stefan Hördler vor Gericht, als er die Organisation des Rampendienstes schilderte. Im Sommer 1944 wurde jeder gebraucht. Damit gelang es später vielen SS-Leuten, sich zu exkulpieren. Ich habe ja nur die Lastwagen zu den Öfen gefahren. Ich habe nur das Zyklon B bestellt. Ich habe nur, ich war nur. "Ich war eher ein Zuschauer am Rande", sagt Gröning. "Ich wurde nur hingestellt, um auf die Koffer aufzupassen." Nur?
Im Dezember 1943 heiratete er die Verlobte seines in Stalingrad gefallenen älteren Bruders, eine hauptberufliche BDM-Führerin. Im September 1944 kam sein ältester Sohn zur Welt. Während seine Frau schwanger war, erlebte er mit, wie ein SS-Mann an der Rampe einen Säugling, den seine Mutter im Koffer versteckt hatte, an einem Müllwagen zerschmetterte. "Da blieb mir das Herz stehen", sagt Gröning.
"Was haben Sie an der Rampe beobachtet?", fragt der Vorsitzende. "Es gab keine Exzesse", antwortet Gröning. Die Juden hätten nicht mal ihr Gepäck selbst tragen müssen. "Es hieß: ,Das Personal kümmert sich.'" Dafür gab es sogar Trinkgeld.
"Sie wurden gebraucht", stellt der Vorsitzende in der Urteilsbegründung fest. "Man kann den Vernichtungsapparat nicht nur mit Menschen betreiben, die ihren Sadismus ausleben wollen."
Die Staatsanwaltschaft hielt Gröning seine "untergeordnete Rolle" zugute. Wie wichtig die Grönings aber waren, zeigt ein Vorkommnis in Treblinka. Dort wurde 1942 der erste Lagerkommandant Irmfried Eberl wenige Wochen nach dem Beginn des Mordens abgelöst, weil er der Aufgabe nicht gewachsen war, die Männer wie Gröning in Auschwitz so effizient erledigten.
In Treblinka herrschten unbeschreibliche Zustände. Die Leichen jener Menschen, die in den Viehwaggons umgekommen waren – manche schon aufgedunsen und in Verwesung übergegangen – lagen noch da, als die folgenden Züge bereits einfuhren. Die Ankommenden konnten daher nur unter größten Schwierigkeiten in die Gaskammern getrieben werden.
Gröning bekennt inzwischen, dass er nicht hätte mitmachen dürfen. Die Gespenster der Vergangenheit setzen ihm zu. Welche Strafe ist für ihn gerecht?
Für das Bemühen um Gerechtigkeit gibt es ein großes Vorbild: Der damalige hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer wollte im ersten Auschwitz-Prozess 1963 in Frankfurt die Morde rechtlich als arbeitsteilig organisiertes Massenverbrechen, also eine Tat, bewertet wissen. Dann wäre jeder vom Lagerpersonal schon allein wegen seiner Zugehörigkeit zu verurteilen gewesen. Auch der Bundesgerichtshof formulierte 1964 in einem Verfahren gegen Angehörige der Wachmannschaft des Vernichtungslagers Chelmno: "... haben die Angeklagten allein durch ihre Zugehörigkeit zu dem Sonderkommando ... bei der Tötung der Opfer Hilfe geleistet."
Bauer konnte sich nicht durchsetzen. Das Gericht mit dem Vorsitzenden Hans Hofmeyer – 1944 Oberstabsrichter in der NS-Militärgerichtsbarkeit – zerlegte den industriell organisierten Massenmord in Einzelteile. So wurde deren Unrechtsgehalt oftmals wegdefiniert. Wem keine konkrete Tat, etwa die Tötung einer bestimmten Person, nachzuweisen war, verschwand aus dem Blickfeld. Das war Absicht.
Frankfurt, für Auschwitz zuständig, stellte damals die Weichen. Die Rechtslage war immer dieselbe, aber die Rechtspraxis änderte sich. Der Massenmord an den Juden wurde nicht mehr ernsthaft verfolgt.
1977 wird in Frankfurt gegen 62 SS-Leute ermittelt, darunter Gröning. Als Beschuldigter sagt er, was er immer sagt. 1985 wird das Verfahren gegen alle Mann eingestellt. Wegen "Geschäftsandrangs" liefert die Staatsanwaltschaft nicht einmal eine Begründung, bis heute nicht. Es ist die Zeit, als in Hessen die Sozialdemokraten regieren. Dann kam die CDU. Es änderte sich nichts.
6500 mutmaßliche Täter aus Auschwitz sind namentlich bekannt. 49 davon wurden verurteilt, rechnet Richter Kompisch vor. Er vergleicht diese Zahl mit den 30 000 Verfahren, die bei der Staatsanwaltschaft Lüneburg pro Jahr anfallen. Wenn man will, geht es.
In dieser Woche haben die Frankfurter einen 92-jährigen ehemaligen SS-Wachmann von Auschwitz angeklagt. Über die Eröffnung des Hauptverfahrens entscheide die Hanauer Jugendkammer, heißt es, da der Mann zur Tatzeit Heranwachsender war. Im Jugendstrafrecht stehen der Erziehungsgedanke und die Einwirkung auf den Delinquenten im Vordergrund. Justitia zittert weiter. ■
Von Gisela Friedrichsen

DER SPIEGEL 30/2015
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