18.07.2015

Eine Meldung und ihre GeschichteLandleben

Ein ungarischer Bürgermeister vermietet sein Dorf, um es vor dem Aussterben zu bewahren.
An einem Sommertag 2004 mähte Kristóf Pajer vor dem Ferienhaus seines Schwiegervaters den Rasen und entschied, dass etwas geschehen müsse. Hinter dem Gartenzaun sah er die weiten Wiesen, die Kornfelder, es roch nach Heu, er liebte es hier draußen in Megyer, dem kleinsten Dorf Ungarns. Nur die Menschen fehlten. Geblieben waren verlassene Häuser, von denen der Putz bröckelte, zerborstene Fensterscheiben, kaputte Dächer, eine Straße, die nur Schotter war. Megyer, 20 Häuser, 18 Einwohner, zerfiel.
Kristóf Pajer, dessen eigene Firma Baumaschinen repariert, überlegte, wie er das Leben zurück ins Dorf bringen könnte. Er kaufte das Ferienhaus des Schwiegervaters und überredete sechs Freunde, sich auch ein Haus in Megyer zu kaufen, 190 Kilometer südwestlich von Budapest. Prompt wurde Pajer zwei Jahre später Bürgermeister, und als solcher beantragte er EU-Fördermittel. In sein Gesuch schrieb er, er wolle den Häusern ihren "bäuerlichen Stil zurückgeben". Nach einem Jahr wurde sein Antrag bewilligt.
Das Dorf Megyer und sein engagierter Bürgermeister erhielten knapp 300 000 Euro, vom ersten Geld ließ Pajer die Schotterstraße asphaltieren, danach die Häuser renovieren. Im Jahr 2011 versuchte er, das Dorf auf den Reisemarkt zu bringen, er bot einzelne Unterkünfte Veranstaltern an, aber so gut wie niemand wollte in Megyer Urlaub machen. Pajer war verzweifelt.
Der Dorfbürgermeister ist 42 Jahre alt, trägt eine eckige Brille, eine Strubbelfrisur wie Mecki, der Igel, die Geschichte Megyers und seiner Bemühungen erzählt er unter einem Sonnenschirm vor der Dorfkneipe, einem schönen Haus aus Naturstein, das früher ein Kuhstall war. Die zwei verbliebenen Kühe stehen jetzt in einem Holzverschlag nebenan, Gäste können sich am Morgen daran versuchen, sie zu melken. Und weil Besucher auf der großen Wiese gegenüber der Dorfkneipe von jeher Fußball spielen oder grillen und weil sie überhaupt das ganze Dorf bevölkern, wenn sie schon einmal hier sind, kam Kristóf Pajer Anfang dieses Jahres die rettende Idee: warum nicht das ganze Dorf vermieten?
Mitte Februar schaltete Pajer eine Anzeige bei einem großen Onlinereiseportal, darin bot er ein ländliches Dorf mit sieben Ferienhäusern für 39 Personen ab 612 Euro pro Tag an. Er ließ werben mit dem "Gartenblick" der Häuser. Große Erfolgschancen versprach sich Pajer nicht. "Wie auch?", sagt er, "das Dorf liegt am Arsch der Welt." Warum also sollte "das Gesamtpaket Megyer" funktionieren, wenn doch seine Einzelteile zuvor auch nicht funktioniert hatten?
Pajer ließ sich zusätzliche Gimmicks einfallen: Wer Megyer komplett bucht, darf für die Zeit seines Aufenthalts stellvertretender Bürgermeister sein, darf die Dorfstraße umbenennen, das alte Straßenschild abschrauben und ein neues anbringen. Er kann ins Dorfmuseum gehen, auf restaurierten Fahrrädern fahren, Pferde reiten, Hühner füttern, den zottligen Dorfhund Csikas kraulen. "Mehr Landleben geht nicht", sagt Pajer und lacht rasselnd.
Das Wunder ist geschehen: Seit Pajer das gesamte Dorf vermietet, bekommt er täglich Anfragen aus aller Welt, allein gestern seien es 400 gewesen, sagt er. Bis Mitte September ist Megyer jedes Wochenende ausgebucht. Gäste aus Deutschland, Holland und Australien wollen anreisen, sie feiern Geburtstage, Hochzeiten, Kostümpartys.
Die Leute in Megyer sagen, Kristóf Pajer habe nicht nur die Häuser im Dorf hergerichtet, er habe auch die Arbeit zurückgebracht. Zuletzt lebten 10 der 18 Bewohner von Sozialhilfe und Gelegenheitsjobs. Jetzt putzen sie Apartments, verwalten die Rezeption oder brennen mit den Gästen Pálinka, ungarischen Obstbrand. Pajer sei Dank.
Neben seiner Firma und dem Dorf managt er auch noch zwei bekannte ungarische Bands, Sex Action und Hollywoodoo. Gerade hat er in Megyer ein siebentägiges Rockfestival veranstaltet, 62 Bands waren da und über tausend Besucher. Von September bis November dreht eine ungarische Produktionsfirma in Megyer einen Heimatfilm über das Landleben im Kommunismus der Fünfzigerjahre.
Pajer sagt, er habe kein Problem mit Überstunden, aber über die Familie gehe ihm nichts. Seine Frau und die drei Kinder hat er sich nach der Vorlage tschechischer Comicfiguren in Rot und Türkis auf die rechte Wade stechen lassen. "Die Familie musste viel mitmachen", sagt er. Sie zog mit ihm von Budapest nach Megyer, bis seine Frau die Abgeschiedenheit nicht mehr aushielt. Also gingen sie alle zurück in die Hauptstadt; seitdem pendelt Kristóf Pajer einmal die Woche nach Megyer, sechs Stunden hin und zurück.
Ob sich die Vermietung des Dorfes finanziell auszahlen wird? Seine Frau, sagt Pajer, sei skeptisch. Tatsächlich wirft die Dorfvermietung bislang nur einen überschaubaren Gewinn ab. Aber er lasse sich nicht entmutigen, sagt Pajer, Bilanz gezogen werde in einem Jahr. Bis dahin gebe es genug zu tun, und noch seien vom Fördergeld ein paar Euro übrig. Pajer plant jetzt eine große Waschküche und eine Kapelle, für die Hochzeiten. Der Hausmeister des Dorfes zimmert gerade eine Sauna.
So viel ist los, so viel tut sich im Vergleich zu früher, dass Pajers Dorf, 20 Häuser, 18 Einwohner und manchmal 39 Gäste, fast als Modell durchgehen könnte. Für Fortschritt und Unternehmergeist, mitten in Europa. Und, wer weiß, sogar für den Umgang mit Gästen und Fremden von überallher?
Von Matthias Fiedler

DER SPIEGEL 30/2015
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